"Zuckerbrot..."
Teil 7
von Beryll & Vagabond

 

~ Arthur ~

Für einige Zeit blieb ich einfach so da liegen, döste und hing meinen düsteren Gedanken nach, während die Geräusche draußen langsam zunahmen. Der schwere Regen hatte aufgehört und im Zelt wurde es nun merklich heller.

Schließlich kam ich zu dem Schluss, daß es wohl unmöglich war, sich in diesem Bett in Luft aufzulösen und mit einem schweren Seufzer rappelte ich mich von der Lagerstatt auf.
Zu dem kleinen Wassereimer hinüberzugehen, der am Zelteingang stand, erwies sich als äußerst unangenehme Aufgabe. Jeder Schritt schmerzte. Die Zähne fest zusammengebissen, setzte ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

Ich hatte keine Ahnung, ob das Wasser in dem kleinen Holzeimer wirklich dafür vorgesehen war – die Sarmaten waren nicht für ihre Reinlichkeit bekannt, aber ich nutzte es dennoch, um gründlich die Spuren und den Geruch von Sex abzuwaschen. Danach fühlte ich mich zumindest etwas wohler.

Ich suchte meine Kleidung zusammen und begann missmutig damit, mich anzuziehen. Noch während ich mir die Jacke überstreifte, fiel mein Blick erneut auf das kleine Schnitzmesser, das ich gestern schon bemerkt hatte. Den Zelteingang im Auge behaltend, griff ich vorsichtig danach und steckte es ein. Das Gefühl, nicht mehr ganz so wehrlos zu sein, besserte meine Laune ein wenig. Genug, um mich nach draußen zu wagen und zu sehen, ob der Sarmate tatsächlich ein Frühstück für mich bereithielt.

--

~ Lancelot ~

Wieder einmal ließ mein Sklave auf sich warten.

Nachdem die erste wohlige Wärme von befriedigendem Sex gewichen war, wurde mir langsam klar, daß er wieder seinen Willen durchgesetzt hatte. Er hatte sich nicht von mir ficken lassen, er hatte nur wegen dem Dolch stillgehalten.

Missmutig stocherte ich in dem kleinen Feuer, das ich entfacht hatte. Er fing an, mir auf die Nerven zu gehen, stellte ich fest.

Sein Hintern war niedlich, aber leider bekam ich den viel seltener zu sehen, als sein wehleidiges Gesicht. Und nun lag er gemütlich in meinen Zelt und wartete vielleicht noch darauf, daß ich ihm Frühstück brachte.

Grimmig biss ich ein Stück Brot ab und kaute darauf herum. Da konnte er lange warten.

Langsam begann das Lager zum Leben zu erwachen und ich war nicht sonderlich überrascht, als ich Gawain zu meinem Zelt herüber schlendern sah. Er sah ausgesprochen zufrieden aus. Anscheinend war seine Römerin wesentlich anschmiegsamer, als der störrische Sklave in meinem Zelt.

Als er diesmal vor mir stehen blieb, wich sein Grinsen allerdings, als er merkte, daß meine Laune vom Vortag sich nicht sonderlich gebessert hatte.

"Bist du immer noch sauer?" fragte er besorgt.

"Nicht auf dich." antwortete ich.

Er warf einen fragenden Blick in Richtung meines Zeltes und ich nickte.

Das brachte mir zumindest ein aufmunterndes Schulterklopfen ein. "Hey, wenn er dir nix als Ärger macht, gib ihn an Bors zurück. Das war vielleicht ein netter Scherz für eine Nacht, aber Bors hatte bestimmt nicht vor, dir einen völlig nutzlosen Sklaven ans Bein zu nageln. Verlang einen anderen Anteil."

Der Gedanke klang plötzlich gar nicht mehr so schlecht und ich nickte langsam.

"Wahrscheinlich hast du Recht." sagte ich mit einem Seufzen. "Soll Bors zusehen, was er mit dem störrischen Biest anfängt."

--

~ Arthur ~

Ich hatte gerade die Hand nach der Zeltplane ausgestreckt, als ich hörte, wie der Sarmate mit jemandem zu reden begann. Es war Gawain, der sicher vorbeikam, um zu hören, wie die Nacht verlaufen war, dachte ich grimmig. Doch statt des erwarteten Spotts, begannen die beiden recht freundschaftlich miteinander zu reden.

Während ich noch überlegte, ob es nach dem Zwischenfall von gestern klug wäre, Gawain gegenüberzutreten, oder ob ich lieber wartete, bis er wieder gegangen war, nahm das Gespräch zwischen den beiden plötzlich eine unerwartete Wendung.

Geschockt, erstarrte ich mitten in der Bewegung, nur um dann ungläubig einen hastigen Schritt zurück zu machen.

‚Verdammt...’ Meine Gedanken überschlugen sich. Was ich befürchtet hatte, war eingetroffen. Der Sarmate überlegte mich loszuwerden. Besser gesagt, er schien bereits fest entschlossen.

Die Worte „Bors“ und „störrisches Biest“ drangen in mein Bewusstsein und ich schluckte schwer. Bors war der Anführer dieses Stammes. Ein grobschlächtiger, bullig wirkender Mann mit kahlgeschorenem Kopf, dessen viele Narben darauf hindeuteten, daß er sich seine Position als Anführer hart erkämpft hatte.

Sein kalter und prüfender Blick hatte auch mich begutachtet, als er die Lieferung der Römer entgegennahm. Seine Verachtung für Römer war dabei mehr als deutlich gewesen. Ich war mir sicher, daß er mit einem Blick erkannt hatte, daß ich kein einfacher Sklave war.

Wahrscheinlich hätte er mich auf der Stelle getötet. Um ehrlich zu sein, war ich verwundert, daß es nicht geschah. Wir beide wussten, daß ich nichts als Ärger machen würde. Doch dann war Gawain an Bors herangetreten, um ihm mit einem schelmischen Grinsen ins Ohr zu flüstern. Eine halbe Minute verging, ohne das sich in Bors Gesicht eine Regung zeigte, während die übrigen Männer einander verstohlen anblickten. Dann plötzlich, begann Bors zu lachen. Laut und dröhnend, daß es im ganzen Lager widerschallte und ich wusste, ich würde leben...

Langsam ging ich rückwärts durchs Zelt, bis ich mit dem Rücken gegen den Mittelpfeiler stieß, wo ich mit geschlossenen Augen stehen blieb. Ich hatte meine Chance vertan. Bors würde mich entweder gleich umbringen, oder mich verkaufen. Wobei ich mir sicher war, daß die zweite Option auch meinen Tod bedeuten würde, nur viel langsamer und qualvoller.

Ich rieb mir mit der Hand übers Gesicht. Das einzige, was ich tun konnte, war dem Sarmaten zuvorzukommen und einen Angriff zu wagen. Das wäre zwar auch mein sicherer Tod, aber eventuell konnte ich einen von ihnen mitnehmen. Vielleicht sogar Lancelot.

Doch eigentlich war das nicht sehr fair. Egal wie sehr ich es hasste, der Sklave dieses Mannes zu sein, ich konnte ihn nicht dafür verantwortlich machen, daß ich in dieser Lage war. Und das er so rau mit mir umgesprungen war, hatte ich mir, wenn ich ehrlich war, selbst zuzuschreiben. Er hatte es wirklich versucht. Ich erinnerte mich wieder an das Gefühl seiner Hände, wie sie meinen Rücken streichelten, über meine Hüften wanderten... eigentlich hatte sich das verdammt gut angefühlt. Wenn nur mein Stolz nicht wäre, mein verfluchter Starrsinn.

Manchmal konnte man eben nicht in jeder Hinsicht gewinnen, aber dennoch alles verlieren.

Widerstrebend öffnete ich die Augen und sah mich ein letztes Mal nach einer brauchbaren Waffe um. Nichts. Nur ein Köcher mit ein paar kaputten Pfeilen und ein alter Jagdbogen, dessen Sehne gerissen war. Zögerlich nahm ich beides auf und begutachtete den Schaden. Einige der Pfeile waren in der Tat nicht mehr zu gebrauchen, aber ein paar ließen sich mit etwas Mühe sicherlich wieder herrichten. Auch um den Bogen war es eigentlich schade. Er war sehr schön und kunstvoll geschnitzt, und es ließ sich bestimmt wunderbar mit ihm schießen. Man musste ihn nur neu bespannen und vielleicht einige kleinere Abnutzungen überarbeiten.

Nachdenklich zog ich das Schnitzmesser aus der Tasche. Mein Blick wanderte zum immer noch geschlossenen Zelteingang und zurück zu dem Bogen in meiner Hand. Ein selbstironisches leises Lachen kam von meinen Lippen, als ich mich an dem Pfeiler hinabgleiten ließ und es mir auf dem Boden bequem machte.

Mit geübter Hand begann ich damit die ersten Kratzer zu glätten und durch ein paar geschickte Veränderungen, dem Bogen insgesamt mehr Spannung zu verleihen. Eine neue Sehne hatte ich auch irgendwo liegen sehen.

‚Wollen doch mal sehen, ob ich nicht doch für etwas zu gebrauchen bin...’

--

~ Lancelot ~

Ich sah Gawain nach, wie er zu seinem eignen Zelt zurückstapfte. Er hatte vielleicht eine spitze Zunge, aber er war auch ein echter Kumpel. Immerhin hatte er mir angeboten, seine Sklavin mit mir zu teilen.

Obwohl das wohl eher daran lag, daß Galahad ihm ein paar Knochen brechen würde, wenn er das Gefühl bekam, Gawain könnte für das arme Mädchen etwas empfinden. So hatte eben jeder seine Probleme.

Und ich würde jetzt meins lösen.

Mit einem Seufzen erhob ich mich, um wieder ins Zelt zu gehen und meinen Sklaven zu meinem Ex-Sklaven zu machen.

Wirklich schade, daß er zu stolz war, um ihn zu behalten.

Meine Augen brauchten einen Moment, um sich an das Dämmerlicht im Zelt zu gewöhnen, aber dann bemerkte ich überrascht, daß sich Arthur tatsächlich aufgerafft hatte und nun sorgsam an meinem alten Jagdbogen arbeitete. Mit meinem Schnitzmesser. Als wenn ihm das eine brauchbare Waffe verschaffen würde.

Auf einen Angriff vorbereitet, trat ich näher auf ihn zu.

"Was denkst du, was du da machst?" fragte ich, mir diesmal keine Mühe gebend, meiner Stimme einen freundlichen Klang zu verleihen.

--

~ Arthur ~

Ich blickte nur kurz auf, als er ins Zelt trat, bemüht nicht so auszusehen, als hätte ich irgendetwas von dem Gespräch zwischen ihm und Gawain mitbekommen.
Seine Stimme hatte einen eisigen Unterklang. Ich hatte also Recht gehabt. Er war fest entschlossen, mich loszuwerden.

Angespannt und vorsichtig kam er auf mich zu, mich genau im Auge behaltend. Wahrscheinlich dachte er jetzt, daß ich mich nur an dem Bogen zu schaffen machte, um an eine Waffe zu kommen. Was ja gar nicht mal so weit hergeholt war. Noch wenige Minuten zuvor, hatte ich genau das gedacht.

Doch während meine Finger konzentriert über den Bogen glitten und sich langsam die Befriedigung in mir aufbaute, die solch eine Arbeit hervorrief, hatte sich etwas in mir verändert. Ich sah meine Möglichkeiten hier nun mit anderen Augen.

„Ich dachte mir, es wäre schade ihn wegzuwerfen,“ antwortete ich leise und sah zu Lancelot auf. „Mit ein paar Veränderungen und neu bespannt, gibt er immer noch einen brauchbaren Bogen ab.“ Ich zögerte ein wenig, unsicher, wie er es aufnehmen würde. „Dann könnte ich dir bei der Jagd behilflich sein.“ fügte ich hinzu, ein vorsichtiges Lächeln wagend.

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~ Lancelot ~

'Mir bei der Jagd helfen...?' Was war denn nun wieder in ihn gefahren?

Grimmig verschränkte ich meine Arme und starrte auf ihn hinab.

War das tatsächlich so etwas wie ein Lächeln, zu dem er sein Gesicht da mühsam verzog? Was hatte nun wieder diesen plötzlichen Sinneswandel ausgelöst? Mir kam der Gedanke, daß er mich und Gawain hatte reden hören. Kein Wunder, daß er meine Gesellschaft der von Bors vorzog. Das wäre wohl jedem so gegangen. Aber seine Wünsche standen hier nicht zur Debatte.

Nun hatte ich mich endlich dazu durchgerungen ihn los zu werden und so einfach würde ich mich davon nicht abbringen lassen. Da würde er noch etwas mehr guten Willen zeigen müssen. Etwa so viel, wie ich ihm bisher entgegen gebracht hatte.

"Und was bringt dich auf die Idee, daß ich dir genug vertraue, dir einen Bogen zu überlassen?" fragte ich. "Immerhin hast du mir dazu keinen Grund gegeben."

--

~ Arthur ~

Er sah nicht so aus, als würde er sich diesmal so einfach überzeugen lassen. Ganz im Gegenteil. Seine Miene schien sich noch mehr zu verfinstern. Ich schluckte und konnte förmlich spüren, wie mir der zaghafte Versuch eines Lächelns wieder auf dem Gesicht erfror.

Langsam legte ich Bogen und Messer zur Seite und suchte nach einem Weg ihn zu besänftigen. Doch obwohl ich sonst nie um eine clevere Antwort verlegen war, wollten diesmal einfach keine Worte kommen. Was sollte ich ihm denn sagen? Er hatte ja Recht. Entmutigt schüttelte ich kaum merklich den Kopf, ihm zustimmend.

Eine unheilvolle Stille breitete sich im Zelt aus. Die Minuten verstrichen und plötzlich brach es aus mir heraus, so unerwartet, daß ich es selbst kaum glauben konnte.

„Ich will bei dir bleiben.“

Ich hob meinen Blick und schaute ihn bittend an, verwundbar und unsicher vor seinen jetzt so strengen dunklen Augen.

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~ Lancelot ~

Bei allen Göttern!

Wer hätte gedacht, daß mein grimmiger Römer so verletzlich und - ja - niedlich aussehen konnte? Sein flehender Blick hätte wohl auch einen Stein zum schmelzen gebracht.

Aber ich konnte mir nicht sicher sein, ob das nicht wieder wohl kalkuliert war. Nur eine weitere Finte, um sich meine Geduld zu erkaufen.

Dennoch gelang es mir nur mit äußerster Anstrengung, meine strenge Miene aufrecht zu erhalten.

"Ach?" fragte ich leicht spöttisch. "Wann ist dir das denn eingefallen? Ungefähr zur selben Zeit, als du beschlossen hast, daß ich dumm genug bin zu warten, bis du mir die Kehle durchschneidest?"

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~ Arthur ~

Ich schloss die Augen und presste die Lippen fest zusammen. ‚Es hat ja doch keinen Sinn,’ kamen die alten Gedanken wieder hoch. ‚Er nichts weiter als ein Wilder und sein einziges Interesse an dir, besteht darin, dich noch ein paar Mal gut durchzuvögeln.’

Ich atmete tief durch, meine Hände, die sich bereits wieder zu Fäusten verkrampft hatten, langsam und bewusst entspannend, als ich diesen Gedanken und die aufsteigende, hilflose Wut in mir zurückdrängte.

„Nein.. ja.. Vielleicht habe ich zu Anfang daran gedacht, aber jetzt...“ Verzweifelt grub ich die Finger in das Fell unter mir, mit den Augen unbewusst den Boden absuchend, als läge dort die perfekte Antwort.

„Verkauf mich nicht... bitte...“ quetschte ich mit äußerster Anstrengung heraus, während mein Stolz zerbröckelte wie trockener Lehm in der Sonne.

Ich biss mir auf die Unterlippe und streckte vorsichtig eine Hand nach ihm aus, leicht über das weiche Leder seiner Hose streichend, als ich mich langsam vom Knöchel hinauf zum Oberschenkel arbeitete.

--

~ Lancelot ~

Einen Moment lang sah ich wie betäubt zu, wie seine Finger an meinem Bein hinauf krochen.

Das war nun doch die Unterwerfung, die ich die ganze Zeit hatte sehen wollen, oder? Wieso war ich nun auch wieder nicht zufrieden mit der dumpfen Verzweiflung in seinen Augen?

Ich hatte keinen Zweifel daran, daß er nur bei mir bleiben wollte, weil er sich von mir eine bessere Behandlung versprach, als von Bors. Aber dennoch empfand ich Mitgefühl für seinen verletzten Stolz. Es musste ihn eine Menge Überwindung kosten, sich mir so auszuliefern.

Mir war durchaus klar, daß ich es vermutlich bereuen würde und daß ich in kurzer Zeit wieder mit demselben bockigen Römer würde kämpfen müssen, den ich bisher kennen gelernt hatte. Aber dennoch entschied ich, ihm noch eine weitere Chance zu geben.

Ich packte sein Handgelenk und hielt seine Hand fest, ihn davon abhaltend, sich noch mehr vor mir zu erniedrigen.

Mit sanfter Gewalt zog ich ihn auf die Füße, so dass wir uns Auge in Auge gegenüberstanden.

"Du hältst mich für einen Wilden und dich für ach so nobel und überlegen, nicht wahr, Römer?" fragte ich ruhig.

--

~ Arthur ~

Wieder war ich ohne Worte. Und obendrein noch zutiefst gedemütigt. Ich wusste nicht, ob das, was ich jetzt in seinen Augen sah, Verachtung war, oder Mitleid. Beides war schwer zu ertragen.

Ich schlug die Augen nieder und heftete meinen Blick auf seine Finger, die sich noch immer fest um mein Handgelenk schlossen. Das er mich abgewiesen hatte, trieb mir die Hitze ins Gesicht. Dennoch empfand ich Dankbarkeit dafür, mich nicht weiter vor ihm erniedrigen zu müssen.

Ich begegnete seinen Augen und die Antwort auf seine Frage, musste deutlich in meinem trotzigen Blick zu sehen sein. - Ja, ich hielt ihn für einen Wilden. Sah mich ihm als überlegen, als gebildet und fortschrittlich. Wie konnte er erwarten, daß ich mich ihm unterordnete? Wenn es doch andersherum sein müsste!!

Ich fühlte, wie meine Wangen brannten bei diesen Gedanken. Beschämt sah ich zur Seite, als ich die Wahrheit erkannte. Ich war genauso ein arroganter, überheblicher Römer wie alle anderen auch. Nicht besser. Nicht ‚edler’. Selbstgefällig hatte ich stets von meinem hohen Ross auf alle anderen heruntergeblickt und jetzt war ich gefallen. Tief.

Die Erkenntnis ließ mich zittern. Schwach versuchte ich mich seinem Griff zu entziehen, aber er hielt mich fest.

Meine Lippen öffneten sich, aber es dauerte eine Weile, bis ich die wenigen Worte fand, die es zwischen uns noch zu sagen gab.

„Ich bin kein Römer mehr. Nur dein Sklave.“

--

~ Lancelot ~

Diesmal schien er es zur Abwechslung tatsächlich so zu meinen. Vielleicht war seine Vernunft ja doch größer, als sein Starrsinn.

Schweigend starrte ich ihn an. Was könnte er für ein Mann sein, wenn ihm nur nicht sein eigener Stolz im Weg stehen würde. Er hatte das Feuer und die Leidenschaft eines echten Kriegers.

Ich dachte an Gawain und Galahad - Schwertbrüder, die sich im Kampf blind vertrauen konnten, weil ihre Leben untrennbar miteinander verwoben waren.

Was hätte ich für einen solchen Partner gegeben. Und irgendein kleiner Teil von mir hatte wohl anfangs die Hoffnung gehegt, dieser sture Römer könnte der Richtige sein. Aber nun war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich die nötige Geduld aufbringen würde, ihn dazu zu machen.

"Mein Sklave..." wiederholte ich leise.

Dann mußte ich plötzlich an Gawains Worte vom vorigen Abend denken. 'Du wirst es schon schaffen, den Römer zuzureiten.'

Vermutlich sollte ich es zumindest versuchen.

"Reparier den Bogen." befahl ich ihm ruhig und ließ sein Handgelenk los. "Wenn du fertig bist, komm nach draußen, wir brauchen frisches Fleisch."

Neugierig wartete ich auf seine Reaktion.

--

~ Arthur ~

Der Befehl zwang mich zur Bewegung, noch ehe mein Gehirn ihn vollends registriert hatte. Kein Zögern, kein Widerspruch. Ein Soldat, der seinem Anführer gehorcht. Ein Sklave, der seinem Herrn folgt. Bei genauerer Betrachtung, war der Unterschied gar nicht so groß.

Ich hob den Bogen auf, den ich zuvor niedergelegt hatte und wollte mich eben daran machen, die neue Sehne daran zu befestigen, als ich verdutzt innehielt. – ‚Wir’??

Fragend, sah ich Lancelot an. Dann hieß das, ich durfte bei ihm bleiben? Er würde mich nicht Bors überlassen?

Ich schluckte schwer, meine Kehle eng und kratzig und starrte ihn an, während der winzige Funke Hoffnung in mir, meinen Puls fühlbar beschleunigte.

Er schien auf etwas zu warten, sein Gesichtsausdruck noch immer unnachgiebig, aber nicht mehr ganz so hart und verschlossen, wie noch eben zuvor.
Alles hing jetzt von meiner Reaktion ab. Ich kannte die Antwort, die seiner Aufforderung folgen musste. Die Worte, die er sicherlich von mir hören wollte.

„Ja, Herr.“

Leise geflüstert, kaum hörbar. Ich war mir nicht einmal mehr selbst sicher, ob ich sie überhaupt gesprochen hatte.

--

~ Lancelot ~

Zumindest teilweise zufrieden mit seiner Antwort ging ich nach draußen, um nach meinem Pferd zu sehen. Es blickte mir spöttisch entgegen, offensichtlich nicht nachtragend, weil ich es am vorigen Abend meinem Römer überlassen hatte.

Ich nahm mir die Zeit es trocken zu reiben und mit einem extra Stück Brot zu füttern. Immerhin war dies ein Gefährte, den ich gezähmt hatte und dem ich jetzt vertrauen konnte.

"Was denkst du," fragte ich es leise, meine Nase an seinem Ohr reibend, "sollen wir es mit dem störrischen Römer versuchen? Oder bin ich ein hoffnungsloser Narr, weil ich mir die Mühe mache?"

Es stupste mich freundschaftlich an und suchte dann in meiner Manteltasche nach mehr Brot. Wenigstens einer, der seine Prioritäten zu setzen wusste.

Mit einem Klaps auf die Nase verabschiedete ich mich von ihm und machte mich auf die Suche nach Gawain. Vielleicht würde er mir auch etwas anderes als seine Sklavin borgen.

Als Arthur ein paar Minuten später aus dem Zelt kam, den reparierten Bogen in den Händen, wartete ich dort auf ihn. Mit zwei gesattelten Pferden.

Ich konnte ein zufriedenes Grinsen nicht unterdrücken, als er mich überrascht und ungläubig ansah.

"Du kannst doch reiten, oder?" fragte ich, während ich auf mein Pferd stieg. "Oder willst du deinen Hintern schonen?"

--


~ Arthur ~

Überrascht schaute ich auf das bereits gesattelte Pferd, das neben seinem hertrabte und dann zu ihm. Hatte er wirklich vor, mich mit auf die Jagd zu nehmen? Meine Hände umschlossen den Bogen in meinen Händen stärker. Eine lange nicht gefühlte Aufregung begann in mir hochzusteigen. Wann hatte ich das letzte Mal auf einem Pferd gesessen? Der Gedanke mich endlich nützlich machen zu können, ließ mein Herz schneller schlagen.

Lancelots Hengst schnaubte ungeduldig und schwenkte den Kopf in Richtung seines eher zotteligen Gefährten, als wollte er sagen - ‚Na mach schon, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.’

Der stummen Aufforderung folgend, trat ich näher, meine Hand vorsichtig nach dem wesentlich zahmer aussehenden Gaul ausstreckend, der zwar ein wenig die Nüstern blähte, aber ansonsten ruhig blieb. Ich lächelte und tätschelte ihm den Hals, bevor ich mich nochmals versichernd zu Lancelot umdrehte.

Der Sarmate hatte ein spitzbübisches Grinsen auf dem Gesicht. Beinahe wie ein Junge, der einen Streich ausheckte. Eine seiner Augenbrauen hob sich, als er mich zögern sah, und sein Grinsen vertiefte sich.

Oh ja, zu reiten, würde nach den Aktivitäten des Morgens die reinste Hölle werden. Aber das konnte mich nicht abhalten. Ich hatte schon in wesentlich schlimmeren Zustand auf einem Pferd gesessen und Kämpfe gefochten.

Ich atmete tief ein, biss die Zähne zusammen und schwang mich in den Sattel. Ich brauchte einen Moment bis mein malträtierter Hintern sich mit dem harten Sattel abfand, doch dann fühlte ich nur noch die Freude darüber, endlich wieder auf einem Pferd zu sitzen. Die Zügel fest in der Hand.

 

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