"High Priced"
Teil 1
von Vagabond & Nyx

 

~Orlando~

Der junge Mann saß gelangweilt an der Bar aus dunklem Holz, auf einem der unbequemen Barhocker und beobachtete den Barkeeper, der ihm einen Espresso machte. Er war müde und fühlte sich ausgelaugt. Er hasste es, wenn sie die ganze Nacht blieben und man sie am nächsten Morgen nicht mehr los wurde. Es war noch nicht viel Betrieb an diesem Abend, obwohl es bereits spät war, ein Wochenende, aber trotzdem ließen die potentiellen Kunden auf sich warten.

Orlando ließ seinen Blick umherschweifen. Das Licht war gedämpft und durchdrang die verrauchte Luft kaum, die schwer im Raum hing und alles einhüllte wie dichter Nebel. Die dicken Vorhänge aus Samt verhinderten neugierige Blicke von Besuchern in die Korridore die zu den Zimmern führten, und die Bühne war noch leer.

Endlich öffnete sich die Tür und die ersten Gäste betraten die Bar. Orlando sah ihnen über den Rand seiner Espressotasse zu, wie sie den Raum betraten, sich umsahen und sich in einer Ecke weit hinten, nahe dem Ausgang nieder ließen, während sie aufgeregt miteinander sprachen. Touristen, schoss es ihm durch den Kopf. Wie er das hasste. Diese Männer, die einmal kamen, ihr Vergnügen wollten, aber nicht bereit waren zu zahlen oder alles nur anstarrten, als würden sie vor einem Ausverkaufschaufenster stehen im Supermarkt.

Es folgten kurz darauf noch ein einzelner Mann im grauen Anzug – Finanzbeamter, nicht zu gebrauchen, abgehakt – und zwei Männer mittleren Alters, die beide keine Krawatte trugen – Sportsfreunde, die besser in der Natur geblieben wären. Seufzend wandte sich Orlando wieder um und strich sich kopfschüttelnd eine dunkle Haarsträhne aus den Augen.

Looser.

Die spielten alle nicht in seiner Liga. Wundervoll. Für so etwas gab er seinen Luxuskörper nicht her, immerhin wusste er, was er wert war, und er hatte in all den Jahren gelernt, einzuschätzen, was die Leute bereit waren zu zahlen. Und die, die hier waren, gehörten alle nicht zu der zahlungsfreudigen Kategorie. Auch wenn die meisten dachten, dass es nur um seinen Körper ging, so wusste er doch, dass es anders war. Sie alle hatten Unrecht.

Er sah sich die Leute an, scannte sie und zerpflückte sie in ihre Einzelteile, analysierte, was er sah und setzte alles neu zusammen. Das war sein Job, herauszufinden, wer bereit war am meisten für seinen Körper zu bezahlen. Der Rest war nur mehr Nebensache, nicht für seine Kunden, aber für ihn. Für ihn zählte nur, wie dick das Bündel von Geldscheinen war, das er entgegennehmen konnte. Er gehörte nicht zu den naiven Idioten, die wirklich glaubten, dass sie irgendwann die große Liebe finden würden oder aus diesem Sumpf hier heraus kommen konnten, um ein neues Leben anfangen zu können.

Das versprach ein wirklich toller Abend zu werden. Nervös und frustriert spielte er mit dem breiten Silberring an seiner linken Hand. Er hatte einen gewissen Umsatz zu erreichen an einem Abend und wenn er den nicht schaffte, bedeutete es, dass er am nächsten Abend umso mehr zu tun hatte. Er hasste das, aber so war das Geschäft. Und im Augenblick sprach nichts dafür, dass er auch nur annähernd soviel Geld verdienen würde, wie er musste. Er war der Star dieser Bar, das war keine Frage und niemand bezweifelte diese Tatsache, aber dennoch gab es auch für ihn Richtlinien, die er einzuhalten hatte... und dazu gehörte, dass am Morgen, wenn alle gegangen waren, die Kohle stimmte. Tat sie das nicht, hatte er ein Problem. Er. Nicht sein Zuhälter. Er ganz allein.

Der junge Mann griff nach einem Päckchen Zigaretten, die vor ihm auf der Theke lagen und wandte dem Raum den Rücken zu, während er sich eine davon anzündete. Er inhalierte tief, das beruhigende Gefühl, das ihm der
nikotinhaltige Rauch vermittelte, genießend. Er hatte sich beinahe unter Kontrolle, niemand würde das leichte Zittern seiner Hände bemerken. Er hatte sich gestern Nacht selbst zu viel Spaß erlaubt und heute morgen mit
Schrecken festgestellt, dass von dem weißen Pulver nichts mehr übrig geblieben war, dass ihm einer seiner Bekannten verkauft hatte.

Während er die Espressotasse von sich weg schob und einen weiteren langen Zug von der Zigarette nahm, drehte sich Orlando zurück, um den Raum wieder sehen zu können und sein Blick fiel auf... ihn.

Der große, blonde Mann, der an einem der vordersten Tische an der Bühne Platz genommen hatte, strahlte eine anziehende Selbstsicherheit aus, die ihm eine beeindruckende Präsenz verlieh. Das schwarze, weich fallende Seidenhemd, das er trug – sündteuer und mit Sicherheit von einem Designer, gut, also zahlungsfähig – unterstützte die interessante Erscheinung nur noch mehr. Zwei der Mädchen hatten den neuen Gast in Empfang genommen und bemühten sich nun abwechselnd um ihn. Orlando fluchte innerlich vor sich hin. Das durfte nicht wahr sein. *Er* wollte dieses Geschäft, er wollte ihn haben und er würde ihn bekommen.

So straight konnte der Typ gar nicht sein, dass er das nicht schaffen würde.


~Sean~

'Schau dir den Club mal an, der läuft wirklich gut... könnte sich lohnen, Sean.' Genau das waren Karl's Worte gewesen. Und da Karl meistens richtig lag, hatte Sean sich drauf eingelassen. Nicht das er wirklich noch mehr Clubs bräuchte, ihm gehörte beinahe die halbe Stadt, aber besser ihm, als der Konkurrenz. Deswegen war Sean nun hier, ließ seinen Blick desinteressiert durch den Raum und über die 'Auslage' schweifen, und langweilte sich. Was nichts neues war. Sean langweilte sich ständig. Wahrscheinlich nichts ungewöhnliches, wenn man alles kaufen konnte, was sich mit Geld bezahlen ließ. Und das war eine ziemliche Menge. Für ihn, gab es einfach keine Kicks mehr...

Sean lehnte sich in seinem Sessel zurück und wartete darauf, das die Show begann. Er ließ es zu, das eine der Mädchen, die versuchten ihm seinen Aufenthalt hier angenehm zu machen, ihre Hand auf Wanderschaft gehen ließ, während die andere es sich auf der Stuhllehne bequem machte und ihren spärlich bekleideten Busen in sein Gesicht drängte. Er ließ es zu, aber es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Mädchen wie die hatte er zur Genüge gehabt. Als pinkfarbene Nägel sich an dem Reißverschluß seiner Hose zu schaffen machten, genügte ein Blick aus kalten grünen Augen, um die Hand des Mädchens zu stoppen. "Verschwinde."

Die Rothaarige zuckte erschrocken zusammen, und blickte verwirrt zu einem dunkelhäutigen Mann im Hintergrund, den Sean bereits als den Manager kennengelernt hatte. Dieser schritt nun hektisch heran, um das ‚Mißverständnis' zu klären. "Entschuldigung, Euer Lordschaft, es ist mir wirklich unangenehm..." Energisch bugsierte er die nun offensichtlich um ihren Job besorgte Kleine hinaus, um sie durch eine ebenso langweilige Brünette zu ersetzen. Die beschränkte sich jedoch nun vorsorglich darauf, Sean die Drinks zu reichen und nett auszusehen. ‚Seine Lordschaft' verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen, und schaute sich weiter um.

Der Laden an sich war wirklich nicht schlecht. Das meiste konnte man wohl so lassen. Natürlich einige entscheidende Veränderungen was das Personal anging, aber ansonsten... Sean's Blick blieb erneut an der Bar hängen. Oder vielmehr an dem jungen Mann der dort lässig auf einem der Barhocker saß. Nicht schlecht... Hübscher sexy Körper, ein Lächeln wie aus der Zahnpastawerbung – einen Tick zu perfekt, um spontan zu sein – und darüber die Aura der sorglosen Unschuld. Genau die Art von Nutte, mit der sich das meiste Geld verdienen ließ. Offensichtlich setzte dieser Club mehr auf seine Jungs...

Sean ließ seinen Blick gerade lange genug über den Körper des anderen gleiten, um zu zeigen, dass er gewillt war, sich mehr von ihm anzusehen, bevor er sich wieder seinem Drink zuwandte. Vielleicht war dieser Abend ja doch noch für eine Überraschung gut.


~Orlando~

Orlando kannte die Blicke, er kannte sie alle – die abweisenden, die einladenden, die gierigen, die verzweifelten und die interessierten. Und der Blick, den ihm der unverschämt attraktive und vor allem nach viel Geld aussehende Mann an dem Tisch zuwarf, war distanziert, aber nicht abgeneigt.

Orlando verharrte ruhig auf seinem Platz, um dem Mann die Zeit zu geben, die er brauchte, um ihn zu mustern und ein Urteil zu fällen. Er wusste wie das Geschäft lief: Niemand kaufte die Katze im Sack, nein, jeder wollte die Ware begutachten, die er sich mitnahm. Er hasste es – nicht weil man ihn anstarrte und einem visuellen Test unterzog, sondern weil er wusste, dass er das nicht nötig hatte. Er bestand jeden Test. Noch nie hatte sich jemand über das beschwert, was er für sein Geld bekommen hatte. Doch er kannte die Spielregeln und würde sich hüten, sich ein Geschäft durch Ungeduld und laienhaftes Auftreten zu vermasseln.

Der durchdringende, forschende Blick des älteren Mannes löste sich von seinem Körper und er wandte sich wieder seinem Drink zu. Orlando erlaubte sich ein zufriedenes Lächeln, bevor er seine Zigarette ausdrückte und sich mit einem tiefen Atemzug bereit machte. Let’s get the Party started...

Er beachtete die anderen Gäste nicht, die inzwischen an den Tischen Platz genommen hatten und deren Blicke ihm auffordernd folgten. Er war das gewohnt. Es war immer so. Jeden Abend. Er wusste, dass er das Zugpferd der Bar war... Orlando ignorierte die Blicke der anderen, er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte. Der Kerl stank förmlich nach Geld und würde genug bezahlen, damit Orlando sein Soll des Abends erreichen konnte, ohne sich ein zweites Mal verkaufen zu müssen.

Der jüngere Mann blieb vor dem Tisch des anderen stehen und nahm ihm damit die Sicht auf die Bühne, auf der sich soeben eine üppige Blondine lasziv zu räkeln und auszuziehen begann. Den Blick gesenkt, wartete Orlando einen Augenblick, um dem Mann abermals Gelegenheit zu geben, ihn anzusehen – in seinen schwarzen, tief sitzenden Jeans und dem engen, knallgelben Shirt, das jede Erhebung seines Oberkörpers nachzeichnete. Er wusste, dass er nichts Buntes tragen sollte, aber er hasste es, Schwarz gekleidet von Kopf bis Fuß herum zu laufen. Seine Hände spielten mit dem Ring an seinem Daumen.

Er war nicht nervös. Er hatte das hier oft genug getan, er war keiner dieser dämlichen Anfänger mehr, aber er wollte das hier schnell über die Bühne bringen. Er fühlte sich ausgelaugt und müde. Wieso nur, verdammt, hatte er gestern Nacht nicht daran gedacht, noch etwas Stoff für heute übrig zu lassen?

Er warf den beiden Frauen einen Blick zu, der keinen Zweifel darüber ließ, dass er nun das Revier hier übernahm, doch keine der beiden wagte es, sich vom Gast unaufgefordert zu entfernen.

Er hob den Blick und tiefe braune Augen trafen auf smaragdgrüne, die ihn verärgert musterten. Orlando zuckte kaum merklich zusammen und die Gedanken in seinem Kopf jagten sich. Was? Was hatte er falsch gemacht? Ihm war doch kein Fehler unterlaufen? Er ermahnte sich selbst zur Ruhe und ließ den Blick des anderen nicht los. Er wollte ihn und er würde ihn kriegen. Er verzog den Mund zu einem Lächeln, einladend, freundlich, nicht ohne eine Spur von Zynismus auszustrahlen. Er spreizte seine Beine ein wenig, sich präsentierend, um die Einladung perfekt zu machen.


~Sean~

Sean hob langsam eine Augenbraue und blickte den dreisten Burschen vor sich verärgert an. Sicher, er hatte ihm indirekt mitgeteilt, seinen hübschen Arsch hier herüber zu bewegen, aber das der Junge ihm anscheinend absichtlich den Blick auf die Bühnenshow versperrte, war doch ausgesprochen unverschämt. Nicht das ihn das dralle Blondchen dort oben besonders interessierte, aber ihre wackelnden Titten hatten irgendwas hypnotisch beruhigendes an sich...

Sean spreizte seine Beine ein wenig und nahm erneut einen Schluck von seinem Drink. Genüsslich ließ er ihn seine Kehle hinuntergleiten, den dunkelhaarigen Burschen dabei im Auge behaltend. Der Kleine schien nervös zu werden... gut. Sean mochte es nicht, wenn Leute glaubten, mit ihm spielen zu können, ihn durchschauen zu können.

Betont langsam stellte Sean das Glas wieder vor sich auf den Tisch, und lehnte sich dann relaxt in seinem Stuhl zurück. Eine Zeitlang starrte er sein Gegenüber nur an, sonnte sich in dem Gefühl des Unbehagens, das er offensichtlich verursachte. "Dein Shirt..." sagte er dann so beiläufig wie möglich, während er sich wieder ganz der Brünetten an seiner Seite widmete, sanft die Innenseite ihrer Schenkel auf und ab streichelnd. "Zieh es aus..."


~Orlando~

Orli legte für den Bruchteil einer Sekunde die Stirn in Falten und musterte den Mann abschätzend und zögernd. Der beiläufige Ton gefiel ihm nicht. Es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, wen er vor sich hatte. Die zweitklassige Stripperin, die sich dort oben auf der Bühne abmühte oder ihn, den besten Mann dieses Clubs. Doch die kleine Spur von Ärger verflog genauso schnell wieder, wie sie gekommen war. Er war Profi genug, um jetzt richtig zu reagieren. Und er war vor allem gut genug, um dem reichen Gast vor sich noch vor Verlangen betteln zu lassen und ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Langsam hob er seine Hände zum Saum seines Shirts, spielte ein wenig damit und hob es schließlich an, seinen flachen Bauch entblößend, während er seinen Blick keine Sekunde von dem des anderen Mannes löste.

Seine Hände strichen über die Haut, schoben den Stoff weiter nach oben, seine Finger streiften fast beiläufig seine Brustwarzen, umkreisten sie und ihm entging nicht der intensive Blick des Gastes, dessen Augen begutachteten, abschätzten und einordneten. Er schien zufrieden zu sein, mit dem was er bisher sah.

Orlando ließ seine Hände abermals ein Stück nach unten gleiten, denn obwohl er nur zu gut wusste, dass die Ware getestet werden wollte, bevor man kaufte, so kannte er seine Qualitäten und wollte nicht zu voreilig vorgehen.
Als sich Ungeduld im Blick des anderen ausbreitete, zog er das Shirt über den Kopf und ließ es achtlos neben sich auf den Boden fallen. Abermals glitten seine Hände über den jetzt völlig nackten Brustkorb.

Er wusste, dass er gut aussah. Er brauchte sich für keinen Zentimeter seines Körpers zu schämen und er präsentierte ihn gerne, denn damit verdiente er sein Geld. Gutes Geld. Viel Geld. Ein siegessicheres Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit.


~Sean~

Sean erlaubte sich ein leichtes selbstgefälliges Grinsen. Es war nicht zu übersehen, das der Junge alles daran setzte, ihm zu gefallen. Wie dringend brauchte er wohl die Kohle? Sean's Blick fuhr prüfend über den gutgebauten Körper vor ihm. Sehr athletisch... und wunderschön gebräunt. Sean mochte das. Der Bursche gehörte zweifellos zu den besten die hier anschafften.

Er konnte die lüsternen Blicke der anderen spüren, wie sie neidisch und gierig an dem jungen Körper hingen, der für sie nun scheinbar unerreichbar geworden war. Niemand war so dumm ihm etwas streitig zu machen. Das unverhohlene Begehren der anderen allein, war schon Grund genug, den Süßen heute Nacht mitzunehmen. Dinge zu kaufen, nur um sie anderen wegzunehmen, hatte einen ganz eigenen Reiz. Die Summe, die er dafür zahlen mußte, war Sean ganz egal. Aber das mußte der Junge ja nicht wissen...

Die zur Schau getragene Arroganz des Wuschelkopfs war amüsant. Sean wollte sie nur zu gerne erschüttern. "Weiter", befahl er und gönnte sich erneut einen Schluck von seinem Drink. Es war eine ziemlich heiße Darbietung, das mußte selbst Sean zugeben. Der Junge verstand sein Handwerk.

Er wartete, bis der andere schließlich völlig nackt vor ihm stand, und ließ dann seinen Blick ausgiebig über dessen Körper gleiten. "Dreh dich um", sagte er schließlich, mit zynischem Unterton, und lachte leise, als er den
Hauch von Röte wahrnahm, der dem Jungen - vor Ärger oder vor Scham, konnte Sean nicht so genau sagen - in die Wangen stieg.

"Also schön... sieh mich an..." Sean blickte dem anderen geradewegs in die Augen, kalkulierend, abwägend. "Warum glaubst du, sollte ich dich kaufen, hm? Was glaubst du, kannst du mir geben, was ich von keiner anderen kleinen Nutte hier kriegen würde?"


~Orlando~

Weiter? Orlandos Augen weiteten sich für einen Moment lang ungläubig und ein zweifelndes Lachen kam über seine Lippen. Das konnte nicht sein Ernst sein. Doch ein Blick in die grünen Augen, die seinen ruhig und ernst erwiderten, ließen keinen Zweifel offen. Es war sein Ernst.

Er wollte widersprechen, verweigern, was man ihm befahl, aber sofort wurde ihm klar, dass der Mann vor ihm das nicht hinnehmen würde. Der Kunde war König, nicht wahr? So einfach waren die Regeln in diesem Haus. Und wie dumm wäre er, würde er sich die Chance auf eine gut bezahlte Nacht entgehen lassen. Und wer wusste schon, wie lange es dauern würde? Vielleicht brauchte er den Kerl nicht einmal die ganze Nacht in seinem Bett zu ertragen, vielleicht würde ein kurzer Fick oder ein Blowjob reichen.

Widerwillig gehorchte er. Noch nie hatte jemand von ihm verlangt hier vor allen Leuten zu strippen. Noch nie. Es war erniedrigend und unter seinem Niveau. Oh ja, er wusste, dass sich all die anderen darüber freuten und jede seiner Bewegungen gierig verfolgten, sich wünschten, dass sie so nah vor ihm sitzen würden. Er konnte ihre Blicke auf sich spüren, als würden ihn ihre klebrigen, schweißnassen Hände berühren. Wie ekelhaft sie doch alle miteinander waren.
Erneut fiel sein Blick auf den Mann vor sich. Im Grunde hatte er trotz der ungewöhnlichen Forderung Glück gehabt. Er war gepflegt... und hatte Geld. Niemals vergaß Orli das Geld.

Ein Lächeln, das Einverständnis bekundete und mehr als pure Verführung war, und schon öffnete er langsam die Knöpfe seiner Hose, während er mit den Hüften im Takt zu der Musik wippte, die aus den Boxen zu hören war. Er kannte das Lied auswendig, es war jeden Abend das gleiche. Gleich wie alles andere auch. Seine Hände glitten über seine Leisten nach unten, dann kreisend wieder nach oben, wo er seine Daumen in die Gürtelschlaufen einhakte und die Hose Stück für Stück über die Hüften nach unten zog.
Er streifte die Schuhe ab, stieg aus der Hose und zögerte ein wenig. Fast fragend, als wollte er sich vergewissern, dass er wirklich tun musste, was man von ihm eben verlangt hatte, hielt er den Blick des blonden Mannes fest. Als er glaubte, ein leichtes Nicken zu sehen, atmete er noch einmal tief ein und ließ auch den Tanga den anderen Kleidungsstücken folgen. Der kühle Luftzug der Klimaanlage streifte seine Haut.

-„Dreh dich um.„- Orli schluckte jede Entgegnung widerstrebend hinunter, doch bewegte er sich keinen Zentimeter mehr. Was glaubte der Kerl, wer er war? Zum ersten Mal fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen war, sich genau diesen Gast auszusuchen. Ein gelangweilter Perverser, der ihn vor allen Leuten hier nehmen wollte? Orli korrigierte sich selbst. Ein REICHER gelangweilter Perverser.

Gerade als Orlando in Erwägung zog zu tun, was er wünschte, schien es sich der Mann anders überlegt zu haben. Er wollte doch, dass er ihn ansah. Fein, alles, wenn die Kohle stimmte. Orlando zuckte zusammen. Er war nachlässig gewesen. Er war weiter gegangen als er durfte. Er hatte verabsäumt den Preis zu vereinbaren, festzulegen, was lief und was nicht. Verärgert über sich selbst entgingen ihm beinahe die Worte, die an ihn gerichtet waren.

-"Warum glaubst du, sollte ich dich kaufen, hm? Was glaubst du, kannst du mir geben, was ich von keiner anderen kleinen Nutte hier kriegen würde?"-

Kleine Nutte? Der Kerl verglich ihn mit den anderen, die hier arbeiteten? Der Ärger kehrte zurück und mit ihm auch sein Stolz und seine Sicherheit.
Zeit, Klartext zu reden und mit den albernen Spielereien aufzuhören. Business time.

Orlis Ausdruck veränderte sich. Ein beiläufiges Lächeln und ein wissendes Seufzen, als wäre die Frage es nicht wert beantwortet zu werden. Er näherte sich dem noch immer sitzenden Mann, nahm ihm das Glas aus der Hand, leerte es in einem Zug und stellte es beiseite.
Mit gespreizten Beinen stand Orli über ihm, seine Hände ruhten auf dessen Schultern und seine Lippen waren nah genug, dass er ihn hätte küssen können.

„Wir sollten etwas klarstellen...,„ langsam ließ er sich auf Seans Schoß nieder, rieb sein Glied an dem des anderen, getrennt durch den Stoff der teuren Hose, um sich sofort wieder zu erheben. „... erstens kaufst du mich nicht. Du bezahlst für Sex, das ist ein Unterschied. Und zweitens bin ich nicht wie die anderen hier. Ich bin besser. Der beste. Aber... sind Worte nicht Zeitverschwendung? Ich könnte es Dir auch zeigen, wenn...,„ Orlandos Lächeln wurde zu einem vielsagenden Grinsen. „Wenn die Bezahlung stimmt, natürlich.„


~Sean~

Im ersten Moment war Sean ordentlich verdutzt, aber nachdem er sich wieder gefasst hatte, lachte er zum ersten Mal an diesem Abend in offenem Amüsement. Wie erfrischend der Kleine doch war. Noch so wunderbar naiv, irgendwie unverbraucht. Entzückend.

"Natürlich..." grinste er, und zog den Jungen wieder zurück auf seinen Schoß, so dass der sein Interesse deutlich spüren konnte. Das die beiden Mädchen dabei recht unsanft von der Stuhllehne gestoßen wurden, war ihm egal.

Doch so plötzlich wie sein Lächeln gekommen war, verschwand es auch wieder. Seine eleganten Finger nahmen Orlando's Kinn in einen harten Griff und prüfend drehte er das hübsche Gesicht hin und her, den Kopf des Jungen näher zu sich heranziehend.

"Hör mir genau zu," flüsterte er, und legte einen Arm um Orlando's Hüfte, um ihn am wegrutschen zu hindern. "Ich werde deinem Zuhälter jeden Preis bezahlen, er darf ruhig unverschämt sein - aber dafür gehörst du diese Nacht mir. Ich werde mit dir tun, was ich will..."

Fast augenblicklich konnte Sean die Angst und den Zweifel in den Augen des Jungen sehen, aber als er in seine Tasche griff, um ein paar Geldscheine und einen Barscheck herauszuholen, siegte offensichtlich die Gier und der junge Mann nickte einwilligend.

"Hier", lächelte Sean wissend und deutete zu dem großen Schwarzen im Hintergrund. "Er soll die Summe eintragen, die er für angemessen hält." Und ein dickes Bündel Scheine in Orlando's Hand drückend, fügte er hinzu: "Für die nette Show..."


~Orlando~

Erneut befiel den jungen Mann ein ungutes Gefühl, als Sean ihn zurück auf seinen Schoss zog und ihn mit festem Griff zwang ihn anzusehen. Doch Orli konnte den Gedanken nicht fassen, zu ungenau und verschwommen war das Unbehagen, das er empfand, als er nackt und von unzähligen Augenpaaren angestarrt, auf dem reichen Gast saß. Wieso nur konnte er sich so schlecht konzentrieren? Wieso nur hatte er kein Koks übrig gelassen. Wie dumm konnte man denn sein?
Dennoch zögerte er, als ihm der Mann einen Scheck entgegen hielt. Eine angemessene Summe? Selbst eintragen? Diese Worte übertönten die Forderung, die ihn hätten warnen sollen.

Orli spürte, wie seine Finger gespreizt und ihm etwas in die Hand gedrückt wurde. Ohne sich zu rühren, senkte er den Blick und erspähte ein dickes Bündel Geldscheine. Das Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück und ließ die letzten Zweifel verschwinden. Wenn jemand bereit war so viel Geld für einen zu bezahlen, was würde er dann erst für das volle Programm hinblättern?

Mit einem atemberaubenden Lächeln, das Herzen dahin schmelzen ließ, wand sich Orli aus dem Griff des Mannes, um sich zu erheben. Er bückte sich nach seiner Hose, doch ein schneller Griff nach seinem Handgelenk hinderte ihn daran.

"Die wirst du heute nicht mehr brauchen."

Die Stimme des anderen war ruhig, nur für Orlando zu hören, und wieder mit diesem Hauch eines amüsierten Lächelns unterlegt, und doch war klar, das er keinen Widerspruch dulden würde. Der jüngere Mann verharrte mitten in der Bewegung und musterte seinen Kunden ernst, ehe er ihm seine Hand entzog, in die Hose schlüpfte, sich das Shirt über die Schulter warf und ihn angrinste, ehe er sich zum Gehen wandte.

"So viel kannst selbst du nicht bezahlen, dass ich nackt zwischen all den notgeilen Kerlen hindurch laufen würde. Wenn du willenloses Freiwild vögeln willst, dann empfehle ich dir die Looser vom Straßenstrich."

Die Entgegnung war riskant gewesen und für einen kurzen Augenblick hoffte er inständig keinen Fehler gemacht zu haben. Der andere Mann starrte ihn aufgebracht an, doch keine Entgegnung kam ihm über die Lippen. Orli schenkte ihm abermals ein breites Grinsen und machte sich auf den Weg zu seinem Chef, der im hinteren Bereich des Clubs saß und eine Zigarre rauchte.

Er drückte ihm den Scheck in die Hand und gab in knappen Worten wieder, was der Kunde ihm gesagt hatte. Allerdings hatte er einen Teil der Abmachung längst vergessen. Einen Teil, den er nicht wirklich wahrgenommen hatte, und der doch so wichtig wie das Kleingedruckte in einem Vertrag war. Die Augen des Clubbesitzers blitzten geldgierig auf.

"Dann geh! Was stehst du noch dumm hier herum! So geil ist dein knackiger Arsch nicht, als dass ich dich nicht jederzeit ersetzen könnte. Los, man lässt diesen Mann nicht warten!"

Die unterschwellige Drohung ließ Orlando kalt. Er wusste, dass er ihn nicht auf die Strasse setzen würde. Dafür war er zu gut und brachte zu viel Umsatz. Trotzdem kehrte er schnellstmöglichst zu dem Mann zurück, der noch immer an seinem Platz ganz vorne an der Bühne saß. Nein, so eine Melkkuh ließ man nicht warten, sondern trieb sie so schnell wie möglich in den Stall.
Auf seinem Weg zurück hielt ihn plötzlich eine knochige Hand am Arm fest.

„Hallo... Hi... Orli„, alleine der Klang der Stimme ließ Orlando jeder Geduld beraubt die Augen verdrehen. Nicht Atti. Nicht jetzt. So gern er den jüngeren Mann mochte, so wenig konnte er sich jetzt Zeit für ihn nehmen.

Atti war noch nicht lange hier. All das war neu für ihn und er war verloren. Er war schüchtern und liebenswert, stellte aber keine Ansprüche. Er trank, schnupfte, rauchte und schluckte alles, was ihm in den Weg kam. Nichts
exzessiv, aber dennoch alles eben. In Attis Art lag etwas, das Orlando an sich selbst erinnerte, doch er hatte den richtigen Weg eingeschlagen, als er an der Kreuzung gestanden hatte. Atti würde das nicht tun. Schon jetzt war sein Weg vorgezeichnet und er dazu bestimmt, in der unteren Liga bei all den schlecht bezahlenden Touristen, Beamten und Geizhälsen zu bleiben.

„Atti...„, Orli zwang sich zu einem Lächeln, als er dem anderen ins Gesicht sah. Er sah schlecht aus. Dunkle Augenringe beherrschten sein Gesicht und er war viel zu dünn. „Nicht jetzt. Ich kann jetzt nicht. Siehst du den Mann da vorne? Mein Job. Und du, arbeite und verdiene Geld, oder der Boss setzt dich schneller auf die Strasse, wie du denkst.„

Er mochte den anderen Mann, der nur wenig jünger war als er selbst, aber doch so unerfahren und hilflos war wie ein Kind in diesem Geschäft. Gerne hätte er ihm geholfen, aber nicht jetzt. Nicht, wenn nur ein paar Meter entfernt das Geschäft seines Lebens auf ihn wartete. Kurz entschlossen zog er einen Schein aus dem Geldbündel, als er Attis enttäuschten Blick sah, der sich zu Panik zu steigern drohte, und drückte ihn ihm in die Hand.

„Hier, das wird helfen. Geh und besorg dir Stoff, irgendwas, was deine Laune hebt und dich munter macht, damit du deinen Job tun kannst„, noch ein aufmunterndes Lächeln und schon war Orli wieder bei seinem wartenden Gast.

"Gut, er sagt, das Geschäft läuft... lass uns gehen. Hier entlang."

Orli deutete in die Richtung, in der die Zimmer lagen, doch der unbekannte Gast hatte andere Pläne.

 

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TEIL 2

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