"Zuckerbrot..."
Teil 5
von Beryll & Vagabond
~ Lancelot ~
Amüsiert beobachtete ich, wie mein Sklave den einfachen Eintopf in sich hineinschaufelte, als wäre er ein wahres Festmahl. Dabei war das nun wirklich kein sonderlicher Hochgenuss - getrocknetes Fleisch, ein paar Wurzeln und getrocknete Beeren. Aber wahrscheinlich immer noch besser als der Fraß, den ihm die Römer vorgesetzt hatten, die ihn herbrachten. Immerhin musste es einen Grund haben, warum sich unter seiner Haut deutlich die Rippen abzeichneten.
Ich nahm die Schüssel auf, die er achtlos abgestellt hatte, füllte sie mit einer zweiten Portion nach und reichte sie an ihn zurück.
Er starrte mich misstrauisch an, als wollte ich ihn nun plötzlich vergiften, aber dann siegte der Hunger über seine alberne Vorsicht und er fing an, auch seine zweite Schüssel gierig leer zu löffeln.
"Wie heißt du eigentlich?" fragte ich ihn neugierig, als sich seine Essgeschwindigkeit etwas verlangsamte.
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~ Arthur ~
Es wurde schnell deutlich, daß mein Magen soviel Essen nicht mehr gewöhnt war. Dennoch hielt ich nicht inne, sondern fuhr wider meines besseren Wissens fort, auch diese Schüssel restlos zu leeren. Man konnte nie wissen. Besser einen übersättigten Magen, als einen hungernden.
Die Frage nach meinem Namen überraschte mich. In Rom gab man Sklaven einfach einen neuen, wenn man sie erwarb. Schließlich besaßen sie nach dem Gesetz keine Identität.
„Artorius,“ erwiderte ich leise und sah den Sarmaten gespannt an.
Seine Augenbrauen zogen sich wieder auf diese Art zusammen, die ich mittlerweile als typisch für ihn erkannt hatte. Etwas missfiel ihm.
„Zu römisch,“ antwortete er bestimmt, während er nachdenklich auf einem Stück Fleisch herumkaute. „Ich denke, ich werde dich Arthur nennen,“ sagte er schließlich. „Es ist immer noch dein Name, aber sarmatisch. Du wirst es hier leichter haben mit diesem Namen, glaube mir.“
Nachdem ich eine Weile schweigend überlegt hatte, nickte ich mein Einverständnis. Er hatte Recht. Einerseits schmerzte es mich, mein Namen zu verlieren. Andererseits - wollte ich wirklich jeden Tag an Rom und meine Vergangenheit erinnert werden? Vielleicht war es besser so. Der letzte konsequente Schritt für ein neues Leben.
Arthur also.
Testend sprach ich die Silben aus und plötzlich klangen sie in meinen Ohren gar nicht mehr so fremd.
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~ Lancelot ~
Das er seinen neuen Namen so widerspruchslos angenommen hatte, wertete ich als gutes Zeichen. Vielleicht würde er sich ja doch noch an sein neues Leben gewöhnen. Und alles, was das beinhaltete.
Ich lehnte mich zurück und beobachtete, wie er die letzten Reste aus der Schüssel kratzte.
Es wurde Zeit die Fronten zwischen uns zu klären. Und ich wollte das gerne tun, ohne ein Schwert an seinem Hals zu haben. Vielleicht war er ja Worten ebenso zugänglich, wie heißen Küssen.
"Nun, Arthur," sagte ich so ruhig und beiläufig wie möglich, "wie wir schon festgestellt haben, hast du nicht unbedingt die perfekten Fähigkeiten für einen guten Haussklaven."
Sofort verfinsterte sich seine Miene. Offensichtlich konnte er sehr gut abschätzen, wohin diese harmlose Einleitung führen würde. Ich hatte nicht vor, ihn zu enttäuschen.
"Aber ich glaube, ich hab mich geirrt, was deine anderen Fähigkeiten angeht." fuhr ich mit einem recht eindeutigen Unterton fort, "Ich denke, da wirst du mir gute Dienste leisten, hmm?"
In seinen Augen blitzte grünes Feuer auf und jagte mir einen heißen Schauer den Rücken hinunter. Er setzte zu einer zornigen Erwiderung an, aber ich ließ ihn nicht zu Wort kommen.
"Ich warte im Zelt auf dich, mach das Feuer aus." sagte ich gleichgültig und erhob mich dann, um nach drinnen zu verschwinden, bevor er etwas sagen konnte.
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~ Arthur ~
Stunden später war das Feuer von allein heruntergebrannt und noch immer saß ich davor und brütete, meine Miene wahrscheinlich so finster, wie die sich allmählich ausbreitende Nacht.
Ich hatte mir geschworen nicht einen Fuß in dieses Zelt zu setzen, komme was da wolle. Zunächst hatte ich noch gedacht, daß er irgendwann herauskommen würde, um mich mit Gewalt hineinzubringen, aber ich hatte mich geirrt. Der Sarmate legte es auf eine Geduldsprobe an und das konnte er von mir aus gerne haben. Wir würden ja sehen, wer länger durchhielt. Ich war kein verweichlichter Römer, sondern hatte als Soldat schon manche Nächte draußen geschlafen und war es gewohnt ohne Komfort auszukommen.
Fröstelnd schlang ich die Arme um mich und stand auf, um ein paar Schritte zu gehen. Sarmatische Nächte waren wirklich ausgesprochen kalt...
Eine weitere Stunde verging und nun war es so finster, daß man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte und auch im Lager waren die geschäftigen Geräusche verstummt. Ich zitterte mittlerweile so stark vor Kälte, daß meine Zähne anfingen zu klappern. Unschlüssig tastete ich mich in Richtung des Zelteinganges vor, mit klammen Fingern bereits die erste Verschnürung lösend, als ich es hörte. - Gestöhne und Gewimmer aus einem der Zelte gar nicht so weit entfernt. Das wollüstige Gegrunze eines Mannes und das hingebungsvolle Geschrei einer Frau, die genau wusste, wie man gefällt. Wütend versetzte ich der ledernen Zeltplane einen Schlag und wandte mich ab, den Weg zur Feuerstelle entschlossen zurückstapfend.
Nein, ich würde nicht nachgeben. Ich würde mich von diesem Sarmaten nicht derart demütigen lassen!
Ungefähr zwei Stunden später, schlich ich mich an das Heulager des Hengstes heran, der leise im Schlaf schnaubte. Nur ein oder zwei kleine Ballen Heu, das würde schon genügen. Hauptsache, ich konnte ein kleines Feuer entzünden. Meine Finger waren mittlerweile so verfroren, daß ich sie kaum noch spürte. Wahrscheinlich hätte mir in der Zwischenzeit ein dritter Arm wachsen können und ich hätte es nicht mehr bemerkt. Vorsichtig... ich musste aufpassen, daß das Pferd mich nicht bemerkte, sonst hatte ich keine Chance...
Eine halbe Stunde später saß ich an meinem erkalteten
Lagerfeuer und blickte hasserfüllt zu dem Gaul hinüber, der leise
vor sich hinwieherte, als würde er lachen.
Er mampfte Heuballen in sich hinein. *Meine* Heuballen. Natürlich war
es pure Absicht. Er sah nicht gerade aus, als würde er Hunger leiden.
Wahrscheinlich war er bis zum Morgen geplatzt. Leider würde ich mich
nicht daran freuen können, denn bis dahin war ich längst erfroren.
Sein triumphierendes Prusten folgte mir, als ich mich schließlich geschlagen hochstemmte und in Richtung Zelt stolperte. „Ach, verreck doch,“ zischte ich wütend, als ich an den Zeltschnüren riss und mit einem letzten vernichtenden Blick in Richtung Pferd, das Zelt seines Herrn betrat. *Unseres* Herrn, um genau zu sein.
Irgendwo in der Dunkelheit konnte ich ihn leise atmen hören und ich begann mich langsam dorthin vorzutasten, bemüht, über nichts zu stolpern, um ihn nicht aufzuwecken.
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~ Lancelot ~
Und wieder hatte mein Sklave mich nicht enttäuscht. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, daß Arthur mir ins Zelt folgen würde. So einfach würde er es mir sicher nicht machen. Also hatte ich es mir in den warmen Pelzen meines Lagers gemütlich gemacht, darauf vorbereitet, eine ganze Weile warten zu müssen.
Sarmatische Nächte sind grausam kalt. Ganz besonders jetzt im Frühling, wo es nicht mehr trockener Frost war, der einem den Atem gefrieren ließ, sondern eisige Nässe, die bis tief in die Knochen kroch. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Kälte ihn mir in die Arme treiben würde, das wusste ich genau.
Aber wenn man seinen lodernden Stolz bedachte, konnte das schon eine halbe Nacht dauern.
Also rollte ich mich erst einmal zum schlafen ein. Ich war es gewohnt, mit einem wachen Ohr zu schlafen. Wenn man in Sarmatien aufwächst, wo jede Nacht den Überfall eines feindlichen Stammes bedeuten kann, gehört das zum Überleben. Ich machte mir keine Sorgen, daß es mir entgehen könnte, wenn mein Sklave sich endlich entschloss, mir in der Wärme meines Zeltes - und meines Lagers - Gesellschaft zu leisten.
Als Arthur endlich herein kam, war es mehr das Klappern seiner Zähne, das mich weckte, als sein leises, vorsichtiges Tappen durchs Zelt. Selbst eine taube Großmutter hätte ihn gehört.
Ich richtete mich auf einen Ellenbogen auf. An die Lichtverhältnisse in meinem Zelt gewöhnt, konnte ich schemenhaft erkennen, wie er sich vortastete.
"Ist dir dein Stolz erfroren, tapferer Römer?" fragte ich freundlich in die Dunkelheit.
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~ Arthur ~
Ich erstarrte erschrocken. Verdammt, brauchten denn diese Sarmaten auch keinen Schlaf?
Da mir keine passende Antwort einfiel, die ihm nicht auf irgendeine Art Genugtuung sein musste, schwieg ich. Klappernd vor Kälte in der Dunkelheit.
Aber das Unvermeidliche ließ sich nicht länger hinauszögern. Ich konnte nicht ewig hier stehen. Und ich konnte meine Nächte nicht draußen vorm Zelt verbringen, wie ich festgestellt hatte. Auch auf dem Boden zu schlafen, hatte hier wenig Sinn, wenn man sich nicht mit warmen Fellen zudecken konnte, wie sie zuhauf auf dem Lager des Sarmaten lagen. Weiche, warme Felle...
Meine Augen schließlich an die Dunkelheit gewöhnt, ging ich die restlichen Schritte darauf zu und stand schließlich unsicher davor. Die Arme schützend um mich geschlungen, blickte ich auf den Sarmaten hinab, der einladend auf die Felle neben sich klopfte.
Er wartete die paar Minuten geduldig, die ich brauchte, um mich schlussendlich doch zu überwinden. Doch dann streifte ich meine Jacke umso hastiger von mir ab, um mit einem erleichterten Seufzen in das weiche Nest aus warmem Fell zu schlüpfen.
Wenn ich doch nun endlich hätte schlafen können.
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~ Lancelot ~
Wenn man mir einen Schneeklumpen unter meine Felle gesteckt hätte, hätte er wohl auch nicht kälter sein können. Nur das dieser Schneeklumpen auch noch zitterte und mit den Zähnen klapperte und trotzdem versuchte steif wie ein Brett neben mir zu liegen und jeden Körperkontakt zu vermeiden.
Stolz ist wirklich eine feine Sache, dachte ich mit einem Grinsen, aber er kann dich auch umbringen.
"Nun komm schon." sagte ich und zog meinen widerspenstigen Sklaven an mich heran.
Und während er noch versuchte sich zu sträuben, entschied sein Körper schon, daß meine Wärme dem Eigensinn seines Besitzers vorzuziehen war und schmiegte sich gegen mich.
Ich zog die dicken Pelze enger um uns und rollte ihn bequem in meinen Armen ein. Eigentlich hatte ich ja auf ihn warten wollen, um meine Lust zu befriedigen. Aber mit seinem zitternden Körper gegen mich gepresst und nur halb wach, beschloss ich das Ganze auf den Morgen zu verschieben, wenn ich das Feuer in seinen grünen Augen auch würde sehen können.
Mit einem Gähnen schloss ich die Augen und ließ mich wieder in angenehmen Schlummer sinken. Das Wissen, daß ich einen weiteren Sieg über meinen störrischen Römer errungen hatte, begleitete mich in den Schlaf.
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~ Arthur ~
Ein paar Minuten lang versuchte ich noch gegen den Schlaf anzukämpfen, der mich nun, da ich satt und warm eingekuschelt in einem weichen Bett lag, unweigerlich mit aller Macht überkam. Misstrauisch lauschte ich auf den gleichmäßig werdenden Atem des Sarmaten, mich unwillkürlich jedoch noch enger gegen dessen wärmenden Körper drängend.
Als er mich in seine Arme zog, hatte ich eigentlich damit gerechnet, daß der Sarmate sich nun nehmen würde, wonach es ihn anscheinend schon den ganzen Tag verlangte. Doch er hatte mich erneut überrascht.
Wieder fielen mit die Augen zu und diesmal sträubte ich mich nicht gegen den Schlaf, der mich nun mit aller Gewalt übermannte. Irgendetwas sagte mir, das ich für den kommenden Tag all meine Kräfte brauchen würde.
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