"SubMission"
Teil 20
by Beryll & Vagabond

 

Glitzerndes High-Tech Spielzeug, barocke Spiegel, Samt und Seide, schwere antike Möbel, Glas und Stahl - all das ging in Orlis Gemächern eine perfekte Synthese ein. Ergab ein Gesamtbild wie es kein Designer besser hätte erschaffen können.
All diese Dinge hatte sich Orli gewünscht solange er sich zurückerinnern konnte. Für nur einen Hauch hiervon hatte er sich von widerlichen alten Männern durchficken lassen. Hatte er getan, was immer man von ihm verlangte. Und trotzdem war es immer weit außerhalb seiner Reichweite geblieben. Nicht mehr als ein Traum.
Nun lebte er in diesem Schlaraffenland, all diese schönen Dinge sein Eigen im Überfluss.
Aber er lebte nicht wirklich und alles was er sich jetzt wünschte, war ein Paar Augen die ihn ehrlich und offen ansahen, ein Gesicht, das nicht Angst oder Abscheu spiegelte, wenn es ihn ansah.
Aber das gab es nicht im Turm seiner Mutter.
Nur sie sah ihn anders an. So kalt, so berechnend, so voller eisiger Zuneigung, daß er nach jedem ihrer Besuche sicher war, daß wieder ein Stück seiner Seele gefroren und abgebrochen war.
Aber noch war er nicht ganz tot. Noch kannte er Sehnsucht und Einsamkeit und Schmerz. Aber langsam begann er sich zu fragen, ob das gut war, ob er weiter daran festhalten oder sich ihr ganz ergeben sollte.
Sie hatte ihm all dies gegeben. Sie konnte es ihm auch wieder nehmen. Er sollte Angst vor ihr haben. Warum war es ihm dann so egal?
Als der Befehl sich im Thronsaal zu melden kam, ließ er sich Zeit. Er war nicht dasselbe gehorsame Schoßhündchen wie dieser Elf. Wie sehr er sie auch fürchtete, noch war er nicht bereit loszulassen.
So schlenderte er gemächlich durch die hallenden Flure, die ihn so mit Entsetzen erfüllt hatten, als er das erste Mal hindurchgeschleppt worden war. Aber damals war alles anders gewesen. Damals war er noch am Leben gewesen.
Erst als er an dem gewaltigen Portal anlangte, hinter dem der Saal von Mutter lag, verdüsterte sich seine Miene. Denn dort wartete auch Sean.

Stumm, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wartete er vor dem Thronsaal auf Orli, der sich anscheinend mal wieder alle Zeit der Welt ließ, Mutters Befehl nachzukommen. Aber was interessierte es ihn. Sean hatte andere Sorgen. Er bemühte sich sein Gesicht unbewegt und ausdruckslos erscheinen zu lassen, die kühle Fassade wiederzuspiegeln, die er sonst immer zu Schau trug, aber er wusste es gelang ihm nicht mehr ganz. Zu groß war seine Unsicherheit geworden, seine Besorgnis um Viggo und um sein eigenes Schicksal.
Erneut schweiften seine Gedanken ab, beschäftigten sich mit dem Menschen, der in Seans Gemächern auf ihn wartete und der seit dem Tod von Pink so seltsam abwesend wirkte, beinahe fremd. Sean vermisste die Wärme, die Viggo sonst immer ausgestrahlt hatte, seine offene Zuneigung. ‚Er muß den Schock erst mal verarbeiten,’ sagte er sich, aber tief im Inneren fürchtete er, daß Viggo ihm entglitt.
Das Geräusch von sich nähernden Schritten riss Sean aus seinen düstere Gedanken. Der junge Vampir war nur noch wenige Meter entfernt, als Sean ihn endlich bemerkte. Ärger stieg in ihm auf wegen dieser Unaufmerksamkeit. Wie nachlässig er geworden war. Seine grünen Augen richteten sich missmutig auf Orli, dem dieser kleine Ausrutscher anscheinend auch nicht entgangen war.

Sein 'Bruder' wirkte ungewöhnlich geistesabwesend und Orli fragte sich mit einem Anflug von Ärger, ob er vielleicht mehr wusste als Orli. Ob Mutter ihn vorab informiert hatte, was sie von ihnen wollte.
Er wusste sehr wohl, daß die Fürstin ihn noch immer mehr ins Vertrauen zog als ihren neusten Nachkommen. Und wenn sie damit auch durchaus recht hatte, gönnte Orli es dem Elfen dennoch nicht.
Er wusste auch, daß kürzlich ein wichtiges Ritual stattgefunden hatte. Immerhin hatte der ganze Turm gewackelt und hinterher waren alle auf Samtsohlen herumgeschlichen, um der Fürstin nur ja nicht aufzufallen, weil irgendetwas schief gegangen war. Aber worum es genau gegangen war, wusste Orli nicht. Nur, daß Sean dabei gewesen war.
"Na, Brüderchen," sprach er den älteren Vampir nun an, die Hände lässig in den Hosentaschen vergrabend, "was grübelst du so? Probleme?"

Sofort verengten sich Seans Augen zu Schlitzen. Was wusste der Kleine? Der ältere Vampir musterte den jungen Mann genau, ließ seinen Blick über die teuren Klamotten des Jungen gleiten, die, wie er wusste, alle von der Hand eines Designers stammten. Das Nesthäkchen machte allen Anschein nach das Beste aus seiner Lage.
Es war Sean auch nicht entgangen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Orlando nun in diesen Räumen bewegte. Nicht mehr vorsichtig und lauernd, wie anfangs noch, bemüht, nicht allzu sehr aufzufallen. Nein, jetzt war er ganz der neue Prinz an Mutters Seite, der seinen Kopf hoch trug und zuweilen eine so eisige Arroganz ausstrahlte, daß er beinahe Sean Konkurrenz machte. ‚Aber nur beinahe.’
Sean lächelte abschätzig, die Frage des Jüngeren absichtlich überhörend. Statt dessen hob er eine Augenbraue und meinte in gelangweiltem Tonfall: „Schön das du auch mal geruhst hier aufzukreuzen, Brüderchen. Hast dir ja wieder mal Zeit gelassen. Machst du das eigentlich absichtlich, oder bist du einfach nur so langsam?“

Orli lachte. Was für eine armselige Riposte. Der Elf war auch schon mal bissiger gewesen. Anscheinend verlor er mit Mutters Zuneigung auch seine Selbstsicherheit and seine Spritzigkeit. So würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihn auf die Straße setzte. Oder vielleicht auch an jemanden verfütterte, der das zu schätzen wissen würde. Orli zum Beispiel.
Er musterte Sean herablassend. Ja, der Elf wirkte verunsichert, beinahe nervös, seine eisige Rüstung hatte offensichtliche Sprünge und es befriedigte Orli ungemein, daß er der Grund dafür war.
"Tja... ich hab es nicht nötig wie ein Jagdhund angesprungen zu kommen, wenn sie ruft," antwortete er gehässig, "andere Leute haben es da offensichtlich eiliger..."

Sean konnte regelrecht fühlen, wie es in ihm explodierte, all der Druck, dem er in der letzten Zeit ausgesetzt gewesen war. In einem Anfall von plötzlicher unkontrollierter Wut überwand er die kurze Distanz zwischen ihnen, bis er so nah vor Orlando stand, das sich ihre Gesichter beinahe berührten, und konnte sich gerade noch im letzten Moment beherrschen dem anderen keine zu verpassen.
„Du magst Mutters neuer Liebling sein, aber vergiss nicht, das sie *mir* deine Erziehung übertragen hat, kleiner Bruder. – Und vielleicht sollte ich dich mal übers Knie legen, um dich ein wenig Respekt zu lehren, du kleines Insekt,“ zischte er dem jüngeren Vampir stattdessen hasserfüllt entgegen, seinen Zorn mühsam herunterschluckend. Sich vor Mutters Thronsaal zu prügeln, war bestimmt keine gute Idee, und er würde sich von dem kleinen Ekel nicht dazu provozieren lassen.

Amüsiert, selbstsicher und unbeeindruckt verschränkte Orli die Arme vor der Brust. Er wusste sehr genau, daß Sean es nicht wagen würde, hier, direkt vor Mutters Tür eine Schlägerei anzufangen. Und wahrscheinlich würde er es auch sonst nicht wagen. Die deutlichen Brüche in der Selbstsicherheit des Elfen waren nicht mehr zu übersehen. Er hatte Angst.
Er verzog den Mund verächtlich. "Ja, natürlich, Seanie. Wir wissen beide, daß du dich das nicht traust, Süßer."
Dann wandte er ihm ganz berechnend den Rücken zu und nickte den beiden Wächtern am Portal zu.
"Wollen wir dann oder hast du noch mehr dumme Sprüche auf Lager?" fragte er den Elfen über die Schulter.
Die Wächter zogen das Portal auf und ohne auch nur einen Wimpernschlag zu warten, schritt Orli hinein, als würde ihm dieser Thronsaal gehören.
Eins hatte er schon früh in seinem Leben gelernt und das war, niemals Schwäche zu zeigen.

‚Miststück.’ Kochend vor Wut und entschlossen es dem anderen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit heimzuzahlen, folgte Sean dem jüngeren Vampir. Wenigstens überlagerte sein Ärger auf Orli die Angst vor Mutter etwas. Was sie wohl diesmal von ihnen wollte?

Die unberührte Fassade aufrecht zu erhalten, als er Mutter dann tatsächlich gegenübertrat, war wesentlich schwieriger als bei Sean. Wie ein riesiges, dumpf brütendes Monster hockte sie auf dem Thron, einen Arm auf einer Lehne aufgestützt, die schlanken Füße hochgezogen, die Schwingen nicht ordentlich auf dem Rücken gefaltet, sondern leicht gespreizt. Kein Risiko eingehend, blieb Orli ein paar Schritte vom Thron entfernt stehen und wartete brav, bis sie ihn bemerkte. Sean schloss zu ihm auf, aber Orli würdigte ihn keines Blickes. Endlich schien die Fürstin aus ihrem Grübeln aufzutauchen und ihre beiden Sprößlinge zu bemerken und Orli konnte ein Schaudern nicht unterdrücken, als ein Lächeln auf ihrem Gesicht erschien, das man beinahe hätte warm nennen können.
"Da seid ihr ja, meine Lieblinge." Wie sanftes, betäubendes Gift schlich sich ihre Stimme ein und ließ beide Vampire vor ihr gefrieren. "Wie es scheint, haben auch wir Vampire mehr Glück als Verstand. Manchmal jagt man der Beute jahrelang hinterher und wenn man die Hoffnung schon aufgegeben hat, fällt sie einem plötzlich in den Schoß." Sie lehnte sich zurück und musterte Orli und Sean eine Weile schweigend. "Die so genannte Erlöserin war ein Irrtum, aber nun hat sich endlich der wahre Erlöser enthüllt. Man stelle sich vor, daß er die ganze Zeit vor unserer Nase saß. Vielleicht habt ihr schon mitbekommen, daß der Fürstin der Arcologie ein tragischer Unfall zugestoßen ist?" fragte sie in einem Tonfall, den man bei jedem anderen Wesen 'Plauderton' genannt hätte.
Orli und Sean schüttelten beide schockiert den Kopf. Vampir-Fürsten stießen keine Unfälle zu. Das gab es einfach nicht. "Sie hat wohl einen ihrer Mitarbeiter unterschätzt. Dummes, kleines Ding. Jedenfalls hat er ihren Platz eingenommen. Sympathisches Kerlchen. Mein Besuch bei ihm war sehr aufschlussreich. Seine Warmherzigkeit und Güte kann nur eine Erklärung haben: Er war dem Einfluß des Erlösers ausgesetzt."

Die Arcologie hatte also einen neuen Vampirfürsten. Und Mutter hatte ihm natürlich sofort einen Besuch abgestattet, um mit ihm die ‚Angelegenheiten’ über die Stadt zu besprechen. Was nichts anderes bedeutete, als das sie nachgesehen hatte, wie leicht sie ihn einschüchtern und manipulieren konnte. Mutters Zufriedenheit nach zu urteilen, stellte der neue Vampirlord wohl keine besonders große Bedrohung da. Aber vielleicht war er ja auch nur etwas cleverer als Liviana. Allerdings - Warmherzigkeit und Güte? Bei einem Vampir? Und dann auch noch einem Lord! Ausgeschlossen. Andererseits – auch Sean hatte sich schließlich geändert. Hatte durch Viggo die Fähigkeit wiedererlangt, zu fühlen, zu...
Mit einem Ruck schnellte Seans Kopf nach oben, den er ehrfürchtig gesenkt hatte, und er blickte seine Mutter direkt an. Ihre Worte vom Vortag hallten noch immer in seinen Gedanken nach, erfüllten ihn nun mit einem furchtbaren Verständnis. 'Gib mir gut auf ihn Acht, mein Liebling, er wird noch gebraucht.'
Der Erlöser...Viggo... diese Augen, denen er nicht entkommen konnte, die ihm soviel Schmerz bereiteten, und gleichzeitig soviel Glück schenkten... Mutter, die Sean am Leben ließ trotz seiner offensichtlichen Schwäche... die Viggo leben ließ, und Pink zerstört hatte...
Nein, das konnte nicht sein! Hatte Mutter nicht gesagt, der Erlöser befand sich in der Gewalt des Vampirlords der Arcologie?
In Mutters Augen war ein seltsamer Glanz. Eine Mischung aus Befriedigung und leichtem Spott. Die Wut in Sean wurde stärker, würgte ihn, brannte in seiner Kehle wie Säure. Sie hatte ihn benutzt. Hatte Sean benutzt, um an den Erlöser – oder einen von ihnen - heranzukommen, um Kontrolle über ihn zu haben, durch Sean. Die ganze Zeit über hatte Mutter es gewusst und ihn leiden lassen, ihn diese furchtbaren Ängste ausstehen lassen. Er war für sie nur ein Mittel zum Zweck gewesen, wie alle anderen auch. Sein Blick war voller Anklage und Enttäuschung, doch sie lächelte nur. Beinahe beruhigend, sanft. Als würde sie ein aufmüpfiges Kind belächeln.
Und Sean verstand. Mutter wusste, dass all diese Gefühle ihm bald nichts mehr bedeuten würden. Nur eine quälende Last, die er befreit abstreifen würde. Er würde mit Freuden wieder zu dem seelenlosen, kalten Monster werden, zu dem sie ihn einst gemacht hatte, und ihr noch dafür dankbar sein. - Wenn der Erlöser tot war.
Und von all den Horrorvisionen, die er beim Gedanken an Mutters Bestrafungen gehabt hatte, diese Möglichkeit war ihm nicht in den Sinn gekommen. Es schien ihm die schlimmste von allen.

Der Erlöser? In der Arcologie? Aber er hatte Pink doch für sie geholt. Wie konnte es einen Erlöser in der Arcologie geben, wenn Pink...? Die Erkenntnis brach über Orli zusammen wie tonnenschwere Felsbrocken. Pink war nicht die Erlöserin. Er hatte sie Mutter ausgeliefert, hatte sie irgendeinem entsetzlichen Schicksal überlassen - aber er hatte nicht die Erlöserin verraten. Nichts war vorbei. Das Spiel war wieder völlig in der Schwebe.
Mehr noch, er hatte Mutter dazu gebracht Morpheus und Brays Lover freizulassen und hatte dafür nur mit dem Leben einer einfachen Elfe gezahlt. Ein gutes Geschäft für seine Freunde und ein böser Rückschlag für Mutter.
Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als ihm klar wurde, was er da gerade dachte. Auch wenn er Pink nicht gekannt hatte, ihr Leben war so viel wert wie das jedes Erlösers. Das waren Mutters Gedanken in seinem Kopf. Das waren die Gedanken eines eisigen, berechnenden Monsters, das nur seinen eigenen Vorteil im Sinn hatte.
So durfte er nicht denken.
Jetzt nicht mehr.
Nicht wenn es noch Hoffnung gab, egal wie gering.
Mutters Stimme zwang seine Aufmerksamkeit zurück zur Gegenwart: "Ihr habt euch als gutes Team erwiesen, meine Lieblinge. Also vertraue ich euch auch diese delikate Aufgabe an. Ihr werdet euch in die Arcologie einschleichen und mir dieses bezaubernde Menschenkind bringen. Der Fürst hält ihn als sein Haustier in seiner Suite. Also müsst ihr allergrößte Sorgfalt walten lassen. Aber ich kann mich doch auf euch verlassen, oder?"
"Selbstverständlich." bestätigte Orli sofort, beinahe erstaunt über das kalte Selbstbewusstsein in seiner Stimme. Anscheinend waren die Monate im Horny Pony doch zu etwas gut gewesen. Er war inzwischen ein Meister darin, seine Gefühle zu verbergen.
Seans Antwort kam langsamer und Orli konnte ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Wieder ein Punkt für ihn und gegen Sean.

"Natürlich, Mutter." Zu langsam, zu leise. Er wusste es, aber es spielte keine Rolle mehr. Jetzt kannte er seinen Platz in diesem Spiel.
Sean verließ den Thronsaal zusammen mit Orli in Richtung Ressourcenlager. Waffen brauchte jemand wie er nicht, aber um in die Arcologie einzudringen, waren ein paar technische Spielereien unablässig. Sean ließ seinen Blick über die Ausrüstung schweifen, die einen Raum von den Ausmaßen einer kleinen Lagerhalle füllte. Das meiste der Hightechspielereien hier stammte aus Trinitys Hand. Sie hatte es entworfen, perfektioniert, und ihnen damit mehr als einmal einen Vorteil gegenüber der Arcologie verschafft. Livianas Leute waren gut. Trinity war besser.
Während Sean verschiedene Sachen durchging und das eine oder andere einsteckte, konnte er aus dem Augenwinkel sehen, wie Orli ein Scharfschützengewehr näher in Augenschein nahm und mit einem überlegenen Lächeln wieder ablegte. Für einen Vampir waren die meisten Feuerwaffen bloße Spielzeuge. Im Vergleich zu ihren Fähigkeiten nichts als überflüssige Accessoires.
"Hör auf herumzuspielen," tadelte er, aber ohne seine übliche Bissigkeit. Seine Gedanken folgten zu sehr anderen Pfaden. Mit einem leichten Zittern ließ er das Datapad, das einen ziemlich genauen Plan der Arcologie enthielt, wieder aus der Hand gleiten und fuhr sich übers Gesicht. ‚Ich kann das nicht,' dachte er. Zwei Erlöser. Und Viggo war einer davon. Und Viggo würde sterben, wenn er Mutter den anderen auslieferte. ‚Ich kann das nicht.' Aber was konnte er tun?
Langsam blickte er zu Orli. Seinem verhassten Rivalen. Seinem Bruder. Dessen Freunde die Erlöserin beschützt -und verraten- hatten. Sean erinnerte sich, wie der Schamane ihnen Pink übergeben hatte. Er erinnerte sich auch an Orli's plötzliches Schwanken, als er seinen Freund von früher gesehen hatte. Für einen Moment -da war sich Sean ganz sicher gewesen- hatte Orlando umkehren wollen. Wäre Sean nicht gewesen, hätte sein Bruder die Erlöserin zurückgelassen bei seinen Freunden, in Sicherheit. Wie viel seiner Menschlichkeit war wohl noch am Leben?
"Lass uns gehen, wir haben noch etwas zu besprechen," sagte er in einem plötzlich gefassten Entschluss, die Halle und den Turm so schnell hinter sich zurücklassend, wie es nur ging.

'Wir haben etwas zu besprechen'. Wieder einmal übernahm Sean die Führung ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Orli wesentlich erfahrener darin war in die Arc einzubrechen, dass er die Arc in und auswendig kannte. Hass auf seinen eingebildeten, arroganten Bruder mischte sich mit dem altbekannten Gefühl von Kälte in seinem Herzen.
Das letzte Mal... mit Harry, mit Bray.
Und davor... Heath...
Seine Füße trugen ihn ganz von allein hinter Sean her, während seine Gedanken zurückschweiften zu jener Nacht. Damals war es gewesen wie heute. Er hatte sich selbst verloren. Alles war grau und kalt geworden. Aber Heath war da gewesen. Hatte ihn aufgefangen und sein Leben mit seinem warmen goldenen Licht erfüllt.
Und nun war Heath tot.
Orli ließ sich von Sean in den Wagen schieben, ließ es zu, dass der andere Vampir das Steuer übernahm.
Heath war tot, aber die anderen, die waren noch am Leben, für die gab es noch Hoffnung, solange dieser Erlöser Mary nicht in die Hände fiel.
Zum ersten Mal seit Mutter ihm das Leben genommen hatte, wusste Orli genau was er zu tun hatte. Was Heath von ihm erwartet hätte. Er musste diesen Erlöser retten, ihn zu seinen Freunden bringen. Er musste sich selbst und ihnen beweisen, dass er immer noch einer von ihnen war.
Er war nun ein Vampir. Na und? Das machte ihn nur stärker, zu einer besseren Waffe. Er musste endlich aufhören sich selbst zu bemitleiden und wieder kämpfen. Er war schließlich schon tot. Er hatte nichts mehr zu verlieren.
Mit dem Beginn eines Lächelns wandte er seine Aufmerksamkeit seinem 'Bruder' zu.
Und als erstes würde Sean sterben müssen.

Eine ganze Weile herrschte eisiges Schweigen. Sean versuchte einen Weg zu finden das Thema, das er im Sinn hatte, am geschicktesten anzuschneiden, ohne seine Deckung gleich öffnen zu müssen; und Orli schien vor sich hinzubrüten, während er mit einem schmalen Silberring an seiner linken Hand spielte, das feingearbeitete Schmuckstück hin und her drehend.
Eine Augenbraue fragend hochgezogen, wandte Sean den Kopf, als er Orli's Aufmerksamkeit auf sich ruhen spürte. Etwas im Blick des Kleinen gefiel ihm nicht. "Was?" blaffte er, nur um sich selbst sofort innerlich zu schelten. Er wollte etwas mit Orlando besprechen, nicht einen erneuten Streit anfangen! Es gefiel Sean zwar nicht, aber wenn Viggo leben sollte, brauchte er Orli's Hilfe. Aber er mußte es geschickt anfangen, zunächst austesten wo die Loyalitäten des anderen lagen. Ansonsten konnte es passieren, daß Orlando ihn Mutter zum Fraß vorwarf. Und ganz egal ob Orlibaby noch an seinen alten Kumpels hing oder nicht, Sean war sich sicher, daß es nichts gab, was sein Bruder lieber tun würde.
"Hör mal," begann er vorsichtig, "dieser Auftrag... wenn wir das verpfuschen rollen Köpfe. Unsere Köpfe. Das ist dir doch klar, oder? Bist du sicher, du kannst das durchziehen?"
Er warf dem anderen einen prüfenden Blick zu.
"Ich erinnere mich, wie es bei mir war. Am Anfang. Kurz nach der Umwandlung. Ich weiß, daß du noch nicht alle deine menschlichen Empfindungen abgelegt haben kannst. Die Zuneigung zu deinen Freunden zum Beispiel - sie ist noch immer da, nicht wahr?"
Innerlich lauernd, wartete er auf eine Reaktion, äußerlich gelassen, während er sich langsam zum Kern der Sache vortastete.

Für einen kurzen Moment spürte Orli Panik in sich aufsteigen. Wie kam Sean gerade jetzt auf dieses Thema? Konnte er Gedanken lesen? Bei einem Vampir durchaus nicht ausgeschlossen. Aber warum fragte er dann noch so höflich and gespielt fürsorglich? Er musste dann doch wissen, dass Orli sich gerade dafür entschieden hatte, ihn aus dem Weg räumen.
Also fischte er nur im Trüben, versuchte Orli eine Falle zu stellen. Dachte Sean tatsächlich, dass Orli so dumm sein würde, sich zu verraten? Wenn er auch nur die kleinste Schwäche zeigte, würde Sean es sofort Mutter berichten und die würde seinem Dasein dann eine schmerzhaftes Ende setzten.
Auf der anderen Seite waren seine Tage sowieso gezählt. Er konnte sich nicht vor Mutter verstecken, sie würde ihn überall erspüren. Er konnte deswegen nicht zu seinen Freunden zurückkehren. Und wenn er dafür sorgte, dass der Erlöser entkam, würde Mutter außer sich sein.
Mit schmalen Augen starrte er Sean an, versuchte ihn seinem kalten, emotionslosen Gesicht zu lesen. Sean musste einen Grund für seine Vermutung haben. Orli brauchte nicht lange zu überlegen um festzustellen, wann er sich verraten hatte - als er gezögert hatte Bray Pink abzunehmen.
"Was geht es dich an?" fragte er zurück, nicht ganz so abweisend wie er es gewollt hatte. Nun - da er wusste, dass er seinen 'Bruder' töten würde sobald dieser Wagen hielt - spürte er kein Verlangen mehr sich mit ihm zu streiten.

Sean spürte die übliche Gereiztheit in sich aufsteigen, was seinen Bruder betraf. Warum mußte der Kleine ihn ständig herausfordern? ‚Weil es in seinem Blut liegt,’ gab er sich selbst die Antwort. ‚In eurem Blut.’ Der ältere Vampir knurrte ärgerlich und erhöhte das Tempo des Wagens.
„Ich weiß, daß du jetzt wahrscheinlich denkst, ich will dich austricksen. Unter normalen Umständen würde ich auch nichts lieber tun, als das zu versuchen, Kleiner. Aber es gibt keine ‚Normalität’ mehr für uns.“
Sean hielt für einen kurzen Moment inne und blickte den anderen an. Er hatte sich für den direkten Weg mit Orli entschlossen. Entweder würde ihm der andere dann helfen – oder Sean würde ihn sowieso töten müssen. Der Elf konnte seine Karten genauso gut gleich auf den Tisch packen. Ein zurück zu Mutter gab es nicht mehr. Er würde den Turm nur noch ein einziges Mal betreten, und das war, um Viggo und Trinity zu holen. Mit ein bisschen Glück auf ihrer Seite würde Mutter dann schon nicht mehr existieren. Der Gedanke schmerzte wie ein Dolch aus geschliffenem Eis, der sein Herz durchbohrte.
Er bemerkte, dass er den anderen noch immer anstarrte und räusperte sich. „Orlando, wir dürfen den Erlöser Mutter nicht ausliefern. Ich weiß, es klingt wie der absolute Widerspruch zu allem, was ich dir bisher gesagt habe, aber - wir müssen den Erlöser vor Mutter in Sicherheit bringen.“ Der Elf holte reflexartig tief Luft, kämpfte mit den nächsten Worten. „Ich bin mir sicher, dass die Menschlichkeit in dir noch nicht völlig erloschen ist. Du kämpfst noch immer dagegen an. Hör nicht auf damit. Wenn du noch immer an deinen Freunden hängst, hast du jetzt vielleicht die Chance ihnen zu helfen. Auch ich habe...Freunde... und ihretwegen werde ich mich gegen Mutter stellen, Orlando. Und ich hoffe, das du dabei auf meiner Seite stehen wirst.“

Für einen Moment konnte Orli nicht verhindern, dass seine bodenlose Überraschung auf seinem Gesicht sichtbar wurde, aber dann zwang er sich wieder seine ausdruckslose Maske auf.
Das konnte nur ein Trick sein. Ein geschickter Schachzug, sicherlich von Mutter erdacht, um ihn auf die Probe zu stellen. Niemals würde sich Schoßhäschen Sean gegen Mutter stellen. Dazu war er viel zu feige und ihr schon seit viel zu langer Zeit verfallen.
Und dennoch - schweigend starrte Orli den Elfen neben sich an und fragte sich, wie es sein konnte, dass dessen Augen plötzlich so viele Emotionen widerspiegelten, wo sie zuvor kalt wie Juwelen geblickt hatten. Er las deutlich Angst in diesen Augen, Zorn, Entschlossenheit und noch mehr, das er nicht sofort zu erkennen vermochte. Auch ein Trick von Mutter? Oder doch die Wahrheit?
Was es auch war, wirklich zu verlieren hatte er nichts. Womöglich würde er sogar diesen Trick von Mutter zu seinem Vorteil nutzen können, wenn er darauf einging. Sicherlich würde sie austesten wollen, wie weit er gehen würde und solange konnte Sean ihm von Nutzen sein.
Allerdings durfte er nicht erfahren, wo sich Bray und die anderen aufhielten. Orli hatte eine Ahnung - wusste wohin er sich zurückgezogen hätte - aber er hatte bisher mit Absicht nicht wirklich darüber nachgedacht. Es spielte auch keine Rolle. Er wusste, dass er Bray schlicht und ergreifend über dessen Handy erreichen konnte. Ob der Schamane ihm noch einmal trauen würde, war eine ganz andere Frage. Orli konnte es nur hoffen. Seine Freunde waren die einzigen, die dem Erlöser so etwas wie Sicherheit bieten konnten.
Also würde er Sean benutzen, um den Erlöser aus der Arc zu holen und ihn dann beseitigen, ehe er sich mit Bray und den anderen traf. Nun musste er nur noch Sean in die richtige Richtung lenken.
"Freunde...?" fragte er vorsichtig, "Woher sollte eine Kreatur wie du Freunde haben? Hast du mir nicht selbst erklärt ein Vampir könne niemandem trauen?"
Nur nicht zu schnell einverstanden sein, oder Sean würde seinerseits misstrauisch werden.

Sean fuhr sich mit der Hand durchs Haar, leise seufzend, während er den Wagen in geschickten Manövern durch die Straßen lenkte, in einer Geschwindigkeit bei der jeder Sterbliche wahrscheinlich schon längst die Kontrolle verloren hätte.
„Ich weiß was ich gesagt habe.“ Er warf einen schnellen Seitenblick zu Orli, innerlich fluchend, das er auf die Hilfe des Kleinen angewiesen war. Er hatte nicht wirklich Lust sich seinem Brüderchen erklären zu müssen. „Trinity und ich kennen uns von früher wie du weißt. Auch wenn ich sie vor ein paar Wochen noch nicht ‚Freund’ genannt hätte. Aber die Dinge haben sich geändert. Als ihr Viggo befreit habt... Orli, ich denke das auch er so was wie ein ‚Erlöser’ ist. Er hat die Fähigkeit uns zu ‚beeinflussen’, so das wir wieder... wieder ‚fühlen’ können.“ Sean stoppte für einen Moment, sich der Tatsache bewusst wie ironisch es war, das ausgerechnet er von dieser Wandlung betroffen war. „Viggo und ich...“ Nein, kein Grund dem Baby DAVON zu erzählen. Nur nicht zu weit öffnen, ansonsten machte er sich noch mehr verletzlich, als er es ohnehin jetzt schon war. „Wir sind Freunde. Enge Freunde. Ich werde nicht zulassen, das ihm was passiert. Hast du verstanden? Deswegen werden wir den anderen aus der Arcologie holen. Und wir werden ihn in Sicherheit bringen.“
Sean bog in eine Seitengasse ein und kam auf einen Schlag zum stehen, ohne das der Wagen auch nur einen Laut von sich gab. Er liebte dieses Auto. Ein Geschenk von Mutter. ‚Jetzt nur nicht dran denken...’
Der Elf streckte die Hand aus und schaltete das Radio aus und auf einen Schlag war es totenstill in dem Wagen. Draußen konnte man ein paar Penner hinter Mülltonnen huschen sehen, dann war auch die Gasse wie leergefegt.
Für einen langen Moment lang sagte Sean gar nichts mehr, sein Blick unergründlich nach draußen gerichtet, als würde er in die Nacht hineinlauschen. Dann drehte er sich leicht zu Orli herum, ließ seinen Blick über das schöne Gesicht seines Bruders gleiten und schaute direkt in dessen Augen.
„Wir werden einen Ort brauchen, an dem wir den Erlöser verstecken können. Kein Platz ist wirklich sicher vor Mutter, aber deine Freunde haben es schon mal geschafft uns zu täuschen.“ Er nickte, als er das leichte, kaum merkliche Flackern in Orlis Augen sah. „Bestreit es soviel du willst, Bruder, aber ich weiß das du noch an sie denkst. Und du willst ihnen helfen. Ihnen und dem Erlöser. Und darin haben wir das gleiche Ziel. Wenn wir zusammenarbeiten, können wir den Erlöser aus der Arcologie holen und zu deinen Freunden schaffen, in Sicherheit. Und vielleicht, können wir uns auf diese Art auch von Mutter befreien.“
Seine grünen Augen funkelten überirdisch im Halbdunkel der Gasse und für einen Moment lang ließ er es zu, daß Orli hinter seine Fassade sah, ließ die Kälte und Gleichgültigkeit fallen, die sonst auf seinen Zügen lag.
„Wie ist deine Antwort?“ Sean wusste, wenn sein Bruder die falsche Entscheidung traf, würde er ihn töten müssen. Und er würde es ohne zu zögern tun.


Orli hatte Sean zugehört, aber schon nach den ersten Sätzen hatte er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dass Sean mit Trinity 'befreundet' war, okay, das machte noch irgendwie Sinn. Aber mit dem Mentor der falschen Erlöserin? Wieso sollte er sich mit dem eingelassen haben? Orli konnte sich nicht vorstellen, dass ein erfahrener Vampir-Hasser wie dieser Viggo einem wie Sean auch nur einen Hauch von Vertrauen schenken konnte. Vor allem nach dem was in der Wohnung des Mannes passiert war, bevor Orli und die anderen ihn gefunden hatten.
Und was hatte dieser Viggo mit dem Erlöser zu tun? Das ergab alles keinen Sinn, passte nicht in die Prophezeiung die sie von Morpheus gehört hatten. Aber hatten sie jemals die echte Prophezeiung gehört? Immerhin hatte Morpheus sie vermutlich von Mutter erhalten. Gab es überhaupt einen Erlöser so wie sie ihn sich vorstellten? Wusste Sean mehr?
Er sagte, er würde wieder fühlen, seit er Viggo kannte. Aber Orli kannte ihn nicht und fühlte dennoch. Wie konnte das sein? Weil er noch nicht so lange ein Vampir war? Hieß das, er konnte seine Menschlichkeit noch retten? Und wenn dem so war, wie konnte er seine Freunde davon besser überzeugen als ihnen zu helfen?
Aber konnte er Sean tatsächlich so weit vertrauen? Was Sean gesagt hatte, war zu verworren, zu unvollständig, um nach einem von Mutters sorgfältigen Plänen zu klingen. Nein. Das war es nicht, was Orli so falsch erschien - es klang zu viel Angst und Verzweiflung in Seans Stimme mit. Emotionen, die sein Bruder nicht vortäuschen konnte.
Konnte er Sean trauen? Konnte es sein, dass sie zur Abwechslung einmal das gleiche Ziel verfolgten?
Was auch immer der Wahrheit entsprach, in einem irrte sich Sean.
"Wir können Mutter nicht entkommen," sagte Orli leise, "sie wird uns überall finden. Du kannst vielleicht andere retten, aber nicht dich selbst."
Es hatte keinen Sinn weiter Spielchen zu spielen. Er konnte Sean auch reinen Wein einschenken. Wer von ihnen deswegen sterben würde, würden sie noch früh genug erfahren.

Sean lehnte sich in seinem Sitz zurück und schloss für einen Moment die Augen. Es war beinahe ärgerlich, daß der Junge keiner dieser Hohlköpfe war, sondern tatsächlich Verstand in seinem hübschen Köpfchen besaß. Sean hätte auf die kalte Wahrheit gerne verzichten können.
„Ja. Dem ist vermutlich so.“
Die Augen des Elfs öffneten sich wieder, blickten aber scheinbar unfokusiert in die Gasse, so als wäre er mit seinen Gedanken weit weg. Als er weitersprach, klang es, als rede er zu sich selbst, auch wenn seine Worte eindeutig an Orli gerichtet waren.
„Würde dich das abhalten, deinen Freunden zu helfen? Würdest du dich selbst retten, auch wenn du weißt, daß sie deine Freunde qualvoll sterben lassen wird? Das Mutter mit ihren Seelen spielen wird, vielleicht jahrtausendelang, wenn es ihr gefällt. Das du die, die du liebst, nie wieder sehen wirst, in deinem endlos währenden Leben. Sie werden zu einer Erinnerung verblassen, und irgendwann ist es als hätten sie nie existiert...“
Das zarte Goldkettchen an Seans Handgelenk zersprang mit einem wehmütigen Klirren, als der Elf es mit einem energischen Ruck zerriss. Er schluckte, als er den Schmuck in Händen hielt und beinahe zärtlich umspielten seine Finger die Gravur darin. ‚Mein Stern’.
Entschlossen ließ Sean das Fenster herunter und warf die Kette in die Nacht heraus, wo sie irgendwo gespenstisch geräuschlos niederfiel. Ein leises, beinahe verzweifeltes Ausatmen. Es wurde langsam zur Gewohnheit, das Atmen...
„Ich bin schon seit langer Zeit verloren, Orli. Es spielt keine Rolle. Aber ER, er muß leben.“
Es waren keine weiteren Worte nötig, um zu erklären, von wem der ältere Vampir sprach. Er hatte alles gesagt, was es zu sagen gab. Jetzt war es an Orlando zu entscheiden.


Er liebt ihn.
Der Gedanke schoss Orli durch den Kopf und sofort wusste er, dass es wahr sein musste. Es war der einzige logische Grund für den Schmerz den er in Seans Stimme mitschwingen spürte. Der einzige Grund, der einen Vampir dazu zwingen konnte, die Kälte hinter sich zu lassen.
Immerhin war es auch der eigentliche Grund warum Orlis Herz sich weigerte zu schweigen. Er liebte. Nur dass es zu spät war seinen Geliebten zu retten. Für ihn gab es nur noch die Dunkelheit. Nichts zu verlieren. Und dennoch zwang ihn diese Liebe dazu weiterzukämpfen. Wenn Mutter ihn irgendwann in ferner Zukunft sterben ließ, wenn sie ihn für seinen Verrat genug bestraft hatte, vielleicht würde er dann im Jenseits die Gelegenheit erhalten, sich zu entschuldigen.
Und wenn Sean tatsächlich fähig war zu lieben, wenn sein Herz einem Sterblichen gehörte, wie konnte Orli ihm nicht helfen das zu erlangen, was er selbst nie mehr haben konnte?
Das Tier in ihm schrie danach Sean leiden zu sehen, aber sein Geschrei entlockte Orli nur ein müdes Lächeln. Verglichen mit den Schmerzen die er im Horny Pony erduldet hatte, verglichen mit der eisernen Selbstbeherrschung die er sich dort aufgezwungen hatte, war es ein leichtes das Biest im Zaum zu halten.
Sie konnten Mutter nicht besiegen, soviel war klar. Aber vielleicht konnten sie sie genug verärgern, dass sie sich zu einer übereilten Handlung hinreißen ließ.
Mit einem leichten Lächeln sah er Sean an. "Sie wird echt sauer sein, wenn wir ihr erzählen, dass wir sie hintergangen haben." machte er seinen vorsichtigen Vorschlag.

Sean lachte auf, ein überraschtes Keuchen, in dem Ungläubigkeit, aber auch Amüsement mitschwang. „Es ihr erzählen? Brüderchen, ich glaube du bist noch verrückter, als ich bisher dachte.“ Sean schüttelte den Kopf und musste erneut lachen. Ein befreiendes Lachen diesmal, klar und hell. Ungewohnt. Ein Lächeln blieb, ebenso sanft wie Orlis, als er den anderen ansah und verstand. Zum ersten Mal nahm er ihn als das wahr, was er jetzt war. Sein Bruder. Vom selben Blut. ‚Wir sind gar nicht so verschieden, du und ich.’
Sie konnten es schaffen. Ja, er glaubte daran. Sie mussten.
Er nickte Orli entschlossen zu, das gleiche raubtierhafte, erregte Funkeln in den Augen, das so typisch für ihn war, wenn er jagen ging.
„Ruf deinen Freund an. Den Magier. Und derweil bring ich uns zur Arcologie.“

 

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TEIL 21

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