"SubMission"
Teil 16
by Beryll & Vagabond

 

"Bray, das ist Wahnsinn! Du hast da draußen doch allein keine Chance! Erst recht nicht, wenn diese Schlampe dich finden kann..." Mit einem tiefen Seufzen schloß der junge Wolfsschamane die Augen und versuchte die hämmernden Schmerzen in seinem Hinterkopf zurückzudrängen. Er wußte genau, daß es nicht seine eigenen waren, aber das machte es keinen Deut einfacher.
Ewan, immer wieder kehrten seine Gedanken zu seinem Geliebten zurück. Zu dem Schmerz, der Angst, die er über das Band spürte, das ihre Seelen verband. Was spielte es überhaupt für eine Rolle, was mit ihm geschah, wenn Ewan so leiden mußte? Wenn er eigentlich an der Stelle des Magiers hätte sein sollen?
Aber das würde er Shakira nicht sagen. Dann würde sie sich nur noch mehr an ihn klammern und die Erlöserin in Gefahr bringen. Und das durfte nicht geschehen. Sie hatten schon zu viel verloren, Pink mußten sie um jeden Preis schützen. Auch wenn der Preis sein eigenes Leben war.
"Kira, einer von uns muß rausgehen und versuchen etwas rauszufinden. Und wir wisen beide, daß ich bessere Chancen habe, wenn ich allein gehe. Ich schätze hier werdet ihr erstmal sicher sein." Er ließ den Blick durch das heruntergekommene Wohnzimmer streifen. Hier hatte ihr Mentor Morpheus einmal gewohnt. Und nun waren sie hier her zurückgekehrt, weil wirklich niemand mehr an diesem gottverlassenen Ort suchen würde.
"Ich komme wieder, sobald ich näheres weiß, versprochen."

Kira ließ den Kopf hängen und kämpfte mit den Tränen die ihr vor Wut und Verzweiflung in die Augen schossen. Verzweiflung - weil sie wusste das Bray recht hatte, und das sie ihn gehen lassen mußte, wenn sie die Erlöserin schützen wollten. Wut - weil diese verdammten Vampire ihr wieder einen Freund nahmen. Jemanden den sie liebte.
"Bray..." , Kira wusste nicht was sie noch sagen sollte, um ihn zum Bleiben zu bewegen. "Was wenn sie dich kriegen?", flüsterte sie, und fühlte sich plötzlich sehr kraftlos und ausgelaugt. "Dann werd ich noch `nen Freund verlieren. Erst Heath, dann Orli, nun du... `s is keiner mehr da..."
Den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst, schaute sie Bray für einen langen Moment in die Augen. "Das is' alles so falsch, Bray. So falsch. Hast du vergessen was wir uns mal geschworen haben? Heath, Orli, du und ich? Das wir dieses Ding gemeinsam durchstehen! Egal was is. Gemeinsam siegen - oder sterben. Ich hab's nich vergessen, Bray."

Impulsiv zog Bray sie an sich, suchte Kraft in ihren starken Armen. "Ich hab's nicht vergessen." flüsterte er gegen ihren Nacken. "Aber wenn dieser Plan zur Abwechslung mal funktioniert, kriegen wir Heath zurück. Ich glaube Ryan, wenn dieser Ardeth Bey wirklich soviel Einfluß hat, können wir Heath vielleicht wirklich retten. Und die Chance dürfen wir uns nicht entgehen lassen."
Er spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich, wie sie es aufgab, sich gegen seine Argumente zu wehren, und es tat so weh.
"Aber was ist mit dir...?" flüsterte sie, drehte damit das Messer in seinem Herzen.
Was konnte er ihr darauf antworten? Daß er lieber mit Ewan sterben wollte, als allein weiterleben? Besser nicht, auch wenn es die Wahrheit gewesen wäre.
"Ich komm schon klar, ich bin immer klar gekommen, oder?" Sie sah ihn nur schweigend an und sie wußten beide, daß es diesmal nicht so sein würde. Aber sie nickte ergeben, ihre Augen leer und hoffnungslos.
"Paß auf dich auf, Bray." sagte sie tonlos.
Bray nickte, warf einen letzten Blick zu Pink hinüber, die ganz in der Nähe neben Ryan stand, ihnen Gelegenheit gegeben hatte, sich zu verabschieden. Auch in ihrem Augen lag das Wissen, daß sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht wiedersehen würden. Und selbst auf dem Gesicht des Jungen lag so etwas wie der Beginn von Verstehen. Irgendwie hatte wohl auch er begriffen, daß sich die Welt nicht nur um ihn und seine Liebe zu einem Vampir drehte.
Ehe Bray sich abwenden konnte, trat Pink auf ihn zu. "Danke." sagte sie leise. "Danke für alles. Ich... ich werd alles versuchen, damit es nicht umsonst war. Ich schwör's."
Bray verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. "Tja, ich würd jetzt 'gern geschehen' sagen, aber das wär gelogen." Er sah Pink ernst an. "Paßt gut auf euch auf, du und Kira, okay?" Pink nickte und ihre Hand faßte instinktiv nach Shakiras. Und Bray fühlte so etwas wie einen Hauch von Hoffnung für die beiden. Vielleicht würden ja wenigstens die Mädels heil aus dieser Sache herauskommen.
Dann nahm er seinen Mut zusammen, drehte sich um und ging.

--

"Wir haben Ryan, Sie haben Heath. Wir geben Ihnen zurück, was Ihnen gehört, wir bekommen Heath. Sie legen uns rein, Ihr kleines Haustier stirbt. Ganz einfach."

Die Worte klangen in Bray's Gedanken nach. Ein seltsames, sich ewig wiederholendes Echo. Hatte er das wirklich so gesagt? So kalt, so unberührt? Es sollte ihm Angst machen, aber es ließ nur ein unbestimmtes Gefühl der Befriedigung in ihm zurück. Seit er Kira und Pink zurückgelassen hatte, hatte er die letzten Reste der Maske, die er ihm 'Horny Pony' so lange getragen hatte, abgelegt.
Und darunter war nicht der Bray zum Vorschein gekommen, den er erwartet hatte. Nicht der verschüchterte Junge, der er einmal gewesen war. Auch nicht der idealistische Junge, der sich voller Hoffnung in einen aussichtslosen Kampf geworfen hatte. Sondern ein Jäger, erfüllt von kalter Wut. Ein Raubtier.
Es war ein Aspekt von Wolf, aber dies war nun wahrlich der einsame Wanderer. Nicht mehr das Rudeltier, sondern der Einzelgänger der ohne zu zögern tötete.
Der Vampir hatte zugestimmt. Und Bray war nicht wirklich überrascht gewesen. Ryan hatte so fest an ihn geglaubt, mit so viel ehrlicher Liebe in der Stimme von Ardeth Bey gesprochen, daß Bray ihn geglaubt hatte, als Ryan den Austausch vorschlug.
Er hatte Kira bereits angerufen, hatte ihr den Treffpunkt durchgegeben, wo der Austausch stattfinden würde. Er selbst würde nicht dort sein und Pink hoffentlich ebensowenig. Sie durften einfach keine Risiken mehr eingehen.
Und er hatte andere Pläne. Eins hatte er noch zu erledigen, dann würde er seine mühsam aufrecht erhaltene Tarnung fallen lassen, sich von Sue finden lassen. Er würde gegen sie kämpfen. Er war sich sehr sicher, daß er keine Chance gegen sie haben würde, aber er wollte es wenigstens versuchen. Und dann? Dann würde er aufgeben und sich von ihr einkassieren lassen. In der wahnwitzigen Hoffnung, daß er Ewan noch ein letztes Mal wiedersehen würde, ehe er diese Welt hinter sich ließ.
Aber vorher... seine gelb glühenden Augen wandten ihren Blick dem gegenüberliegenden Gebäude zu. Das rötlich leuchtende Eingangschild flackerte leicht im Nieselregen. 'Horny Pony'... Bray bleckte die Zähne. Er hatte noch eine Rechnung zu begleichen.

Es war ein seltsames Gefühl für Orli, sich so ungehindert durch die Stadt zu bewegen. Noch immer konnte er kaum glauben, daß sie ihn so einfach hatte gehen lassen. Als sie ihn zu sich gerufen hatte, hatten Furcht und Verlangen in seinem Herzen gekämpft. Furcht davor, daß sie ihm erneut das Leben und jeden klaren Gedanken aussaugen würde. Und Verlangen, nach ihrem süßen Blut.
Stattdessen hatte sie ihn nicht einmal angesehen. Ihre Aufmerksamkeit war größtenteils bei der riesigen Schlange gewesen, die sie voller Zuneigung kraulte, während sie Orli in kurzen klaren Worten ihre Befehle mitteilte und ihn dann wieder fortschickte, wie einen x-beliebigen Lakeien.
Zorn hatte in seinem Herzen gebrodelt und ein tiefes, verletztes Gefühl von Zurückgewiesenheit. Für einen Moment hatte er beinahe nachvollziehen können, warum der blonde Elf ihn mit soviel Haß in den Augen ansah. Aber er hatte diesen Gedanken schnell wieder vertrieben.
Er würde keine Schwäche in sich zulassen. Er würde Sean hassen, er würde Sue hassen und er würde auch noch einen Weg finden, die Fürstin zu hassen.
Nun trieb er durch die Stadt. Freier, stärker als er es je zuvor in seinem Leben gewesen war und dennoch sah er nur Schmerz und Dunkelheit. Keine Hoffnung, kein Licht. Nun war er wahrlich verloren.
Sie hatte ihn ausgesandt, um seine Freunde zu finden. Seine 'ehemaligen Kameraden', wie sie es ausgedrückt hatte. Damit er mit ihnen verhandelte, damit er ihnen irgendwie die Erlöserin abschwatzte.
Wo sein Zorn ob dieses kalten Befehls hätte sein müssen, war nur dunkle Leere. Er empfand nichts. Einen leichten Widerwillen vielleicht, der gegen den desinteressierten Gehorsam ankämpfte, den ihre Macht über ihn ihm aufzwang.
Wie konnte sie glauben, daß Kira oder Bray mit ihm reden würden, jetzt da er eins von den Monstern war? Sie würden allerhöchstens Mitleid empfinden. Und das konnte bestenfalls dazu führen, daß sie ihn töteten, um ihn zu erlösen. Niemals würden sie mit ihm verhandeln.
Erst als die Gassen schmaler und schmutziger wurden, erkannte er, wohin ihn sein zielloses Umherirren geführt hatte. Nur wenige hundert Meter entfernt flackerte ein vertrautes Schild im Nieselregen.
Und zum ersten Mal seit sie ihn verwandelt - getötet - hatte, spürte er ein beinahe menschliches Gefühl in sich aufwallen, über sich hinwegspülen in einer unaufhaltsamen Flutwelle. Ein brennender Zorn, der nichts mit dem Biest zu tun hatte, das nun Teil von ihm war, sondern eine heilige Wut, die nun endlich ein Ventil finden konnte.

Zusammengekauert wie ein jagendes Raubtier hockte Bray auf dem Dach des Hauses gegenüber des 'Horny Pony'. Während seine Finger liebkosend über diesen oder jenen Talisman glitten, der in seinen Mantel verwoben war, ließ er vor seinem inneren Auge die Erinnerungen aufsteigen. Die Erniedrigungen, den Schmerz, die Angst, den Ekel - er sog Kraft daraus. Er ließ Wolf frei, ließ sein zorniges Heulen seinen Geist erfüllen, wie er es seit sehr langer Zeit nicht mehr getan hatte. Heute Nacht brauchte er auf niemanden Rücksicht zu nehmen, heute brauchte er keine Maske zu tragen. Er schlang die Aura seines Totems um sich wie einen schützenden Mantel und war selbst ein wenig überrascht, wie stark er geworden war. Solange hatte er sich zurückhalten und seine wahre Natur verbergen müssen, daß er gar nicht bemerkt hatte, wie seine Macht wuchs.
Nun würde er diese neue Kraft erproben, würde all seinen Haß gegen den Ort richten, der in seinem Herzen mehr Schwärze hinterlassen hatte, als selbst die Arcologie. Es wurde wahrlich Zeit, daß jemand diesen Hort des Bösen ausbrannte.
So konzentriert war er auf sein Ziel, daß er den anderen Geist der sich ebenfalls auf das gedrungene Gebäude ausrichtete erst bemerkte, als Wolf ihn mit einem tiefen, warnenden Knurren darauf hinwies.
Für einen Sekundenbruchteil nahm er nur den Geruch eines vertrauten Wesens wahr. Doch dann legte sich unausweichlich und abstoßend der Gestank des Todes darüber und alle seine Sinne schrien 'untot!'.
Seine Augen vermochten ihm nichts zu zeigen, aber seine übernatürlichen Sinne enthüllten die schlanke, in Schatten getauchte Gestalt, die langsam aber unaufhaltsam auf das 'Horny Pony' zukam und Bray's Herz tat einen entsetzten, schmerzhaften Sprung, als er Orlando erkannte. Oder das, was einmal Orli gewesen war, denn dies war ein Vampir.


Grimmig starrte Orli auf den Eingang zum 'Horny Pony’ und ballte die Fäuste, bevor sich seine Lippen zu einem bösen Grinsen verzogen. Oh, wie er wüten würde... wie er reißen würde... Körper zerfetzen... Udo zuerst. Dann seinen widerlichen kleinen Günstling... Und dann... Genug, um die Wut in ihm zu stillen. Zumindest für diese Nacht.
Doch Orli bewegte sich nicht. Langsam legte er den Kopf schräg und horchte in die Nacht. Horchte mit all seinen Sinnen. Jemand war da. Auf dem Dach gegenüber. Er beobachtete ihn... Orli fühlte seinen Blick ganz deutlich in seinem Rücken. Und er fühlte die Macht die von demjenigen ausging. Vertraute Macht. Es roch nach... Wolf.
Der Vampir lächelte und drehte sich langsam um. Er ließ seinen Blick die Häuserfront vor ihm empor gleiten und lachte leise, als er seine Ahnung bestätigt fand. Amüsiert und seltsam erwartungsfroh nickte er der Gestalt auf dem Dach zu. "Hallo Bray."


Haß und Abscheu brandeten in Bray empor. All seine Instinkte, die er so sorgfältig von ihren Ketten befreit hatte, befahlen ihm den Vampir zu töten. Die Tatsache zu ignorieren, daß dies einmal sein Freund gewesen war. Jemand, mit dem er unsägliches Leid geteilt hatte, jemand, dem er blind vertraut hatte. 'Jemand der dich schon einmal beinahe umgebracht hätte' knurrte Wolf leise. Bray konnte es nicht leugnen. Gegen seinen Willen stieg die Erinnerung an seinen letzten Job mit Orli bei Harry in ihm hoch und ein Knurren entrang sich seiner Kehle. Ja, ihn zu zerreißen wäre ein Genuß. Aber das bischen Menschlichkeit in ihm wehrte sich verzweifelt dagegen.
Was würde aus ihm für ein Monster werden, wenn er seiner Blutgier nachgab? Was machte es für einen Unterschied. Er würde ja eh sterben. Aber dann drängten sich Erinnerungen an Ewan vor sein geistiges Auge und er kämpfte den Wolf in sich nieder. Egal was Orli jetzt war, egal was er selbst jetzt war, Orli wußte vielleicht, wo Ewan sich befand. Diese Chance durfte er nicht vergeben.
Mit einem Sprung war er unten in der schmutzigen Gasse, kam geduckt auf, das Tier in ihm immer noch stark. Hier war der Gestank des Todes noch stärker. Vom Horny Pony und auch von Orli. Was war nur mit ihm geschehen? Zum ersten Mal regte sich so etwas wie Sorge um den Freund, den er verloren geglaubt hatte. Und der ja nun offenbar sehr viel verlorener war, als er gedacht hatte. Er streckte seine Sinne nach ihm aus und spürte weit mehr Macht als er erwartet hatte. Wer auch immer ihn zu einem Vampir gemacht hatte, mußte mächtig sein. Mächtig und alt. Was hatte Orli dieser Person wohl verkauft, um diese Macht zu erhalten? "Hallo, Orli." knurrte Bray sanft, bereit bei der leisesten falschen Bewegung alles Feuer der Hölle über diesen Vampir freizulassen, den er einmal Bruder genannt hatte.


Orli stand ganz still und schaute seinen Freund an. Er lächelte. "Freust du dich mich zu sehen, Bray? Erleichtert das ich noch am Leben bin? Oh, Moment... bin ich ja gar nicht mehr." Der Vampir kicherte in sich hinein. "Ist ein seltsames Gefühl. Hätte nie gedacht, das es sich so verdammt gut anfühlen würde." Langsam schlenderte er zu Bray hinüber, dessen warnendes Knurren einfach ignorierend. "Wir waren dumme unschuldige Kinder, Bray, die geglaubt haben, das sie wirklich etwas ändern könnten. Es war eine hübsche Illusion. Es half all die Demütigungen zu überstehen, gab uns das Gefühl etwas 'wert’ zu sein. Und das war doch schon mehr, als die meisten anderen von sich hoffen und glauben können, findest du nicht? Aber es war eine Lüge."
Er seufzte. "Schau nicht so entsetzt, 'Bruder’. Die ganze Zeit über haben wir für den Feind gearbeitet, ohne es zu wissen. Ich mache es jetzt nur offiziell. Als ob ich eine andere Wahl hätte..."
Aufmerksam schaute Orli seinen Freund an. Oder waren sie nun Feinde? Beides verlor immer mehr an Bedeutung. Wurde von dem Biest verschlungen, das in ihm wütete.
"Du weißt warum ich hier bin, Bray. Also laß es uns hinter uns bringen. - Die Erlöserin gegen deinen Lover... und Morpheus."
Orli wartete geduldig, ließ Bray Zeit die Information zu verarbeiten, und nickte bestätigend, als er das fassungslose Aufblitzen in dessen Augen sah.
"Ja, er ist noch am Leben. Sie beide sind es. Ob es so bleibt, liegt an Kira und dir."


Bray starrte Orli schweigend an. Spürte Entsetzen in sich aufsteigen ob der Kälte, die er in jemandem spürte, den er immer als besonders emotional empfunden hatte. Spürte den Vampir in Orlando. War es immer so? Waren all die Vampire, die er kennengelernt hatte, auch einmal Wesen wie sein Freund Orli gewesen? Er konnte beinahe sehen, wie sich die Finsternis in ihn hineinfraß. Oder hatte es schon früher begonnen? In dem Moment als er Heath so zurückgewiesen hatte... Mit Schmerzen erinnerte er sich an den Elfen, der weinend auf seinem Bett gelegen hatte, von Orlando ignoriert. Sollte er ihm sagen, daß Heath am Leben war? Das sie ihn sogar befreien konnten? Nein. In Orli’s früher so empfindsamen Augen stand jetzt nur spiegelnde Kälte und er wollte nicht sehen, wie sich dieser Mund zu einem bösen Lachen verzog. Dann endlich wagte er sich an das heran, was Orli gesagt hatte. Ewan. Er wagte nicht die Augen zu schließen, um gegen die Woge der Verzweifelung anzukämpfen. Ewan lebte, das wußte er. Lebte in einem Zustand des Entsetzens, den er kaum ertrug. Bray spürte ihn mit jeder Faser seines Wesens. Und nun bot Orli ihm an, ihn zurückzubringen? Der Gedanke war verlockend. Verlockend und entsetzlich zugleich. Wie konnte er sich auf einen solchen Handel einlassen und sich danach noch selbst ertragen? Und dennoch, Ewan würde es ihm sicherlich nicht vorwerfen. Er hätte die ganze Prophezeiung vermutlich eh nur als mystischen Blödsinn abgetan. Was bedeutete in dieser Welt eine weitere Niederlage und etwas weniger Hoffnung auf Erlösung, wenn die doch eh unerreichbar war.
Sollte er nicht eher das kurze Glück mit Ewan wählen, anstatt sich an sinnlose Hoffnungen zu klammern? Wie recht Orli hatte. Mehr als er es vielleicht selber wußte. Und Morpheus? Er lebte? Er wandte seine Gedanken ab von dieser Information. Das konnte er jetzt nicht auch noch ertragen. "Und wieso sollte ich dir glauben, 'Freund'?" fragte er leise und sammelt eine Aura von sanft glühendem Feuer um sich. Besser dem Vampir jetzt zu zeigen, was ihm blühte, wenn er sich weiter näherte.


Orli schüttelte nur spöttisch vorwurfsvoll den Kopf. "Misstrauisch wie immer." Dann richtete er sich ganz gerade auf und blickte Bray fest in die Augen. "Weil du keine andere Wahl hast. Darum glaubst du mir. Und das tust du doch, nicht wahr? Mir glauben... Ich kenne dich zu gut, Bray. Ich weiß, daß dieser seltsame Schimmer von Lebendigkeit in deinen Augen Hoffnung ist, an die du dich klammerst. Und ich weiß, das du alles versuchen würdest, um die zu retten, die du liebst. Deine Freunde."
Der Vampir ließ seinen Blick nachdenklich über den Schamanen gleiten. "Ist es das, was du nun tun willst? Mich retten?"
Orli lächelte wehmütig, sich innerlich schon gegen die Attacke wappnend, mit der er rechnete. "Sei nicht dumm, Bray. Zwei Leben die dir etwas bedeuten, gegen eines das du kaum kennst. Sie kann nicht gewinnen, und das weißt du. Die Vampire sind zu mächtig. Sie werden sie töten, so oder so. Tu dir selbst einen Gefallen, und rette das, was dir noch geblieben ist."
Orli lächelte, selbst innerlich hin – und hergerissen, und streckte Bray zögerlich seine Hand entgegen. "Wir können immer noch Freunde sein..."


Bray spuckte aus und sah amüsiert zu, wie der Boden glühte, wo seine Spucke auftraf. "Nein, können wir nicht." Er sah Orli an und spürte fast so etwas wie Mitleid. "Du kennst mich nicht halb so gut wie du glaubst. Du denkst, ich würde nur eine Sekunde zögern, wenn ich damit Ewan retten kann? Du hast ja keine Ahnung. Du weißt gar nicht, was es bedeutet, jemand so sehr zu lieben, daß man sogar seine Seele für ihn aufgeben würde." Er lächelte traurig. "Ich kann ihn spüren, weißt du? Ich weiß, wie sehr er leidet. Du brauchst mir nicht zu drohen oder mich zu überzeugen. Wenn ich glauben würde, daß -wem auch immer du jetzt dienst- es ehrlich meint, würde ich sofort zustimmen. Aber wir wissen doch beide, daß Vampire nur lügen können, oder?" Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare.
"Weißt du, wieso ich hier bin? Jetzt, heute Nacht?" Er sah zum 'Horny Pony' hinüber. "Um eine letzte Rechung zu begleichen. Und dann ist mir alles andere egal. Du denkst, du bist verdammt und verloren? Du denkst ich wollte dich 'erlösen'? Du bist mir scheißegal. Ich will Ewan zurück oder mit ihm sterben. Weißt du was Kira gesagt hat, als wir uns getrennt haben? Das wir uns geschworen hatten, wir würden es gemeinsam durchstehen, egal was es ist. Und weißt du, was ich gedacht habe? - 'Werde endlich erwachsen, Kira.'"
"Also, Orlando. Was bietest du mir als Sicherheit an? Wenn dein Boss sie so sehr will, kann er die Erlöserin gerne haben. Wenn er zahlt."


Orli’s Hand fiel kraftlos nach unten, als Bray vor ihm ausspuckte. Es war also endgültig. Hier und heute endete ihre Freundschaft. Sie alle hatten sich verändert. Waren jemand anderes geworden.
Er wollte wütend werden, wollte Bray anschreien, wollte ihm sagen, das er sehr wohl wusste, wie es war jemanden zu lieben, wie es war, das einzige zu verlieren, das man auf dieser Welt noch lieben konnte. Doch kein Wort kam über seine Lippen.
Stumm ließ er Bray’s Wortschwall über sich ergehen. Doch innerlich starb er noch einmal. Er mußte an Kira denken, die immer alle zusammengehalten hatte. Die trotz ihrer rauen Art und ihrer harten Fäuste, doch immer die sanftmütigste von ihnen gewesen war. 'Wir werden es gemeinsam durchstehen, egal was es ist.’ – Das letzte Mal hatten sie sich das geschworen, bevor sie in die Arcologie aufbrachen. Doch da hatte Orli bereits Heath verraten. Hatte ihre Liebe verraten...
Er schluckte den Kloß herunter, der plötzlich in seiner Kehle saß, und zwang sein Gesicht wieder zur Ausdruckslosigkeit.
"Du bist nicht in der Position etwas zu verlangen, Bray. Wir finden die Erlöserin, mit oder ohne deine Hilfe. Hilf uns, und du bekommst Ewan und Morpheus. Tu es nicht und sie werden beide sterben. - Und gib dich keinen romantischen Illusionen über eure Vereinigung im Tod hin. Meiner Herrin wird es ein Vergnügen sein, deinen Widerstand damit zu bestrafen, das sie deinen Ewan in die Dunkelheit holt." Orli fühlte wie Kälte sein Herz umschloß. Der Schmerz ließ nach. Zurück blieb nur eine seltsame Taubheit.
"Die Ewigkeit als Vampir, Bray. Du wirst ihn für immer verlieren."


Schweigend starrte Bray seinen Gegenüber an. Dieser entsetzliche Gedanke war ihm noch nicht gekommen. Anscheinend gab es immer ein noch schlimmer, ein noch dunkler, noch grausamer. Er holte tief Luft und sah zum wolkenverhangenen Himmel auf, ließ den ewigen Nieselregen sein glühendes Gesicht kühlen. Er wußte nur zu gut wie es sich anfühlte, keine Wahl zu haben. Und dies war eindeutig ein solcher Moment. Ob es Orlando wohl Spaß machte, das Messer noch in der Wunde zu drehen? Ihm klar zu machen, wie hilflos er wirklich war? Erneut sah er den Vampir an, aber sein Gesicht war ausdruckslos. Was auch immer er empfand - wenn er überhaupt noch etwas fühlte - er verbarg es gut. Fragen häuften sich auf Fragen. Sollte er diesem Monster vertrauen? War noch genug von Orli übrig, daß er das wagen konnte?
Wie sollte er es jemals Kira erklären? Konnte er das überhaupt? Konnte er ihr je wieder unter die Augen treten? Oder gab es vielleicht irgendeine Möglichkeit, die er übersehen hatte? War er einfach zu blind in seinem Schmerz? Auf keine dieser Fragen wußte er eine Antwort. "Schön," sagte er leise. "Du gewinnst. Ich gebe dir die Erlöserin. Morgen Nacht. Wir treffen uns da, wo früher das Matrix war. Bist du zufrieden? Bist du stolz auf dich?"
Morgen Nacht... denn morgen Nacht würde Kira nicht da sein, um Pink zu schützen. Sie würde sich mit einem anderen Vampir treffen, um Ryan gegen Heath auszutauschen.


Seltsam, so gar nichts zu fühlen. Nur diese entsetzliche Kälte. Und den Haß des Monsters in ihm. Orli schloß für einen Moment die Augen. Ließ einfach die Zeit für sich still stehen. Wollte nichts denken. Wollte mit all dem nichts zu tun haben.
Schließlich nickte er, noch einmal Bray’s zornigen, verzweifeltem Blick begegnend. "Morgen Nacht. Ich werde da sein."
Dann drehte er sich um, und ging langsam auf das 'Horny Pony’ zu, dessen grässliche Neonleuchtreklame die Umgebung in ein widerwärtiges Grün und Pink tauchte. Hinter sich konnte er Bray’s gedämpfte Schritte hören.
Orli wartete, bis der Schamane neben ihm stand, und sprach dann aus, was sie wohl beide dachten. "Laß es uns zuende bringen."


***

Nichts erinnerte nun mehr ans 'Horny Pony’. Das Bordell lag in Schutt und Asche. Stille legte sich über den Platz. Das Geräusch von Schreien war verstummt.
Niemanden hatten sie verschont – keinen von denen, die sie einst gequält und missbraucht hatten. Udo Kier, ihr ehemaliger 'Besitzer’ und Zuhälter, hatte gequiekt wie ein Schwein, als Bray seinen untoten Körper langsam und genüßlich geröstet hatte, während Anakin’s Blut süß über Orli’s hungrige Lippen floß.
Danach hatten sie jeden Kunden getötet, den sie fanden.

Und am Ende hatte Bray’s Magie das Haus zum Einsturz gebracht, hatte es abgebrannt bis auf die Grundfesten. Es war vorbei.
Schweigend standen sie nun beide nebeneinander, starrten auf den knisternden, immer noch Funken sprühenden, Neonschriftzug; der schließlich wie alles andere endgültig in Flammen aufging, als Bray einen letzten wütenden Feuerzauber auf ihn schleuderte.
Dann erlosch auch der letzte Flammenfunke, ließ nur verkohlte Asche, Rauch und eine lähmende Stille zurück.
Gleichzeitig wandten sie sich beide um, und gingen, ohne sich auch nur noch einmal anzuschauen, in entgegengesetzter Richtung davon.

 

If you enjoyed this story, please send feedback to: Beryll & Vagabond

TEIL 17

HOME * LIBRARY * SUB MISSION HOME

 

1