"Zuckerbrot..."
Teil 1
von Beryll & Vagabond
~ Lancelot ~
Ich wusste, daß sich etwas im Lager verändert hatte, noch bevor ich über die letzte Hügelkuppe kam, die mir die Sicht versperrte. Ich hatte keinen Wachposten getroffen, der eigentlich um das Lager hätte patrouillieren sollen. Normalerweise wäre das ein Grund zur Sorge gewesen, aber es hing auch der Geruch von frisch gebratenem Fleisch in der Luft, obwohl es noch früher Nachmittag war.
Es musste also irgendeinen Grund zum feiern geben.
Das verbesserte meine Stimmung nicht gerade. Nicht nur war meine Jagd ergebnislos gewesen - nachdem Gawain mir am Morgen lang und breit erklärt hatte, es sei einfach nicht das richtige Wetter um Kaninchen zu schießen. Nein, nach einem langen, langweiligen Winter war offenbar endlich etwas Spannendes passiert und natürlich hatte ich es verpasst.
Entsprechend war meine Laune, als ich mein Pferd auf der letzten Hügelkuppe zügelte, um auf das Lager hinunter zu sehen. Auf den ersten Blick schien sich nichts verändert zu haben. Die Zelte standen noch immer friedlich um den zentralen Platz und zwischen den Zelten liefen die Frauen des Stammes hin und her, ihrem Tagewerk nachgehend.
Erst auf den zweiten Blick fiel mir die breite, tief eingegrabene Spur ins Auge, die von der anderen Seite aufs Lager zuführte. Sie konnte nur von Karren stammen. Und die einzigen Leute die Karren benutzten, waren die Römer, die einmal im Jahr kamen, um ihren Tribut abzuliefern.
Leise fluchend trieb ich mein Pferd den Hügel hinunter.
Nachdem Bors uns im Winter auf einen kleinen Feldzug gegen unsere Nachbarn geführt hatte, hatte er allen, die sich im Kampf besonders hervorgetan hatten, einen eigenen Sklaven versprochen, wenn die Römer kamen. Also Gawain, Tristan, Dagonet - und mir. Und natürlich würden die drei sich jetzt schon das Beste ausgesucht haben. Wenn überhaupt noch was für mich übrig war.
Als ich das Lager erreichte, brauchte ich nicht das leicht amüsierte Grinsen auf den Gesichtern einiger der Frauen zu sehen, um zu wissen, dass sie sehr wohl wussten, was ich verpasst hatte. Ihr Spott war mir sicher.
Endlich erreichte ich den Platz in der Mitte des Lagers. Dort lagen die Schätze, welche die Römer dagelassen hatten, aufgehäuft. Aber eine hübsche Sklavin war eindeutig nicht mehr dabei. Tatsächlich saß nur ein einziger Sklave dort - die Hände auf den Rücken gefesselt und mit einem Strick um den Hals an einen Pflock im Boden gebunden. Ein Mann mittleren Alters, kräftig gebaut, mit einer so finsteren Miene, daß sie vielleicht sogar meine eigene übertraf.
Sicher nicht das, was ich mir für kalte Nächte gewünscht hatte. Aber ich kannte Bors gut genug, um zu wissen, dass das dann wohl mein Sklave werden würde.
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~ Arthur ~
Die lange Fahrt war anstrengend und zermürbend gewesen. Gefesselt und zusammengepfercht auf einem wackeligen Karren. Einem Viehkarren!! Und als wäre das nicht schon demütigend genug, war ich der einzige Mann inmitten lauter ängstlich plappernder oder weinender Frauen. Der jährliche Kriegstribut, den Rom an die Sarmaten zahlte. Hübsche, duftende, römische Sklavinnen mit weicher weißer Haut – und ich. Ein römischer Soldat.
Ich spürte einen Muskel in meiner Wange wild pochen, als ich die Zähne noch fester aufeinander presste, mein Kiefer so angespannt, dass es schmerzte. Rom, das ich so sehr liebte, hatte mich verraten. Nein, nicht Rom – aber ein paar machtgierige Bischöfe und Senatoren, denen die Lehren meines Mentors ein Dorn im Auge gewesen waren.
Pelagius, der mich nach dem Tod meiner Eltern wie einen Sohn
aufgezogen hatte. Er hatte von einem neuen Rom geträumt, von Freiheit
und Gleichheit... Jetzt war er tot, hingerichtet von einem bezahlten Tribunal,
und alle seine Anhänger als Verräter am Reich verurteilt und als
Sklaven verkauft. Die meisten an die Minen. Ich dachte, das würde auch
mein Schicksal sein, doch die jährliche Tributzahlung war meine Rettung.
Zumindest glaubte ich das anfangs.
Denn aus den Minen gab es kein Entkommen, als Sklave in einem Haushalt schon.
Ich würde fliehen, und neue Anhänger sammeln, und dann... Erneut
glitt mein Blick über die Zelte und kleinen Feuerstellen die mitten im
Nirgendwo der weiten Steppe Sarmatiens standen. Endlose, grünbraune Steppe.
- Ich war gestrandet. Gefangen in einer anderen Welt, in der Rom nur wie ein
ferner Traum schien.
Und diese Welt... stank!!! Wütend zerrte ich erneut an meinen Fesseln, angewidert den Kopf abwendend, als der Rauch und der Geruch von *irgendetwas* von einem der nahen Lagerfeuer herüberwehte. Es stank erbärmlich nach verbranntem Leder. Was um Himmels willen aßen diese Heiden? Ich würde mir jedenfalls eher die Zunge abbeißen, als auch nur ein Stück davon hinunterzuwürgen. Nicht das man mir etwas angeboten hätte... Meine Kehle war trocken und brannte. Wasser wäre nicht schlecht gewesen, aber bis auf ein paar verstohlene Blicke der herumeilenden Frauen, schien man mich komplett vergessen zu haben. Ich wusste nicht, ob mich das erleichtern sollte, oder noch mehr ärgern.
Die anwesenden Männer hatten sich natürlich gleich auf die Mädchen gestürzt. Wilde Tiere, diese Sarmaten. Die jungen Sklavinnen konnten einem wirklich leid tun, nach allem, was man aus den umstehenden Zelten hören konnte, würden sie diese Nacht gut beschäftigt sein.
Erneut liefen ein paar Sarmatinnen an mir vorbei, kichernd mit dem Finger auf mich deutend, und dann mit lautem Lachen einen Mann begrüßend, der gerade ins Lager geritten kam. Mein Sarmatisch war mangelhaft, aber ausreichend, und so hatte ich aus den Reden der Männer heraushören können, daß sie mich für einen ihrer Krieger vorgesehen hatten. Lancelot. Und genau das war der Name, den sie jetzt riefen.
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~ Lancelot ~
Oh, natürlich wussten es alle. Genau das, was mir jetzt noch fehlte, um meine Laune auf den endgültigen Nullpunkt zu bringen: die jungen Mädchen des Lagers, die feixend auf dem Platz standen und mir voller überschwänglicher Begeisterung von meinem neuen Sklaven erzählten.
"Er wird sicher hart für dich arbeiten, nicht wahr, Lancelot?" fragte mich Thalia voller gespieltem Ernst. "Die anderen werden dich sicher beneiden. Diese kleinen, weichen römischen Sklavinnen haben sicher Angst sich die Hände schmutzig zu machen."
Wenigstens hatten die anderen den Anstand ihr Kichern hinter vorgehaltenen Händen zu verbergen. Diese Biester. Angeblich waren römische Frauen fügsam, gehorsam und fleißig. Nicht zu vergessen hübsch. Nicht wie unsere Frauen.
Ich warf ihnen einen finsteren Blick zu, der sie überhaupt
nicht zu beeindrucken schien.
Dann wandte ich mich dem gefesselten Sklaven zu. Es hatte ja doch keinen Sinn
das Unausweichliche weiter hinauszuzögern.
Zumindest in einem Punkt musste ich Thalia recht geben: er sah aus, als könnte er arbeiten. Unter dem dünnen Hemd und der einfachen Hose zeichneten sich harte Muskeln ab und er war so breit gebaut wie Bors. Allerdings waren seine Gesichtszüge anders geschnitten. Schärfer, irgendwie. Römisch eben. Aber durchaus nicht unattraktiv.
Er starrte ohne einen Hauch von Respekt zurück.
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~ Arthur ~
Einfache Menschen brauchen einfache Vergnügungen. Oh, wie wahr. Plötzlich herrschte ein Auflauf wie im Circus. Nur – wer war hier das wilde Tier?
Meine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als der Fremde näher an mich herantrat, sein Blick abschätzend und nicht gerade sonderlich begeistert. Ich konnte es ihm nicht mal verübeln. Anstatt einer anschmiegsamen Sklavin, bekam er einen Sklaven, der ihm bei der ersten sich bietenden Gelegenheit an die Kehle springen würde.
Ungerührt erwiderte ich seinen Blick, den Kopf hoch erhoben, und mit soviel Arroganz, wie ich unter diesen Umständen aufbringen konnte.
Er war nicht unansehnlich. Hochgewachsen, schlank und zäh, wie alle Steppenreiter, und wie die meisten sarmatischen Männer trug er einen Bart. Doch ließ er ihn nicht so unappetitlich wild sprießen, wie andere seines Volkes, was ihm ein halbwegs zivilisiertes Aussehen verlieh. Natürlich ließ ich mich davon nicht verleiten zu glauben, daß er auch nur einen Deut besser war, als das übrige dreckige Pack hier.
„Du bringst mich besser gleich um,“ sagte ich hochmütig und voller Verachtung, „denn ich habe nicht vor dir zu dienen, Sarmate.“ Ich spie das letzte Wort aus, das Kinn noch ein wenig höher reckend – soweit es mir der Viehstrick um meinen Hals erlaubte.
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~ Lancelot ~
Das hätte er nicht sagen sollen. Selbst unter normalen Umständen hätte mich eine solche Frechheit gezwungen ihm seinen Platz klar zu machen, wenn ich nicht vor meinem ganzen Stamm als Schwächling dastehen wollte.
Bei meiner momentanen Laune war es eine willkommene Einladung meinen Unmut an jemandem auszulassen, der sich nicht wehren konnte. Immerhin hatte mein neuer Sklave einen Nutzen.
Ohne zu zögern trat ich ihm ins Gesicht, wohl wissend, dass die Bewegung zu schnell für ihn kam, um auszuweichen. Dennoch schaffte er es, seinen Kopf soweit zur Seite zu drehen, daß ich nicht seine Nase traf.
Bei näherer Überlegung wäre es auch eine Schande
gewesen, sein Gesicht gleich zu ruinieren.
Aber er fiel mit einem befriedigenden Grunzen zur Seite und ich setzte schnell
nach, ihn nun mit gezielten Fußtritten in den Magen und in die Seiten
bedenkend. Zumindest war er schlau genug nicht zu versuchen, sich mit gefesselten
Händen zu wehren. So gut es ging, rollte er sich zusammen, um sich vor
meinen Angriffen zu schützen.
Damit offenbarte er vor allem eins - er war kampferfahren. Nicht nur, daß sie mir einen störrischen Mann übrig gelassen hatten. Nein - anscheinend war er auch Krieger gewesen, bevor die Römer ihn verkauft hatten. Selbst wenn es mir gelingen sollte seinen Willen zu brechen und ihm zum arbeiten zu bewegen, war er wahrscheinlich so nützlich wie ein Stück Holz.
Wenn man mir auch ein ungezügeltes Temperament nachsagte, mein Zorn war so schnell verraucht wie er gekommen war.
Mit einem leisen Seufzen schaute ich auf meinen Sklaven hinunter. Sein Hemd war nun zerrissen und es würde nicht lange dauern, bis die ersten blauen Flecken auf seinem Oberkörper auftauchten. Sicherlich keine Behandlung die ihn zur Kooperation bewegen würde, aber immerhin hatte ich meine Ehre gegenüber meinem Stamm gewahrt.
Ich kniete neben ihm nieder und packte seinen Kopf bei den Haaren, um sein Gesicht zu mir zu drehen.
"Hör mir gut zu, Sklave," knurrte ich, "wenn du sterben willst, läßt sich das einrichten. Wenn nicht, solltest du es besser jetzt sagen."
Und irgendwie konnte ich trotz allem nicht die Hoffnung unterdrücken, dass er das Leben wählen würde, als ich in seine zornigen, grünen Augen blickte. Etwas an diesem ungezügelten Feuer zog mich an und der Gedanke, sie öfter zu sehen, erschien mir plötzlich gar nicht mehr so abstoßend.
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~ Arthur ~
Der Schlag kam unerwartet, aber er überraschte mich nicht. Verdammt, der Sarmate war schnell, und hinter seinen Schlägen saß Kraft. Als Soldat war ich Schmerz gewöhnt, und ich wusste, wie man sich vor solchen Angriffen am besten schützt, um den Schaden zu mindern. Wogegen ich mich jedoch nicht wehren konnte, war die Demütigung. Die Schmach, vor den Augen dieses Wilden derart wehrlos zu sein.
Ich musste jedoch zugeben, daß ich an seiner Stelle wahrscheinlich ähnlich gehandelt hätte. Ich hatte ihn herausgefordert, hatte mich durch meinen typischen Starrsinn und Stolz zu dieser Äußerung hinreißen lassen, die von ihm nicht unbeantwortet bleiben durfte, wenn er sich den Respekt seiner Leute bewahren wollte. Ich hatte gemeint, was ich sagte, ja. Doch jetzt...
Ich wollte nicht sterben. Nicht so. Schon allein Pelagius wegen, durfte ich nicht einen solch sinnlosen Tod wählen.
Zornig starrte ich in das Gesicht des Sarmaten und wusste, ich hatte eine Entscheidung zu treffen. Wut und Verzweiflung tobten in mir und ich keuchte schwer, mein Haar noch immer in seinem Griff, seine dunklen Augen wie ein Bann, dem ich mich nicht entziehen konnte.
„Leben...,“ presste ich schließlich hervor, meine Stimme rau mit unterdrückter Wut, und seine Augen funkelten mit dem Triumph des Siegers. Mich selbst in diesem Moment mehr als alles andere hassend, schlug ich die Augen nieder, Zorn und Scham wie ein sengendes Feuer auf meinem Gesicht.
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