"SubMission"
Teil 17
by Beryll & Vagabond
Die düsteren, feuchten Kerkerwände schlossen sich
um ihn, wie ein altertümliches Grab. Sie erinnerten Orlando daran, wie
er diesen Weg das letzte Mal gegangen war. Damals - war das wirklich erst
wenige Tage her? - hatte man ihn in eine Zelle geworfen und er hatte nicht
gedacht, daß er lebend wieder herauskommen würde. Bist du ja auch
nicht, bemerkte eine boshafte kleine Stimme in seinem Kopf. Nein, am Leben
war er nicht mehr.
Seine Sinne spürten nun Dinge in der Dunkelheit, die ihm zuvor verborgen
geblieben waren. Geräusche, leichte Unterschiede in der Temperatur der
Luft, all das nahm er nun wahr mit den unnatürlich scharfen Sinnen, die
ihm Mutter gegeben hatte.
'Mutter' - wie von selbst hatte sich der Ausdruck in seine Gedanken eingeschlichen
und festgefressen. Er wollte das untote Monster nicht so sehen. Wollte freibleiben
von ihrem Einfluss. Und dennoch spürte er den ziehenden Schmerz, jedes
Mal, wenn er versuchte, sie zu hassen. Sie hatte sich in ihm ausgebreitet
wie ein eisiges Gift. Und je länger er in ihrem Turm weilte, desto mehr
verlor er sich in ihrer seltsamen Zuneigung.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er ein echtes Zuhause. Einen Ort voller
Schätze, all den Reichtum und die Macht, die er sich immer erträumt
hatte. Und sie verlangte so wenig dafür. So wenig. Was scherte ihn sein
altes Selbst. Er war nun ein Geschöpf des Bösen, oder? Sollte er
es nicht genießen? Das einzige, was er je geliebte hatte, war eh für
immer verloren. Das amüsierte Funkeln in den Augen eines blonden Elf,
der sich so sehr von dem unterschied, der jetzt neben ihm her ging. Sein 'Bruder'.
Unbewusst fauchte er lautlos bei dem bloßen Gedanken an ihn. Wie ein
Schatten blieb Sean immer an seiner Seite, seine kalten Augen ewig nach irgendeiner
Schwäche suchend. Aber er war nicht mehr Mutters Liebling. Daran würde
all sein Gewinsel nichts ändern. Es war nun Orlando, dem sie Geschenke
machte, Orlando, den sie in ihre Schatten hüllte, Orlando, der von ihrem
Blut kosten durfte... Und das war gut so, oder... ?
Sean schlenderte den langen dunklen Korridor entlang, desinteressiert
einen Kaugummi malmend, während er das schmale Goldkettchen an seinem
linken Handgelenk zurechtrückte, seine Haare glattstrich, und in seinen
Taschen nach dem Schlüssel für die Kerkerzelle suchte. Wie er es
hasste jetzt hier sein zu müssen! Sich mit dem Magierbürschchen
und dem Verräter herumschlagen zu müssen. Aber wenn Mutter etwas
anordnete, dann hieß das, man setzte seinen Hintern besser gleich in
Bewegung. Besonders in letzter Zeit war sie so leicht zu reizen und zu verärgern...
Aus dem Augenwinkel beobachtete Sean den jungen Mann der neben ihm ging. Nahm
die neuen teuren Klamotten wahr, in die Mutter ihn gekleidet hatte. Den hübschen
silbernen Ring der an Orlis Finger funkelte... Ja, ‚Baby Orlando' wurde
natürlich von Mutter gehätschelt. Wenn sie unzufrieden war, oder
etwas auszusetzen hatte, dann an Sean, an Orli niemals.
Der Mund des Elfen presste sich zu einer schmalen Linie zusammen. Wie er den
kleinen Stinker hasste! Er bekam all das, was einmal Sean gehört hatte.
Was Sean zustand! Mutters Aufmerksamkeit... ihre Macht... ihre... Liebe?
Sean schüttelte leicht den Kopf und atmete in Reflex tief durch. Er wusste,
wie falsch dieser Gedanke war, wie trügerisch. Es gab nichts, was Mutter
lieben konnte. Ab und an war sie vernarrt in Dinge und Personen, aber das
hielt nicht allzu lange an. Es war schon erstaunlich, daß er so lange
Zeit Mutters Liebling war.
Und jetzt war es vorbei. Wegen Orlando. Wegen diesen verdammten Kids und der
angeblichen ‚Erlöserin'... Ein leises Knurren stieg in Sean hoch.
Und jetzt ließen sie auch noch den Verräter frei! Wo es doch gar
nicht so leicht gewesen war, Morpheus damals zu erwischen.
"So ein verdammter Blödsinn..." presste er leise zwischen den
Zähnen hervor. "Ich hätte den verdammten verräterischen
Bastard damals kalt machen sollen, dann müssten wir uns jetzt nicht damit
rumschlagen..." Er warf einen gehässigen Blick auf den Vampir neben
sich. "Und die lieben Kleinen gleich mit..."
"Tja, zu spät," antwortete Orli, obwohl er
natürlich genau wusste, daß Sean nicht mit ihm gesprochen hatte.
"Du hast es versaut, weißt du? Wenn ich nicht wäre, würde
Mutter jetzt immer noch nach der Erlöserin suchen. Und ich serviere sie
ihr auf dem Silbertablett." Er grinste den Elfen frech an. "Muss
ganz schön weh tun, wenn man so versagt, hm?"
Er spürte mehr, als das er tatsächlich sehen konnte, wie Sean sich
anspannte, als wäre er bereit zum Sprung. Schon seit sie sich das erste
Mal im Thronsaal gegenüber gestanden hatten, wartete Orli darauf, daß
der Elf endlich den ersten Schlag führte. Dann würde er sich auch
nicht mehr zurückhalten müssen. Ein Teil von ihm, der wusste, daß
er nicht die geringste Chance gegen den viel älteren Vampir hatte, fürchtete
sich. Aber wenn der Elf ihn umbrachte, hatte das gleich zwei Vorteile: ein
Ende für diesen Alptraum und er konnte davon ausgehen, daß Mutter
Sean ebenfalls auslöschen würde. Zwei Vampire weniger, die seinen
Freunden gefährlich werden konnten.
Verwirrt schüttelte er den Kopf. Freunde? Er hatte keine Freunde mehr.
Er musste aufhören, so zu denken. Musste anfangen, nur noch an sich selbst
zu denken, so wie der Elf es tat. So wie alle Vampire es taten. War er nicht
gerade dabei, die Erlöserin in Mutters Hände zu bringen und damit
jede Hoffnung seiner Freunde zu zerstören? War das nicht Beweis, daß
er böse war?
Und dennoch, der Gedanke, Morpheus aus dem Kerker zu befreien, wenigstens
Bray ein Wiedersehen mit seinem Geliebten zu ermöglichen - das wärmte
ein Herz, das aufgehört hatte zu schlagen. So viele widerstreitenden
Emotionen, früher war alles so einfach gewesen, Gut und Böse, Freund
und Feind. Nun stimmte nichts mehr und so sehr er es auch versuchte, er fand
keinen Ausweg.
‚Dieser kleine dreckige...' Sean riss sich mühsam
zusammen. Er wusste, was ihm blühte, wenn er das Baby erledigte. Er konnte
sich keinen Fehler mehr erlauben. Und Orlando wusste das nur zu gut.
Sean blieb stehen und starrte Orli voller Hass an. "Ich habe nicht versagt!!!
Ich habe Mutter nie enttäuscht, ich habe immer alles getan, was sie wollte,
und sie war stets zufrieden mit mir."
Der Vampir schnaubte empört. "Das sie über dich vielleicht
an die Erlöserin rankommt, mag dir im Moment einen Vorteil verschaffen..."
Sean lächelte böse. "Aber dir sollte doch klar sein, das dies
auch der einzige Grund ist, warum sie dich erschaffen hat. Hat sie die Erlöserin
erst einmal, wird sie jegliches Interesse an dir sehr bald verlieren. *Ich*
werde wieder ihr Liebling sein. Ich weiß, wie man Mutter gefällt.
Und ich bin perfekt darin, all ihre Befehle auszuführen, ihre Wünsche
zu erahnen... du kannst mir nicht das Wasser reichen, Kleiner."
Langsam ging Sean auf den jungen Vampir zu, seine Augen kalt und berechnend.
"Wenn sie dich nicht mehr braucht, wird sie dich an mich verfüttern.
Du bist doch nur ein Werkzeug für sie."
Orlando starrte den anderen Vampir schweigend an. Er konnte
sich so lange aufplustern, wie er wollte, das änderte gar nichts an der
Tatsache, daß es Mutter Freude machte, ihn zu quälen, ihn zurückzuweisen
und mit ihm zu spielen. Orli kannte Vampire, kannte ihre Spiele nur zu gut
aus der Sicht der Beute, und er spürte instinktiv, daß es nicht
nur die Erlöserin war, die Mutter dazu veranlasste hatte, ihn zu erschaffen.
Sie hatte die Dunkelheit in ihm gerochen, wie ein Raubtier frisches Blut riecht.
Wie ein Vampir frisches Blut riecht. Und nun, da sie ihre Klauen in ihn geschlagen
hatte, würde sie nicht wieder so einfach loslassen. Und daß sich
ein Teil von Orli nichts mehr wünschte, als einen schnellen Tod, war
wohl der beste Grund für sie, ihn weiterleben zu lassen.
In Seans kalten grünen Augen sah er blanken Hass, aber er blieb seltsam
unberührt davon. "Du bist auch nur ihr Spielzeug." sagte er
leise, beinahe mit einem Hauch Mitleid. "Gefällt es dir, wälzt
du dich gern vor ihr im Dreck? Brauchst du das? Ich kann darauf verzichten.
Wenn das hier vorbei ist, wird sie mich nicht fallen lassen. Egal, wie sehr
wir beide uns das wünschen. Weil es uns beiden so am meisten weh tut.
Du meinst, ich bin ihr Werkzeug? Mag schon sein. Aber wenigstens bin ich nicht
noch stolz darauf."
Sean schwieg. Hass und Wut ließen jede Antwort in ihm
ersticken, und vor allem - die Wahrheit in Orlandos Worten. Sean war nicht
dumm. Er wusste es doch selbst. Wusste, das Mutter ihn nur benutzte. Das nichts,
was er wollte, für sie eine Bedeutung hatte. Solange sie mit ihm zufrieden
war, würde er weiterleben. Doch wenn sie jemals das Interesse an ihm
verlor...
Und dann war da noch seine Schwäche. Viggo und Trinity. Wenn er ehrlich
zu sich selbst war, hatte er doch schon verspielt. Es war nur noch eine Frage
der Zeit. Aber bevor es vorbei war, würde er seinem ‚Brüderchen'
schon noch die Frechheiten austreiben. Niemand durfte so mit ihm sprechen.
Schließlich war er nicht nur ein Vampir, sondern auch ein Elf. Seine
Erscheinung hatte Respekt bei anderen hervorzurufen. Egal wie sehr er sich
vor Mutter auch demütigte, er hatte immer noch mehr Würde, wie diese
kleine Nutte hier.
Langsam wandte Sean den Blick von Orli ab und ging an ihm vorbei, den Gang
weiter entlang in Richtung der Kerkerzelle, in dem Morpheus und Ewan nichtsahnend
saßen. Er fühlte sich plötzlich seltsam leer.
Und wieder eine Herausforderung die unbeantwortet blieb.
Wieder eine Beleidigung, die der Elf nur mit Worten oder eisigem Schweigen
quittierte. Konnte seine Angst vor Mutter wirklich so groß sein, daß
er Orli deswegen in Ruhe ließ? Oder gab es da andere Gründe?
Misstrauisch betrachtete Orlando den Rücken des anderen. Er war von einer
Welt voller gefährlicher Geheimnisse in eine andere nicht weniger tödliche
gestolpert. Wie groß seine Macht nun auch sein mochte, seine Probleme
waren mit ihr gewachsen.
In seinen eigenen Gedanken versunken, folgte er Sean, bis der vor einer Zellentür
stehen blieb und einen schweren, altmodischen Schlüsselbund aus der Tasche
zog.
Und plötzlich zog sich Orlis Herz schmerzhaft zusammen, als ihm klar
wurde, daß Morpheus nicht ahnen konnte, was seinem Schützling zugestoßen
war. Dass er ihn wahrscheinlich für tot hielt, da man ihn nicht in die
Zelle zurückgebracht hatte. Dass Orlando schon hundertmal hätte
hier herunter kommen können, um ihn zu beruhigen. Aber er hatte es einfach
vergessen. Blieb seine Menschlichkeit wirklich so schnell hinter ihm zurück?
Während Sean aufschloss, starrte Orli ihn nachdenklich an und fragte
sich zum ersten Mal, wie es wohl für den Elfen gewesen war. Hatte er
sich auch gefürchtet? War er schon so ein Biest gewesen, bevor sie ihn
in die Dunkelheit geholt hatte? Oder hatte sie ihn dazu erzogen? Hatte er
sich ihr so leicht ergeben, wie Orlando es tat? Oder hatte er sich gewehrt?
Aber jeder auch nur ansatzweise freundliche Gedanke in Richtung des anderen
Vampirs wurde von dessen nächsten Worten erstickt.
"Hey, Morpheus, alter Freund, sieh mal wer die Seiten gewechselt hat.
Sieht so aus, als würde dein Süßer jetzt vor Mutter kriechen
und nicht mehr vor dir!"
Kaum ein Gefühl war so befriedigend, wie pure kalte
Bösartigkeit. Sean hatte sehr bald gelernt, daß genau dieses Gefühl
die ultimative Antriebskraft für einen Vampir war. Und auch jetzt suchte
er in seiner Unsicherheit Zuflucht in dem, was er so gut kannte. Was Gemeinheiten
anging, hatte er von Mutter viel gelernt...
Mit einem gemeinen Lächeln schaute er auf die jämmerlichen Kreaturen,
die dort in ihrer dunklen Zelle hockten, und schon alle Hoffnung auf Hilfe
aufgegeben hatten. Mit Sicherheit glaubten sie, daß ihnen auch jetzt
nur weitere Qualen bevorstanden. Die funkelnden Augen des Elfen musterten
den großen Schwarzen, der ihn alarmiert und voller Hass anblickte, und
Sean trat einen Schritt beiseite, um für Orli Platz zu machen.
‚Da siehst du, was dein Widerstand dir gebracht hat, Morpheus,' dachte
er. ‚Man kann Mutter nicht betrügen.' Und wieder fühlte er,
wie die Panik in ihm hochstieg, nur mit Mühe kämpfte er sie herunter.
Sean konzentrierte sich wieder auf das hier und jetzt. Und das versprach recht
amüsant zu werden. Ein kurzer Blick auf Orlando zeigte ihm, daß
dem Jungen die Gleichgültigkeit, die er so gerne zur Schau trug, gründlich
vergangen war.
"Was für ein Drecksloch..." seufzte er laut, und wandte sich
dann wieder an Morpheus. "Dass du es so lange hier ausgehalten hast,
Morpheus... Ich hatte gedacht, ein paar Wochen hier unten würden schon
ausreichen, und dein kleiner armseliger Verstand würde sich auf immer
verabschieden. Nun, ich bin wirklich überrascht." Der Elf klopfte
Orli vertraulich auf die Schulter und zwinkerte Morpheus spöttisch zu.
"Na, was sagst du zu meinem neuen Brüderchen? Gutes Kanonenfutter...
aber das hattest du ja schon damals ganz richtig erkannt..."
In Orli rangen die Wut auf Sean und die Angst vor Morpheus
Reaktion miteinander. Verzweifelt wünschte er sich plötzlich seine
beschränkten, menschlichen Sinne zurück, als er in die Dunkelheit
der Zelle schaute, die seine Augen nun mühelos durchdrangen. - Als er
sehen musste, wie sehr sein alter Mentor wirklich unter der langen Gefangenschaft
gelitten hatte, wie wenig von dem starken und furchteinflössenden Mann
übrig war, der ihn damals von der Straße geholt hatte.
Und noch mehr schmerzte der Ausdruck in Morpheus Augen, als der erkannte,
was Orli geworden war. Der kurze hasserfüllte Blick zu Sean, der anscheinend
schon immer sein Feind gewesen war, und dann das resignierte Mitgefühl
in seinen Augen, als er Orlando ansah. Alles in ihm begehrte auf gegen dieses
trostlose Aufgeben. Wie konnte es sein, daß er in Morpheus Augen dasselbe
sah, wie in Brays? Nicht ein Hauch von Hoffnung, nicht einmal der Versuch
ihn zurückzuholen, an seine Menschlichkeit zu appellieren. Morpheus gab
ihn ebenso kampflos auf, wie Bray es getan hatte. War er ihnen so wenig wert?
Wie konnten sie einfach hinnehmen, was er geworden war?
Hass flammte in Orlando auf. Hass auf seine sogenannten Freunde, denen er
offenbar egal war, Hass auf den Elfen neben sich, den das so sehr amüsierte,
Hass auf sich selbst, weil er tief in seinem Herzen wusste, daß sie
recht hatten. Er war nie etwas wert gewesen und daran hatte sich nichts geändert.
Morpheus Stimme war rau von Müdigkeit, aber auch von Trauer, als er Sean
ansprach, als wäre Orlando nicht da: "Du solltest ihn im Auge behalten,
Elfboy. Scheint so, als wäre deine Nützlichkeit für deine liebe
'Mutter' auch langsam zuende. Kann nicht mehr lange dauern, bis du auch hier
sitzt, oder sie dich ihrem neuen Baby zum Fraß vorwirft."
Seans Augen wurden schmal. Zu dumm, dass Mutter dieser Tage
plötzlich jeden am Leben lassen wollte. Sean richtete sich gerade auf
und lächelte nachsichtig.
"Du willst doch wohl nicht mich auf eine Stufe stellen mit dir oder dem
Jungen?" Er nickte einmal kurz in Richtung Orlando. "Morpheus, Morpheus,
Morpheus… du kleines Nichts. Was weißt du denn schon? Denkst du,
ich weiß nicht, was damals in dir vorging? Oh, ich weiß genau
was du wolltest... Du wolltest dich in Mutters Gunst einschleichen, wolltest
Macht, wolltest selbst zu einem Vampir werden..." Sean verzog das Gesicht
mitleidig. "Aber du warst zu unwichtig. Zu unbedeutend. Du hattest es
einfach nicht in dir, Morpheus. Du warst einfach nur ‚Futter', wie die
anderen auch... Also hast du dich in letzter Sekunde, wie so viele andere,
an einen unsinnigen Traum geklammert. Eine Welt ohne uns Vampire..."
Sean lachte. "Doch das wird nie passieren."
Der Elf ging langsam ein paar Schritte näher, gestattete es dem anderen,
sein Gesicht zu sehen, die Überzeugung darin. "Und selbst wenn es
so wäre, Morpheus, wenn es denn eine Erlöserin gäbe, und eine
‚neue Welt' - glaubst du wirklich, du hättest darin noch einen
Platz? Glaubst du, man würde dir einfach so verzeihen? ‚Verräter'..."
Sean spukte das Wort verächtlich aus, und Morpheus zuckte zusammen, als
hätte Sean ihn geschlagen. Der Vampir nickte zufrieden.
"Ach halt die Klappe, Sean, was weißt du schon
von Vergebung." Die Worte waren schneller aus Orlandos Mund, als er darüber
nachdenken konnte, woher sie gekommen waren. Er wollte zornig sein, er wollte
alle Welt dafür hassen, was sie ihm angetan hatte, aber es hatte keinen
Sinn. Nichts machte Orli das klarer, als Seans nutzlose Gemeinheiten.
Er wandte sich an seinen Mentor. Tief in seinem Herzen wusste er, daß
es für ihn keine Vergebung geben konnte, für das, was er im Begriff
war zu tun. Dafür, daß er die Hoffnung seiner alten Freunde endgültig
begrub. Aber er war sich sicher - ganz sicher - daß sich die anderen
um Morpheus kümmern würden, daß sie ihm helfen würden
zu seinem alten Selbst zurückzufinden, daß sie ihm seinen Verrat
verzeihen konnten.
"Ich..." seine Stimme zitterte leicht und er musste erneut ansetzen,
um die Worte herauszubringen. "Du wirst mich wahrscheinlich für
immer hassen... aber ich tue das für euch... für Bray... für
dich... bitte denk daran. Irgendwann. Es tut mir leid. Ich werde es immer
bereuen."
Die plötzliche Verwirrung in Morpheus Augen war ihm Beweis genug, daß
es richtig gewesen war, nicht zu schweigen. Da war das, was er so sehr hatte
sehen wollen: Zweifel, Sorge, der Wunsch ihn zu retten, der doch unerfüllbar
bleiben würde. Aber es war genug für Orlando. Genug, um ihm zu beweisen,
daß er der Dunkelheit noch nicht ganz verfallen war.
Er wandte sich dem Elfen zu, der ihm mit seinen glitzernden, unmenschlichen
Augen anstarrte. "Haben wir jetzt genug Zeit verschwendet, 'Bruder'?
Ich glaube, wir haben einen wichtigen Termin, den wir nicht versäumen
sollten." Er trat in die Zelle und zog den Magier, den Bray so sehr liebte,
daß er sogar die Erlöserin für ihn zu opfern bereit war, auf
die Füße. Vielleicht war es die Wahrheit, daß Liebe die einzige
Entschuldigung dafür war, Dinge bewusst falsch zu machen. Vielleicht
war es auch für ihn Entschuldigung genug.
Verblüfft und nachdenklich starrte Sean seinen ‚Bruder'
an. Er hatte Orlando wirklich unterschätzt. Der Junge hatte noch immer
Kampfgeist, er hatte sich Mutters Einfluss noch lange nicht ergeben. Der Vampir
in Orlando war stark, daran bestand kein Zweifel, aber noch immer war ein
Teil seiner Menschlichkeit am Leben, seine Seele... der Teil, der sich um
seine Freunde sorgte. Erstaunlich.
Und so sehr sich Sean auch bemühte dies als Schwäche zu sehen, als
Grund Orlando zu tadeln, der Elf konnte es nicht. Wie auch? Er fühlte
doch genauso. Für Viggo und Trinity würde Sean ohne zu zögern
alles tun. Er würde sich sogar gegen Mutter stellen. Sean erstarrte.
Wieder dieser Gedanke. Er senkte leicht den Kopf, als fürchtete er, man
könnte es in seinen Augen lesen.
Zum tausendsten Mal fragte er sich, wie das nur geschehen konnte. Wie er sich
so verändern konnte. Wie ‚Viggo' ihn so verändern konnte.
Aber war das nicht eigentlich egal? War es nicht einzig und allein wichtig,
daß er geliebt wurde, und wieder lieben konnte? Das er wieder ‚fühlen'
konnte... Es sollte ihm egal sein, ob es Schwäche bedeutete, warum genoss
er es nicht einfach? Seit so langer Zeit endlich wieder glücklich sein...
Und anstatt daran festzuhalten, gab er dem Biest in sich immer wieder neue
Macht. Aus Angst und Unsicherheit. Vielleicht war es wirklich genau das, was
Mutter wollte. Das Orlando und er sich gegenseitig an die Kehle gingen. Wahrscheinlich
hatte sie ihren Spaß daran. Wie lange wollte er es noch zulassen, daß
sie mit ihm spielte?
Seans Herz tat einen schmerzhaften Sprung. Er liebte Mutter. Doch Viggo und
Trinity liebte er noch mehr.
"Okay, gehen wir," antwortete er, und nickte Orli zu. Er konnte
den Kleinen immer noch nicht leiden. Aber in Stücke reißen, wollte
er ihn plötzlich auch nicht mehr.
---
Ardeth glitt lautlos zu seinem Arbeitszimmer und blieb im
Türrahmen stehen, beobachtete den jungen Elfen, der noch genau da saß,
wo er ihn vor mehreren Stunden zurückgelassen hatte. Mit angezogenen
Knien in Ardeths Arbeitssessel gekauert, auf den leeren Bildschirm des Computers
starrend, das Kabel, das ihm Zutritt zu dieser Welt verschaffen würde,
unablässig in den Fingern drehend.
Seine Angst war so groß, daß sie sich in Ardeths Räumen ausgebreitet
hatte, wie ein schleichender, übler Geruch, bis selbst Ardeth sie nicht
mehr aus seinem Bewusstsein verbannen konnte. So sehr Heath es auch wollte,
sosehr er sich danach sehnte, er schaffte es einfach nicht sich zu überwinden,
den Stecker in die Buchse an seiner Schläfe zu schieben und seine Gedanken
frei durch das Netz der Arcologie schweifen zu lassen.
Ardeth wusste genau, wozu der Junge diese Freiheit genutzt hätte: um
Informationen zu sammeln, die seinen Freunden draußen hilfreich sein
konnten. Nicht für eine Sekunde hatte der junge Elf in Erwägung
gezogen, sich von seiner sterblichen Existenz zu verabschieden. Nichts in
ihm war mörderisch oder wild, die Kontrolle, die er über das Biest
in sich hatte, übertraf alles, was Ardeth je gesehen hatte. Sicher, der
Junge beschäftigte sich endlose Stunden damit, darüber nachzudenken,
ob er wohl seine Seele oder seine Menschlichkeit eingebüßt hatte,
aber als Ardeth ihm Blut gebracht hatte, kühles Blut, das ihm kaum schmecken
konnte, war seine erste Frage gewesen, ob ein Mensch dafür hatte sterben
müssen. Ardeth war froh, daß er Tierblut gewählt hatte. Schon
so war der verletzte Vorwurf in Heath Augen genug gewesen, um selbst einen
Stein zu rühren.
Abgesehen davon, daß er die Sonne meiden musste und Blut trank, war
er so wenig Vampir, wie jeder Sterbliche. Nun hätte es Ardeth nur noch
gelingen müssen, den Jungen davon zu überzeugen. Leider war die
Zeit dazu nun vorüber. Er würde selbst sehen müssen, wie er
mit seiner neuen Existenz zurecht kam. So sehr Ardeth auch den Wunsch verspürte,
sich weiterhin um seinen seltsamen neuen Nachkommen zu kümmern, es gab
wichtigeres.
Ryan. Endlich würde er Ryan wiedersehen. Nichts zählte neben dieser
Tatsache. Er räusperte sich leise, um den jungen Elfen von seinen düsteren
Gedanken abzulenken. "Heath? Ich muss mit dir reden..."
Alarmiert tauchte Heath aus seiner Versunkenheit auf und
hob den Kopf. Was würde er wohl diesmal tun müssen? War es schon
wieder Zeit zu trinken? Heath verzog das Gesicht. Seufzend strich sich der
junge Elf eine Locke aus der Stirn. Er konnte sich einfach nicht damit abfinden,
daß sein bisheriges Leben einfach vorüber war. Wieder einmal kam
ihm der Porn-Chip in den Sinn, den er entworfen hatte. Der Grund für
den Streit mit Orli, für das Ende ihrer Beziehung. Es war reinste Ironie,
daß er nun wirklich ein Vampir war. Und er hasste es von ganzem Herzen.
Zögerlich schaute er den dunklen vornehmen Vampir an, der ihn geschaffen
hatte. Ob er ihm verbieten wollte, sich ins Netz der Arcologie einzustöpseln?
Sicherlich... ‚Ardeth' wusste, daß Heath sich den Vampiren hier
in keinster Weise zugehörig fühlte. Die ganze Zeit dachte der Elf
nur an seine Freunde, wie er ihnen helfen konnte, und an das, was er verloren
hatte.
Langsam ließ Heath das Kabel aus seinen Fingern gleiten. Resigniert
legte er es zurück auf den Schreibtisch des Vampirs. Er konnte sich ja
doch nicht dazu überwinden. Hatte Angst, das selbst die vertraute Welt
des Cyberspace, der Ort an dem er sich immer geborgen und sicher gefühlt
hatte, ihm auf einmal fremd erschien. Das er zur Falle geworden war... Ein
unkontrolliertes Zittern durchlief den jungen Elfen. Die Vorstellung das *er*
noch immer dort lauerte, schnürte seine Kehle zusammen. Der widerliche
Alte, der ihn so mitleidslos gefoltert hatte, seinen Verstand und Körper
vergewaltigt hatte, wieder und wieder... Der in seine Erinnerungen eingebrochen
war und sie sich zu eigen gemacht hatte, ihn gezwungen hatte, die schrecklichsten
Stunden seines jungen Lebens wieder und wieder durchzumachen, und sie noch
um ein grausames Vielfaches verstärkt hatte.... Heath würgte leicht.
Noch immer konnte er die zerknitterten trockenen Finger des Alten auf sich
spüren, sein gieriges Sabbern, das ihm in den Ohren klang... Und es gab
kein Entrinnen... Unbewusst fuhr er sich mit einer Hand ins Haar, verkrampfte
die langen schlanken Finger um die üppigen Locken und riss fest daran.
Der Schmerz war immens, aber er reinigte auch. Brachte ihn wieder zurück
ins hier und jetzt. Mit beiden Händen strich sich der Elf übers
Gesicht, ließ seinen Verstand zur Ruhe kommen, so wie Ardeth es ihn
gelehrt hatte, und schaute den anderen Vampir beinahe entschuldigend an. Nein,
selbst wenn er sich hätte überwinden können, er wäre nicht
ins Sicherheitsnetz der Arcologie vorgedrungen. Denn tief in seinem Inneren
fühlte er, das er Ardeth nicht verletzen wollte. Sein ‚Sire' war
nett zu ihm gewesen, auch wenn er ihn aus eigennützigen Gründen
vor dem Sicherheitschef Elijah gerettet hatte. Heath wollte ihm seine Hilfe
nicht mit Verrat danken.
Der junge Vampir ließ die nackten Füße vom Sessel wieder
auf den dicken Teppich gleiten und setzte sich aufrechter hin. Seltsam, wie
ihm sein Erzeuger stets Respekt abverlangte, ohne ein Wort sagen zu müssen.
"Ja?" fragte er höflich, und versuchte seine Aufmerksamkeit
ganz auf den Mann vor sich zu konzentrieren.
Mit einem leisen Seufzen betrat Ardeth den Raum und ließ
sich auf einer Kante des Schreibtischs nieder, seine Roben enger um sich ziehend.
Nachdenklich betrachtete er seinen Schützling und fragte sich zum wiederholten
Mal, ob der Junge es allein schaffen würde. Ihm würde wohl nichts
anderes übrig bleiben. Hoffentlich waren seine Freunde wirklich so gut,
wie er dachte, und würden ihm helfen zu überleben. Es wäre
schade um ihn.
Obwohl er nicht viel Hoffnung hatte, daß Heath auf ihn hören würde,
sprach er trotzdem aus, was er dachte. "Heath... wenn du jemals Hilfe
brauchst, wenn du mich brauchst, dann lass es mich wissen. Ich weiß,
es fällt dir schwer, mir zu vertrauen. Aber ehe dir deine Schwierigkeiten
über den Kopf wachsen, wende dich an mich."
In den Augen des jungen Vampirs las er nur Verwirrung. Er lächelte sanft.
"Deine Freunde haben mich kontaktiert." erklärte er. "Sie
wollen dich gegen Ryan... mein 'Haustier', wie du es nennst... austauschen.
Und ich habe ihrem Vorschlag zugestimmt. Sieht so aus, als müsstest du
meine Gegenwart nicht länger ertragen. Ich lasse dich gehen." 'Pass
auf dich auf, Kleiner.’ fügte er in Gedanken hinzu.
‚Meine Freunde haben ihn kontaktiert... meine Freunde...'
Heaths Herz pochte einmal kurz auf. Beinahe schmerzhaft. Aber es war ein guter
Schmerz. ‚Sie haben mich nicht vergessen', dachte er. ‚Sie sorgen
sich um mich...' Ein Lächeln begann sich auf Heaths Gesicht auszubreiten.
"Wirklich?" Er sah den anderen Vampir aufgeregt an. "Und du
lässt mich gehen, ja?" Mit aller Macht kämpfte er das ihm über
Jahre antrainierte Misstrauen hinunter, das immer kurz unter der Oberfläche
schwelte. ‚Ob es vielleicht nur ein Trick ist?' Aber Ardeth hatte von
seinem Haustier gesprochen, dem blonden Menschenjungen. Heath wusste, wieviel
dieser Junge seinem Sire bedeutete. ‚Ryan.'
Er nickte langsam. Das machte Sinn. Sie würden ihn austauschen, Ardeth
würde seinen Geliebten wiederbekommen, und Heath könnte wieder bei
seinen Freunden sein.
‚Aber ich bin doch jetzt ein Vampir! Ich kann so nicht zu ihnen zurück.
Doch vielleicht verstehen sie es ja...' Der junge Elf biss sich auf die Lippe
und schaute Ardeth an. Ob der andere Vampir das ehrlich meinte? Würde
er sich wirklich weiterhin um Heath kümmern, auch wenn er den anderen
Jungen zurückhatte? Die dunklen Augen des Vampirs strahlten echte Anteilnahme
und Vertrauen aus. Hatte Heath hier vielleicht wirklich ein Zuhause gefunden?'
Der Elf lächelte melancholisch. Wie sehr hatte er sich das immer gewünscht...
Heath schaute Ardeth lange an. "Danke," flüsterte er dann.
Ardeth nickt nur schweigend, aber er hörte die Wärme
in dem einen Wort deutlich. Der Junge war ihm wirklich dankbar. Irgendwie
war das mehr, als er erwartet hatte. Es tat gut. Er gab Heath Zeit ein paar
Dinge zusammenzusuchen, dann war es für sie Zeit zu gehen, und der schmerzlich
sehnsüchtige Blick mit dem der junge Elf plötzlich die Räume
bedachte, die er bisher als Gefängnis empfunden hatte, berührte
Ardeth.
"Du kannst jederzeit zurückkommen, vergiss das nicht. Ich werde
es spüren, wenn du nach mir rufst," sagte er sanft. Dann hüllte
er sich und den Jungen in einen Mantel aus Dunkelheit. Besser wenn niemand
von diesem Ausflug erfuhr, dachte er, als sie beide unbemerkt aus der Arcologie
glitten, wie ein kalter Windhauch über die Stadt streiften, Heath sicher
in seinem Arm. Ardeth brauchte nur wenige Minuten um den Treffpunkt zu erreichen,
den er mit dem Jungen ausgemacht hatte, der sich bei ihm gemeldet hatte.
Seine Sinne streckten sich in alle Richtungen aus, auf der Suche nach seiner
Sonne, seiner Liebe, und diesmal fanden sie, was er so verzweifelt vermisst
hatte. Ryan. Er war tatsächlich da, sie hatten ihn nicht betrogen. Und
es schien ihm gut zu gehen.
Langsam ließ er seine Tarnung fallen und stand schließlich schweigend
und düster in der kleinen schmutzigen Gasse, in welcher der Austausch
stattfinden sollte. Er spürte die Angst der jungen Frau, die Ryan bei
sich hatte. Das tiefe Misstrauen. Sie konnte nicht wissen, daß er vorhatte,
ehrlich zu spielen. Sie spürte genau, wie gefährlich er war, wie
sehr es allein von seinem Wohlwollen abhing, daß diese Sache sicher
über die Bühne ging. Aber allein schon das ihre Sorge auch Ryan
galt - seinem Ryan - hätte ihn dazu bewogen, sie laufen zu lassen.
Er verschränkte die Arme vor der Brust und wartete ruhig, während
Heath neben ihm nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
'Ach du Scheiße...', dachte sich Kira, als Dunkelheit
und Schatten um sie herum plötzlich auseinander klafften, und die hochgewachsene
vornehme Gestalt des Vampirs daraus hervortrat. Doch schon im nächsten
Moment fiel ihr Blick auf Heath, der sich -wie es schien unverletzt, dem Himmel
sei Dank- mit einem glücklichen Lächeln aus dem, seltsamerweise
wie eine Umarmung aussehenden Griff des Vampirs löste, und zu ihr rübersah.
Ein lauter Schrei direkt neben ihrem Ohr ließ Kira zusammenzucken. –
Ryan, dessen Arm sie sicherheitshalber fest gepackt hatte, nur für den
Fall das etwas schief lief, hatte sich von ihr losgerissen und stürzte
sich gerade unter heißen Tränen, aber mit einem frohen Glucksen,
dem Vampir in die Arme.
Alle Alarmglocken schrillten in Kira, doch der Vampir machte keinerlei Anstalten
sie und Heath nun umzubringen. Tiefe Besorgnis schien allmählich Erleichterung
und Freude Platz zu machen, als der Vampir Ryan in seine Arme hob und ihn
wieder und wieder streichelte, so als wolle er auch ganz sichergehen, daß
es sein Geliebter war. ‚Irgendwie rührend, dieser Vampy...' dachte
Shakira, und grinste erleichtert zu Heath rüber, der nun seinerseits
zu ihr rübersauste, und dann kurz vor ihr abstoppte, um ihr etwas unsicher
gegenüber zu stehen. "Hey Kira..." flüsterte er mit seiner
sanften Stimme, und seine Wuschelmähne bewegt sich leicht in der kühlen
Nachtluft.
Kira streckte die Hand aus und fuhr einmal rau darüber, bevor sie Heath
schließlich mit einem Ruck in ihre Arme zog und ihn fest drückte.
"Junge, Junge... wir haben uns alle solche Sorgen um dich gemacht...
aber du lebst, du lebst... ach Heath, ich bin ja so froh... " Ihre Hauer
blitzten, als sie ihn mit einem frohen Grinsen ansah.
Heath lächelte Kira an und war einen Moment lang einfach
nur dankbar. Dankbar, daß er sie noch einmal wiedersehen durfte. Dankbar,
daß er noch am Leben war. Aber dann drängte sich in sein Bewusstsein,
daß er das ja eigentlich nicht mehr war, wie warm sie sich unter seinen
kalten Händen anfühlte, und daß er ihr Blut riechen konnte.
Mit aller Macht verdrängte er diesen Gedanken und sah statt dessen zu
dem Vampir zurück, der ihn geschaffen hatte.
Der schmerzhafte Stich in seinem Herzen wunderte ihn, als er sah, wie Ryan
sich an ihn drückte, wie sein Sire nur noch Augen für sein sterbliches
Haustier hatte. Aber dann sah Ardeth ihn über den Kopf des Jungen hinweg
an, ein leises Lächeln in den Augen, das nur für Heath bestimmt
war, und der Schmerz war verschwunden, ersetzt von stillem Staunen. Es war
also wahr. Er ließ ihn wirklich gehen. Der Vampir nickte ihm schweigend
zu, dann schlangen sich die Schatten um ihn und den Menschen, und sie waren
so lautlos verschwunden, wie die Schatten der Nacht.
Heath wandte sich wieder Kira zu und schlang die Arme um seinen Oberkörper.
Plötzlich fühlte er die ganze Kälte des Todes. Und er musste
seiner Freundin erklären, was er nun war. "Kira... ich... danke."
sagte er leise. "Danke, daß ihr mich rausgeholt habt. Ich... ich
weiß nicht, wie ich euch danken kann... aber da ist etwas, daß
ihr wissen müsst. Ich..." Er schluckte hart. "Sie... sie haben...
oh Gott, Kira..." er spürte wie ihm die Tränen in die Augen
stiegen. Blutige Tränen. "Sie haben mich zu einem der ihren gemacht..."
Er starrte sie an und wartete voller Angst auf ihre Reaktion.
Erschrocken wich Kira von ihm zurück. Die Vampys hatten
was getan? Fassungslos sah sie auf die klebrigen Bluttränen, und hielt
sich entsetzt die Hand vor den Mund. Solange Zeit hatten sie gegen die Vampire
gekämpft. Hatten davon geträumt eines Tages jeden von ihnen vernichtet
zu sehen, und jetzt das! Oh, bitte... nicht das... Heath, ihr Heath, war tot.
War einer von denen, für immer verloren für seine Freunde. Und sie
hatten doch soviel riskiert, um ihn zu befreien... Tausend Gedanken schossen
ihr durch den Kopf. Besonders einer, mit aller Macht – ‚Das muss
eine Falle sein!’
Shakira ballte ihre Hände zu Fäusten. Was sollte sie jetzt nur tun?
Wie konnte sie dem Monster, zu dem ihr Freund geworden war, entkommen? Schweigend
musterte sie ihn, und Kiras Herz krampfte sich in Mitleid zusammen. Nein,
diese Trauer konnte nicht gespielt sein. Da war soviel Schmerz in Heaths Augen,
Schmerz, der echt war, das erkannte sie nun. Unzählige Male hatte sie
den Elfenjungen getröstet, wenn es wieder einmal einfach zu viel geworden
war. Udo, das Bordell, die miesen Kunden, die Trostlosigkeit und Dunkelheit.
Dann hatte sie den blonden Jungen in die Arme genommen und seine Tränen
weggewischt, versucht ihn zu trösten, so gut es nur ging. Wie es eine
große Schwester nun mal tat... Heath und die anderen Jungs waren für
sie wie Brüder. ‚Familie lässt man nicht im Stich.' Und daran
hatte Kira immer geglaubt. Die Jungs waren für sie die einzige Familie,
die sie je gekannt hatte.
Zögerlich streckte die Orkin die Hände nach dem ängstlichen
jungen Vampir aus, und zog ihn vorsichtig in die Arme. "Du bist jetzt
in Sicherheit," begann sie und schluckte tapfer, "ich... ich bin
ja so froh, daß wir dich wiederhaben... kleiner Bruder..." flüsterte
sie.
"Kira..." für einen Moment konnte Heath sich
noch zusammenreißen, aber dann brach all seine Tapferkeit um ihn zusammen
wie ein Kartenhaus, und er ließ sich einfach in die Arme der Orkin fallen
und heulte hemmungslos. Zu lange schon hatte er nicht loslassen können,
erst in den Klauen des Sicherheitschefs, dann gegenüber seinem Sire.
Aber Kira war seine Freundin, wirklich und wahrhaftig und immer noch seine
Freundin. Ihr musste er nichts vorspielen.
Er klammerte sich an ihr fest wie ein Ertrinkender, bis sie beide auf die
Knie sanken in dieser schmutzigen Gasse, die auf einmal gar nicht mehr so
dunkel erschien. Jetzt wo er nicht mehr allein war. Das war es doch, was sie
sich immer geschworen hatten, daß sie es zusammen schaffen würden.
Und dann wurde ihm ebenso plötzlich klar, daß er mit Kira allein
war. Wo waren die anderen? Wo war Bray? Und viel, viel wichtiger, wo war Orlando?
Die plötzliche Angst um ihn zog Heaths Herz schmerzhaft zusammen. Auch
wenn Orli ihn nie wieder lieben konnte, Heath würde ihn immer lieben.
Er musste einfach wissen, daß es dem anderen gut ging.
Mühsam gelang es ihm seine Emotionen unter Kontrolle zu bringen und sich
schließlich die blutigen Tränen aus dem Gesicht zu wischen. "Kira,
wo sind die anderen? Was... was ist mit Orlando?" Wieder wartete er ängstlich
auf ihre Antwort, wieder erwartete er das Schlimmste und der plötzliche
Schmerz in ihren Augen bestätigte seine Befürchtungen. Was auch
immer sein Sire gesagt hatte, es war nicht alles in Ordnung mit seinen Freunden.
"Kira... bitte sag mir, daß es ihnen gut geht... bitte..."
"Heath..." Oh je, was sollte sie darauf nur sagen? Kira fühlte, wie neue Tränen über ihr eh schon ganz verheultes Gesicht liefen. "Bray is okay, aber Orli... er is… " Kira schluckte mit aller Macht an dem gewaltigen Kloß, der in ihrem Hals saß. "Tut mir so leid, Heath, aber Orli hat's nich geschafft. Sie ham' ihn geschnappt. Weiß nich, ob er noch..." Schniefend rieb sie sich mit dem Ärmel ihrer Lederjacke über Augen und Gesicht, Schmutz und Tränen auf ihren Wangen zu dunklen Schmierstreifen verwischend.
Heath starrte sie in schweigendem Entsetzen an. Das konnte nicht wahr sein, durfte nicht wahr sein. Er rieb sich mit der Hand über das Gesicht, als könnte er damit das gerade Gehörte wegwischen. "Sie... ?" Er schüttelte den Kopf. "Die Vampire aus der Arc? Aber... wie kann das sein?" 'Orli gefangen... Orli angekettet auf dem selben Metalltisch, auf dem er selbst so lange gelegen hatte...' Nein! Nein, das durfte nicht sein, das konnte nicht sein. "Kira... oh Gott, bitte sag, daß das nicht wahr ist! Nicht Orli!"
"Nein, nich die aus der Arc... andere..." Kira
versuchte sich zusammenzureißen. "Ich weiß doch auch nicht.
Wir sind aus der Arc zurück, mit dem Haustier des Vampirs... Wir dachten,
vielleicht könnten wir ihn austauschen. Hat ja auch geklappt." Die
Orkin schaute Heath erleichtert an. "Dann sind wir zum Matrix zurück,
und dort..." Shakira schüttelte frustriert den Kopf, als sie an
die Geschehnisse zurückdachte. "Irgendwie ging alles nur noch schief.
Pink -die Erlöserin- wollte ihren Mentor sehen, doch auf dem Weg zu seinem
Zimmer sind wir geradewegs einem Vampir in die Arme gelaufen. Einem Vampy,
Heath! Mitten im Matrix! Und was das schlimmste war - Trinity hat ihn gekannt.
Sie hat uns verraten, Heath. Hat uns die ganze Zeit belogen... sie hat mit
den Vampys gemeinsame Sache gemacht. Arbeitet wahrscheinlich schon von Anfang
an für die anderen." Kira schlug wütend mit der Faust auf den
schmutzigen Asphalt. "Der Scheißvampy hat Orlando ausgeknockt,
wir konnten nichts mehr für ihn tun... Bray hat den Vampir gerade lange
genug aufhalten können, damit wir anderen abhauen konnten. Brays Lover
haben sie auch erwischt... Bray is völlig fertig... ach Scheiße..."
Shakira seufzte tief und stand langsam auf, Heath mit sich mit ziehend. "Na
komm, wir müssen weg hier. Is zu gefährlich. Die anderen machen
sich bestimmt schon tierisch Sorgen..."
---
Schweigend stand Sean vor den Trümmern des ‚Matrix'.
Er musste dafür sorgen, daß Trin das nicht zu Gesicht bekam. Er
wollte es ihr nach Möglichkeit ersparen, daß sie ihren Traum so
in Schutt und Asche begraben liegen sah.
Natürlich hatte er gewusst, daß Livianas Leute das Matrix durchwühlt
hatten, auf der Suche nach irgendeiner brauchbaren Information - und Trinity.
Mutters Spione hatten sie ausführlich darüber unterrichtet, wie
Livianas Sicherheitschef das Matrix hatte niederreißen lassen. Sean
verzog beim Gedanken an ‚Elijah' das Gesicht. Fürstin Liviana hatte
wirklich keinen Geschmack, was ihren Nachwuchs anbelangte. Sie verdankte es
nur den wenigen alten und mächtigen Vampiren in ihren Reihen, daß
Mutter sie nicht schon längst vernichtet hatte.
Die Augen des Vampirs suchten die Gegend ab. Er rechnete fast mit einem Hinterhalt.
So verzweifelt die Menschen dieser Tage auch waren - sie würden trotz
allem stets etwas noch dümmeres versuchen.
Seans Kopf ruckte in die Richtung in der er die getarnte Präsenz des
Schamanen witterte, er war erstaunlich stark, der kleine Schamane. Es hatte
einige Sekunden gedauert, bis der Elf ihn wahrgenommen hatte. Sean nickte
ihm zu. Macht war etwas, das der Elf respektierte.
Hinter einem Schutthaufen verborgen, konnte Sean das schlafende Bewusstsein
einer weiteren Person spüren. Er lächelte. Wenn der Kleine ihn nicht
betrog, musste das die Erlöserin sein. Perfekt. Mutter würde zufrieden
sein.
Langsam drehte sich der Vampir zu der nachtschwarzen Limousine um, die hinter
ihm wartete, und gab Orli ein Zeichen. Während Orlando den jungen Magier
unsanft hinausbugsierte, packte der Elf Morpheus am Arm und zerrte ihn von
der Rückbank. Er schubste ihn ein paar Meter weiter in Richtung ihres
Kontaktes, und wartete dann, aus dem Augenwinkel beobachtend, wie Orlando
dasselbe tat.
"Und jetzt die Erlöserin, wenn ich bitten darf," verlangte
Sean ungeduldig.
Bray spürte wie ihm ein kalter Schauer den Rücken
herunterlief, als er den blonden Elfen aus der Limousine steigen sah. Er konnte
sich noch sehr gut daran erinnern, wie er dem Vampir vor kaum einer Woche
zum ersten Mal gegenüber gestanden hatte. Da hatte das Matrix noch gestanden.
Da hatten sie noch gedacht, sie hätten einen wichtigen Sieg errungen.
Und dann hatte genau dieser Vampir all ihre Hoffnungen zunichte gemacht. Aber
damals war er müde und ausgebrannt gewesen, nach dem Run auf die Arc.
Damals war er nicht vorbereitet gewesen. Nun spürte er deutlich wo die
Stärken des Vampirs lagen und wusste bereits, wie er ihm begegnen würde.
Sollte die Sache schief gehen, würde er zumindest diesen arroganten blonden
Elfen mitnehmen.
Für einen Moment richtete er seine Aufmerksamkeit auf Pink, die immer
noch tief und fest schlief. Er wusste, er würde nie die Gelegenheit erhalten,
sich bei ihr zu entschuldigen, für das, was er ihr nun antat. Aber dennoch,
es musste sein. Er schloss für eine Sekunde die Augen und sammelte seine
Kraft.
Und dann sah er wie Orli Ewan aus dem Wagen zerrte. Ewan, der müde und
verwirrt und verzweifelt aussah. Ewan, an dem die Tage der Gefangenschaft
nicht spurlos vorbeigegangen waren. Er spürte den Geist des Magiers,
das Band zwischen ihnen plötzlich so stark, daß er den Schmerz
des anderen kaum ertragen konnte. Und jeder Zweifel war ausgelöscht.
Es musste sein. Ein kleiner Teil von ihm nahm auch Morpheus wahr, ihren alten
Mentor der wundersamerweise doch noch am Leben war. Aber Ewan war so viel
wichtiger.
Sanft packte er Pink und trug sie hinaus auf den offenen Platz, der einmal
die Tanzfläche des Matrix gewesen war. Erst dort angekommen, den beiden
Vampiren gegenüberstehend, ließ er seine Tarnung fallen. Mühsam
riss er sich von Ewans Anblick los, um Orlando in die Augen zu sehen. Ein
Teil von ihm hoffte wohl, dort irgendeine Emotion zu erkennen. Irgendetwas,
das es rechtfertigen würde, ihm zu sagen, daß Heath am Leben war.
Dass er wahrscheinlich in diesem Moment Kira in die Arme schloss. Aber Orlandos
dunkle Augen waren kalt und leer.
Ausdruckslos sah Orli dem ehemaligen Freund entgegen. Sie
hatten sich alles gesagt. Gemeinsam hatten sie das ‚Horny Pony' abgebrannt,
und hatten im selben Moment auch alles übrige begraben, was sie einst
verbunden hatte. Jetzt galt es nur noch die letzten Bruchstücke wegzuräumen.
Aber auch wenn er nach außen keine Regung zeigte, innerlich war Orlando
äußerst angespannt. Er kannte Bray. Wusste, wie mächtig der
Schamane war, und das er stets für eine Überraschung gut war. Wenn
das eine Falle war, würden sie es nicht leicht haben...
Es war seltsam so zu denken. Seltsam, sich als Feinde gegenüber zu stehen.
Früher hatten sie jeden Run zusammen geplant. Hatten gewusst, daß
sie sich aufeinander verlassen konnten. Hatten darauf vertraut, sich mit ihren
Fähigkeiten gegenseitig schützen zu können. Jetzt war Bray
die Gefahr.
Neben ihm atmete der Magier scharf ein, und seufzte leise in Erleichterung
und Glück, als er Bray sah. Es gab Orli einen schmerzhaften Stich. Die
Liebe, die er in dem Jungen sehen konnte, und die sich in Brays Augen widerspiegelte.
Diese zwei konnte wirklich nichts trennen. Bray hatte für ihn sogar die
Erlöserin verraten. Das Ausmaß dieser Tatsache war so ungeheuerlich,
daß Orlando sich noch kleiner vorkam. Er hatte Heath für viel weniger
im Stich gelassen...
Orli packte Ewan bei den gefesselten Händen, und schüttelte ihn
leicht. Es war nicht fair, aber seine Hilflosigkeit und Trauer machten ihn
unglaublich wütend und ungerecht.
"Erst die Erlöserin, dann kannst du deinen Loverboy wiederhaben.
Aber versuch ja keine Tricks, Bray. Ich kenn dich gut genug... , wenn du was
versuchst, hab ich keine Skrupel ihn zu killen. Deine Entscheidung."
Ewan keuchte leise auf, als sich Orlandos Finger schmerzhaft in sein Handgelenk
gruben.
Wolf brüllte in Bray auf und nur unter Aufbietung seines
ganzen Willens konnte Bray sich daran hindern, den Vampir, der einmal sein
Freund gewesen war, mit der Tatsache vertraut zu machen, daß er jetzt
ausgesprochen brennbar war. "Lass ihn los, Orli," zischte er, seine
Augen brennend. Er spürte wie sein Mantel und sein Haar von heißem
Wind nach oben geweht wurden. So nahe, so nahe... Er wollte plötzlich
nichts mehr, als diesen Vampir und alle anderen zu Asche zu verbrennen.
"Ganz sachte." unterbrach die kühle Stimme des blonden Elfen
ihn. "Lass den Jungen los, Brüderchen. Wir wollen keinen Ärger,
weißt du noch? Wir wollen das hier nur hinter uns bringen." Bray
spürte, wie Orli seinen kalten Zorn ebenso herunterwürgte, wie Bray
an seiner eigenen brennenden Wut zu ersticken drohte. Sie waren sich so ähnlich.
Immer noch. Langsam lösten sich Orlandos Finger von Ewans Handgelenk
und Bray entspannte sich etwas. Er legte Pink sanft zwischen sich und Orli
auf den Boden.
"Nimm sie dir." sagte er leise. "Nimm sie mit und beweis mir,
daß ich recht habe. Beweis mir, daß du deine Seele verloren hast."
Er trat langsam einen Schritt zurück. Er musste es wissen. Musste ganz
sicher sein, daß Orlando verloren war. Wie sollte er sonst jemals Heath
in die Augen sehen und ihm sagen, daß Orli tot war. Der Orli, den sie
gekannt hatten.
Er spürte Seans angespannte Präsenz neben sich,
während er immer noch herausfordernd in Brays wild funkelnde Wolfsaugen
blickte. Das Totemtier des Schamanen zeigte sich jetzt ganz deutlich auf Brays
Gesichtszügen, und Orli wusste, welche Gefahr das bedeutete. Bray war
kurz davor die Kontrolle zu verlieren. Der Zorn seines Totems ließ ihn
jede Vorsicht vergessen. Orli war sich sicher, das nicht einmal Sean dem Schamanen
viel entgegenzusetzen hatte, wenn Bray erst einmal richtig loslegte. Langsam
ließ er den Gefangenen los...
Während Ewan vorsichtig zu Bray hinüberlief, kauerte sich Orli bei
der Erlöserin nieder, um sie in seine Arme zu nehmen. Die Rettung, für
die sie so lange gekämpft hatten... Für einen Moment hielt Orlando
sie einfach nur fest gegen seine Brust gedrückt, während die Gefühle
in ihm kämpften. Konnte er das wirklich tun? Unsicher sah er von Pink
zu Bray, von Bray zu Sean, der ihn aufmerksam beobachtete. Ob sein Bruder
damit rechnete, das Orli es sich anders überlegen würde? Ob das
vielleicht auch ein Test von Mutter war? Um zu sehen, ob er loyal war? Bösartig
genug, seine Freunde zu verraten? Sicherlich... Und was, wenn er es nicht
konnte? Wen er sich gegen Sean stellen würde, hier und jetzt, und dafür
sorgte das Pink freikam?
Dann hatten sie noch immer eine Chance... Bray, Kira... und all die anderen...
er war doch sowieso schon tot. Was spielte es da noch für eine Rolle,
was Mutter mit ihm tat? Zögerlich ließ er den Körper der bewusstlosen
Elfe wieder auf den Boden gleiten.
Bray musterte ihn immer noch, seinen Geliebten sanft hinter sich schiebend,
um ihm im Notfall Deckung zu geben. Das leichte Stirnrunzeln verriet Orlando,
daß er etwas getan hatte, mit dem Bray nicht gerechnet hatte. Doch der
Schamane blieb stumm.
"Steig in den Wagen." Die Stimme seines Bruders. Nicht verärgert,
nicht tadelnd, nicht mal amüsiert. Dieses Versagen musste ihn doch freuen?
Jetzt, wo er Mutter beweisen konnte, daß Orlando wirklich eine Enttäuschung
war... Orli starrte vor sich hin.
Er beobachtete, wie Sean die Erlöserin aufhob, und Bray im Auge behaltend,
zurück zum Wagen ging. Fast erwartete er, daß der andere Vampir
ihn hier einfach zurückließ. Es seinen ‚Freunden' überließ,
ihn zu töten. "Orlando." Nachdrücklicher diesmal, aber
immer noch ohne jede Emotion. Orli hob den Kopf und schaute Bray lange an.
Dann drehte er sich um, und ging langsam zum Wagen zurück.
Bray starrte schweigend der verschwindenden Limousine nach
und versuchte zu verstehen, was er da gerade gesehen hatte. Er war sich so
sicher gewesen, daß Orlando sein Feind war, daß er ihm ohne zu
zögern den Kopf abgerissen hätte. Und nun das. Hatte ihm Orli damit
etwas sagen wollen, oder war es nur eine Falle?
Plötzlich verfluchte Bray seinen zügellosen Zorn. Er hätte
die Chance gehabt, mit Orli zu reden, als sie sich beim Horny Pony das erste
Mal getroffen hatten. Aber er hatte sie verschwendet. Hatte sich von Orlis
sprichwörtlicher Coolness blenden lassen. Er hätte es besser wissen
müssen und das wurde ihm nun bewusst. So war es schon immer zwischen
ihnen gewesen. Er konnte nicht zählen, wie oft sie sich angebrüllt
hatten, seit sie sich kannten. Aber immer waren Kira oder Heath dagewesen,
um sie zur Vernunft zu bringen. Das kam also dabei heraus, wenn sie auf sich
allein gestellt waren. Keine sonderlich gute Bilanz.
Aber dann wurde er aus seinen düsteren Gedanken gerissen, als Ewans Hand
vorsichtig seine Schulter berührte. "Bray?" hörte er die
Stimme seines geliebten Magiers und plötzlich spielte nichts mehr eine
Rolle. Er hatte Ewan zurück. Endlich. Langsam drehte er sich um, den
Anblick des Magiers gierig in sich aufnehmend. Verletzungen hatte er, aber
nichts was sich nicht schnell heilen ließ. Die Narben auf seiner Seele
würden langsamer heilen. "Ewan." Er versuchte all seine Liebe
in dieses eine Wort zu legen und berührte gleichzeitig den Geist des
Magiers über das Band, das sie verband. Dann zog er den anderen in seine
Arme, und verbarg das Gesicht an der Schulter des größeren Mannes.
Er war so müde zu kämpfen. Aber nun würde alles gut werden.
Irgendwie.
Ewan hielt Bray ganz fest an sich gedrückt, einfach
nur glücklich seine Nähe zu spüren, seine Stimme zu hören.
Er konnte spüren, wie seine Liebe und Sehnsucht durch das Band zwischen
ihnen noch verstärkt wurde, als Brays Gefühle mit der gleichen stürmischen
Intensität zurückkamen.
Müde war er gewesen, und gebrochen, als die Vampire ihn aus dieser dreckigen
Kerkerzelle geschleift hatten, aber allein Brays Umarmung reichte, um die
ersten Wunden heilen zu lassen. Er lächelte, als er die sanfte astrale
Berührung von *Wolf* spürte, dessen raue Zunge vorsichtig seine
Wange leckte.
Liebevoll fuhr er mit seinen Fingern durch Brays Haar, streichelte zärtlich
die langen geflochtenen Zöpfe entlang. Daran hatte er sich geklammert,
als die Magierin ihn gefoltert hatte - an das Gefühl Bray nahe zu sein,
die Beruhigung und die gleichzeitige Aufregung, die das bei ihm verursachte.
So vieles was er Bray sagen wollte, aber als er dem Schamanen in die Augen
blickte, wusste er, daß es nicht nötig war. Ein kurzes wissendes
Lächeln auf ihren beiden Gesichtern, und dann trafen sich ihre Lippen
endlich in dem hungrigen Kuss, nach dem es sie beide so sehr verlangte.
Für einen langen Moment klammerte sich Bray an den Magier,
den er einmal so gehasst hatte. Wie sehr hatte sich doch sein Leben in so
kurzer Zeit gewandelt. Alles, woran er geglaubt hatte, war verloren, alle
Wahrheiten in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht einmal seine Freundschaft war
noch sicher. Er wollte sich gar nicht ausmalen, was er in Kiras und Heaths
Augen lesen würde, wenn er ihnen jetzt gegenüber trat. Aber dennoch
würde er auch diese Prüfung noch hinter sich bringen. Um ihnen zu
sagen, was aus Orlando geworden war, daß er vielleicht doch nicht verloren
war. Und um Morpheus zu ihnen zu bringen.
Langsam löste er sich aus der Umarmung und sah den Mann an, den er einmal
Mentor genannt hatte. Auch das war nun vorbei. Wie klein Morpheus wirkte,
nun wo Bray sich gestattete die Schwächen, die sich in seiner Aura spiegelten,
wahrzunehmen. Und seine Augen waren voller Fragen. Nur die Verachtung für
Brays Verrat, die er erwartet hatte, fand der junge Schamane nicht.
"Bray..." der große Schwarze machte einen Schritt auf seinen
ehemaligen Schützling zu. "Du... Gott..." ein leises Lächeln
erschien auf seinem Gesicht, "du bist groß geworden, Junge."
Und dann war er bei Bray und zog ihn seinerseits in die Arme. Und für
einen Moment gelang es Bray, so zu tun, als wäre alles wie früher,
als wäre alles jetzt in Ordnung.
"Was ist passiert, Bray?" fragte Morpheus dann leise, den Schamanen
auf Armeslänge von sich weg haltend. "Du... das war wirklich die
Erlöserin, oder? Und du hast sie den Vampiren überlassen... ?"
Bray schloss die Augen. "Ja." sagte er leise. "Und ich würde
es wieder tun. Es... ich kann es nicht erklären. Vielleicht gibt es eben
doch Dinge, die wichtiger sind, als die Rettung der Welt..." Er sah Morpheus
an und erwartete in den Augen des anderen erneut Verachtung. Aber statt dessen
war es eher Hoffnung. "Ich... Bray... Wir tun alle nur, was wir tun müssen.
Du... du weißt, daß ich für sie gearbeitet habe, nicht wahr?
Für die Vampire." Bray nickte schweigend. Aber er konnte keinen
Hass empfinden. Warum auch? Waren sie nicht schlussendlich alle ein Club von
Verrätern? Alle außer Kira und Heath vielleicht. Was blieb einem
übrig, als einfach weiter zu machen.
Zärtlich legte er Ewan einen Arm um die Hüften. "Kommt, ich
bring euch aus diesem verdammten Regen raus. Dann sehen wir weiter."
sagte er und führte sie zu dem Wagen, den er genau dafür geklaut
hatte.
Ewan konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als er zusammen
mit Morpheus in den Wagen stieg, dessen eingeschlagene Fensterscheibe Bände
sprach. "Hübscher Wagen, Bray..."
Bray schaute ihn für einen Moment verdutzt an, und grinste dann übers
ganze Gesicht. "Danke, Liebling. Für dich nur das Beste..."
Es war erleichternd, so zu lachen, gemeinsam, als ob keine Sorgen sie bedrückten.
Zärtlich drückte er noch einmal Brays Hand, bevor dieser den Wagen
startete, um sie zu Morpheus' altem Haus zu bringen, das der Schamane für
ein sicheres Versteck hielt.
Der Schwarze hatte auf diese Ankündigung nicht viel gesagt, nur geseufzt...
Ewan konnte sich vorstellen, daß es nicht leicht für ihn war, nach
der langen Zeit sein einstiges Heim wiederzusehen.
Bedrückt schaute er Bray an, als sie schließlich vor dem heruntergekommenen
Gebäude standen, dessen Fenster mit morschen alten Brettern zugenagelt
waren, an denen der saure Regen der Stadt offensichtlich seit langer Zeit
nagte.
Morpheus schwieg ebenfalls. Nach einem ersten Moment des Schocks, hatte er
nur diesen seltsamen Ausdruck im Gesicht, der Ewan verriet, daß Morpheus
Erinnerung das jetzige Bild einfach hinwegwischte. Langsam ging der große
Schwarze an der Häuserfront entlang und strich beinahe zärtlich
über das graue bröckelige Gestein, den Blick über die zerfallene
Fassade schweifen lassend.
Bray sah beim Anblick des Hauses ebenfalls sichtlich mitgenommen aus, und
Ewan streckte eine Hand aus, um Brays Haar in einer Geste der Aufmunterung
zu verwuscheln. Das brachte ein leichtes Lächeln zurück auf das
Gesicht des Schamanen, und liebevoll legte Ewan einen Arm um Bray, während
er einen schnellen sanften Kuss auf seinen Hals presste. ‚Ob Morpheus
altes Bett noch brauchbar war... ?'
Ewans Gefühle versuchten sich in Brays Wahrnehmung zu
drängen, seine Nähe, der Geruch erwachender Leidenschaft, all das
hüllte ihn in einen schützenden Mantel. Aber dennoch sah er vor
seinem geistigen Auge das Haus so, wie Morpheus es sehen musste. So wie er
es gesehen hatte, als er es das erste Mal betreten hatte. Oder eher gesagt,
als Morpheus ihn kratzend und beißend und schreiend hineingezerrt hatte.
Wie ein unheimliches Ungeheuer hatte es sich vor ihm aufgetürmt, gedroht
ihn zu verschlucken und nie wieder freizugeben, und mit aller Macht hatte
er gegen den viel stärkeren Erwachsenen angekämpft. Wie hätte
er wissen sollen, daß der Mann ihm nur helfen wollte.
Damals waren seine Sinne weit weniger entwickelt gewesen. Alles was er riechen
konnte, war seine eigene Angst gewesen. Wie sehr er sich seit damals verändert
hatte. Morpheus hatte ihn verändert. Aber noch viel mehr Kira. Sie war
schon dort gewesen. Sie hatte ihn verstanden. Vom ganzen Team waren sie sich
immer am nächsten gewesen, denn sie waren die ersten gewesen, die Morpheus
von der Straße aufgelesen hatte. Die kleine Taschendiebin und Halbstarke.
Und der wilde Wolfsjunge. Morpheus hatte er für ein Monster gehalten,
aber Kira hatte er sofort vertraut und sich in ihre Arme geflüchtet,
als Morpheus ihn endlich losließ, um die Tür abzuschließen.
Wie damals rann Bray ein Schauer über den Rücken. Es hatte Wochen
gedauert, bis sie ihn dazu gebracht hatten, auch nur ein Wort zu sagen. Bis
heute konnte er sich nicht erinnern, was vorher gewesen war. Woher er kam.
Nur verwischte Bilder von rennen und kämpfen in einer Wildnis, die andere
Menschen als Stadt bezeichneten. Immer war Wolf bei ihm gewesen. Und Wolf
hatte Kira sofort erkannt und akzeptiert. Würde Kira ihn nun auch noch
beschützen? Er holte tief Luft und öffnete die knarrende Tür.
Schon einmal war er in dieser Nacht hier gewesen. Um Pink zu holen.
Als Kira hörte, wie die Tür geöffnet wurde,
spannte sich ihr Körper in Alarm. Auch das noch... Dabei waren Bray und
sie sich sicher gewesen, daß hier niemand suchen würde. Aber als
Kira mit Heath hier ankam, war Pink nicht mehr dagewesen, und Shakira hatte
angenommen, daß die Vampire ihnen gefolgt waren, letzten Endes auch
noch die Erlöserin geschnappt hatten... Nur seltsam, daß nichts
auf einen Kampf hinwies...
Shakira und Heath hatten beschlossen, wieder in den Katakomben Zuflucht zu
suchen, vorher wollten sie nur noch ein paar Sachen zusammenpacken. Jetzt
saßen sie in der Falle. Vorsichtig nahm sie die eisernen Schlagringe
aus ihrer Tasche und schob sie über ihre Fingerknöchel. Von oberhalb
der Treppe konnte sie leise vorsichtige Schritte hören. Heath. Kira nickte
ihm zu und machte sich kampfbereit...
Brays Sinne tasteten in das Haus hinein. Beinahe hoffte er,
Kira nicht anzutreffen. Dass sie von ihrem Austauschtreffen mit dem Vampir
aus der Arc noch nicht zurück war. Dass er noch einen Moment haben würde,
sich zu sammeln. Aber er spürte sie sofort. Alle ihre Sinne angespannt,
bereit sich zu verteidigen. Stark. Natürlich hatte sie ihn gehört.
"Kira? Ich bin's..." rief er in den dunklen Flur hinein und streckte
seine Sinne weiter aus, um ein Gefühl für ihre Stimmung zu bekommen.
Besorgt. Natürlich, Pink war verschwunden. Erleichterung, als sie seine
Stimme hörte.
Und dann spürte er die andere Präsenz neben Kira und ihm wurde kalt.
Er kannte diese Aura, kannte diese stille, ruhige Traurigkeit, die nur einmal
wirklich nachgelassen hatte. Nur als sie sich warm und golden mit Orlis Dunkelheit
verbunden hatte. Heath.
Aber er war nicht, wie er sein sollte. Wie bei Orli erstickte Bray beinahe
an dem Geruch des Todes. Seine Aura war genauso grau wie die von Orli. Ein
Vampir. Aber ehe Bray vor dem Gefühl zurückzucken konnte, drängten
sich ihm die Gefühle auf, die sich noch immer in der Aura wiederspiegelten
und die waren ganz anders als bei Orli. Angst. Sorge um Kira. Aber nicht die
Bosheit, die ihn an Orli so erschreckt hatte. Nicht die Dunkelheit, die er
von jedem Vampir erwartet hätte.
Was auch immer mit Heath geschehen war, es entsprach nicht dem, was Morpheus
ihnen beigebracht hatte.
"Bray? Mensch, hast du mich erschreckt... " Kira
wirbelte auf ihn zu und drückte ihn an sich, während die Worte aus
ihr heraussprudelten. "Sie... sie haben Pink geschnappt...ich weiß
nich wie die Vampys sie hier finden konnten, aber vielleicht is sie auch abgehauen,
ich hab keine Ahnung... `s is meine Schuld, ich hätt sie nich alleine
lassen dürfen, aber ich musste doch Heath holen..."
Halb folgte ihr Blick seinem, und traf auf Heath, und Kira wollte schon zu
einer Erklärung ansetzen, als sie Morpheus und Ewan das Haus betreten
sah. "Morpheus... ?" Shakira machte vor Überraschung und Schock
einen Schritt zurück. Und mit aller Macht brachen plötzlich die
Erinnerungen über sie herein...
//Wie viele Jahre war es her, seit Morpheus sie in dieses Haus gebracht hatte,
hungrig, und noch viel aggressiver, als sie es jetzt sein konnte? Ihr unkontrollierter
Zorn hatte sich früher leicht und schnell gegen jeden gewandt, bis Morpheus
sie gelehrt hatte, ihn zu kontrollieren und ihm Richtung zu geben. Später
hatten sie oft gelacht, wenn sie die Erinnerung an ihre erste Begegnung aufleben
ließen. - Ein Straßenkid war sie gewesen, das sich mit Stehlen
und Raufereien mit jedem, der es wagte, sie auch nur falsch anzublicken, am
Leben gehalten hatte. Als sie den großen Schwarzen auf der Straße
gesehen hatte, war sie sich des Risikos bewusst gewesen, aber seine teure
Kleidung ließ eine dicke Brieftasche vermuten... Wie eine wilde Furie
hatte sie ihn angesprungen, ein rostiges Klappmesser in der Hand, versucht,
ihn zu überrumpeln und ihm zu stehlen, was auch immer ihr in die Finger
kam – nur um sich einen Augenblick später in seinem festen Griff
wiederzufinden, wild strampelnd, und laut in den übelsten Gossenausdrücken
schimpfend, die ihr nur einfielen. Wie sehr dieser Moment ihr Leben verändern
sollte... - Morpheus hatte sich von da an um sie gekümmert, ihr ein Dach
über dem Kopf gegeben, zu essen... Dennoch hatte sie ihr Misstrauen nicht
völlig ablegen können, hatte nach jeder Möglichkeit gesucht,
auszubrechen. Am Ende wäre sie wohl wieder auf der Straße gelandet,
wenn... Ja, wenn Morpheus nicht eines Tages diesen völlig verwahrlosten
wilden Jungen mitgebracht hätte, ihn erbarmungslos am Genick mit sich
ziehend. Bis heute hatte Kira keine Erklärung dafür, aber zum ersten
Mal in ihrem Leben öffnete sich ihr Herz plötzlich, um jemanden
einzulassen. Sie, die sich immer nur auf sich selbst verließ und die
Nähe anderer scheute, hatte sich Bray sofort verbunden gefühlt,
und eine seltsame innere Ruhe war damit einher gegangen. Aus dem fremden Haus,
war plötzlich ein Zuhause geworden...//
„Morpheus!!!" Zitternd lief sie auf den großen Mann zu, der
sie glücklich in seine Arme schloss. Es waren seltene kostbare Momente,
wenn Kira sich erlaubte, verletzlich auszusehen. Das war einer davon. Das
starke Orkmädchen sah seltsam zerbrechlich aus in Morpheus behutsamer
Umarmung. "Aber wie... ?" Kiras Blick glitt weiter zu Ewan, den
sie als Brays Lover aus dem Matrix wiedererkannte, und ihre Stirn runzelte
sich. "Was is hier los, Bray? Ich dachte deinen Lover ham `se geschnappt…?"
Pures Entsetzen zeichnete sich auf Shakiras Gesicht ab, als sie sich eine
Antwort zusammenreimte.
Bray schluckte hart. Wenn sie doch so dumm wäre wie
all die anderen Orks, dachte er in einem Anfall von Galgenhumor. Aber das
war sie nie gewesen. "Bray? Oh Gott... was hast du getan... ?" In
ihrer Stimme schwangen all die Vorwürfe, die er sich selber machte. Er
hatte sie belogen, sie verraten. Und nun wagte er es auch noch hier wieder
aufzutauchen. Aber was hätte er sonst tun sollen?
"Ich..." Er holte tief Luft und sammelte all seinen Mut. "Ich
hab sie ausgetauscht. Gegen Morpheus und Ewan. Ich hab sie unseren ehemaligen
Arbeitgebern überlassen." Die Worte sprudelten aus ihm heraus und
er wagte nicht, Kira dabei anzusehen. "Ich... konnte es nicht ertragen.
Zu spüren, wie Ewan leidet. Ich liebe ihn Kira... ich musste das tun!
Es tut mir leid. Entsetzlich leid. Aber ich musste..." er verstummte,
starrte schweigend auf seine geballten Fäuste herunter.
Es war Heaths Stimme, welche die Stille zerbrach, die sich drückend in
dem viel zu kleinen Raum ausgebreitet hatte. "Die Erlöserin? Du
hast sie... aber..." Bray sah zu ihm hinüber und in den Augen des
Elfen, des Vampirs, sah er all das Entsetzen, das er von Kira erwartet hatte.
Es war Heath. Immer noch Heath. Seine übernatürlichen Sinne schrieen
ihm die Warnungen vor dem Vampir zu, aber seine Augen, sein Herz, sagten ihm
weit deutlicher, daß sich zwischen ihnen nichts geändert hatte.
Und dann schien Heath bewusst zu werden, was er war, und er sah zur Seite,
als hätte er nicht das Recht Bray Vorwürfe zu machen. Und das schmerzte
noch viel mehr. Was musste der Elf gelitten haben, um seine Freunde und die
Erlöserin zu schützen, die Bray nun so einfach verraten hatte.
"Wir ham all das nur für die Erlöserin getan..."
begann Kira leise, beinahe kraftlos jetzt. "Ham so viel durchgemacht,
und die Chance, daß wir sie eines Tages finden, war so groß wie
`n Fliegenschiss... und du lieferst sie einfach aus..."
Das Orkmädchen blickte Bray müde an. In ihren Augen war kein Vorwurf,
nur Entmutigung. Sie konnte Bray verstehen, ja, konnte nachfühlen, warum
er es getan hatte. Sie alle waren Brays Familie gewesen, sein Rudel, und er
wäre für jeden von ihnen gestorben. Das Rudel war Bray wichtiger
als alles andere. Kira wusste, das er sie nie verraten hätte.
Das Orkmädchen seufzte, als es den bestürzten Blick des Magiers
sah. Brays Lover. Ob der überhaupt eine Ahnung hatte, was Bray für
ihn geopfert hatte? Aber als sie den treuherzigen Blick sah, den Ewan Bray
zuwarf, konnte sie nicht mal ihm böse sein. Jungs...
Langsam zog sie die Schlagringe von den Händen und stopfte sie zurück
in ihre Jackentasche.
Wieder glitt ihr Blick über die kleine geschlagene Gruppe, und ihr Herz
sank. Wie hatten sie sich alle verändert. Aber wenigstens waren sie jetzt
wieder zusammen. Alle, bis auf...
"Und... Orli?"
Der Name fiel wie ein Stein zwischen ihnen zu Boden. Wie
auch Kira sah Heath fragend in Brays Richtung, wagte es, den Schamanen anzusehen,
trotz des deutlichen Schrecks den er in seinem Freund gespürt hatte,
als der erkannte, daß Heath nun ein Vampir war.
Er hatte nicht erwartet, daß Bray diese Veränderung so einfach
akzeptieren würde, wie Kira es getan hatte. Aber im Moment gab es einfach
Dinge, die wichtiger waren, die dringender geklärt werden mussten. Heath
erinnerte sich gut daran, was Kira ihm gesagt hatte, daß Orli von denselben
Vampiren geschnappt worden war, wie Brays Lover. Warum also war er jetzt nicht
hier?
'Und wenn er hier wäre?' fragte eine böse kleine Stimme in Heath.
'Was dann? Würde er dich jetzt nicht noch mehr hassen, als er es eh schon
getan hatte? Nachdem er von Vampiren gefangen gehalten wurde? Wer weiß,
was sie ihm angetan haben?'
"Orli... ist..." Brays Stimme war so leise, als wollte er eigentlich
gar nicht, daß sie hörten, was er zu sagen hatte. Der Schamane
hob langsam den Kopf und ging zu Heath hinüber. Heath spürte den
Widerstand in Bray, sich einem Vampir zu nähern, aber irgendetwas zwang
den anderen offenbar es zu tun. Bray blieb vor Heath stehen und sah ihm offen
in die Augen.
"Sie haben ihm dasselbe angetan wie dir, Heath... aber... er arbeitet
jetzt für sie... er hat mir den Vorschlag mit dem Austausch gemacht,
er hat die Erlöserin abgeholt, um sie zu diesen anderen Vampiren zu bringen.
Ich... ich dachte, wir hätten ihn verloren, aber..."
Bevor das Entsetzen in Heath eine Chance hatte sich richtig auszubreiten,
unterbrach Morpheus Stimme Bray: "Er hat gesagt, er tut es für euch,
Bray, für dich. Und daß es ihm leid tut."
"Du meinst, er is' noch zu retten?" Die ewige, unauslöschliche
Hoffnung in Kiras Stimme drang durch die Verzweiflung, die Bray zu spüren
schien, ebenso leicht wie durch die plötzliche Leere, die Heath empfunden
hatte.
"Wer weiß." Sagte Morpheus leise. "Hab ich euch nicht
immer gesagt, ihr sollt nie aufgeben?"
Und die kleine Stimme in Heath Kopf flüsterte kaum hörbar: 'Wenn
Orli ein Vampir ist, wenn er noch fühlen kann... dann kann er dich vielleicht
auch noch lieben...'
---
Wie trostlos es hier jetzt war... das Mauerwerk zerbröckelt
und leichter Schimmel an den Wänden... Ewan versuchte sich vorzustellen,
wie das Haus wohl gewesen sein musste, als Bray es zum ersten Mal betreten
hatte.
Vorsichtig stieg Ewan die ausgetretenen Stufen zum Dachgeschoss empor. Dort
oben war mal Brays Zimmer gewesen, hatte Kira ihm erzählt. Auch jetzt
hatte sich Bray dorthin zurückgezogen, um über alles nachzudenken.
Ewan wusste, wie sehr Bray das brauchte, und hatte sich deshalb während
der letzten Stunde so gut es ging selbst beschäftigt. Hatte Kira beim
Packen geholfen, und mit Morpheus und dem Vampir -Heath- geredet. Er hatte
dabei auch einige interessante Dinge über Bray erfahren... Aber jetzt
hielt es Ewan einfach nicht mehr länger aus.
Es wurde Zeit das er sich bei seinem Liebsten für seine Rettung bedankte.
Der Magier grinste, denn er hatte schon eine genaue Vorstellung davon, wie.
In seinem Kopf herrschte immer noch leichtes Chaos, verursacht durch die Folter
dieser Magierin, Sue. Es war ein wenig schmerzhaft, die magischen Energien
durch seinen Körper zu lenken, aber er ließ nicht nach. Das war
eine gute Übung auszutesten, ob die Folter seiner Magie auch nicht geschadet
hatte, und wenn der Zauber gelang, würde er Bray mit Sicherheit eine
Freude machen.
Ewan sammelte sich und strich sanft mit den Fingerspitzen über die Wand,
ein paar kleinere Symbole beschreibend, und lächelte zufrieden, als der
Schimmel abnahm, und unter dem Staub die vergilbte Farbe immer mehr zum Vorschein
kam. Na also... es funktionierte. Jetzt konnte er sich an Brays Zimmer versuchen.
Behutsam näherte sich Ewan seinem Lover, der so in sich versunken schien,
daß er Ewan nur ein leicht verschwommenes Lächeln zuwarf. Bray
sprach mit *Wolf*, wie Ewan mittlerweile wusste.
Ewan ließ dem Schamanen noch etwas Zeit sich zu sammeln, und begann
derweil mit der geplanten ‚Verschönerung' des Zimmers. Er wiederholte
den Effekt von eben, und ließ die Wände wieder in ihrem ursprünglichen
braun-grünen Anstrich erstrahlen. Er nahm den Staub aus Regalen, aus
Decken und Kissen, und wirbelte ihn hinaus, vertrieb die Muffigkeit und ersetzte
sie durch frische saubere Luft. Ewan war stolz auf sich.
Bray beobachtete ihn mittlerweile aufmerksam. In den Augen des Schamanen war
leichtes Amüsement zu erkennen. Ewan grinste und ging langsam zu ihm
hinüber, hockte sich vor Bray und nahm dessen Hände in seine, seinen
Lover sehnsüchtig zu sich heranziehend. "Ich dachte, ich mach es
uns ein wenig gemütlich... was meinst du?"
Bray ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Erinnerungen
kamen in ihm hoch. Daran, wie er hier stundenlang gesessen hatte, kleine Tricks
übend, die ihm heute kinderleicht von der Hand gingen. Dann sah er wieder
Ewan an. Tricks, an denen der Magier noch lange feilen würde. Aber das
spielte wirklich keine Rolle für ihre Liebe.
Er hob eine von Ewans Händen an seine Wange und schmiegte sich dagegen.
"Du hast mir gefehlt." sagte er leise. "Mehr als ich sagen
kann. Wie konntest du nur so etwas Dummes tun? Dich mit Sue anlegen?"
Er strich dem Magier eine zerzauste Haarsträhne aus dem Gesicht, legte
ihm dann einen Finger auf den Mund, als er antworten wollte. "Ich weiß
schon, weil du mir helfen wolltest. Ich kann es dir nicht mal vorwerfen, ich
wär genauso dumm gewesen."
Mit den Fingerspitzen fuhr er Ewans Stirn nach, wischte die kaum verheilten
Kratzer fort, als wären sie nur Schmutz. Berührte dann sanft Ewans
Handgelenk und löschte die blauen Flecke aus, die Orlis harter Griff
dort hinterlassen hatte. Wenn er doch nur alles so einfach auslöschen
könnte, dachte Bray traurig. Aber er musste sich dem stellen, was er
falsch gemacht hatte. Aber nicht jetzt. Jetzt wollte er loslassen. "Bist
du zufrieden, mein Liebster?" fragte er leise. "Das Horny Pony gibt
es nicht mehr. Da werden wir uns nie wieder treffen."
Beinahe geschockt starrte Ewan auf sein Handgelenk, sah zu,
wie die blauen Flecken dort verschwanden, als wäre es nur Farbe, von
Brays Hand weggewaschen.
Natürlich wusste er, daß der Schamane über beachtliche Fähigkeiten
verfügte. Aber es erstaunte den Magier doch stets aufs Neue, mit welcher
Leichtigkeit Bray derart komplexe Magie wirkte. Ewan errötete ein wenig.
Und er war eben noch so stolz auf seinen kleinen Zauber gewesen... Doch ein
leichter Kuss auf seine Stirn vertrieb diese Gedanken schnell. Er musste sich
vor Bray nicht genieren. Es gab keine Konkurrenz zwischen ihnen. Im Gegenteil,
das sie so unterschiedlich waren, machte ihre Beziehung nur umso interessanter.
Und es gab vieles was sie voneinander lernen konnten. Doch das wichtigste
war, daß sie endlich zusammen waren. Sie gehörten nur noch einander...
Ewan blinzelte überrascht, als ihm Brays Worte wieder in den Sinn kamen.
Das Horny Pony gab es nicht mehr? Der Ort, an dem er Bray kennen gelernt hatte.
An dem er sich in den Schamanen verliebt hatte. Und auch der Ort, den er zuletzt
am meisten verabscheut hatte. Weil es ihn immer daran erinnerte, daß
Bray nicht wirklich ihm gehörte. Das er sich vor Udo, dem Besitzer des
Bordells, verstellen musste, um mit seinem Liebsten zusammensein zu können.
Erleichterung durchflutete Ewan. Nie wieder würde er bezahlen müssen,
für ihre Liebe. Bray war endlich frei.
"Hattest du etwas damit zu tun?" flüsterte er, die Stimme schwer
und voller Emotion, und legte seine Arme um Brays Hüften. Gespannt sah
er zu ihm auf, überglücklich, endlich wieder bei ihm zu sein.
"Könnte man so sagen..." murmelte Bray. Widerstreitende
Gefühle stiegen in ihm hoch. Tiefe Befriedigung, daß er dieses
Höllenloch dem Erdboden gleichgemacht hatte, das Gefühl des absoluten
Triumphes, als Udo wimmernd und bettelnd vor ihm und Orlando gekauert hatte.
Es hatte sich gut angefühlt, so gut, seinem Zorn freien Lauf zu lassen.
Aber da war auch die Tatsache, daß niemand das brennende Inferno, in
das er das Horny Pony verwandelt hatte, lebend verlassen hatte. Auch keine
der anderen armen Seelen, die dort genauso gelitten hatten wie er. Er versuchte
sich einzureden, daß sie besser dran waren so. Dass er sie nur von ihren
Qualen erlöst hatte. Aber wenn er an das Feuer dachte, daß sich
in Orlandos Augen widerspiegelte, an das böse Lächeln auf ihrer
beider Gesichter... Er hatte die Kontrolle verloren und das war die einzige
Wahrheit.
Er lehnte die Stirn gegen Ewans, sog den vertrauten Geruch des Magiers tief
ein, um die dunklen Gedanken zu vertreiben. "Das ist für immer vorbei.
Ich liebe dich. Ich würde alles für dich geben..." er lachte
leise und schmerzhaft, als sich ihm der Gedanke aufdrängte, daß
er das ja eigentlich auch getan hatte. Er strich mit beiden Händen durch
Ewans Haar. "Und? Willst du mich noch? Jetzt wo du mich ganz umsonst
haben kannst?" fragte er leise, sich gegen den anderen drängend.
Nicht denken, nur fühlen. Das war es, was er jetzt wollte.
"Hmm... lass mich mal überlegen..." Ewan grinste
verschmitzt und gab Brays Nase einen Stups. "Kleiner Spinner. Ich werde
dich immer wollen! Ich bin verrückt nach dir, das weißt du doch...
total verrückt und wild..." Mit einem wohligen Seufzen presste sich
Ewan gegen seinen Geliebten, um ihn dann nach hinten aufs Bett zu drücken.
"Du bist unbezahlbar..."
Eifrig fing er an, kleine Küsse auf Bray zu verteilen, ihm dabei langsam
das Shirt ausziehend. Er hatte das Gefühl vor Verlangen zu brennen, aber
Ewan zügelte seine Ungeduld. Nach allem was sie beide durchgemacht hatten,
brauchten sie so viel mehr, als nur einen schnellen Fick.
Ein Teil von Ewan sehnte sich danach, Bray nur in seinen Armen zu halten,
ihn stundenlang zu küssen und zu streicheln, sich zu versichern, das
dies alles nicht nur eine grausame Illusion war.
Als seine Lippen sich auf Brays legten, stöhnte er leise und glücklich.
Wieder und wieder fuhren seine Hände über den Körper seines
Geliebten, jede Stelle von ihm aufs neue erforschend. "Ich liebe dich..."
flüsterte er gegen Brays halbgeöffnete Lippen, bevor er seine Zunge
in dessen warmen Mund gleiten ließ.
Bray spürte Erregung über sich hinwegrollen, wie
eine gewaltige Welle, die jeden anderen Gedanken wegwusch. Wie sehr hatte
er sich danach gesehnt. Und nun gab es endgültig keine Geheimnisse mehr
zwischen ihnen, keinen Grund sich zurückzuhalten oder etwas zu unterdrücken
oder zu verbergen.
Seine Hände glitten wie von selbst unter das Shirt des Magiers, strichen
über kühle Haut und hinterließen warme Spuren. Er wollte in
Ewan ertrinken und sein Körper schien all die Erniedrigungen die dieser
Mann ihm zugefügt hatte, bevor sie sich geliebt hatten, willig zu vergessen.
Wie oft hatten sie gefickt? Er konnte es nicht zählen. Aber sich geliebt?
Eigentlich nur zweimal. Und auch da waren sie beide unsicher und vorsichtig
gewesen, hatten es nicht wirklich über sich gebracht, sich dem anderen
zu überlassen.
Er zog Ewan noch enger an sich, drückte sich gegen ihn, um den Magier
seine Erregung spüren zu lassen. Ihn zu küssen war gut... aber nicht
genug. Sein Mund verzog sich zu einem kleinen Grinsen, als er mit beiden Händen
in Ewans Hose fuhr, mit einer den Hintern des Magiers knetend, die andere
um seinen mehr als interessierten Schwanz legend. Sein Grinsen wurde breiter,
als Ewan aufstöhnte und sich in Brays Schulter verkrallte. Hatte doch
seine Vorteile genau zu wissen, was dem anderen gefiel...
Oh.... oh! Er hatte ganz vergessen, wie gut Bray ihn tatsächlich
kannte... seinen Körper zumindest. Ewan hatte nichts dagegen, sich Brays
kundigen Händen zu überlassen. Willig rieb er sich stärker
gegen den verführerischen Körper neben ihm, während er beide
Hände in dem wuscheligen Haar des Schamanen vergrub, ihren Kuss vertiefend.
Langsam und quälend begann Bray seinen Schwanz zu streicheln, der sich
aufgrund dieser liebevollen Zuwendungen schon längst hart gegen Brays
Finger presste. Ewans Augen flatterten zu und er stöhnte zufrieden, sich
ganz auf diese wunderbaren Gefühle konzentrierend, die Bray ihm schenkte.
Doch schließlich wurde das Verlangen seinen Partner ebenfalls zu berühren
zu stark, und Ewan begann mit seinen Lippen dessen Körper erneut zu erkunden.
Seine Zunge zeichnete einen feuchten Pfad nach unten, zu Brays Bauchnabel,
und umkreiste ihn verspielt. Behutsam löste er dann Knopf um Knopf an
Brays Hose, und strich mit beiden Händen genüsslich über die
harte Erregung, die sich ihm unter dem Stoff nun leicht entgegenreckte. Vorsichtig
hauchte er einen ersten, beinahe ehrfürchtigen Kuss darauf, während
seine Hände verlangend über die Hüften des Schamanen streichelten.
Mit einem genüsslichen Seufzen ließ sich Bray
zurückfallen, um sich ganz den Liebkosungen des Magiers hinzugeben. Ewans
warmer Mund um seinen Schwanz ließ ein Kribbeln durch seinen ganzen
Körper fahren. Seine Hände verkrallten sich in den Haaren des Mannes
den er so sehr liebte, als dessen Zunge ihn streichelte. Er konnte sich nur
zu gut erinnern, wann Ewan dies das erste Mal getan hatte. Als er ihn hatte
verführen wollen, ihn dazu bringen wollte, sich Ewan zu öffnen...
ihn zu küssen.
Er lachte leise und Ewan hob verwirrt den Kopf, was Bray mit einem kleinen
Wimmern quittierte. "Was... ?" fragte Ewan leicht amüsiert,
seine Augen glänzend vor Liebe und Erregung. "Mir fiel nur grade
ein, wie du das getan hast, nur um einen einzigen Kuss zu bekommen. Gott...
ist das wirklich erst ein paar Wochen her? Es fühlt sich an, als hätte
ich dich schon immer geliebt..." Ewan nickte und sein Lächeln spiegelte
das von Bray wieder. Aber ehe er noch etwas sagen konnte, drückte Bray
seinen Kopf mit sanfter Gewalt wieder nach unten. "Mehr..." bettelte
er und wimmerte erneut, als sich Ewans Mund wieder um ihn schloss. "Himmel...
du bist... echt... begabt..."
Ewan lachte leise, und Bray stöhnte erneut auf, als
der heiße Atem des Magiers über die empfindliche Stelle fuhr, die
er gerade so ausgiebig bearbeitete. Energisch zog Ewan seinem Liebsten die
Jeans schließlich ganz aus, warf sie achtlos über einen Stuhl,
seine eigene gleich hinterher, und machte sich dann wieder voller Hingabe
daran, Bray zu verwöhnen.
Er versuchte Brays Schwanz so tief in seinen Mund zu nehmen, wie er nur konnte,
zärtlich daran saugend. Gott, Bray schmeckte wunderbar. Mal sanft, mal
härter, strich er die volle Länge von Brays Erregung entlang, während
er genießerisch an der Spitze nuckelte.
Es dauerte nicht lange und er musste Bray mit einer Hand niederhalten, sosehr
bäumte sich der andere unter seinen Liebkosungen auf. Ewan grinste und
schaute Bray mit leicht verschleiertem Blick an. Wie wunderschön sein
Liebster aussah... Behutsam ließ sich Ewan auf ihn gleiten, streckte
sich über ihm aus, als wolle er jeden Zentimeter von Bray mit seinem
Körper bedecken.
"Gott, bist du sexy..." murmelte er, sich verlangend an ihm reibend,
während er ihn erneut in einen leidenschaftlichen Kuss zog.
Bray konnte sich kaum beherrschen, sosehr verlangte es ihn
nach seinem Geliebten. Er packte Ewan fest bei den Haaren und küsste
ihn wild, mit seiner Zunge den Mund des anderen erkundend, gierig spielerische
Bisse auf seinen Lippen verteilend. Er schlang die Beine um den anderen und
zog ihn weiter gegen sich. Diesmal wollte er Ewan, wollte ihn unbedingt in
sich spüren. Er rieb sich gegen Ewans Glied und der Magier erschauerte,
selbst kaum noch fähig, sich zu kontrollieren.
Bray öffnete seinen Geist dem anderen, ließ den Magier sein Verlangen
spüren, ließ ihn alles sehen, was er war, seinen Zorn, seine Dunkelheit
und seine unendliche Liebe. Es fühlte sich so gut an... Eins zu sein
mit Ewan, ganz und gar. Bray schwor sich, schwor auch Ewan, daß er nie
wieder zulassen würde, daß sie jemand trennte. Dann zog er Ewan
mit einem harten Ruck an sich und in sich, sein Schrei erstickt im Mund des
anderen.
Ein mächtiges pulsierendes Rot der Leidenschaft umhüllte
sie beide im Astralraum, und Brays Gefühle erreichten ihn durch das Band
mit solcher Gewalt, daß Ewan aufkeuchte, als Bray sich mit ihm vereinte.
All der Zorn und Schmerz von Bray, aber auch seine Liebe, sein Begehren. Es
war unglaublich intim dies alles zu teilen, war soviel mehr als nur purer
Sex. Auch Ewan öffnete sich seinem Geliebten, ließ ihn die Verwirrung
und Pein, die immer noch in ihm waren, heilen. Beinahe verzweifelt bewegte
er sich in Bray, wieder und wieder diese körperliche Vereinigung suchend,
die ihn vor Lust und Glück erschauern ließ.
Er hatte sich auf seine Arme gestützt, um seinen Liebsten anschauen zu
können, um ihn immer wieder küssen und streicheln zu können,
doch jetzt gebot seine Leidenschaft ein anderes Tempo. Er musste Bray nicht
anschauen, um zu wissen, daß es ihm genauso ging.
Mit einem energischen Ruck schob er Brays Beine weiter nach oben, spreizte
sie ein wenig mehr, um noch härter und tiefer in seinen Liebsten stoßen
zu können, und stöhnte befriedigt. Ein vergewissernder Blick auf
Bray zeigte ihm, daß er sich nicht zurückhalten brauchte.
Als wüsste Bray genau was er dachte, ließ der Schamane nun seine
Hände fordernd zu Ewans Hintern wandern, krallte die Finger in das feste
Fleisch, wie um ihn anzuspornen. Ein langgezogenes Stöhnen löste
sich aus Ewans Kehle, als er ihrer beider Lust nachgab, und sich noch schneller
bewegte.
"Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich..."
Die Worte schwebten wie ein Mantra zwischen ihnen im Astralraum und Bray hätte
nicht sagen können, wer von beiden sie aussprach. Jede Grenze zwischen
ihnen verschwamm unter dem Ansturm der Gefühle. Er konnte nicht mehr
sagen, wo er aufhörte und wo Ewan begann.
Er spürte... verstand plötzlich Dinge, die ihm zuvor fremd gewesen
waren, wo Magie für ihn immer ein reißender Fluss gewesen war,
entdeckte er nun plötzlich die Muster, die Ewan darin sah. Er empfand
all die Ängste und den Mut der Ewans Leben bestimmt hatte. Sah sich selbst
in Ewans Erinnerungen, als der zum ersten Mal das Horny Pony besucht hatte,
einen dünnen Jungen mit niedergeschlagenen Augen in dessen Aura etwas
loderte, dem sich Ewan nicht entziehen konnte.
Es war ein seltsamer Moment der Klarheit, sein Körper erfüllt von
einer Ekstase, die er kaum begreifen konnte, sein Verstand leergefegt von
all den Zweifeln, die ihn so sehr geplagt hatten. Er wusste plötzlich,
daß er das Richtige getan hatte. Das Ewan zu retten, das einzig Richtige
gewesen war. Das die Zukunft wie ein Buch mit leeren Seiten vor ihnen lag,
nichts sicher, nichts in Stein gemeißelt. Das sie alle Möglichkeiten
hatten, auch gegen alle Wahrscheinlichkeiten. Das sie glücklich sein
konnten.
Dann wurden auch diese Gedanken in einer Woge aus Lust davongespült,
als sein Körper seine absolute Aufmerksamkeit verlangte. Hitze schien
durch ihn und Ewan hin und her zu laufen wie flüssiges Feuer, als sie
beide gleichzeitig ihren Höhepunkt erreichten und sich aneinander klammerten
wie Ertrinkende, während all die Energie, die von ihrer Leidenschaft
freigesetzt worden war, ihre Körper erfüllte.
Mit einem leisen Wimmern vergrub Bray das Gesicht an Ewans Brust, verwirrt
und dankbar und unendlich verliebt zugleich.
Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er aus dem Taumel der
Ekstase wieder auftauchte, bis die Intensität der berauschenden Empfindungen
allmählich abnahm, und ihn wieder normal atmen ließ. Noch immer
schlug sein Herz bis zum Hals. Noch immer hielt er Bray fest in seinen Armen,
und noch immer war er in ihm. Sich von ihm zu lösen, tat beinahe weh.
Es war, als gehörten sie zusammen, als wären sie eine Einheit, die
man nicht trennen durfte. Und als es dann doch geschah, spürten sie beide
den plötzlichen Verlust, wie einen kurzen schmerzhaften Stich im Herzen.
Doch der ebbte ab, so schnell wie er gekommen war, als er Bray erneut fest
in seine Arme zog und sanft seine Stirn küsste. „Ich liebe dich."
Schon längst waren das keine bloßen Worte mehr zwischen ihnen,
sondern soviel mehr.
So viele Dinge von Bedeutung, die er an Bray liebte, und soviel wunderbar
nebensächliches. Wie Brays verspielte Zöpfe zum Beispiel, deren
Enden jetzt sanft über Ewans Brust kratzten, und die er so gerne durch
seine Finger gleiten ließ. Er war so hübsch, sein Bray...
Eng kuschelten sie sich zusammen, und unter zärtlichen leisen Küssen
und Berührungen schliefen sie schließlich erschöpft, aber
glücklich, ein.
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