"SubMission"
Teil 18
by Beryll & Vagabond
Zuhause. Wie selbstverständlich war das immer für
ihn gewesen. Doch nun, da er gesehen hatte, wie andere lebten – oder
vielmehr, ‚dahin vegetierten’, schmutzig und verkommen, sich in
irgendwelchen feuchten Katakomben verstecken mußten - da erkannte er,
wieviel Glück er eigentlich hatte.
Er hatte ein wunderbares Heim, das warm und gemütlich war, und in dem
er nicht ständig befürchten mußte, das ihn im Schlaf die Ratten
annagten! Ryan schüttelte sich unwillkürlich, als er daran dachte,
welche Angst er die letzten Tage empfunden hatte, wann immer er die Augen
schloß, um ein wenig Schlaf zu finden. Wieder geborgen zu sein - in
den Armen seines Herrn – dieses Gefühl ließ sich mit nichts
aufwiegen.
Der blonde Junge seufzte glücklich und schmiegte sich enger gegen den
Mann an seiner Seite, der ihn behutsam umfaßte, und liebevoll über
seine Wange strich. Sein Herr... sein geliebter Ardeth. Endlich.
„Ich habe dich so sehr vermißt, Liebster," flüsterte
Ryan leise und rieb sein Gesicht gegen die Handfläche des Vampirs, sie
mit den Lippen in einem sachten Kuß sanft berührend.
Ardeth ließ das feine blonde Haar unter seinen Fingerspitzen
entlang gleiten, noch immer ungläubig, daß Ryan wirklich wieder
an seiner Seite war, daß sein Licht wieder leuchtete. Aber Ryan Körper,
der sich warm und wirklich gegen ihn drückte, war nicht zu ignorieren.
Nicht das sanfte Schnurren tief in Ryans Kehle, als Ardeth mit den Fingern
durch sein Haar fuhr. Und auch nicht der leicht muffige Geruch, der an ihm
haftete. Mit einem leicht amüsierten Lächeln schob Ardeth seinen
Liebling ein Stück von sich weg, um ihn in Augenschein zu nehmen.
Ryan war nicht wirklich verletzt, aber sein Gesicht war schmutzig, seine Haare
verfilzt, seine Kleidung verdreckt. Und er lächelte so glücklich
und vertrauensvoll, daß Ardeth sich nicht gewundert hätte, wenn
sein Herz einen schmerzhaften Schlag getan hätte.
"Und ich habe dich vermißt, mein Schatz," antwortete Ardeth,
"Was haben sie nur mit dir gemacht, hmm? Dich in der Kanalisation gewälzt?"
Ryan nickte anklagend. „Es war feucht und stickig.
Und überall waren Ratten. Es war so entsetzlich dreckig überall...
Und die anderen sahen irgendwie so...so...," Ryan fand gar keine Worte,
um Pink und die anderen Mitglieder der Gang zu beschreiben „...so ‚anders’
aus," erklärte er schließlich mit einer hilflosen Geste.
Ryan versuchte sich an Pinks Gesicht zu erinnern, die Elfe, die sich um ihn
gekümmert hatte, so gut es ging. Zäh hatte sie gewirkt, kampferprobt
– und doch hatten die dunklen Ringe unter ihren Augen und die anscheinend
ständige Sorge, sie sehr erschöpft wirken lassen. Beinahe ’ausgehöhlt’.
„Müssen alle dort draußen so leben?" Die Frage war heraus,
ehe Ryan noch länger darüber nachdenken konnte, ob es angebracht
war, sie zu stellen. „Ist alles außerhalb der Arcologie so verkommen
und dreckig?" Ryans Stirn legte sich in nachdenkliche kleine Falten,
als er Ardeth forschend ansah. „Das ist der Grund, warum ich nie hinaus
durfte, nicht wahr?" Zerknirscht schaute Ryan nach unten. „Manchmal
war ich deswegen sehr enttäuscht, weißt du. Ich wollte doch so
gerne sehen, wie es dort draußen ist. Ich dachte..." Ryan biß
sich auf die Zunge, ließ die Worte dann aber doch hervorsprudeln. „In
meinen Träumen, da ist es dort draußen ganz hell... ich dachte...
ich dachte, es scheint dort die Sonne."
Die nächsten Worte waren ganz leise, kaum zu verstehen. „Aber die
anderen haben mir gesagt, das es nicht stimmt. Dort draußen ist es immer
dunkel."
Ardeth spürte Ryans Schmerz, als wäre es sein eigener.
Hilflos zog er seinen Schützling in seine Arme, versuchte ihn zu beschützen
vor dem, was er gesehen hatte.
"Es tut mir leid, Liebster," murmelte er, "daß du diese
Dinge erleben mußtest. Ich habe immer versucht dich zu schützen,
verstehst du? Es ist keine gute Welt da draußen."
Er streichelte Ryan beruhigend über den Rücken. "Aber hier
drinnen, hier scheint die Sonne, solange du nur hier bist." fuhr er fort.
"Komm," wechselte er dann das Thema, "wir stecken dich erstmal
in die Badewanne. Viel heißes Wasser wird dir gut tun." Sanft zog
er seinen Liebling an der Hand mit sich. "Und etwas zu Essen, hmm? Du
hast dich doch nicht auch von Ratten ernährt, oder?"
Ryan quiekte entsetzt. „Das Essen war scheußlich,
aber die Ratten haben sie zum Glück nicht geschlachtet." Der Junge
stutze und blieb für einen kurzen Moment stehen. „Denke ich...
" Ryan schüttelte sich und verzog angewidert das Gesicht. „Bloß
nicht daran denken." Aufgeregt tippelte er hinter Ardeth hinterher, die
beunruhigenden Geschehnisse der letzten Tage, in der vertrauten sicheren Umgebung
dankbar von sich abstreifend. Und ein Bad war genau das richtige, um das ganze
vollständig von sich abzuwaschen. Der blonde Junge schnüffelte unauffällig
am Ärmel seines Pullis. Uhhh... Es war seinem Liebsten wirklich hoch
anzurechnen, daß er ihn mit diesem Gestank behaftet, immer noch ohne
zu zögern in den Arm nahm. Ryan grinste leicht, und begann sich aus Pulli
und Hosen zu schälen, die großen Dreckflecken darauf nicht weiter
beachtend. – Die Sachen mußten sowieso weggeworfen werden.
Zufrieden kramte er dann durch die reiche Auswahl an Badeperlen und Duftstoffen,
mal an diesem oder jenem schnuppernd, während er immer wieder einen versichernden
Blick auf Ardeth warf, wie um zu überprüfen, das dies auch ja kein
Traum war, der wie eine dieser schaumigen Seifenblasen in der sich füllenden
Wanne, jeden Moment zerplatzen konnte.
Ardeth ließ sich zufrieden auf dem Badewannenrand nieder
und sah zu, wie sein Liebling das großzügige Badezimmer innerhalb
von einer halben Minute mit hingeworfenen schmutzigen Kleidungsstücken,
geöffneten und desinteressiert beiseite gestellten Badezusätzen
und flauschigen Handtüchern in ein Chaos verwandelte. Wie er den Raum
mit Leben füllte, ohne es auch nur zu merken.
Und wie er immer wieder seinen Blick Ardeth selbst zuwandte, ihn niemals das
Zentrum seiner Aufmerksamkeit verlassen ließ. Wie er auch Ardeth selbst
mit Leben erfüllte.
Nachdem Ryan die Badewanne mit einer ihm zusagenden Mischung aus schäumenden
Zusätzen versehen hatte, streckte Ardeth sanft die Hand nach ihm aus,
den warmen nackten Körper an sich ziehend, um dann die Wange gegen seinen
flachen Bauch zu legen.
Wieder einmal konnte er kaum fassen, daß dieses engelgleiche Wesen sein
eigen war. Mehr noch, daß es zu ihm zurückgekommen war. Das es
die Welt draußen gesehen hatte und ihn noch immer liebte.
Mit einem tiefen, wohligen Seufzer entspannte er sich.
Diese Geste allein reichte aus, um Ryans Welt wieder in Ordnung
zu bringen. Um ihm vor Glück und Liebe die Kehle eng werden zu lassen,
so daß er heftig schlucken mußte, um den dicken Kloß, der
plötzlich darin saß, verschwinden zu lassen.
Zärtlich strich er mit beiden Händen durch das lange dunkle Haar
seines Geliebten, liebkoste einzelne Locken, und streichelte schließlich
sanft über Ardeth’s Gesicht, ganz so, als würde er es neu
lernen, es sich auf immer einprägen.
Behutsam zog er die feingeschwungenen Augenbrauen nach und ließ den
Finger dann neckend über den Nasenrücken wandern. Seine eigenen
Lippen öffneten sich ganz leicht, als er schließlich sehnsüchtig
den vollen Mund seines Liebsten streichelte, und plötzlich konnte er
es keine Sekunde länger aushalten. – All den Schmerz der zurückliegenden
Trennung wie ein flackerndes Feuer in seinen Augen, beugte er sich zu Ardeth
hinunter, um ihn mit all der Leidenschaft und Wärme zu küssen, die
er in sich trug.
Der Vampir war sein Leben. Und wenn es auch jemals nur den kleinsten Zweifel
daran in seinem Inneren gegeben hätte, jetzt gab es nichts, was diese
Gewißheit noch erschüttern konnte. Hier gehörte er hin, und
nirgendwo sonst.
Zu spüren, wie Ryan sich ebenso sehr entspannte wie
er selbst, war wunderbar. Und als sich sein Liebling dann zu Ardeth herunter
beugte, ihn küßte, mit aller Leidenschaft, da fühlte es sich
an, als würde alles endlich an seinen richtigen Platz fallen.
Er hätte nicht sagen können, wie lange sie so verharrten, wie er
Ryans Wärme spürte, wie er Ryans Atem in sich spürte, während
ihre Lippen miteinander verschmolzen blieben.
Erst als das Wasser in der Badewanne den Rand erreichte und sanft gegen Ardeth
schwappte, wurde er sich der Realität wieder bewußt. Mit sanfter
Gewalt trennte er Ryan von sich und lächelte.
"Liebes, dein Badewasser versucht mich zu ertränken," sagte
er amüsiert zu Ryan, der mit verklärtem Blick vor ihm stand und
wohl geschwankt hätte, wenn Ardeth ihn nicht noch immer umfangen gehalten
hätte.
„Badewasser? Oh..." Noch immer berauscht von ihrem innigen Kuß, blinzelte Ryan in Richtung der übervollen Wanne. Vergnügt glucksend, lehnte er sich über den Wannenrand und streckte einen Arm suchend in die Wanne, tastete über den glatten Boden, bis er den Stöpsel fand, um etwas Wasser abzulassen. Eine kleine Flut schwappte nach draußen über und Ryan lachte noch lauter, als er sah, dass auch Ardeth nicht davon verschont blieb. Sein edles Hemd gab dem Wasser nach und legte sich eng an den muskulösen wohlgeformten Oberkörper des Vampirs. Ryans Blick begann sich zu verschleiern, als er sah, wie sich die kleinen dunklen Brustwarzen darunter hart abzeichneten, und er leckte sich unbewußt über die Lippen. Alle Heiterkeit war vergessen, als ein ganz anderes Gefühl in ihm aufstieg. Wie sehr er seinen Liebsten begehrte! Wie sehr er seine Berührungen vermißt hatte... Ardeth mit deutlicher Lust in den Augen fixierend, ließ er seine Finger über die eigene Brust wandern, die perlenden Wassertropfen darauf sanft verstreichend.
Ardeth hob eine drohende Augenbraue. "Ryan..."
sagte er warnend und zeigte auf die Wanne. "Erst baden."
Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als Ryan einen süßen
Schmollmund zog und seinen patentierten Bettelblick aufsetzte. Es war hart
dem zu widerstehen. Unglaublich hart. Und nicht das einzig harte, wenn er
sich ansah, wie Ryans Körper auf ihn reagierte.
Mit einem Lachen fuhr er mit dem Finger über Ryans Bauch und hielt ihm
dann den sichtbar schmutzigen Finger unter die Nase.
"Bitte?" sagte er, nun seinerseits flehentlich.
Ryan errötete leicht. Ja, zuerst zu baden, war doch
dringendst nötig. Auch wenn er jetzt viel lieber mit den Händen
unter Ardeth’s nasses Hemd gefahren wäre, um sich zu den verführerischen
Nippeln vorzuarbeiten, während er...
‚Schluß jetzt,’ schalt er sich selbst, sich dazu zwingend,
den Blick von seinem Liebsten zu lösen, während er in die duftende
Wanne stieg. Hmmm... das tat gut. Das warme Wasser roch himmlisch, und es
fühlte sich noch besser an. Ryan nahm einen weichen Schwamm vom Beckenrand
und streckte ihn Ardeth mit einem schelmischen Lächeln entgegen.
„Bei soviel Schmutz könnte ich eine helfende Hand gebrauchen,"
neckte er und hob einen Fuß aus dem Wasser, um ihn kokett kreisen zu
lassen. „Du könntest hier anfangen, und dich dann langsam nach
oben arbeiten." Lange Wimpern schlossen und öffneten sich in einem
verführerischen Augenaufschlag, und die strahlend blauen Augen hätten
wohl auch das kälteste Vampirherz zum schlagen gebracht.
Wieder einmal wurde sich Ardeth bewußt, wie sehr er
gesegnet war. Mit einem Lächeln nahm er den Schwamm entgegen und begann
Ryans schmutzige Zehen vom ärgsten zu befreien.
"Wo bist du nur gewesen, mein Liebling?" fragte er sanft, den Schwamm
ins Wasser tauchend, um ihn zu reinigen.
Unweigerlich mußte er daran denken, daß wo immer sein Schatz auch
gewesen sein mochte, nun war Heath dort. Ganz allein mit seinen neuen Bedürfnissen
und Sorgen. Hoffentlich würden sich seine Freunde so gut um ihn kümmern,
wie er es verdiente. Und hoffentlich würde der junge Elf nicht zu stolz
sein um Hilfe zu bitten, wenn er sie brauchte.
"Erzählst du mir von deinen Abenteuern, oder möchtest du sie
lieber für dich behalten?" fragte er in der Hoffnung, mehr über
die Leute zu erfahren, denen er seinen Nachkommen überlassen hatte.
Ryans Blick verdunkelte sich etwas, als er an seine Erlebnisse
dachte. Sowas wollte er nie wieder erleben müssen, aber er mußte
zugeben, daß es hätte schlimmer kommen können. Man hatte ihn
zwar gefangengenommen, aber immerhin gut behandelt. Niemand hatte ihn geschlagen
oder bedroht, und hungern hatte er auch nicht müssen. Er wußte,
daß er dafür vor allem Pink zu danken hatte, die immer bemüht
gewesen war, ihn nicht wie einen Gefangenen zu behandeln.
Er hatte die anderen Gangmitglieder untereinander flüstern hören,
und nicht wenige von ihnen waren der Meinung gewesen, man sollte ihn mal etwas
‚genauer zur Arcologie befragen’. Doch Pink hatte sich stets vor
ihn gestellt, wenn die Situation mal wieder zu eskalieren drohte, und auch
die blonde Orkin, die ihm so anklagende Blicke zuwarf, hatte sie rasch besänftigen
können, wenn deren grübelnder düsterer Blick mal wieder auf
ihm zu ruhen kam.
Zögerlich begann Ryan zu sprechen, versuchte Ardeth das Erlebte mitzuteilen,
so gut er es vermochte, innerlich noch viel zu aufgewühlt, um es für
sich selbst richtig einordnen zu können. Und wirklich viel zu erzählen,
gab es ja nicht. Die Tage waren einer nach dem anderen ähnlich abgelaufen,
gefüllt mit Angst, Unsicherheit und Zweifeln.
Pink war darin die einzige Abwechslung gewesen. Die junge Elfe hatte versucht
ihn aufzumuntern und zu trösten, so gut es ging. Anfangs hatte er noch
darüber nachgedacht sie zu benutzen, hatte seine Freundlichkeit ihr gegenüber
nur gespielt. Doch nach und nach hatte er seine Vorbehalte ihr gegenüber
abgelegt, und vor allem ihre Ehrlichkeit schätzen gelernt. Ryan blickte
Ardeth nachdenklich an. „Sie war wirklich nett," sagte er abschließend,
und fügte gleich darauf hinzu: „Anscheinend sind nicht alle Elfen
so betrügerisch wie dieser gemeine Junge..." Er schnaubte entrüstet,
als er an den blonden Elfen dachte, der ihn und seinen Herrn betäubt
hatte.
Ardeth hörte schweigend zu. Während er langsam
und methodisch seinen Liebling putzte, ließ er vor seinem geistigen
Auge die Bilder entstehen, die Ryans Worte malten. Versuchte sich darüber
klar zu werden, ob es richtig gewesen war, seinen Nachkommen mit diesen Sterblichen
allein zu lassen.
Es überraschte ihn ein wenig, wie sehr er sich um den Jungen Sorgen machte.
Immerhin hatte er Ryan nun wieder und eigentlich sollte er mit seinen Gedanken
ganz bei ihm sein. Wieder einmal bedachte er sorgsam die Veränderungen,
die er an sich beobachtet hatte, während Ryan fort war. Die Vielzahl
an Emotionen, die so gar nicht zu einem Vampir passen wollten. Liebe, Sorge,
Mitgefühl.
Er wußte sehr wohl, daß er nicht immer so gewesen war. Das er
Jahrhunderte lang ebenso ein eiskalter Killer, ein Monster, gewesen war, wie
Heath es so sehr befürchtet hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte
er es genossen Sterbliche zu quälen. Nicht auf die krude, lächerliche
Art wie Elijah es tat, aber er hatte sich an den Qualen anderer genährt.
Diese Zeit erschien ihm nun seltsam unwirklich, wie die Erinnerungen eines
anderen, vielleicht als hätte er sie in den Gedanken eines anderen gelesen.
Seine Aufmerksamkeit kehrte ins hier und jetzt zurück, als er hörte,
wie Ryan von Heath sprach.
"Er hat nur getan, was er für notwendig hielt, mein Schatz."
sagte er sanft. "Sie wollten deine Freundin Pink befreien. Sie wäre
jetzt vermutlich tot oder schlimmeres, wenn sie es nicht getan hätten.
Ich glaube, das würdest du nicht wollen... Und davon abgesehen..."
er beugte sich über die Wanne und wuschelte Ryan freundlich, "glaub
mir, er hat für seine Taten mehr als bezahlt."
Jetzt sah Ryan ihn bedrückt an, ein wenig schuldig,
weil er dem Elfen die schlimmsten Sachen gewünscht hatte, für das,
was er ihnen angetan hatte. Aber der Junge hatte es für seine Freunde
getan, wie Ardeth ihm eben erklärt hatte. Für Pink.
Ryan starrte in den flockigen Badeschaum, deutlich ein wenig blasser um die
Nase. „Ist er tot?" Erschrocken suchten seine Augen die seines
Geliebten, als ihm ein neuer Gedanke kam, der in seiner Intensität so
ungeheuerlich war, das er es kaum wagte, ihn auszusprechen.
„Hast du ihn getötet?"
Ardeth sah Ryan schweigend an. Sah in den Augen seines Liebsten Angst. Angst
wovor konnte er nicht recht sagen. Vielleicht Angst vor der Wahrheit, vielleicht
sogar vor Ardeth selbst. Und er konnte es Ryan nicht übel nehmen. Er
hatte den Jungen immer vor der Wahrheit beschützt und er bedauerte es
nicht. Aber vielleicht war es nun Zeit, ihn auch an der dunkleren Seite seines
Lebens teilhaben zu lassen. Wer konnte schon sagen, welche Prüfungen
ihnen noch bevorstanden, in einer Welt, in der Ryan das einzige Licht war.
"Er ist tot, ja." beantwortete er leise Ryans Frage.
Die Augen seines Liebsten wurden noch größer vor Entsetzen.
Sanft legte Ardeth eine Hand gegen Ryans Wange. "Er ist unter entsetzlicher
Angst und furchtbaren Schmerzen gestorben, Liebster. Und er wäre so gern
tot geblieben. Ich habe ihn zurückgeholt. Er ist jetzt ein Vampir."
„Ein Vampir..." wiederholte Ryan tonlos, die Worte
‚entsetzliche Angst’ und ‚furchtbare Schmerzen’ wie
ein scharfes Messer in seiner Brust. Hatte Ardeth das dem Jungen angetan?
Sein Ardeth? Hatte er den Elfen wirklich leiden lassen und ihn dann zu einem
Wesen der Nacht gemacht, um ihn noch mehr zu bestrafen? War er so weit gegangen,
um Ryan zurückzubekommen?
Ryan schluckte schwer. Natürlich hatte er gewußt, daß Ardeth
alles für ihn tun würde. Das er ihn immer beschützen würde.
Und war er sich nicht sehr sicher gewesen, daß sein Liebster kommen
würde, um ihn zu holen, egal wo die anderen ihn auch verstecken mochten?
Aber das er einen anderen dafür quälen würde... das er diesen
blonden Jungen dafür leiden lassen würde... Vor seinem inneren Auge
schien das vertraute Bild seines sanften Geliebten mehr und mehr zu verblassen,
und ein Monster mit bluttriefenden Fängen trat an seine Stelle.
Mit großen Augen schaute Ryan seines Liebsten an, faßte sich ein
Herz und hob langsam eine Hand, um sie an Ardeth’s kühle Wange
zu legen, seufzend die schaumigen Wassertropfen betrachtend, die an dem vertrauten
Gesicht wie an einer Statue hinab liefen. Konnte er ihn für etwas verdammen,
das er nur getan hatte, um Ryan zu schützen?
„Wo ist er jetzt...? Was hast du mit ihm vor?"
Ja, Ryan hatte sich verändert. Er war mutig geworden.
Selbst jetzt, wo er sich plötzlich bewußt wurde, was sein Geliebter
vielleicht war, hatte er noch den Mut ihn zu berühren, ihn zu lieben.
"Du hast ihn gesehen, Liebling, ich habe ihn gegen dich eingetauscht.
Er ist zurück bei seinen Freunden."
Er legte seine Hand über Ryans. "Du weißt, daß ich alles
für dich tun würde. Ich hätte ihm all das angetan, um dich
zu finden. Und noch viel mehr. Aber ich habe es nicht getan. Jemand anderes
hat ihn befragt. Jemand anderes hat ihm all diese Dinge angetan und ihn getötet.
Ich habe ihn nur zurückgeholt."
Er seufzte leise. "Er war die einzige Spur zu dir, Ryan. Und ich konnte
ihn so nicht sterben lassen. Er hat nur versucht das Richtige zu tun. Er ist
ein lieber Junge, weißt du? Wie leicht hättest du an seiner Stelle
sein können, der Gnade von grausamen Vampiren ausgeliefert. Ich hätte
gewollt, daß dich jemand rettet, daß dir jemand Schutz bietet.
Wie könnte ich weniger tun?"
Ein warmes sonniges Gefühl breitete sich in seinem Herzen
aus, vertrieb all die Angst und Zweifel.
Ja, und jetzt fiel es ihm auch wieder ein... die schemenhafte Erinnerung an
jemanden, der aus Ardeth’s Schatten getreten war, als die Orkin Ryan
freigelassen hatte. Er hatte keinen Blick auf den anderen verschwendet, nur
Augen für seinen Herrn gehabt, aber jetzt ergänzte sich das Bild.
Ardeth hatte den Elfen gerettet, und ihn im Austausch für Ryan seinen
Freunden übergeben.
Erleichtert und nur noch unendlich glücklich, schlang Ryan impulsiv beide
Arme um Ardeth, gar nicht bemerkend, das er den Liebsten bis auf die Haut
durchnäßte.
„Danke... " flüsterte er heiser und preßte sein Gesicht
gegen Ardeth’s Schulter. „Ich liebe dich.... Und ich habe dich
so schrecklich vermißt."
"Und ich dich, Liebster." murmelte Ardeth.
Ohne weiter zu zögern, zog er Ryan enger in seine Arme und hob ihn aus
der Badewanne. Das er damit den Raum unter Wasser setzte, merkte er nicht.
Alles was er spürte, war Ryans warmer Körper der sich gegen ihn
preßte, Ryans warmer Atem an seinem Nacken.
Er machte einen Schritt Richtung Tür, dann überlegte er es sich
anders, die Schatten um sie beide zusammenziehend, um Sekunden später
im Schlafzimmer daraus hervorzutreten.
Zusammen mit Ryan ließ er sich auf's Bett fallen, mit ihm verschlungen.
Wie sehr er Ryan brauchte. Wie sehr er ihn vermißt hatte.
Von seinen Gefühlen überwältigt, bedeckte er Ryans Gesicht
mit Küssen.
*
Mit einem befriedigten Lächeln auf dem Gesicht, das
für einen winzigen Moment selbst über das kalte Funkeln in seinen
eisblauen Augen hinweg täuschte, lehnte Elijah sich in seinem Sessel
zurück und stöpselte sich aus der Matrix der Arcologie aus.
Die Hände triumphierend zusammengelegt, fast so, als würde er einer
unsichtbaren Macht ein Dankgebet widmen, starrte er noch eine Weile auf den
jetzt leeren Bildschirm.
Seine Lordschaft, der unnahbare, ach so perfekte Ardeth Bey, hatte soeben
den Fehler seines Lebens gemacht. Ein Fehler, der ihn hinabstürzen würde
in die Tiefen von Livianas Ungnade, von wo er nie wieder zurückkehren
würde. Vielleicht würde Liv sogar Elijah’s sehnlichen Wunsch
wahr machen, und Ardeth Beys Existenz ein vernichtendes Ende setzen.
Der Sicherheitschef preßte die Lippen zu einem grimmigen dünnen
Strich zusammen. Wie er den Mann haßte! Haßte seine Arroganz,
seine Überlegenheit, und wie er Elijah stets nur mit ausgesprochener
Verachtung gegenüber trat.
„Selbstgefälliger Bastard," zischte Elijah leise, „deine
Zuneigung zu deinem sterblichen Haustier, wird dein letzter Fehler gewesen
sein."
Genüßlich ließ er seine Finger über die Tastatur vor
ihm gleiten, um eine Audienz bei der Fürstin anzumelden. Die Betreffzeile,
die darüber entscheiden würde, ob Liviana dieses Gespräch für
dringlich erachten würde, oder ob sie ihn auf unbestimmte Zeit schmoren
lassen würde, leuchtete in aggressivem Rot.
Grinsend und gehässig mit der Zunge schnalzend, tippte Elijah ein einziges
Wort. Betreff: PINK.
Es dauerte keine 10 Sekunden, und die Antwort von Livs Diener kam ebenso knapp
wie deutlich: – Sie werden unverzüglich erwartet.-
Elijah warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. ‚Game over, Ardeth
Bey.’
Die privaten Gemächer von Fürstin Liviana waren
ungewöhnlich dunkel. Normalerweise erstrahlten sie in grellem Neonlicht,
aber jetzt waren sie von unsteten Schatten erfüllt. Die Gedanken der
Fürstin der Stadt waren es auch.
Pink.
Beinahe hatte sie nicht mehr geglaubt, diesen Namen noch einmal zu hören.
Aber Elijah hatte es gewagt das Thema wieder aufzubringen. Nach seinem kläglichen
Versagen hatte er es tatsächlich gewagt. Es erstaunte sie beinahe ein
wenig, daß er es wagte. War es möglich, daß der kleine Nichtsnutz
doch etwas zustande gebracht hatte?
Die Dunkelheit zog sich enger um sie zusammen. Wenn ja... dann würde
sie endlich ihre Rache bekommen, an ihrer ältesten Feindin. Endlich.
Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf den Eingang, als sie spürte, wie
die kleine Ratte ihr Heim betrat. Wenn er keine guten Nachrichten brachte,
würde er es nie wieder verlassen, schwor sie sich.
Seine Kehle schnürte sich aufgeregt zusammen, als er
ohne Zögern und Floskeln zu Liviana vorgelassen wurde, und die ungewohnt
düsteren Räume betrat. Sie war in keiner guten Stimmung... nun,
schlecht für Bey.
Ein leichtes Grinsen drohte sich auf sein Gesicht zu stehlen, aber Elijah
beherrschte sich gerade noch. Hier mußte er so vorsichtig wie möglich
vorgehen. Liv war vielleicht in manchen Dingen leicht zu manipulieren, aber
ihre Stimmungsumschwünge hatten schon ganz andere Leute als Aschehäufchen
enden lassen. Er mußte geschickt vorgehen.
Den Kopf untertänig gesenkt, näherte sich Elijah seiner Fürstin,
in einer tiefen Verbeugung verharrend, bis sie ihm ungeduldig gebot, zu sprechen.
„Meine Fürstin," zitterte seine Stimme in aufgeregtem Unbehagen,
das nicht völlig gespielt war, „ich darf Euch mitteilen, das einer
Eurer Untertanen Kontakt zu der Bande verräterischer Menschen herstellen
konnte, welche die Erlöserin in ihre Gewalt gebracht haben."
Er konnte fühlen, wie sich Livianas Blick in ihn bohrte, sich wie Säure
langsam in ihn hineinfraß, und der junge Vampir sprach schnell weiter,
bemüht die Aufmerksamkeit schnellstmöglich von sich abzulenken und
hin auf denjenigen, mit dem er noch eine Rechnung offen hatte.
„Ardeth Bey ist es gelungen, meine Herrin. Über den Elfen, den
er als sein Child beansprucht hat - wenn Ihr Euch erinnern mögt –
hat er die Erlöserin ausfindig machen können... aber..." Ein
Ausdruck von absoluter Verwirrtung und ungläubiger Fassungslosigkeit
huschte über das plötzlich so unschuldig und kindlich aussehende
Gesicht des Sicherheitschefs. „Aber, meine Herrin... wie ich soeben
erfahren habe, hat er die Erlöserin nicht für Euch zurückgeholt,
sondern statt dessen sein sterbliches Haustier gegen den Elfen ausgetauscht...?"
Den Blick sogleich wieder demütig gesenkt, gab Elijah der Fürstin
Gelegenheit, den ihr vorgeworfenen Brocken zu verdauen.
Ardeth Bey. Der erste Gedanke der Fürstin war glasklar.
Das würde er nie wagen. Niemals würde er sich gegen sie stellen,
er war ihr immer ein gehorsamer Diener gewesen. Niemals hatte er ihre Herrschaft
in Frage gestellt, obwohl... Nein, er war nicht mächtig genug sich ihr
zu widersetzen.
Ihre scharfen Augen richteten sich auf die kleine Ratte, die sie zu ihrem
Sicherheitschef gemacht hatte. Seine Absichten waren offensichtlich. Das er
Ardeth Bey haßte, war noch offensichtlicher. Dummes, dummes Kind. Hatte
immer noch nicht gelernt sich nicht in die Spiele Mächtigerer einzumischen.
Aber er log nicht. Er glaubte, was er da sagte.
Ihre Augen wurden schmal, als sich ihr Bewußtsein über die Arc
ausbreitete, als sie Ardeth Bey spürte. Spürte, daß er GLÜCKLICH
war. Das sollte nicht sein.
Ohne weiteres Zögern schritt sie an Elijah vorbei in Richtung von Ardeths
Quartieren.
Er wieselte hinter ihr her, entschlossen, das große
Finale nicht zu versäumen. Das hatte er sich schließlich verdient.
Heute Nacht würde es vor allem einen Gewinner geben, und das war er!
Wer weiß, vielleicht war sogar eine Beförderung drin. Wenn er erst
mal das Haustier von Bey in seinen Fingern hatte, würde es nicht lange
dauern, bis er von ihm den Aufenthaltsort der Erlöserin erfuhr. Der kleine
süße ‚Ryan’ war mit Sicherheit nicht so tough wie der
Elf, der sich ihm so hartnäckig widersetzt hatte. Ein paar Stunden in
Elijah’s Gesellschaft, und er würde ihm alles sagen, was er wissen
wollte.
Doch das Liviana sich trotz allem, was er ihr soeben berichtet hatte, persönlich
zu Ardeth bemühte, und ihn nicht einfach zu sich befahl, weckte ein leises
Unbehagen in ihm. Ebenso das sie nicht einfach in seine Räume eindrang,
sondern wartete, daß er ihr öffnete. Wie mächtig war Bey,
wenn selbst Liviana sich ihm mit Vorsicht näherte? Hatte er vielleicht
einen Fehler gemacht, indem er seine Intrige so offen spann? Nein... gegen
die Fürstin konnte Ardeth Bey nicht bestehen. Und Liv würde ihre
schützende Hand über ihn halten, schließlich war er noch immer
Sicherheitschef der Arcologie. Keiner kannte sich mit dem technischen Kram
hier so gut aus wie er.
Elijah bemühte sich ruhig zu bleiben. Er hatte alles unter Kontrolle.
Kein Grund zur Panik. Einfach im Hintergrund bleiben, und die Show genießen.
Das war stets der beste Plan.
Zufrieden beobachtete er aus sicherer Entfernung, wie ein überraschter
Ardeth Bey in der Tür erschien.
Liviana. Umgeben von einer bedrohlichen Wolke übelster
Laune.
Ardeth brauchte nur einen kurzen Moment um sich zu fangen, aber er wußte,
daß es bereits zu viel gewesen war.
"Meine Fürstin, was führt Euch zu mir?" fragte er unterwürfig
und sich verbeugend.
Ihre Augen waren schmal wie die einer zornigen Katze. Sie dominierte den Raum,
aber Ardeth entging dennoch nicht, daß sie noch eine andere Präsenz
mitgebracht hatte. Seine Augen trafen die von Elijah. Himmelblau und böse.
Er hatte dies hier angezettelt und plötzlich wußte Ardeth genau,
warum Liv bei ihm war.
Ryan.
"Wo ist er?" fragte die Fürstin im selben Moment eisig.
Instinktiv zog auch Ardeth die Schatten enger um sich zusammen. Mit einem
Schritt blockierte er den Zugang zu seinen weiteren Räumen.
"Er ist bei mir." sagte er leise und mit einem Hauch von Drohung.
Der Tonfall entging Liviana nicht, Ardeth konnte spüren, wie sich ihr
Zorn verdichtete.
"Bei dir?" zischte sie. "Also sagte diese kleine Ratte die
Wahrheit," sie gestikulierte vage in Elijahs Richtung, "Wie kannst
du es wagen mich zu hintergehen?!"
‚Kleine Ratte?’ Elijah stutzte. Das klang aber
nicht nach der Anerkennung, die er sich von Liviana erhofft hatte. Verärgert
glitt sein Blick zu Bey und er erstarrte. – So hatte er seinen Feind
noch nie gesehen. Der sonst so kühle, aber in Gegenwart der Fürstin
stets respektvolle Ausdruck, war von seinem Gesicht gewichen, und hatte etwas
dunklem, unheimlichem, Platz gemacht. Stark und ungezügelt war die Präsenz
von Ardeth Beys Macht, und der Sicherheitschef trat unwillkürlich einen
Schritt zurück, noch tiefer hinein in die Schatten der dunklen Ecke,
die ihm für den Augenblick dürftigen Schutz bot.
Verdammt, er hätte Liviana nicht folgen dürfen. Hätte abwarten
sollen, bis die beiden die Sache unter sich geklärt hatten. Denn falls
Liviana gegen Bey verlor...
Elijah’s Augen weiteten sich erschrocken. Das hatte er nicht bedacht.
Aber er hatte es schlichtweg für unmöglich gehalten. Doch als er
sah, wie die erstickende Schwärze um Ardeth Bey wie ein unheilvolles
Meer aus dem Raum schwappte und sich um den verhaßten Feind sammelte,
da schien es plötzlich keinen Zweifel daran zu geben, wer diese Schlacht
für sich entscheiden würde.
Wenn es zu einer Schlacht kam... Doch Liv, überheblich wie die Fürstin
nun einmal war – oder sich auch nur bewußt, das ein Rückzug
hier ebenfalls einer Niederlage gleichkam – fuhr fauchend ihre Krallen
aus.
Elijah wurde noch eine Spur blasser. Durch seinen dummen kleinen Racheakt
stand auf einmal seine gesamte Zukunft auf dem Spiel. Wenn die Fürstin
verlor, würden sich die Machtverhältnisse in der Arcologie grundlegend
ändern... Und kein noch so dunkles Versteck würde ihn vor Ardeth
Bey verbergen können.
"Dein kleines Haustier bedeutet dir also so viel?"
Die Worte tropften wie Säure zwischen ihnen zu Boden, zogen eine gerade
Linie der Feindschaft. "Ich befehle dir, ihn aufzugeben. Ich befehle
dir..." für einen Moment zögerte Liviana, aber dann fiel ihr
Blick auf Elijah, "Ich befehle dir, ihn der kleinen Ratte zu überlassen."
Zuvor wäre Ardeth noch bereit gewesen die Sache gütlich zu regeln,
aber nun da die Fürstin ihn offen herausforderte... Niemals hätte
er sich gegen sie gestellt, es niemals auf eine Machtprobe ankommen lassen,
aber nun ließ sie ihm keine Wahl.
Ryan war alles was zählte.
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal seine Macht wahrlich
genutzt hatte. Nur ein kleiner Trick hier und da. Nun zog er die Finsternis
die in ihm wohnte hervor, enthüllte sie, ließ sie den Raum erfüllen
mit all ihren namenlosen Schrecken.
Und Liviana spürte es ebenfalls. Wie Ardeth ließ auch sie alle
Schleier fallen, breitete ihre Schwingen aus, ihre Macht war grell und kreischend,
wo seine erstickend und schwer über ihrer lag. Als dämonische Kreaturen
prallten sie aufeinander, ihre wahre Natur offen gelegt.
Ineinander verkrallt verharrten sie, ihr Kampf ebenso sehr ein körperlicher,
wie ein geistiger. Ardeth spürte, wie sie gegen ihn ankämpfte, wie
sie drohte, sein Wesen zu zerreißen. Aber da war etwas, daß weder
er noch sie erwartet hatte. - Ein Kern von rasendem, glühendem Licht
verborgen in seiner Dunkelheit. Und er fraß sich durch sie beide, war
eine Kraft, der sie beide nicht widerstehen konnten.
Ohne zu zögern schlug Ardeth seine Fänge in Livianas Hals und trank.
Trank in tiefen, gierigen Zügen von ihrer dämonischen Essenz und
spürte, wie sie sich in ihm wandelte, zu etwas anderem, reinerem wurde.
Wie sie unter seinen Händen zerfiel.
Den Mund in sprachlosem Entsetzen halb offen, verfolgte Elijah,
wie innerhalb weniger Minuten eine völlig neue Ordnung geschaffen wurde.
Sein kurzer Triumph wurde weggefegt von der reißenden Macht, die sich
vor ihm entfesselte, und eine Furcht, wie er sie seit seinen sterblichen Tagen
nicht mehr empfunden hatte, ergriff von ihm Besitz und ließ ihn zittern
wie ein neugeborenes Kind. Ein schwaches Neugeborenes, ja, mehr war er nicht,
das wurde ihm jetzt klar. Der Gedanke mit Liviana und Bey seine Spiele treiben
zu können, erschien ihm jetzt so absurd, daß er nur noch den Wunsch
verspürte, Hals über Kopf von hier zu fliehen.
Und er mußte es jetzt tun. Solange noch Zeit war. Solange Ardeth Beys
Fänge noch im Hals der Fürstin steckten, und er sie bis auf den
letzten unsterblichen Tropfen leerte...ihre ganze schreckliche Macht... Ein
Wimmern kroch aus der Kehle des jungen Vampirs. Oh, wie er diese Macht wollte,
wie es ihn nach dem winzigsten Tropfen dieser kostbaren Essenz dürstete!
Keuchend sah er mit an, wie der Körper der Fürstin zu zerbröckeln
begann, wie sich der perfekte, schmerzhaft schöne Körper in Staub
auflöste...
Gewaltsam riss er sich von dem Anblick los, kaltes Grausen gepaart mit Faszination,
und zwang sich zu fliehen. Seine trügerische Zuflucht verlassend, einen
Schritt vor den anderen rückwärts zu setzen, den Blick noch immer
wie gebannt auf Ardeth Bey gerichtet, von dessen weißen, strahlenden
Fängen das dunkle Blut wie klebriger Teer tropfte. Wie schwarz es war...
Dann hielt der andere Vampir inne, die Augen geschlossen, als würde er
in sich hinein hören, die Fürstin nur mehr ein davonwehender Hauch
von Asche auf seinen Händen. Und Ardeth Bey lächelte. Ein Lächeln,
so voller Befriedigung und unglaublicher Selbstsicherheit, daß es Elijah
Schauer über den Rücken jagte und ihn rennen ließ, so schnell
er konnte.
Der letzte Blick über seine Schulter zeigte ihm ein Bild, das er nie
vergessen würde. Das ihn in seine tiefsten Alpträume hinein verfolgen
würde. -
Ardeth Bey, den Kopf in den Nacken gelegt, das lange glänzende Haar wie
ein Meer über seinen Schultern, und ein Lächeln auf dem Gesicht,
das seine Züge unirdisch erstrahlen ließ, ihn erleuchtete, hervorhob
vor der Finsternis, die ihn umspannte. Finsternis in Form von gewaltigen schwarzen
Schwingen, die aus seinem Rücken hervorbrachen und sich mit einem lauten
Schlag entfalteten...
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