"Zuckerbrot..."
Epilog
von Beryll & Vagabond
- Ein Jahr später -
~ Arthur ~
Grinsend, stieg ich von meinem Pferd und ging hinüber zu der Stelle, wo meine Beute reglos im dürren Gras der Steppe lag.
Kundig zog ich den Pfeil aus dem kleinen Tier und packte es dann, um es triumphierend in Richtung meines Gefährten zu schwenken, der sich nicht die Mühe machte, von seinem Pferd zu steigen.
„Von wegen es ist nicht die richtige Zeit zum Kaninchen schießen. Wenn Gawain heute Abend der Duft von gebratenem Fleisch in die Nase steigt, wird er seine Meinung wohl ändern müssen!“
Lachend, ging ich zurück zu meinem Pferd, um meine Jagdbeute daran zu befestigen und schwang mich wieder in den Sattel. Das würde ein Festmahl werden nach dem langen Winter. Zugegeben, es war nicht besonders viel Fleisch an dem kleinen Ding, aber mit den richtigen Gewürzen, war es genau richtig, um eine gute Suppe daraus zu kochen.
Ein Seitenblick zu Lancelot zeigte mir, daß er immer noch etwas sauer war, weil ich das Kaninchen aufgespürt und geschossen hatte. Seine Jagdehre war manchmal etwas empfindlich. Mein Grinsen vertiefte sich.
„Wer als erster im Lager ist?“
Das löste die Spannung. Um Lancelots Mundwinkel begann es verräterisch zu zucken und er sah mich an, ein spitzbübisches Funkeln in den Augen, das ich nur zu gut kannte.
„Sicher. Aber vielleicht solltest du mir dann besser das Kaninchen geben – bis du eintriffst, hab ich es komplett ausgeweidet und gekocht.“
Gleichzeitig in lautes Gelächter ausbrechend, trieben wir unsere Pferde an, uns durch die Steppe jagend, wie zwei übermütige Jungen.
-
Auf der letzten Hügelkuppe kamen wir mit einem Ruck zum Stehen. Irgendetwas stimmte nicht. Ich sah Lancelot mit gerunzelter Stirn an, der mich nun seinerseits aufmerksam musterte.
Und plötzlich wusste ich, was vor sich ging, noch ehe er es mir mit leiser Stimme sagte.
„Die jährliche Tributzahlung.“
Ich nickte nur und ritt schweigend hinter ihm her, jeglicher Humor plötzlich wie weggefegt. Nach einem Jahr nun wieder einen Römer zu sehen und über das typische Lärmen des Lagerplatzes hinweg meine Muttersprache zu hören, gab mir einen Stich.
So vertraut – und doch so fremd.
Als ich die römischen Soldaten beobachtete, wie sie Waren und Sklavinnen von den Karren luden, wusste ich plötzlich eines mit Sicherheit. - Ich war keiner von ihnen mehr.
Ich hielt Kinn und Wangen nach römischer Gewohnheit noch immer glatt, und manchmal sprach ich heimlich zu mir selbst in Latein, wenn ich mir sicher war, daß Lancelot schlief. Aber in meinem Inneren begann ich mich mehr und mehr als Sarmate zu fühlen. Als im frühen Herbst die ersten kleineren Scharmützel mit einem der Nachbarstämme begannen, hatte auch ich für unser Lager gekämpft. Ich gehörte jetzt zu diesen Leuten hier.
Aber wenn ich ehrlich war, daß war es gar nicht, was mich beim Anblick der Karren am meisten aufwühlte. Nein, es war die Tatsache, daß ich Bors laut lachen hörte und sah, wie er Lancelot winkte herüberzukommen – eine bildhübsche, etwas ängstlich blickende, römische Sklavin um die Hüfte gepackt.
Um uns herum setzte lautes Gejohle und freundschaftliches
Gelächter ein. Gawain war herangetreten, um Lancelot auf die Schulter
zu klopfen und ihm neckend ins Ohr zu flüstern.
Die Frauen drängten sich kichernd auf einem Haufen und warfen uns neugierige
Blicke zu. Allen voran Thalia, deren spöttisches Mundwerk keine Sekunde
still zu stehen schien.
Ich spürte, wie Lancelots Blick auf mir ruhte und sah meinen Gefährten an, mir ein schiefes Lächeln abringend und mühsam hervorquetschend: „Nun hast du endlich deine weiche, anschmiegsame Sklavin. Glückwunsch.“
Noch vor einem Jahr, wäre ich froh gewesen, wenn jemand meinen Platz in seinem Bett eingenommen hätte. Jetzt fühlte ich mich beim bloßen Gedanken daran hundeelend.
Verdammter Sarmate.
*Mein* verdammter Sarmate!
--
~ Lancelot ~
Ich nahm mir einen Moment Zeit, um das Mädchen, das Bors offensichtlich mir zugedacht hatte, in Augenschein zu nehmen. Hübsch, zierlich, mit großen blauen Augen, war sie alles, was ein Mann sich wünschen konnte. Und die Art, wie ihr Busen hektisch wogte unter ihren angsterfüllten Atemzügen, war mehr als ansprechend.
"Na, Lancelot, gefällt sie dir?" fragte Bors und klapste die Kleine auf den Hintern, was sie mit einem ausgesprochen niedlichen Quieken quittierte.
Ich warf einen Blick zu Arthur hinüber. Ich kannte den Ausdruck auf seinem Gesicht. Dieses grimmige Starren, als würde er lieber seine eigenen Zähne fressen, ehe er sich beklagte.
Mit einem breiten Grinsen wandte ich mich wieder Bors zu. "Weißt du, ich glaub, was Sklaven angeht, bin ich mehr als bedient." sagte ich.
Der Kommentar wurde von allen Anwesenden mit lautem Gejohle und Schulterklopfen für Arthur beantwortet. Immerhin wussten alle hier sehr genau, daß er mich wohl im Laufe des vergangenen Jahres ebenso sehr gezähmt hatte, wie ich ihn. Nun - alle außer Arthur selbst anscheinend, denn sein grimmiges Starren war plötzlich verschwunden und ersetzt durch ehrliche Überraschung. Daß er tatsächlich immer noch nicht kapiert hatte, was er mir bedeutete...
"Aber da gibt es etwas anderes, was ich gut gebrauchen könnte." fuhr ich fort und trat zu den aufgestapelten Tributwaren. Mein erster Blick, als wir den Platz in der Mitte des Lagers erreicht hatten, hatte diesem Stapel gegolten und nicht der Sklavin. Und wie ich den ganzen Winter über gehofft hatte, enthielt er das, was ich haben wollte.
Mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit hob ich das Langschwert auf. Sofort spürte ich, wie gut es in der Hand lag. Eine schwere Waffe, die man nur mit ausreichender Muskelkraft effektiv schwingen konnte. Gut verarbeitet, hervorragend ausbalanciert.
Ein kurzer Blickwechsel mit Bors reichte und er verstand. "Du hast es dir verdient." sagte er nur, aber ich wusste sehr wohl, was er alles mit diesen einfachen Worten meinte.
Nicht nur ich hatte es verdient, Arthur hatte es sich verdient. Den Herbst über hatte er in den Kämpfen gegen andere Stämme geholfen. Aber nie war es ihm gestattet gewesen, mehr als einen Bogen zu benutzen. Das Recht Schwerter zu tragen, war sarmatischen Kriegern vorbehalten.
Ich nickte Bors noch einmal zu und ging dann zu Arthur zurück.
Ihm freundschaftlich den Arm um die Schultern legend, schob ich ihn in Richtung unseres Zeltes. Erst dort hielt ich ihm das Schwert hin. "Für dich." sagte ich, unsicher, wie ich ausdrücken sollte, was ich eigentlich alles sagen wollte.
--
~ Arthur ~
Sprachlos und mit klopfendem Herzen nahm ich das Schwert von ihm, legte meine Finger vorsichtig, beinahe zärtlich um den Schwertgriff, bevor ich entschlossen zupackte.
Was für eine wunderbare Waffe! Perfekt ausbalanciert und mit Verzierungen, die schlicht, aber so eindrucksvoll waren, daß sie das Schwert zu etwas Edlem machten. Es passte in meine Hand, als wäre es dafür gemacht worden.
Ich hatte in den vergangenen Monaten meine alte Kondition mühelos wiederhergestellt und war vielleicht noch zäher als zuvor. Es kostete mich kaum Anstrengung, das Schwert probehalber durch die Luft sausen zu lassen. Es war, als hätte ich nie aufgehört, mit solch einer Waffe zu kämpfen, das Gefühl vertraut und beruhigend.
Ich sah auf die Klinge hinab und dann zu ihm. Zu Lancelot, der mich mit einem seltsamen Lächeln beobachtete, und ich wusste, ich war noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen.
Jetzt würden wir auch im Kampf Gefährten sein.
Ich erinnerte mich, wie ich zunächst zurückbleiben musste, bei den Frauen und den Alten, wann immer die Männer ihre Pferde für den Disput mit einem der Nachbarstämme sattelten. Lancelot und ich hatten manchen hitzigen Streit darüber gehabt, weil ich mich mit dieser Rolle nicht abfinden wollte. Ich wollte kämpfen, wie ein Mann. Schließlich hatte er eingewilligt mit Bors zu reden, und nachdem letztendlich auch Bors’ sturer Dickschädel überzeugt war, hatte man mir erlaubt, zumindest einen Bogen zu tragen.
Ich war ziemlich geschickt mit dieser Waffe geworden und manches Mal hatte ich einen sich hinterrücks nähernden Gegner mit einem gut placierten Pfeil von Lancelot ferngehalten. Jetzt würde ich das mit einem Schwert in der Hand tun können. Rücken an Rücken mit Lancelot. Wie Schwertbrüder.
Bors freundliches Nicken fiel mir wieder ein und Gawains und Galahads Schulterklopfen, als wir zurück zum Zelt gingen. Mehr noch als das Schwert in meiner Hand, sagte mir das, daß sie mich akzeptiert hatten, als einen von ihnen.
Behutsam lehnte ich das Schwert an den Stützpfeiler in der Mitte, an dem auch mein Bogen hing und seufzte leise. Dann wandte ich mich wieder Lancelot zu, der mich mit einem seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht ansah.
Er hatte soviel für mich getan. Und niemals hatte ich jemanden sosehr begehrt, wie ihn.
„Soso, du brauchst also keine weiche römische Sklavin.“ lächelte ich und schloss die Distanz zwischen uns, seinen Blick mit meinem festhaltend. Ich konnte es immer noch nicht so richtig fassen, daß er das Mädchen ausgeschlagen hatte. Einfach so, für mich. Das bedeutete mir mehr als alles andere.
Es bedeutete, daß wir zusammengehörten.
Ich hob die Hand und strich ein paar der wilden dunklen Locken aus seiner Stirn. „Danke.“ sagte ich leise, „Für alles.“
Er nickte nur und zog mich an sich, das Feuer in seinen Augen Antwort genug.
-
Als ich schließlich spät in der Nacht neben ihm lag und seinen gleichmäßigen Atemzügen lauschte, mein Körper eng an seinem, musste ich lachen, über die seltsamen Wege, die das Schicksal uns oft führte.
Rom hatte mich verraten und in die Fremde verkauft. Und damit nach all den Jahren endlich nach Hause gebracht.
~ Ende~
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