"SubMission"
Teil 19
by Beryll & Vagabond
Zwei Wochen. Zwei lange Wochen waren vergangen, seit Viggo
diese seltsam toten Gemächer betreten hatte. Zwei Wochen, in denen das
einzig Lebendige was er zu Gesicht bekommen hatte, Trinity und Sean gewesen
waren. Er verzog das Gesicht bei dem Gedanken, daß er inzwischen Sean
als etwas Lebendiges betrachtete.
Nervös zupften seine Finger an den Troddeln, die überreichlich alle
Kissen in diesen Räumen dekorierten. Auch das, an dem er jetzt lehnte
und aus dem endlos hohen Fenster sah. Dem stabil vergitterten Fenster.
Sean war hier auf gewisse Weise ebenso sehr Gefangener wie er selbst. Denn
er machte sich keine Illusionen, daß Sean ihn würde schützen
können, egal wie oft Sean es beschwor. Mehr als einmal schon hatte er
sich gefragt, wie er jemals hatte glauben können, daß sie gegen
ein Wesen wie Seans 'Mutter' eine echte Chance haben könnten, Erlöserin
hin oder her.
Es war, als würde ihm die Kälte des Turms langsam aber sicher jede
Hoffnung aussaugen. Er konnte gut verstehen, daß Trinity den Turm so
oft wie möglich verließ. Jetzt war sie fort, um irgendwelche Botengänge
für die Fürstin zu erledigen. Inzwischen war Viggo geneigt, ebenfalls
um Botengänge für das Böse zu bitten, nur um hier heraus zu
kommen.
Zutiefst beunruhigt machte Sean sich auf den Weg zurück
zu seinen Gemächern, den Thronsaal mit eiligen Schritten hinter sich
lassend. Mutter hatte ihm aufgetragen, Viggo zu ihr zu bringen, und Seans
Hände zitterten leicht, als er darüber nachdachte, was das bedeuten
mochte.
Was wollte Mary von Viggo? War sie ihnen beiden etwa auf die Schliche gekommen?
Oder hatte sie einen anderen bösartigen Einfall gehabt, wie er ihr doch
noch von Nutzen sein konnte? Vielleicht hatte es ja auch etwas mit dem Mädchen
zu tun...Pink. Schließlich war sie so etwas wie Viggos Tochter. Ob Mary
ihn benutzen wollte, um Pink zu quälen?
Der Vampir fuhr sich mit der Hand durchs Haar und blieb einen Moment vor der
geschlossenen Tür stehen, um sich zu sammeln, bevor er sich zu Viggo
hineinwagte. Er hatte seinem Geliebten nicht gesagt, daß sich die Erlöserin
jetzt in Mutters Gewalt befand. Er wollte ihm nicht auch noch diese letzte
Hoffnung nehmen, die Hoffnung, daß sein Ziehkind wohlbehalten und in
Sicherheit war. Und vielleicht eines Tages diese Welt vor der Finsternis retten
würde... Ein humorloses Lachen kam über Seans Lippen. Für die
Menschheit gab es keine Hoffnung mehr. Doch vor diesem Wissen würde er
Viggo bewahren, so lange es ging. Aber jetzt mußten sie erst mal die
Audienz bei Mutter überstehen, und das bedeutete, daß Sean vor
Mary als das kaltherzige bösartige Ungeheuer erscheinen mußte,
zu dem sie ihn eigentlich erzogen hatte.
Mit einem Seufzen betrat der blonde Vampir seine Gemächer und fand seinen
Liebsten am Fenster sitzen, wie so oft. Die Augen voll Traurigkeit und Melancholie.
Mit einem geknickten Lächeln ging Sean zu ihm hinüber, und hob seine
Hand, um eine wirre Haarsträhne aus Viggos Gesicht zu streichen. Eine
zärtliche Geste, die er lieben gelernt hatte.
„Wir müssen reden...“ begann er, und senkte den Blick, als
Viggos blaue Augen ihn fragend anblickten. „Und ich fürchte, es
wird dir nicht gefallen...“
Viggo kannte diesen Ausdruck in Seans Augen. Diese Mischung
aus Furcht und Stolz und Zorn. So sah er nur aus, wenn er bei seiner Mutter
gewesen war. Wenn sie wieder ihre kalten Finger nach ihm ausstreckte.
Das stand in so harten Kontrast zu der sanften Geste. Wie leicht wäre
es gewesen, zu vergessen wo sie waren, zu vergessen was Sean war. Aber der
Elf den er lieben gelernt hatte, war auch ein Vampir. Und so sehr es sich
Viggo auch wünschte, daran ließ sich nichts ändern. Die Kälte
von Seans Finger die über seine Wange strichen, war eine mehr als deutliche
Erinnerung.
Und was immer er jetzt auch sagen würde, wenn ER schon der Meinung war,
Viggo warnen zu müssen, konnte es nur Schlimmes bedeuten.
"Was ist passiert?" fragte Viggo leise, nicht ganz in der Lage seine
Angst zu unterdrücken. Denn SIE hing wie ein eisiger Schatten über
ihnen beiden.
"Sie will dich sehen." antwortete Sean ebenso leise, ebenso furchtsam.
Der Gedanke allein genügte, damit Viggo sich schüttelte, instinktiv
Seans Nähe suchte, obwohl er doch wusste, daß er dort keinen Schutz
finden würde.
"Was... was will sie von mir?" fragte er, das Zittern in seiner
Stimme jetzt nicht mehr zu überhören.
Viggos Wärme war etwas Lebendiges, Leuchtendes, etwas
das Sean anzog, wie die Motte das Licht. Beschützend legte Sean beide
Arme um ihn, zog den bebenden Körper ganz nah zu sich heran.
„Ich weiß es nicht. Ich habe Vermutungen... aber es bringt nichts,
jetzt darüber zu spekulieren. Meine Mutter ist unberechenbar, Viggo.
Es könnte alles sein.“
Sean atmete tief ein. Eine instinktive Geste, die er nie ganz abgelegt hatte,
auch wenn er die Luft nicht mehr brauchte. Aber es beruhigte ihn.
Der eleganten Finger des Elfen fuhren unter Viggos Kinn und hoben es leicht
an, zwangen Viggo ihn anzusehen. „Du weißt, was ich für dich
empfinde. Ich will dich nicht verletzen. Aber um dich zu schützen, bin
ich gezwungen Dinge zu tun...“ Sean blickte den Menschen in seinem Arm
verzweifelt an. „Viggo, sie wird erwarten, daß ich dich wie meinen
Sklaven behandle. Mein Spielzeug. Wenn sie auch nur ahnt, das mehr zwischen
uns ist, wird sie uns beide töten, das weißt du.“
Seans grüne Augen blickten bittend. „Es geht nicht anders, aber
ich darf vor ihr keine Schwäche zeigen. Bitte, sag mir, das du das verstehst.“
Nein! Das war der erste Gedanke, der Viggo durch den Kopf
fuhr. Nicht noch einmal, nicht noch einmal diesen Thronsaal betreten, in diesen
eisigen Augen versinken, nicht noch einmal jeden Stolz und sich selbst verlieren.
Und nicht noch einmal Sean verlieren. Nur zu deutlich erinnerte er sich an
Sean, den eiskalten Vampir. An die unsagbare Angst und Erniedrigung.
Das Sean wieder zu diesem Ding wurde, war so greifbar nahe, so wahrscheinlich.
Lieber wollte er der Fürstin allein gegenüber treten, als das noch
einmal mitanzusehen.
"Kann... kann mich nicht jemand anderes zu ihr bringen...? Mußt
du...?" fragte er und war wütend auf sich selbst wie schwach er
dabei klang.
Er schluckte hart. "Sean... wird sie es nicht wissen?" stellte er
dann die Frage, die ihn noch viel mehr bedrückte. Wie konnte sie es nicht
wissen, nach allem was diese vier Wände in den letzten zwei Wochen gesehen
hatten? Die Liebe, die zwischen ihm und Sean und - ja auch Trinity gewachsen
war. Es konnte nicht gut enden.
Er schloss die Augen, um all die schrecklichen Bilder, die in ihm aufstiegen,
zu verbannen. Was sie mit ihm tun würde, was sie mit Trinity tun würde,
und am Schlimmsten, wie sie Seans Verrat bestrafen würde.
Einen langen Moment herrschte absolute Stille im Raum, als
Sean die ihm gestellte Frage verdaute, auf die er keine Antwort wusste.
Schließlich nahm er einfach Viggos Kopf in beide Hände und beugte
sich zu ihm hinunter, um seine Stirn gegen die des anderen zu legen, ihre
Gesichter ganz nah beieinander.
„Davor habe ich auch Angst,“ gab er leise zu. „Das sie es
bereits weiß, und nur mit uns spielt. Aber zur Zeit ruht ihre Aufmerksamkeit
zu sehr auf anderen Dingen, als das sie sich mit so nebensächlichen Sachen
wie uns beschäftigen würde. – Zumindest hoffe ich das.“
Der Vampir presste einen sachten Kuß auf Viggos Stirn und legte dann
eine kühle Hand in dessen Nacken, ihn sanft mit sich ziehend. „Komm.
Wir haben keine Wahl. Wenn sie es weiß, dann gibt es sowieso nichts
mehr, daß uns retten kann. Aber dann will ich wenigstens bei dir sein.
Ich lasse dich nicht allein. Ich werde tun was ich kann, um dich zu beschützen,
dir beizustehen...“ Den nächsten Gedanken sprach Sean nicht aus,
einer, mit dem er sich schon seit geraumer Zeit trug, und der ihn Nacht für
Nacht quälte. - ‚Auch wenn die einzige Hilfe die ich dir im Notfall
geben kann, die ist, daß ich dich töte, mein Liebster. Aber besser
ein schneller Tod durch meine Hand, als die endlosen Qualen durch meine Mutter
ertragen zu müssen.’
Mit einem tiefen Seufzer ging Sean zu einer kleinen, aus dunklem Holz geschnitzten
Kommode hinüber, und öffnete sie, um ein breites, ledernes Halsband
hervorzuholen, an dessen Verschluss ein schwerer eiserner Ring angebracht
war. „Versuch es nicht als Erniedrigung zu sehen,“ flüsterte
er leise, als er das unnachgiebige Sklavenband um Viggos Hals legte und schloss,
dessen entsetztem vorwurfsvollen Blick ausweichend. „Sieh es als Zeichen,
daß du zu mir gehörst. Und egal wie ich mich auch vor meiner Mutter
dir gegenüber verhalte – ich liebe dich, und das ist alles was
zählt.“
Behutsam über Viggos Wange streichelnd, versuchte er die Panik in ihm
ein wenig zu mildern. Vorsichtig, aber unnachgiebig einen Finger in den Verschluss
hakend, zog er den anderen zu sich heran, ihm einen letzten verzweifelten
Kuß schenkend, bevor sie beide sich dem Unvermeidlichen stellten mussten,
das in Gestalt der dämonischen Vampirherrin auf sie wartete.
*
Es konnte nicht sein, aber Viggo hätte schwören
können, daß sich das schwere Band um seinen Hals enger und enger
zusammenzog, je näher sie dem Thronsaal kamen. Vielleicht lag es auch
nur daran, daß Sean ihn nun erbarmungslos hinter sich her zerrte, daß
es ihm egal zu sein schien, ob Viggo über seine eigenen Füße
stolperte, daß nicht mehr sein Finger in den Ring gehakt war, sondern
er das Band mit der Hand gepackt hielt, ihn würgte.
Wieder schob sich die vertraute Frage in seine Gedanken: Liebte Sean ihn wirklich?
Oder war es alles nur ein Spiel? Wie oft hatte er sich in den vergangen Wochen
diese Frage gestellt, wie oft hatte er nur in Seans Augen sehen müssen,
um die Antwort zu kennen.
Aber nun waren diese Augen wieder eisig und glatt wie Smaragde. Keine Emotion
lag mehr in ihnen, außer diabolischer Freude und kalter Berechnung.
Vor ihnen ragten die gewaltigen Portale zum Thronsaal auf, öffneten sich
geräuschlos wie die Tore zur Hölle selbst. Und der Vergleich war
in der Tat nicht unpassend. Wo zuvor nur einzelne Feuerbecken gestanden hatten,
erleuchteten sie nun den ganzen Raum in gespenstisch flackernden Schatten.
Und der Boden war nicht mehr nur das matte Schwarz, an das Viggo sich dunkel
erinnerte. Ein gigantisches Pentagramm glühte ihn leuchtendem Rot, die
Ecken markiert mit den riesigen Feuerschalen.
Die Fürstin residierte auf ihrem Thron am anderen Ende, dicht neben ihr
stand ihre Magiern, und die beiden schienen ins Gespräch vertieft.
Aber nichts davon nahm Viggos Aufmerksamkeit so gefangen, wie die Gestalt,
die in der Mitte des Pentagramms mit schweren Ketten an den Bode gefesselt
war: Pink.
Fassungslos versuchte er stehen zu bleiben, aber Sean riss ihn gnadenlos von
den Beinen und schleppte ihn weiter Richtung Thron.
Das konnte nicht sein. Durfte nicht sein! Nicht Pink! Sean hätte es ihm
gesagt... er hätte es ihm sagen müssen, wenn... ja wenn er überhaupt
die Wahrheit gesagt hatte.
Eiskalte Angst schloss sich um Viggos Herz als ihm klar wurde, daß Sean
ihn wahrscheinlich die ganze Zeit nur benutzt hatte. Kluger Vampir, sich in
sein Herz zu stehlen, in sein Vertrauen, jeden Gedanken an Flucht auszuschließen.
Aber nun konnte er wieder sein wahres Gesicht zeigen.
Dann waren sie beim Thron angelangt und Sean schleuderte ihn vor die Stufen
wie ein Bündel Lumpen. Viggo machte sich nicht die Mühe, sich aufzurichten.
Was im Namen aller Höllenfürsten fand hier statt?
Sean war klug genug, die sich ihm darbietende Szene nur oberflächlich
zu erfassen, und seine Aufmerksamkeit auf Mutter und Viggo zu richten. Dessen
Keuchen beim Anblick von Pink gab Sean einen schmerzhaften Stich. Also doch...
es ging um die Kleine, natürlich. Die Angst, daß dies alles tödlich
für Viggo enden könnte, wenn sie sich auch nur den kleinsten Patzer
erlaubten, ließ Sean äußerlich zu Eis erstarren. Wenn Viggo
jetzt ausflippte, war alles vorbei. Er musste ihn unter Kontrolle halten...
Die Hand des Vampirs schloss sich in Viggos Haaren zu einer Faust. Ohne zu
zögern riss er den Kopf des Menschen nach hinten, Viggos Kehle vor der
Fürstin entblößend. Ein schmerzhaftes ersticktes Wimmern war
zu hören, das Viggo offenbar zu unterdrücken versuchte. „Kleines
Stück Dreck...“ zischte Sean giftig, „wag es ja nicht noch
einmal, meine Herrin unaufgefordert anzusehen.“ Hart schlug er dem Mann
ins Gesicht, den er noch wenige Minuten zuvor liebevoll geküsst hatte.
Viggos Lippe sprang auf und Blut begann hervorzuquellen, das Sean mit einem
zufriedenen genüsslichen Grunzen aufleckte, die Fänge über
die malträtierte geschwollene Lippe reißend, bis sie nur noch ein
blutverschmierter Strich war.
Erneut gruben sich die Finger des Elfen unter das lederne Band, das sich um
Viggos Hals schlang, und nahm dem in Verzweiflung keuchenden Menschen die
Luft. Erst als nur noch ein schauriges Röcheln zu hören war, ließ
der Vampir von ihm ab, den nach Atem ringenden, erschöpften Menschen
fallen lassend, als hätte er sich an ihm beschmutzt.
‚Nur damit er den Mund hält...,’ dachte Sean bei sich und
wandte sich zu der Vampirfürstin um, ihr ein gewinnendes Lächeln
schenkend. ‚Viggo versteht es. Es ist nur zu seinem Schutz...,’
beruhigte er sich selbst.
Die Magierin an Mutters Seite nur mit einem kurzen verächtlichen Blick
bedenkend, ging Sean zum Thron der Vampirfürstin hinüber, den noch
freien Platz an ihrer Seite einnehmend, und ergriff begierig die ihm gelangweilt
gereichte Hand, um einen hingebungsvollen Kuß darauf zu pressen.
„Ich habe ihn zu Euch gebracht, wie Ihr es gewünscht habt, Mutter.
Aber ich hoffe doch, Eure Vorbereitungen hier bedeuten nicht, daß ich
meinen Sklaven verliere? Verratet Ihr mir, was Ihr vorhabt?“
Seans Blick glitt erneut zu dem gefesselten, reglosen Mädchen in der
Mitte des Pentagramms. Die Erlöserin würde heute Nacht sterben,
soviel war sicher. Die gewaltigen Energien, die Mutter und Sue entfesselt
hatten, durchflossen den Raum in kontinuierlichen dunklen Wellen, und ließen
den Raum förmlich vibrieren.
Und es war grausam so zu denken, doch Sean hoffte einfach nur, das Mutter
Viggo am Leben lassen würde. Dafür würde er sogar selbst die
Erlöserin eigenhändig... NEIN! Sean schluckte und zwang seine wirbelnden
Gedanken zum Stillstand, den Blick wieder fest auf seine Mutter gerichtet.
Viggo war sich nicht mehr sicher, was mehr wehtat, seine
aufgerissenen Lippen oder der Verrat von Sean. Aber eigentlich war es ja gar
kein Verrat. Er hatte die ganze Zeit treu seiner Herrin gedient und den dummen,
kleinen Menschen an der Nase herumgeführt. Bei dem Gedanken wie Sean
über sein braves Vertrauen gelacht haben musste, drehte sich ihm der
Magen um. Und er hatte allen Ernstes geglaubt, dieses Monster lieben zu können.
Die Stimme der Fürstin drang wie aus weiter Ferne zu ihm.
"Das kann ich noch nicht sagen, mein Liebling. Wenn alles nach Plan verläuft..."
ein eisiges Lachen schwebte durch den Raum und schien sich auf allem niederzuschlagen,
schien selbst die Flammen zu dämpfen, "wenn alles nach Plan verläuft,
wird er hinterher noch genauso dein Herzchen sein wie jetzt. Das was er verliert...
wird er gar nicht vermissen. Und wenn nicht..." wie eine gefrorene Klinge
bohrte sich die Stimme in Viggos Gehirn, "wenn nicht..."
"Es wird alles gut gehen, meine Herrin." Die selbstsichere Stimme
der Magierin, ruhig und böse.
Irgendwie schaffte es Viggo den Kopf zu heben, unter Schmerzentränen
zu dem Trio hinüber zu blinzeln. Um zu sehen, wie Sean an ihren Lippen
hing, wie er neben ihr kauerte wie ein Schoßhündchen.
Nein, dieser Vampir konnte nicht lieben. Konnte niemals der Sean sein, für
den Viggo ihn idiotischerweise gehalten hatte.
Aber nun spielte all das keine Rolle mehr. Das Spiel war aus. Sie hatten die
Erlöserin.
Sean schaute in das kalte schöne Gesicht seiner Mutter,
und verzweifelte innerlich. Was hatte sie nur mit Viggo vor? Und wie weh würde
sie ihm dabei tun? Aber zumindest würde sie ihn nicht töten. Darin
lag seine ganze Hoffnung.
Er senkte ergeben den Kopf, den Ausdruck von Panik vor ihr verbergend, der
sich auf sein Gesicht schlich. Sich gegen sie stellen und Viggo helfen? Unmöglich.
Ebenso gut konnte er ihn gleich selbst töten – und sich dazu. ‚Ich
darf mich nicht gegen Mutter auflehnen,’ sagte er sich immer wieder,
und die boshafte Stimme des Vampirs in ihm wisperte tückisch: ‚Und
warum sollte ich auch? Wegen eines sterblichen Menschen?’
Sean erschauerte. Er wollte nur noch weg von hier. Mutters Nähe war wie
ein schleichendes Gift, das in ihm fraß, ihn zu etwas machte, das er
nicht mehr sein wollte.
‚Bitte, bitte, nimm ihn mir nicht weg. Laß ihn mir doch... ich
hab doch sonst nichts mehr,’ bettelte sein Herz, und er schluckte heftig,
um die aufbrechenden Gefühle zurückzuhalten. Von Sekunde zu Sekunde
wurde es schwerer, sich vor ihr zu verschließen. Noch immer neben ihr
kniend, lehnte er erschöpft den Kopf gegen den harten, geschliffenen
Thron und hoffte darauf, daß sie ihn einfach nicht weiter beachtete,
und das dies alles hier schnell vorbei war.
„Bring ihn hinüber zu der Kleinen, mein Stern,“ riss Marys
Stimme ihn aus seinen verlorenen Gedanken. Ein kühler Finger strich über
seine Wange, hinab zu seinem Kinn und hob es leicht an, damit er sie ansah,
und der Blick aus ihren kalten Augen allein, schien sein Herz zu Eis zu gefrieren.
„Kette ihn neben ihr an, genau in der Mitte.“
Sean nickte gehorsam, aller Widerstand in ihm für den Moment gebrochen.
Viggo wehrte sich nicht als Sean ihn erneut packte, er vermied
es den Vampir anzusehen. Er wollte nicht sehen, wie Sean auf ihn herabgrinste,
wie er sich daran freute, wie viel Schmerz er einem Menschen zugefügt
hatte, der ihm dummerweise vertraut hatte. Er wollte überhaupt nichts
mehr sehen.
Was auch immer sie mit ihm und Pink vorhatten, er wünschte beinahe, er
würde es nicht überleben. Der Gedanke daran wie es wohl weitergehen
würde, was für Spielchen der Elf sich als nächstes ausdenken
würde - er versuchte all das aus seinen Gedanken zu verbannen, aber es
gelang ihm nur teilweise.
Dann wurde er neben seiner Schülerin zu Boden gestoßen und der
Vampir befestigte schwere Ketten, die in den Boden eingelassen waren, an seinen
Handgelenken.
Zum ersten Mal wagte es Viggo zu Pink hinüber zu sehen. Er war beinahe
dankbar, als er erkannte, daß sie bewusstlos war. Zumindest sie würde
dies nicht miterleben müssen. Musste nicht sehen, was aus ihrem ach so
weisen, vorsichtigen Mentor geworden war: das Schoßtier eines Vampirs.
Er wollte sich zu gern in seinem Schmerz verlieren, aber als sich die Fürstin
von ihrem Thron erhob und ihre eisigen Schwingen weit ausbreitete, zog sie
aller Aufmerksamkeit auf sich, nicht nur die seine.
Sean war an ihre Seite zurückgekehrt, kauerte nun neben dem Thron, die
Augen eisig und gleichzeitig voller Anbetung für seine Herrin.
"Endlich." Erneut schnitt die trügerisch leise Stimmer der
Fürstin durch den Raum. "Endlich ist es vollbracht. Heute Nacht
wird die Hoffnung der Sterblichen endgültig zerstört."
Selbst Viggo spürte, wie sich finstere Macht um die Fürstin zusammenzog
wie ein schwerer Mantel. Die Flammen in den Feuerschalen loderten höher
auf, aber dennoch hatte Viggo das sichere Gefühl, daß es dunkler
wurde im Raum. Hörte das Wispern und Flüstern von unsagbaren Schrecken,
die auf dieser Welt nicht hätten sein sollen. Sie schienen nach ihm zu
greifen, ihn zu betasten und zu erforschen, als suchten sie einen Weg in seine
Seele.
Aber seltsamer Weise geschah nicht mehr.
Mit großen Augen schaute Sean auf seine Herrin, deren
Präsenz den Raum durchspülte wie eine Flutwelle. Er konnte Sue irgendetwas
rezitieren hören, leise gemurmelte Worte in einer ihm unbekannten, kompliziert
klingenden Sprache, und die Luft begann merklich zu knistern. Das Ritual,
was auch immer sein Ziel war, näherte sich seinem Höhepunkt, soviel
war klar. Ein Aufbäumen in der Magie, Fäden aus wabernder Dunkelheit,
die sich zu einem großen Ganzen schlossen, ein kurzes heftiges Zusammenballen
der Struktur, und dann – nichts mehr.
Das Ritual war fehlgeschlagen. Sean wusste es, noch bevor er das laute unmenschliche
Kreischen hörte, das ihn vor Schmerz wimmern ließ. Mutter.
Er drückte die Arme gegen den Kopf, bedeckte seine Ohren, die so empfindlich
für Geräusche waren, und kauerte sich zusammen. Der Ton steigerte
sich bis zur Unerträglichkeit, hallte im Raum wider und brach sich an
den Wänden in unendliche Variationen dieses einen wütenden Tons,
wurde begleitet von einem Chor aus gequälten heiseren Schreien. Es dauerte
eine Weile, bis er begriff, daß diese Schreie von ihm, Sue und Viggo
stammten.
Die Wut seiner Mutter schien grenzenlos. Säulen begannen zu vibrieren
und zu zerbrechen, als ihre Macht sie traf, und schwere gusseiserne Feuerschalen
wurden weggefegt, wie ein Blatt im Wind. Ihre Eisschwingen weit ausgebreitet,
war jede einzelne Feder wie ein scharfes Messer, und der Sturm der sie umtoste,
war ein vernichtender Hagel der Zerstörung, der die magischen Linien
des Ritualkreises mühelos zerfetzte und auflöste, nichts außer
einem pechschwarzen Krater im magischen Gewebe zurücklassend.
Bluttränen flossen aus Seans Augen und verschleierten seinen Blick, als
er hilflos zu dem Menschen blickte, den er liebte, und auf den Mary nun zuschritt.
So wütend hatte er sie noch nie erlebt. Aber es war auch noch nie ein
Plan von ihr so offensichtlich fehlgeschlagen. Er zitterte unkontrolliert
am ganzen Körper. Mutters Wut körperlich fühlbar wie ein geschliffener
Dolch, der ihm wieder und wieder ins Herz gerammt wurde.
In diesem Moment war Sean sich sicher, daß Mary sie alle töten
würde.
Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Händen vergraben,
betete Viggo. Er konnte sich nicht erinnern jemals in seinem Leben so inbrünstig
gebetet zu haben, aber er hatte ja auch noch nie soviel Grund dazu gehabt.
Und er hatte allen Ernstes gedacht, er hätte das Böse gesehen. Nun
wurde ihm klar, was für ein erbärmliches, schwaches Wesen er wirklich
war, als die tosende Wut der Fürstin über ihm zusammenschlug und
ihm das Fleisch von den Knochen zu schälen schien. Und er hatte ihr schon
zuvor nichts entgegenzusetzen gehabt.
Er spürte, wie sie sich näherte, als würde der Boden unter
dem Gewicht ihrer Schritte vibrieren. Vielleicht tat er das sogar, wer konnte
das schon sagen. Die Schmerzen in seinem Kopf und Geist machten es unmöglich
zu erkennen, was wirklich war und was nicht.
Aber als sie vor ihm stand, wusste er es. Verzweifelte versuchte er in dem
unnachgiebigen schwarzen Marmor ein Versteck zu finden, aber es gab kein Entkommen.
Viel zu spät erst wurde ihm klar, daß sie nicht vor ihm stand,
daß nicht er es war, den sie vom Boden hochriss, daß es nicht
sein eigenes Blut war, daß ihn benetzte, als unmenschliche Kraft einen
menschlichen Körper zerfetzte.
Und so sehr er es auch wollte, so sehr er seine Schülerin, die er aufgezogen
hatte wie eine Tochter, verteidigen wollte - alles was er hervorbrachte, war
ein hilfloses Wimmern.
Er war sich sicher, noch nie in seinem Leben soviel Angst
gehabt zu haben. Aber obwohl er noch immer zitterte, und den bloßen
Anblick seiner Mutter fürchtete, war es weniger die Angst um sich selbst,
als vielmehr um Viggo, die ihn schluchzen und furchtsam die Arme um sich selbst
schlingen ließ.
Ein Blutregen ergoss sich über die Mitte des Raumes, feine Tropfen, die
den Boden benetzten, auf dem kalten schwarzen Stein ein bizarres Muster aus
Rot und menschlichen Fetzen bildeten. Pink... die Erlöserin. Sie war
tot. Ein kleiner Spatz in der erbarmungslosen Hand seiner Mutter. Und Viggo
würde der nächste sein. Sein Viggo, den er liebte. Seans Wimmern
klang erschöpft, leise und kläglich, als er zusah, wie Mary sich
vor Viggo aufbaute, schrecklich und blutüberströmt. In Rinnsalen
floss das Blut der Elfe über ihren Körper, und wurde von Marys marmorfarbener
Haut und den blauen Schwingen aufgesogen.
Viggo aber schien es gar nicht richtig wahr zu nehmen. Es schien, als hätte
er sich in sein Schicksal ergeben, die blauen Augen glanzlos und leer. Viggos
Schmerz über Pinks Tod aber, war beinahe greifbar.
Mit einem gequälten Schluchzen senkte Sean den Blick, verschloss die
Augen, als Marys lange weiße Finger sich nach Viggo ausstreckten.
Eisige Finger schlossen sich um seine Kehle, scharfe Klauen
ritzen die Haut an seinem Hals, schmerzhaft und unausweichlich drang die Kälte
in ihn ein. Viggo spürte wie Eiskristalle seine Haut überzogen,
wie sein Herz langsamer schlug, als der entsetzlich kalte Zorn der Fürstin
über ihn strömte.
Hilflos gefangen in ihrem Griff hatte er keine Wahl als sie anzusehen, als
erneut in dieser gläsernen Leere zu hängen, wie eine Fliege im tiefsten
Winter. In dem lodernden Eis ihrer Augen stand etwas, das er nicht zu verstehen
vermochte.
Aber sie drückte nicht zu, aus irgendeinem Grund hielt sie ihn nur so
gefangen, seine Seele vor ihr ausgebreitet wie ein Festmahl, von dem sie keinen
einzigen Bissen nahm.
"Mir..." wisperte ihre Stimme in seinem Herzen und senkte sich wie
ein bitterer Samen in ihn, "du solltest mir gehören, nur mir."
Dann ließ sie ihn achtlos fallen und wandte sich von ihm ab, während
sein Herz flatterte wie ein kleiner Vogel, verzweifelt gegen die Kälte
schlagend, die ihn zittern ließ, die seinen Atem vor ihm in kleinen,
trügerisch hübschen Wölkchen schweben ließ.
"Sean, bring ihn zurück in deine Räume!" erklang die Stimme
der Fürstin, ruhig, unbewegt, als wäre ihr Zorn nur ein dunkler
Traum gewesen.
Mühsam den Kopf hebend beobachtete Viggo, wie sie zum Thron zurück
schritt, kein Tropfen Blut mehr auf ihrem makellosen Körper. Beobachtete,
wie sie ihre Hand gegen Seans Wange legte und er schauderte vor Verlangen.
"Gib mir gut auf ihn Acht, mein Liebling, er wird noch gebraucht."
Ihre kalte Hand brannte auf seiner Wange, Eiseskälte,
die ins Fleisch biss. Trotzdem lehnte sich Sean ihr entgegen, schmiegte sich
in die Berührung des Todes, gegen die zarten, so zerbrechlich wirkenden
Finger, die eben noch ein junges Mädchen zerrissen hatten, als bestünde
es aus Papier.
Er wollte so vieles zugleich in diesem Moment, seine Gefühle ungezügelt
und überschäumend, und es war unmöglich, daß sie es nicht
bemerkte. Er würde später darüber nachdenken, warum sie ihn
trotzdem leben ließ. Und vielmehr – warum sie Viggo am Leben ließ.
Sean zuliebe ganz sicher nicht. Aber um das zu realisieren, war er im Moment
viel zu verwirrt und eingeschüchtert. Aus tiefster Seele dankbar, wandte
er leicht seinen Kopf, um einen vorsichtigen Kuß auf ihre Finger zu
hauchen, ihr in die Augen zu sehen, wagte er noch immer nicht. Er wollte etwas
sagen, aber aus seiner Kehle kam nur das erstickte Geräusch von zu vielen
heruntergeschluckten Tränen. Also nickte er nur stumm. ‚Alles,
alles was Ihr wollt, Mutter,’ die stumme Antwort in seinen Gedanken.
Dann richtete er all seine Kraft auf die Aufgabe, zu Viggo hinüber zu
gehen, vorbei an den auf dem Boden verteilten, klebrigen Blutresten, die langsam
zusammenflossen, und obwohl der Boden ebenmäßig und glatt war,
zu Marys Thron hinsickerten, als hätte jemand einen unsichtbaren Stöpsel
gezogen.
Sich vor Viggo kauernd, löste er mit bebenden Händen die Ketten,
die den Menschen hielten, und nahm den anderen Mann in seine Arme, ihn schützend
an sich pressend, und sich im selben Maße an ihm festhaltend. Sie waren
beide so schrecklich erschöpft, doch er musste Viggo von hier wegbringen.
Mutter hatte es befohlen. Sean schrak zusammen, als ihm bewusst wurde, was
für ein Bild Viggo und er hier abgeben mussten.. Doch es spielte keine
Rolle mehr. Mary wusste längst von ihnen beiden, daß war ihm jetzt
klar. Was das bedeutete, würde sich später zeigen.
Viggo wie ein Kind in seinen Armen, verließ er langsam den Thronsaal,
sich des stechenden eisigen Blicks in seinem Rücken schaudernd bewusst.
*
Viggo spürte kaum die Berührung des verhassten
Elfen. Diese Hände und starken Arme, die er für schützend gehalten
hatte. Noch immer hielt ihn die eisige Kälte in ihrem Griff. Seinen Körper
ebenso sehr wie seinen Verstand. Pink war tot. Die Erlöserin war tot.
Alles war vorbei. Nun brauchte er eh nicht mehr gegen den Vampir ankämpfen,
der ihn nun aus dem Thronsaal fortschleppte, zurück in seine Gemächer.
Beinahe beiläufig fragte sich Viggo, ob Sean ihm nun neue Lügen
erzählen würde, ob er tränenreich versuchen würde, erneut
Viggos Vertrauen zu erringen. Oder ob er sein wahres Gesicht zeigen würde.
Ob es Schmerzen und Erniedrigung waren, die ihn erwarteten.
Er hatte nicht mehr die Energie sich zu fürchten. Was auch immer der
Vampir ihm diesmal antun würde, es spielte keine Rolle mehr. Nichts spielte
mehr eine Rolle.
Beinahe empfand er die Kälte als schützend und tröstend. Sie
hüllte alles in bedeutungslos glitzerndes Licht und betäubte seine
Sinne.
Vorbei, endlich vorbei, dachte er, als der Elf, dessen Namen er nicht mal
mehr denken wollte, ihn zurück in seinen Gemächern auf's Bett fallen
ließ.
Viggo glitt aus seinen Armen, als hätte Sean plötzlich
jegliche Kraft verlassen. Zitternd und unsicher stand der Elf neben dem Bett,
und ließ sich schließlich ebenfalls darauf sinken. Viggos Nähe
suchend, rutschte er zögerlich näher an den anderen heran, die Decke
über sie beide ausbreitend und darin einhüllend, wie in einer schützenden
Höhle.
Er zog den Geliebten wieder in seine Arme, als wollte er mit ihm verschmelzen,
streichelte ihn behutsam, und lauschte einfach nur Viggos Herzschlag. Was
in dem anderen jetzt wohl vorging, konnte er nicht ganz erfassen, aber er
hatte entsetzliche Angst, daß es Viggo ganz zerbrechen würde.
„Verlass mich nicht, bitte...“ flüsterte er leise, und schloss
die Augen, während seine Finger sanft durch Viggos zerzaustes Haar fuhren.
Er schluckte, unsicher, wie er die nächsten Worte wählen sollte.
„Viggo.. ich... bitte, glaub mir, es tut mir so leid wegen Pink. Ich
weiß, ich hätte dir sagen sollen, daß Mutter sie gefangengenommen
hat. Ich hätte dich darauf vorbereiten sollen, das...“ Er hielt
inne, und presste sein Gesicht gegen Viggo, als wollte er in ihn hineinkriechen.
Kaum hörbar fuhr er fort. „Aber ich wollte dich nicht noch mehr
quälen. Dir nicht auch noch diese Hoffnung nehmen... verzeih mir...“
Er sah Viggo bittend an.
Quälen, ihn nicht quälen wollen. So langsam wurden
die Lügen des Vampirs durchsichtig und langweilig. Die Taubheit in seinem
Herzen nahm ihm auch jede Furcht. Was konnte der Vampir ihm schon noch antun?
Er wandte den Kopf und sah in die grünen Augen, die jetzt wieder so trügerisch
voller Emotionen schienen. Schweigend dachte er darüber nach, was nun
die sinnvollste Reaktion war. Sollte er wütend werden? Sollte er Zuneigung
heucheln? Der Gedanke zur Abwechslung einmal dem Vampir etwas vorzumachen,
amüsierte ihn.
Langsam streckte er die Hand aus, strich sanft durch das weiche Haar des Vampirs.
Brachte ein Lächeln auf seine Lippen von dem er hoffte, daß es
überzeugend wirkte.
"Du... hast versucht mich zu schützen, nicht wahr?" Seine Stimme
klang wie mit Raureif überzogen. Ohne echte Emotion. "Du liebst
mich. Das weiß ich."
Was für eine lächerliche Lüge. Beinahe hätte Viggo laut
gelacht.
Die Kälte in seinem Herzen erlaubte es ihm, praktisch und gefühllos
über seine Situation nachzudenken. Er war diesen Vampiren ausgeliefert.
Besser zu tun, was sie verlangten, besser nachzugeben, jetzt, wo es eh keine
Rettung mehr geben konnte. Wo er nichts mehr zu verlieren hatte.
Wie tapfer Viggo versuchte, seine Emotionen unter Kontrolle
zu halten, an seiner Trauer über Pink nicht zu zerbrechen. Seans Lippen
drückten einen sanften Kuß gegen Viggos Hals. Er war so erleichtert,
daß der andere ihn nicht dafür hasste, was geschehen war. Das er
ihm keine Vorwürfe machte.
„Ja, ich liebe dich. So sehr... Ich wünschte wirklich, ich hätte
etwas tun können. Dir irgendwie helfen. Pink helfen. Aber Mutter, sie...“
Er schloss erneut die Augen, sich ganz den beruhigenden Streicheleinheiten
hingebend, und konzentrierte sich auf die Finger seines Liebsten, die mit
seinem Haar spielten.
„Ich habe Angst,“ gab er zögerlich zu. „Mutter weiß
alles, da bin ich mir jetzt sicher. Sie weiß alles über uns, Viggo.
Wenn wir nur von hier weg könnten, das alles hinter uns lassen... Aber
sie wird uns niemals gehen lassen. Jetzt, wo die Erlöserin tot ist, wird
ihre Macht grenzenlos sein.“
Sean hielt inne, das, was sich im Thronsaal abgespielt hatte, noch immer lebhaft
vor seinen Augen. „Ich frage mich, was all das sollte. Das Ritual...
irgendetwas ist schiefgegangen. Und warum wollte sie dich dabei haben?“
Zu erschöpft, um wirklich über eine Antwort auf diese Fragen nachzugrübeln,
schmiegte er sich enger in den Arm des Menschen, mit den Finger sanft Viggos
Brust streichelnd.
Viggo musste sich wirklich zusammennehmen, um nicht zu lachen.
Was für hübsche Lügen der Vampir erzählte. Es kam ihm
lächerlich vor, daß er tatsächlich so dumm gewesen war, sie
bisher zu glauben. Dabei war es alles so durchschaubar. Wie geschickt der
Vampir ihn gefangen hatte, mit seinen Gefühlen gespielt hatte. Es erfüllte
ihn mit stummer Befriedigung, daß es damit nun endlich vorbei war. Er
würde sich nicht mehr manipulieren lassen. Er musste nur sicher gehen,
daß der Vampir sich weiterhin sicher fühlte. Ihm das Gefühl
geben, daß er Viggo völlig unter Kontrolle hatte.
Sanft hielt er den eisigen Körper und fuhr fort, ihn zu streicheln.
Seit seiner Gefangennahme hatte er sich nicht mehr so wach gefühlt. Als
hätte er einen Bann abgeschüttelt. Aber das hatte er ja eigentlich
auch.
Die Worte des Vampirs drangen in sein Bewusstsein. Ja, etwas WAR schief gegangen.
Die Frage war nur, was? Die Fürstin hatte die Erlöserin zerrissen,
unendlich wütend, als wäre sie wertlos. Irgendetwas war nicht so
gewesen, wie sie es erwartet hatte.
Kalt und analytisch betrachtete Viggo die Fakten.
"Was wenn... sie nicht die Erlöserin war?" fasste er endlich
seine Überlegungen zusammen, denn das war der einzige Schluss, der sich
ihm aufdrängte. Auch wenn es nicht erklärte, warum sie ihn dorthin
gebracht hatten, um dabei zu sein.
„Nicht die Erlöserin?“ Sean richtete sich
verwundert etwas auf, und blickte überrascht auf Viggo hinab. „Das
hieße, Mutter hätte sich die ganze Zeit geirrt...“ Was erklären
würde, warum sie dermaßen wütend gewesen war. Ja, das machte
Sinn. Und es bedeutete, daß den Menschen anscheinend noch eine Gnadenfrist
eingeräumt wurde.
Die Suche nach der Erlöserin würde erneut beginnen, und vielleicht
war das auch der Grund, warum Viggo und er noch am Leben waren. Mutter würde
Unterstürzung brauchen. Viggos Wissen und Sean als ihren verlängerten
Arm außerhalb des Turms.
„Es beginnt einfach wieder von vorn,“ flüsterte er leise.
„Wir werden ihr helfen müssen, die echte Erlöserin zu finden.
Das ist unsere einzige Chance, um zu überleben.“
Sachte legte er eine Hand auf Viggos Wange, um dessen Gesicht zu sich zu drehen.
„Bitte, widersetz dich ihr nicht. Ich könnte es nicht ertragen,
dich zu verlieren.“
Oh, natürlich, darauf musste es ja hinauslaufen. Das
war alles der Sinn dieser kleinen Scharade: ihn in den Dienst der Fürstin
zu zwingen. Oder eher gesagt, ihn dazu zu verführen. Beinahe war Viggo
überrascht, daß der Vampir immer noch auf sein sanftmütiges
Getue hereinfiel. Wie sehr er ihn doch überschätzt hatte.
Die Fürstin würde sich sicher nicht so leicht hereinlegen lassen.
Er würde sich gut auf sein nächstes Zusammentreffen mit ihr vorbereiten
müssen, Unterwürfigkeiten heucheln. Vielleicht würde sich sogar
eine Chance zur Flucht ergeben, wenn er so tat, als würde er sich ihnen
unterwerfen.
Und wenn nicht... dann würde er tun, was er wohl besser von Anfang an
getan hätte: einen schnellen Tod suchen.
Zärtlich und mechanisch zugleich strichen seine Finger durch das feine
Haar des Vampirs, während seine Gedanken schon weit weg waren.
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