"SubMission"
Teil 14
by Beryll & Vagabond

 

Die Stille in der Kerkerzelle lastete auf Morpheus wie eine zentnerschwere Last. So lange war er allein hier unten gewesen und hatte sich daran gewöhnt nichts zu hören außer seinem eigenen Atem, und nun quälte diese Stille ihn und schien sich über ihn lustig zu machen.
Es war noch gar nicht so lange her, daß sie auch Orli geholt hatten, aber schon begann er sich zu fragen, ob er sich den Jungen und den anderen Gefangenen vielleicht nur eingebildet hatte. Zu lange saß er schon allein hier unten, zu viele Dinge hatten ihm seine eigene Fantasie und Sue's Magie schon vorgegaukelt.
Aber Orli, der weinend in seinen Armen gelegen hatte, der ihm davon erzählt hatte, daß sie die Erlöserin gefunden hatten, war real gewesen. Und nun hatte man ihn weggebracht - wohl um ihn zu verhören - und Morpheus machte sich Sorgen um den Jungen, wie er es auch früher immer getan hatte.
Er wußte nur zu gut, welche Schrecken dieser Turm barg, und wenn er diese Wahl gehabt hätte, hätte er gern alles, was Orli nun erleiden mochte, auf sich genommen. Er schuldete es dem Jungen. Schuldete ihm so viel dafür, daß er die Kids belogen hatte. Auch wenn Orli ihm verziehen hatte, seine Schuld war damit nicht abgegolten.
Er sah hoffnungsvoll auf, als er erneut Schritte auf dem Gang vor der Zellentür hörte, und die Tür kurz darauf geöffnet wurde. Aber es waren nicht die Wachen, die Orli abgeholt hatten, sondern es war Sue, die den anderen jungen Mann zurückbrachte. Und ihr zufriedener Gesichtsausdruck ließ Morpheus schaudern. Offenbar hatte sie etwas herausgefunden, das sie als nützlich erachtete. Und das konnte nichts Gutes bedeuten.
Sie war so in Eile, daß sie nicht einmal einen boshaften Kommentar für ihn übrig hatte. Der Junge wurde einfach in die Zelle geworfen und die Tür zugeschlagen.
Morpheus ging zu der zusammengekrümmten Gestalt hinüber, die zitternd am Boden liegen blieb. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was Sue mit ihm gemacht hatte. Sie war nicht gerade für ihre Subtilität berühmt. Aber zumindest war der Junge nicht lange genug weg gewesen, daß sie sich wirklich die Zeit genommen haben konnte, um mit ihm zu spielen.
Der Junge wehrte sich nicht, als Morpheus ihn weiter in die schützende Düsternis der Zelle zog und ihm dann ein wenig Wasser einflößte.
"Es ist vorbei. Sie ist nicht mehr hier." redete Morpheus sanft auf ihn ein. "Sie wird dir nicht mehr wehtun."


Verwirrt starrte Ewan den großen Schwarzen an, der sich besorgt über ihn beugte. Er erinnerte sich, ihn kurz gesehen zu haben, als die Wachen ihn unsanft aufgeweckt hatten, um ihn zu Sue zu bringen.
Sue... der bloße Gedanke an das Verhör mit der Magierin ließ Ewan zusammenzucken. Leise stöhnend fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht. Unsägliche Kopfschmerzen machten schon die kleinste Bewegung zur Qual. Es fühlte sich an, als hätte jemand mit einem Löffel sein Gehirn umgegraben. Und das war gar nicht mal so weit entfernt von der Wahrheit. Sue hatte nicht viel Wert auf Raffinesse gelegt. Sie hatte mit Hilfe ihrer Magie einfach in sein Hirn gegriffen und dort nach den Informationen gesucht, die sie brauchte. Hatte das Innerste nach außen gekehrt, kalt und rücksichtslos, gefühllos gegenüber seinen Schmerzen.
Ewan hatte versucht sich vor ihr zu verschließen, hatte gegen ihren mentalen Zauber angekämpft bis er nur noch ein wimmerndes Häufchen Elend war, aber es hatte ihm nichts genützt. Die Kraft seines eigenen Willens war schwächer und schwächer geworden und jeder einzelne seiner Gedanken flüsterte Sue ein neues Geheimnis zu, verrieten ihr alles was sie wissen wollte. Doch was wußte er schon? Die Magierin war zunehmend wütender geworden, als sie erkannte, daß er ihr keine Hilfe war bei der Suche nach dieser Pink.
Die Erinnerung an die Folter verursachte Übelkeit. Schmerz wie von glühenden Zangen... Gedankenfetzen... zerfetzte Gedanken... Bitte, ich weiß doch nichts... ICH WEISS DOCH NICHTS!!!... BITTE!!!.... bitte...
Schließlich existierte nur noch der Schmerz. Keine Kraft mehr, kein Halt, kein Widerstand - nur noch endloser alles umfassender Schmerz. Und er war bereit gewesen sich ihm zu übergeben, sich darin aufzulösen, darin zu versinken und zu vergessen. Er wußte, er würde seinen Verstand verlieren, er konnte es bereits spüren. Wie sein Bewußtsein zu verschwimmen begann, wie alles in Schwärze überging, in Leere...
Und dann hatte ihn etwas zurückgezogen. Etwas leuchtendes, wärmendes, vertrautes.... etwas das so fest mit ihm verbunden war, daß es nicht so einfach zu durchtrennen war... eine Art Band, pulsierend und kraftvoll, Stärke gebend, Trost... Liebe...
Bray! Voller Verzweiflung hatte sich Ewan an dieses Band geklammert, als er es als das erkannte was es war - eine Art Seelenband. Geschaffen aus der Liebe die sie beide füreinander empfanden, der mächtigsten aller Emotionen.
Doch nicht nur Ewan hatte dieses Band entdeckt. Noch jetzt konnte er den Triumph und die Zufriedenheit spüren, mit der Sue's Sinne gierig danach gegriffen hatten, es erforschten und daran entlang glitten, um so Bray's Spur aufzunehmen. Es dauerte nicht lange und sie hatte ihn gefunden...
Ewan übergab sich. Sein Körper zitterte vor Erschöpfung, und seine Haut war mit kaltem Schweiß überzogen. Er hatte solche Angst. Durch ihn hatte Sue herausgefunden wo Bray war, und durch Bray würde sie sicherlich auch die anderen finden, seine Freunde, diese Pink...
Unbewußt klammerte sich Ewan fester an den Schwarzen, der ihm beruhigend übers Haar strich. <Es tut mir leid Bray, es tut mir so leid...>


*****


Kälte. Der erste Eindruck der sich einen Weg in Orli's Bewußtsein bahnte war eisige, grenzenlose Kälte. Nicht einmal mehr das Gefühl von vermißter Wärme, sondern absolute Kälte.
Gleich danach ein kurzer Blitz von rasendem Schmerz, der durch seinen ganzen Körper jagte und jeden einzelnen Nerv zu berühren schien, der ihn in seiner Geschwindigkeit für einen Augenblick paralysierte.
Mit einem Keuchen schlug er die Augen auf und versuchte sich zu erinnern wo er war, was passiert war. Gefangen, warnte ihn eine innere Stimme, du bist gefangen. Dann tauchten aus dem Dunkel seiner Erinnerung Augen auf. Eisblau, glitzernd, neugierig, fremdartig, die auf ihn herab, in ihn hinein sahen.
Wie eine Woge versuchten all die dunklen Momente seines Lebens ihn zu überrollen, ihn unter sich zu begraben. All die Erinnerungen, die diese Augen in ihm gefunden und studiert hatten. Mit purer Willenskraft drängte er sie zurück.
Und dann? Was war dann geschehen? Schmerz, rasender Schmerz, und dann... ein Gefühl der Ekstase, das ihn verschlang, das seinen Körper, seinen Geist, sein ganzes Wesen mit einem Glücksgefühl flutete, wie er es nie zuvor empfunden hatte. So warm, so geborgen, so sicher, so gut, so unglaublich... geil.
Nur langsam gelang es ihm, seine Augen dazu zu zwingen, ihm klare Bilder seiner Umwelt zu liefern. Alles war verschwommen und irgendwie viel komplexer, als er es je zuvor gesehen hatte. Als würde er plötzlich viel mehr Informationen wahrnehmen. Farben erkennen, die ihm vorher fremd gewesen waren, Schatten durchdringen, die vorher Wahrheiten verschleiert hatten.
Im Thronsaal. Er befand sich ihm Thronsaal der Vampir-Fürstin. Und sie war bei ihm, war ihm nahe. Er spürte sie mit jeder Faser seines Seins, als würde ihr Atem durch ihn hindurch fließen, als wäre er mit ihr verbunden. Spürte sie in all ihrer herrlichen, beängstigenden Macht, spürte sich von ihr erdrückt und gleichzeitig umfangen.
Was war mit ihm geschehen? Was hatte sie mit ihm getan?


Fassungslos starrte Sean auf den Jungen, der etwas erschöpft neben dem Thron der Fürstin saß, und ihn verwirrt anstarrte. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Mutter hatte doch wohl nicht tatsächlich diesen nutzlosen, verdreckten kleinen Strichjungen zu einem Vampir gemacht, oder? Ein Brüderchen... Sean drehte sich der Magen um. "Aber... aber warum?" fragte er, deutlich gekränkt. "Er nutzt uns doch nicht wirklich was. Es hätte doch vollkommen genügt ihn zum Ghul zu machen... "
Ein leises drohendes Zischen ließ ihn innehalten. Sean senkte den Kopf und biß sich auf die Lippe. Seiner Mutter Vorschriften zu machen, war sicher nicht das beste in seiner jetzigen Situation. Natürlich glaubte er zu wissen, warum die Fürstin es getan hatte. Sean hatte sie in letzter Zeit einfach viel zu oft enttäuscht... und nun setzte sie offenbar ihre Hoffnungen in einen neuen Zögling. In diesen 'Orli'. Orlando. Sean wurde schlecht.
"Sean!" Die Gedanken des Elfen froren augenblicklich ein, als die eisige Stimme seiner Herrin durch sein Hirn schnitt. Er konnte den Trotz in seinem Blick zwar nicht völlig unterdrücken, aber er bemühte sich ihr ergeben zu lauschen, als sie ihm erklärte, was sie in Bezug auf Orlando erwartete.
"Du wirst dich um ihn kümmern, ihm alles beibringen was er wissen muß. Ihn zu einem Vampir in meinem Sinne erziehen. Du wirst das sehr sorgfältig tun, Sean. Wenn ich sehe, daß er zu einem Schwächling wird und sich nicht entsprechend weiterentwickelt, werde ich davon ausgehen das sein *Lehrer* versagt hat. Verstehen wir uns?"
Sean nickte nur. Oh, er verstand sehr gut. Bitterkeit erfüllte sein Herz, gepaart mit brennender Eifersucht. Bisher war er immer der Jüngste gewesen, Mutter's 'Nesthäkchen'. Es gab noch andere Geschwister, weitaus ältere und mächtigere, aber sie lebten nicht im Turm. Nicht mal in der Stadt. Sie waren Mutter's Augen und Ohren in der Welt außerhalb, und sorgten dafür, das die wichtigsten Machtfäden in der Hand der Fürstin lagen.
Sean sah die anderen selten, und wenn, dann erschienen sie ihm so fremd, daß er keinen besonderen Wert darauf legte, sie näher kennenzulernen. Er war sich nicht mal sicher, ob er überhaupt alle von Mary's Kindern kannte. Die anderen waren ihm auch herzlich egal. Die Hauptsache war doch, das Mutter ihn liebte. Ihren Jüngsten, ihren *Star*...

Er bewegte sich langsam und genießerisch zum Sound der Musik, leise den Song mitsingend der den Raum erfüllte, jede einzelne Bewegung auskostend und zur Perfektion vollendend. Sean liebte es zu tanzen... zu singen... schon bald würde er seinen ganz großen Durchbruch haben. Jemand von den großen Agenturen würde ihn tanzen sehen, und ihn für eine der wirklich großen Shows engagieren, ein Musical vielleicht, oder als Tänzer für eine dieser berühmten Bands... Er hatte schließlich Talent, und er sah gut aus. Nein, es konnte wirklich nicht mehr lange dauern, bis...
"Mach schon, Süßer, zieh dich aus, wir wollen deinen Knackarsch sehen..." Augenblicklich zerbrach sein wunderschöner Traum in tausend Scherben. Grölendes Gelächter von den Tischen ringsum. Hände die nach ihm griffen, und an seiner ohnehin schon spärlichen Kleidung zerrten. Es dauerte zwar nicht lange und ein paar der stämmigen Aufpasser kamen, um die Gäste an die *Hausregeln* zu erinnern ('Angucken, aber nicht anfassen.' - Es sei denn, man bezahlte ein wenig mehr, und erwarb so einen der Tänzer für eine kleine Privatshow hinterher. Etwas, das Sean nur tat, wenn er das Geld wirklich dringend brauchte.), aber Sean war der Ansturm trotzdem nicht gut bekommen.
Auf seinem nackten Oberkörper begannen sich bereits einige tiefe Kratzer abzuzeichnen, und die extrem anzügliche, enganliegende, und ohnehin schon kunstvoll zerissene Jeans, konnte man nur noch als Fetzen bezeichnen. Genau über seiner rechten Pobacke klaffte ein riesiges Loch in besagter Hose, wo die mit zahlreichen Goldringen geschmückten Finger einer gierig sabbernden, verschrumpelten alten Schachtel sich in den Stoff gekrallt hatten. Schmerzvoll hatten sich die schreiend grellen, pinkfarbenen Kunstnägel in Sean's weiche weiße Haut gegraben und dort lange blutige Kratzer hinterlassen.
Nur mit Mühe unterdrückte der Elf die Tränen der Demütigung. Hastig sammelte er die Geldscheine zusammen, die man ihm während seiner Darbietung zugesteckt hatte, und die nun halb auf, halb unter dem Tisch, verstreut lagen. Dann begann er sich durch die geifernde, grapschende Meute, bis zum Umkleideraum durchzukämpfen. Für heute hatte er eindeutig genug. Sollten sie ihn doch feuern, weil er seinen Tanz mal wieder mittendrin abgebrochen hatte, aber er konnte einfach nicht mehr...
Im Umkleideraum war es dunkel und still. Die anderen Tänzer - männlich wie weiblich - waren noch draußen, unterhielten eifrig ein Publikum, das keinerlei Sinn für die Kunstfertigkeit ihrer Darbietung besaß. Wahrscheinlich hätte es für die meisten auch schon gereicht, wenn man nur anbieterisch mit den Hüften vor ihrer Nase herumwackelte, Hauptsache es gab genügend nackte Haut zu sehen!
Müde ließ sich Sean gegen die Wand fallen, sein Gesicht in dem großen Spiegel gleich gegenüber betrachtend. Er sah blaß aus, die grünen Augen seltsam hervorstechend unter der schwarzen Schminke, die unter seinen Augen bereits leicht zu verlaufen begann. Die langen blonden Haare fielen in einer wilden Mähne bis kurz über die Schultern, einzelne Strähnen glitzernd von goldenem Haarlack. Seine Handgelenke zierten breite schwarzglänzende Lederbänder, und um den Hals trug er ein dazu passendes Halsband auf dem eine glitzernde '2' aus Straß prangte - die Nummer des Tisches auf dem er jeden Abend tanzte. In diesen Räumen hatte er nicht einmal einen Namen.
Sean lachte leise. Ein sarkastisches Lachen, unter dem die pure Verzweiflung hervorbrach. Er schloß seine Augen und wünschte sich, er wäre irgendwo anders. Irgendwer anders. Als gefeierter Tänzer auf einer großen Bühne stehen... vor einem Publikum das nur kam, um ihn zu sehen... - Ja, er war ein Star! Ein neugeborener Stern ...
"Mein Stern."
Erschrocken riß Sean die Augen auf. Er hatte angenommen, außer ihm wäre niemand im Raum...
"Mein Star."
Ungläubig schaute er auf das Wesen, dessen Bild er im Spiegel sah, und wagte kaum zu atmen. Eine Frau wie ein Engel. So schön, daß es schmerzte sie anzusehen.
Aber wie konnte es sein, daß er sie im Spiegel sah? Hinter ihm konnte niemand stehen, in seinem Rücken war nur die kalte harte Mauer. Trotzdem drehte er sich um, suchte in der Dunkelheit des Raumes nach diesem wunderbaren Geschöpf - und fand nichts.
Natürlich nicht... Sean schüttelte den Kopf über sich selbst. Hatte ihm seine Fantasie mal wieder einen Streich gespielt... Mit einem wehmütigen Lächeln wandte er sich wieder um, überzeugt, daß das Abbild der Frau verschwunden sein würde - und fand sich verloren in eisblauen Augen, die ihn amüsiert anblickten. Eine kühle Hand legte sich auf seine Wange, fuhr zärtlich über sein Gesicht...
" *Mein* Star."

"Ich bin sicher, ihr beide werdet euch schon bald gut verstehen. Schließlich habt ihr so viele Gemeinsamkeiten, was eure Anfänge betrifft..." Die Fürstin lachte leise auf, und Sean fühlte sich, als hätte er soeben einen Schlag ins Gesicht erhalten. Mutter wußte immer, wie sie ihn am meisten treffen konnte.
Ja, es hatte eine Zeit gegeben, da war er nicht besser gewesen als dieser kleine schäbige Stricher. Sean schluckte heftig an dem Kloß, der plötzlich in seiner Kehle zu sitzen schien. Warum mußte er nur daran erinnert werden? Er hatte es doch so gut verdrängt!
...Er war glücklich und dankbar gewesen, als Mary ihn mit sich nahm. Überzeugt, das es ihm bei ihr sicher besser ging. Das er von jetzt an in Reichtum und Wohlstand leben würde, daß sie ihn berühmt machen würde. Daran hatte er geglaubt, wie er auch daran glaubte, daß sie ihn liebte. So wie er sie vom ersten Augenblick an geliebt hatte. Bedingungslos und ergeben. Jedes Wort von ihr war ihm Gesetz gewesen. Er hätte alles für sie getan. Er hatte alles für sie getan... Er gab ihr sogar sein Leben.

Er war ihr gefolgt, ohne auch nur darüber nachzudenken, wohin sie ihn brachte. Er fühlte sich seltsam, irgendwie benommen, aber selbst das beunruhigte ihn nicht. Alles was er wollte, war, bei ihr zu sein. Alles an ihm sehnte sich nach ihr. Es war Sean völlig egal was mit ihm passierte, solange er nur bei ihr sein konnte.
Als sie ihm lächelnd gebot, in die große schwarze Limousine einzusteigen, die vor dem Club bereits auf sie wartete, zögerte Sean nicht eine Sekunde. Tief in seinem Inneren spürte er, daß er sein kleines Ein-Zimmer Appartement mit all den wenigen Habseligkeiten die er besaß, nie wiedersehen würde. Ebenso wenig wie Mutter und Vater, die glaubten, daß ihr Sohn ein gefeierter Tänzer in der großen Stadt war. Kein liebevoll geschriebener Brief würde sie mehr darüber hinweg trösten, daß ihr Sohn soweit weg von ihnen war. Kein Geld würde mehr zu ihrer Unterstützung kommen. Keine glitzernden Plakate mehr von den großen prunkvollen Shows, in denen er angeblich auftrat, und die sie sich deswegen stolz an die Wand hingen. Er würde einfach aus ihrem Leben verschwinden, und sie würden niemals erfahren, was mit ihm geschehen war.
Warum berührte ihn das nicht? Warum sorgte er sich nicht um Mutter und Vater? Warum stieg er einfach in diese Limousine und ließ sich in die Umarmung dieser schönen, aber so schrecklich kalten Frau ziehen? Sean wußte es nicht, und je mehr er darüber nachdachte, umso schwerer fiel es ihm, sich zu konzentrieren. Worüber hatte er eigentlich nachgedacht? War es wichtig gewesen? Konnte überhaupt etwas anderes wichtig sein, als dieser Engel an seiner Seite?
Kalte Lippen die ihn küßten, jeden Gedanken auslöschend, seinen Hals entlang strichen und zärtlich über die Linie pulsierenden Lebens fuhren. Spitze Zähne, die sich in seine Haut bohrten... feuchte, jetzt warme Lippen, blutrot...
Als Sean erwachte, war er allein. Sein Hals schmerzte. Dort wo sie ihn gebissen hatte... Selbst jetzt fühlte er keine Panik, sondern schwelgte in dem Nachhall wohliger Ekstase, die der Kuß der Vampirfürstin bei ihm ausgelöst hatte. Aber ihm war so kalt, und er fühlte sich ein wenig schwach. Wo war er überhaupt? Zögerlich begann er seine Umgebung abzusuchen, doch es war schwer etwas in der Dämmrigkeit des Raumes zu erkennen. War es überhaupt ein Raum? Sean fröstelte. Er hatte das Gefühl, daß sich dieser Raum in die Unendlichkeit erstreckte. Egal in welche Richtung er auch ging, er gelangte einfach zu keiner Wand! Keine Wand, keine Tür. Aber er mußte doch irgendwo hineingekommen sein?
Panik erfüllte den jungen Elfen. Seine Hände tasteten über den Boden, und versanken in Düsternis, strichen über pelzige, flauschige Dinge, die er nur ertasten und erahnen konnte, doch selbst seine scharfen Elfenaugen vermochten in der Dunkelheit des Raumes nicht mehr zu erkennen. Wohin er auch ging, was er auch berührte, alles fühlte sich so seltsam pelzig an, es war ein Gefühl als wäre er in einer großen Höhle, oder einem Nest... nur das es keinen Eingang und - was noch beängstigender war - auch keinen Ausgang gab.
Sean's Bewegungen wurden hektischer, und Angst begann in ihm hochzusteigen. Was, wenn man ihn hier sich selbst überließ, bis er schließlich an Hunger oder Durst starb? Oder vielleicht hatte man ihn ja auch nur hergebracht, damit er als Futter diente, für die schrecklichen Wesen die vielleicht in der Dunkelheit lauerten?
Erneut versuchte er angestrengt etwas im Raum zu erkennen. Woher kam nur dieses diffuse rötliche Leuchten? Langsam glitt Sean's Blick nach oben, und sein Herz stockte, als er schließlich die Quelle fand.
Von der Decke hingen reglose Körper. Viele davon. Männliche und weibliche. Menschen, Elfen, Orks, und Wesen deren Bezeichnung Sean nicht kannte. Ob sie tot waren, konnte er nicht sagen, sie sahen weder eingefallen, noch verwest aus. Eher so, als hätte man sie mitten in der Bewegung eingefroren.
Es war ein entsetzlicher Anblick. Die seltsamen Gestalten hingen an großen schweren Ketten, die teilweise um ihre Leiber herum gewickelt, teilweise an ihren Gliedmaßen befestigt, oder durch sie hindurch gezogen waren, und deren Enden nach oben in der Dunkelheit verschwanden. Aus den Körpern kroch wie Nebel stetig ein eigenartiger rötlicher Dunst, doch selbst dieses Zwielicht vermochte die Dunkelheit des Raumes nicht zu erhellen.
Sean begann zu zittern und preßte die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuschreien. In schierer Panik drehte er sich um und begann zu rennen, entschlossen nicht eher zu stoppen, als bis er entweder an einen Ausgang kam, oder vor Erschöpfung zusammenbrach.
Ein Lachen vibrierte durch den Raum. Ein Lachen, das er kannte. Das seine Beine zum Stillstand zwang und seinen Körper zur Ruhe. 'Hilf mir!' schrie alles in ihm, aber er brachte nicht einen einzigen Ton über seine Lippen.
"Hab keine Angst, mein Stern. Dir wird nichts geschehen."
Sean fühlte, wie seine Beine unter ihm nachgaben, und die Fürstin fing ihn in ihren Armen auf. So zart waren ihre Arme, so filigran, und doch hielt sie ihn, als wöge er nichts, als hielte sie ein Kind.
Als sie sich ihm in ihrer wahren Gestalt zeigte, hielt er vor Ehrfurcht den Atem an. Sie war eine Göttin... Diese wunderschönen Flügel, der weiße nackte Leib... Perfektion, Vollendung, ein Geschöpf wie man es nur aus Sagen kannte.
Sanft legte sie ihn nieder, und Sean spürte Kissen und Decken unter sich. Ein Bett... Seine Finger glitten über den feinen Flaum der Kissen, die weiche Pelzdecke, tasteten sich scheu zum Körper der Fürstin vor, berührten zaghaft die Federn der blauen Flügel, andächtig, und voller Staunen.
"Hab keine Angst. Ich werde für dich sorgen. Ich kann dir ewiges Leben schenken."
Sean nickte ergeben. "Ich liebe dich." flüsterte er, "Ich will ganz dir gehören."
"Natürlich willst du das." lachte die Vampirfürstin leise, und drückte den Elfen sanft in die weichen Kissen. Ihre kühlen Finger fuhren über seine Haut und erfüllten ihn mit einem Begehren, wie er es noch nie zuvor gekannt hatte. Doch sie nahm ihn erst, als er ihr seinen Hals selbst darbot, sich wimmernd vor Erregung unter ihr wand, seine Haut glühend von unerfülltem Verlangen.
Er sah nicht das spöttische berechnende Funkeln in ihren eisblauen Augen, die Gier, die für einen kurzen Moment darin zu lesen war, um dann Emotionen Platz zu machen, die in der sterblichen Welt keinen Namen hatten.
Sean konnte fühlen, wie sein Blut über ihre Lippen floß, wie es sie wärmte; ihm jedoch wurde so schrecklich kalt... Der Raum schien jetzt noch dunkler, tiefschwarz... Kälte und Schwärze, die ihn hinabzuziehen begannen in einen bodenlosen Abgrund...
Doch dann rief ihn ihre Stimme zurück, so schrecklich, so sanft... ‚mein Stern’... ihr schwarzes bittersüßes Blut zwang sich in seinen Mund, durch jede Ader seines Körpers dringend, und machte ihn zu ihrem Geschöpf.

Dreißig Jahre war er alt gewesen, als sein Leben auf dieses Weise endete, sehr jung für einen Elfen. Und seitdem waren dreihundert weitere Jahre vergangen. Er hatte viel gelernt in dieser Zeit...
Abschätzend glitt Sean's Blick über den verwirrten Jungvampir, den Mutter ihm so rücksichtslos aufgehalst hatte. Natürlich hatte das Küken noch keine Ahnung, was es bedeutete, ein Vampir zu sein. Wahrscheinlich war er noch nicht mal dankbar dafür, das man ihm aus diesem Sumpf, der sein erbärmliches Leben war, herausgeholt hatte. Wie mochte es wohl für ihn sein, jetzt zu denen zu gehören, gegen die er so lange gekämpft hatte?
Sean grinste, als er die deutliche Abneigung in Orli's Augen sah, als sich ihre Blicke kreuzten. Anscheinend mochte ihn der Kleine genauso wenig, wie er ihn. Sean's Augen verengten sich zu Schlitzen. Wer weiß? Vielleicht stieß Orlibaby ja schon bald etwas ganz schreckliches zu? Bedauerlich, aber ein schwacher Vampir nutzte schließlich keinem... Aber leider würde Mutter ihn für Orli's Schwäche verantwortlich machen, und das war der Haken an der Sache. Mußte er die kleine Kröte eben ertragen. Zumindest für eine Weile...

Orli spürte die tiefe Abneigung des blonden Vampirs so deutlich, als würde er sie herausschreien. Sie spiegelte sich in seiner Haltung, seinen Augen, seiner Aura... Seiner Aura? Verwirrt blinzelte Orli und versuchte erneut sich darüber klar zu werden, was mit ihm geschehen war. Er fühlte sich gut. Stark, frei, zornig. Wenn ihm nur nicht so verdammt kalt gewesen wäre.
Sein Blick wanderte zu dem Thron neben dem er kauerte, hinauf zu der zarten, atemberaubend schönen Gestalt, die dort lagerte, wie ein Raubtier in seiner Höhle. Ihre Worte hallten in seinem Gedächtnis wieder: '...ihn zu einem Vampir in meinem Sinne erziehen...'. Plötzlich ergab die Kälte, die er in sich spürte einen erschreckenden Sinn. Und auch der Zorn, der in seinem Herzen brodelte und danach verlangte, befriedigt zu werden.
Mit einem leisen Knurren wandte er sich wieder dem blonden Vampir zu, den er schon einmal im Matrix gesehen hatte, der ihn bewußtlos geschlagen hatte. Er spürte mit seinen neu erwachten Sinnen, daß dasselbe Blut sie belebte, daß sie beide Geschöpfe der Fürstin auf dem Thron waren. Was sie wohl nun von ihm erwartete? Sicher nicht, daß er diesen dreckigen kleinen Elf als seinen 'Bruder' akzeptierte. Eher, daß er den Saal mit den Eingeweiden des anderen Vampirs dekorierte. War es dieser hier gewesen, der Morpheus in eine Falle gelockt hatte?
Geschmeidig erhob sich Orli vom Boden. Sein Körper gehorchte ihm in einer Weise, wie er es nie zuvor getan hatte. So stark, so... zuverlässig. Und da waren noch andere Gefühle. Hunger, und der Wunsch seiner neuen Herrin zu dienen, sie stolz zu machen. Er bleckte die Zähne und spürte mit einem wohligen Schauer, wie sich lange, scharfe Reißzähne hervorschoben. Seine natürlichen Waffen. Wie würde es wohl schmecken, diesen anderen Vampir auszutrinken? Ob sein Elfenblut süß war?


Mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, sah Sean zu, wie sich der junge Vampir erhob und mit deutlichem Hunger in den jetzt seltsam samtig wirkenden, tiefbraunen Augen, auf ihn zukam. <Oh nein, mein Kleiner. Ich bin mit Sicherheit nicht deine Abendmahlzeit. Aber paß auf, das du nicht zu meiner wirst.>
Bei diesem Gedanken konnte sich Sean ein höhnisches Grinsen nicht länger verbeißen. Doch er wusste auch, das er von nun an vorsichtiger sein musste. Der Junge war eine potentielle Gefahr für ihn. Jede seiner Bewegungen sprach von Kraft und ungebändigter Wut. Noch war ihm Sean bei weitem überlegen, aber Orlando würde älter werden und stärker... Aber zuerst einmal musste ‚Orli’ diese Nacht überleben. Und es sah ganz danach aus, als würde der kleine Dummkopf gleich einen fatalen Fehler begehen. Ob Mutter sehr böse sein würde, wenn er ihren Sprössling schon jetzt in Stücke zeriss? Sean grinste breiter.


Er konnte das Blut des Elfen regelrecht riechen, aber ein leises Räuspern vom Thron hielt ihn so sicher zurück wie eine Kette, an die ihre Stimme ihn legte. "Würdet ihr bitte versuchen miteinander auszukommen?"
Die Frage war so sanft so freundlich, so... traurig und hoffnungsvoll zugleich, daß Orli sich dafür schämte, sie so verletzt zu haben. Natürlich konnte sie nicht wollen, daß sie jetzt sofort ihre Differenzen regelten. Er sah zu ihr zurück, suchte in ihren klaren Augen nach Vergebung für seinen Fehler und erntete ein gütiges Lächeln.
"Tut mir leid, Mutter." knurrte auch der andere Vampir. "Natürlich werde ich mich um mein 'Brüderchen' kümmern." Die Verachtung in seiner Stimme entging weder Orli noch der Fürstin. Orli spürte erneut Wut ihn sich aufsteigen, aber die beruhigende Kühle ihrer Augen hielt ihn zurück. Vielleicht war es besser zunächst einmal zuzuhören, zu lernen. Das würde es ihm später umso leichter machen, seinen 'Bruder' zu beseitigen. Mit einem freundlichen und harmlosen Lächeln, daß er während seiner Zeit im 'Horny Pony' perfektioniert hatte, wandte er sich wieder dem Elfen zu, abwartend, höflich und beherrscht.


„Wie es scheint, bist du ja schon ganz begierig darauf, deine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen." wandte sich Sean in Orli’s Richtung und fuhr in einem Tonfall fort, als spräche er mit einem Kind. „Ausgezeichnet. - Du wirst genügend Gelegenheiten dafür haben. Und ich werde dir beibringen wie du von nun an überlebst, ohne dich einzig und allein auf deinen Arsch zu verlassen."
Sean seufzte auf, als hielte er das für eine fast unlösbare Aufgabe, um dann gnädig hinzuzufügen - „Aber du scheinst ja recht willig zu sein... zu lernen, meine ich. Na, dann wollen wir mal mit deiner Ausbildung anfangen, Brüderchen. Wie ich sehe, hast du Hunger..." -Sean grinste vielsagend- „also fangen wir am besten gleich mit dem notwendigsten und interessantesten Part an – dem Jagen. " Sean warf einen schnellen Blick in Richtung Thron, wo er sich vergewisserte, daß die Fürstin zufrieden war mit dem Lauf der Dinge, und wandte sich dann zum Gehen, ungeduldig mit der Hand in Richtung Orli wedelnd. „Kommst du, Orlando?"


"Sean, Liebes?" Erneut schnitt die Stimme der Fürstin durch den Raum wie eine eisige Klinge. "Wie wäre es, wenn ihr einen Club geht, so wie der, wo du früher gearbeitet hast? Das würde meinen kleinen Liebling hier bestimmt interessieren..."
Mit Interesse beobachtete Orli die Reaktion des anderen Vampirs. Er war wie angewurzelt stehen geblieben, und ein Zittern lief durch seinen Körper. Eine Welle kaum unterdrückter Wut ging von ihm aus. Mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen schloß Orli zu ihm auf. "Ein Club? Oh ja... das würde mich sehr interessieren..." Kameradschaftlich hakte er sich bei 'Sean' ein.


Wie ein Dolch schnitten Mutter's Worte in sein Herz. Wie konnte sie das nur tun? Wieso erinnerte sie ihn so grausam an seine Vergangenheit? Sie beschämte ihn, vor diesem Orlando... und nahm den Jungen damit in Schutz vor Sean's Gemeinheiten. Warum tat sie das? War er denn nicht mehr ihr Liebling? Ihr 'Stern'? Offensichtlich nicht...
Sean zitterte vor Wut und Enttäuschung, und als er Orli's Berührung fühlte, kostete es ihn alle Beherrschung, dem anderen nicht auf der Stelle den Kopf abzureißen. Sean machte sich nicht die Mühe, etwas zu antworten. Mit einer hastigen Bewegung schüttelte er den anderen von sich ab und ging schneller in Richtung Ausgang. 'Soll sie ihn doch lieben.' dachte er voller Trotz - 'Ich brauche sie nicht... ich habe Trinitiy und Viggo.' Doch das seltsame Gefühl von Leere wollte trotzdem nicht ganz aus seinem Herzen weichen...


*****


Der tiefe Beat der Musik ließ den Boden vibrieren, kroch durch seinen ganzen Körper und erfüllte ihn mit einem langsamen, starken Puls. Man hätte meinen sollen, daß es unmöglich wäre, so laute Musik zu ignorieren, aber Orli bemerkte sie kaum. Alle seine Sinne waren auf eine ganz andere Wahrnehmung konzentriert. Mit seiner ganzen Aufmerksamkeit war er bei der köstlichen Wärme, die aus dem jungen Elfen, der sich an ihm festklammerte, in ihn floß.
Es war so einfach gewesen, so simpel. Es war ihm noch nie schwer gefallen, hübsche Jungs oder Mädels aufzureißen. Bisher hatte er es immer getan, um ihnen für ein wenig Geld ihre Träume zu erfüllen. Nun war es anders. Nun waren sie es, die für ihn bluten mußten. Seine Lippen verzogen sich zu einem bösen Lächeln bei diesem Gedanken, aber sie lösten sich nicht vom Hals des Elfenjungen. Er war so hungrig nach mehr, und das süße Blut, das seinen Mund füllte, warm und zärtlich seine Kehle herunterlief, daß war alles was noch wichtig war.
Der Junge wehrte sich nicht. Ganz am Anfang hatte er noch versucht Orli abzuschütteln, aber inzwischen hing er willenlos in Orli's Griff. "Sie werden ganz sanft, wenn man sie erst einmal gebissen hat." So hatte es ihm Sean erklärt. Offenbar hatte er recht gehabt. Noch ein süßer blonder Elf, von dem Orli gern einmal gekostet hätte. Irgendwann würde er den anderen Vampir so in seinem Griff halten und ihm langsam aber sicher das Leben aussaugen. Noch nicht, noch mußte er mehr lernen. Aber irgendwann. Der andere mußte eine Schwäche haben...
Seine Überlegungen hatten ihn von dem wundervollen Geschmack auf seiner Zunge abgelenkt und plötzlich wurde er sich anderer Wahrnehmungen bewußt. Die Angst des Jungen drängte in Orli's Bewußtsein. Dieses Gefühl völliger Hilflosigkeit. Wie oft hatte er sich so gefühlt, wie oft war er anderen so ausgeliefert gewesen. Aber nun nicht mehr. Nie wieder. Er spürte soviel neue Kraft in sich. Nie wieder würde ihn jemand so erniedrigen, ihn so verletzten, ihm wegnehmen, was ihm gehörte...
Heath... Ungebeten drängte sich ihm das Bild auf, wie er Heath zum letzten Mal gesehen hatte. Wie sie sich am Tor der Arcologie getrennt hatten, wie Heath ein letztes Mal zu ihm zurückgeschaut hatte und er ihn keines Blickes gewürdigt hatte. Oh Gott, Heath... Heath war in der Arc... war vielleicht schon tot... und wenn nicht... Mit einem entsetzten Wimmern stieß Orli den Elfenjungen von sich, ihm noch einen letzten Gedanken mit auf den Weg gebend *Lauf!*. Es kostete ihn unendliche Kraft, aber er ließ nicht zu, daß seine Hände den taumelnden Jungen zurückhielten, sondern ließ sich stattdessen auf die Knie sinken, den Kopf gesenkt, mit dem Dämon ringend, der jetzt in seinem Verstand aufbrüllte.


Amüsiert und schockiert zugleich hatte Sean mitangesehen, wie Orli sich sein erstes Opfer suchte. Es war, als wäre der Junge dafür geschaffen ein Vampir zu sein. Er war so... gnadenlos. Und Sean hatte ihm nicht mal viel erklären müssen, Orli schien instinktiv zu wissen, was er zu tun hatte. Und er war so begierig darauf...
Sean dachte an den Beginn dieses Abends zurück, wie sie sich nach langem hin und her schließlich auf einen Club geeinigt hatten, der ihnen beiden als "Jagdrevier" zusagte. Ein Club im Herzen der Stadt, einer von den ‚exklusiveren’, bei denen einen die muskelbepackten Türsteher nur durchließen, wenn man entweder genügend Credits besaß oder gutes Aussehen. Sean und Orli hatten beides.

- ... Die Musik war etwas zu laut, aber nicht schlecht, fand Sean, und hatte seinen Blick langsam über die große Tanzfläche gleiten lassen, und die Podeste, auf denen halbnackte Tänzer die Menge anheizten.
Sean’s Körper schrie förmlich danach, sich ebenfalls zu den hämmernden Beats bewegen zu dürfen, aber der Elf hatte sich zur Ruhe gezwungen. Er tanzte nicht mehr...
Um einen gelangweilten Gesichtsausdruck bemüht, hatte er dann begonnen, sich seinen Weg durch die Reihen der tanzenden schwitzenden Leiber zu bahnen, Orli im Schlepptau. "Bitte sehr." , hatte er sich mit einem sarkastischen Lächeln zu ihm umgedreht, "Der Tisch ist reichlich gedeckt. Auf was hast du Appetit? - Such dir jemanden aus. Sie warten ja nur darauf, hilflos wie die Opferlämmer... Versuch es, laß deine Sinne durch den Raum streifen... Kannst du es fühlen? Das Blut, das heiß durch ihre Adern rinnt, der hämmernde Puls in ihren warmen lebendigen Körpern, die Lust, das Begehren... Und keiner von ihnen hat dir etwas entgegenzusetzen. Es ist so leicht sie zu betören, zu verführen. Viel zu leicht... "
Orli hatte nichts erwidert, nur gelächelt. Ein seltsames, bösartiges Lächeln. Dann hatten die unergründlichen dunklen Augen des Jungvampirs die Tanzfläche abgesucht, sehr lange, bis sein Blick schließlich an einem blonden Elfen hängen geblieben war. "Diesen da." hatte er gesagt und gelacht.
Bei Sean war jedes Lächeln erstorben. Der kleine Mistkerl wollte ihn eindeutig provozieren! Oder bevorzugte Orlando einfach grundsätzlich blonde Elfen? Sean hatte jedenfalls versucht, sich nichts anmerken zu lassen, und nur eine auffordernde Handbewegung in Richtung Tanzfläche gemacht.
Es hatte nicht lange gedauert, bis Orlando den blonden Jungen in seinen Bann gezogen, und sein mehr als williges Opfer schließlich in eine dunkle Nische abseits der Tanzfläche gelockt hatte.
Erregt hatte Sean beobachtet, wie die Finger des Vampirs begehrlich über die zarte Haut am Hals des Elfen glitten, wie er sein Opfer an sich zog, um sich dann mit kalten Augen und grausamen Amüsement am Anblick des Jungen zu laben, der verzweifelt anfing sich aufs heftigste zu wehren, als Orlando ihn in einen festen unnachgiebigen Griff nahm, und seine funkelnden Fänge entblößte. ‚Der geborene Jäger’, hatte Sean bei sich gedacht, und beinahe so etwas wie Anerkennung empfunden...
Fasziniert hatte er mitangesehen, wie der junge Elf in Panik nach Hilfe schrie, doch die Musik schluckte jeden Ton. Dann wurde der Körper in Orlando's Armen plötzlich ganz ruhig und still, floß förmlich in die Umarmung des Vampir's, als dieser gierig von ihm trank, und Sean's eigener Hunger erwachte umso mehr. Gerade wollte er sich selbst auf die Suche nach einem Opfer machen, als plötzlich... –

Überrascht beobachtete Sean, wie Orlando sein Opfer von sich stieß und dann mit einem Ausdruck purer Verzweiflung zusammensackte.
„Sieh an, sieh an..." dachte Sean, zufrieden in sich hineinlachend, als er in der sich ihm darbietenden Szene schwelgte. „Ich wusste es doch. Das erste Opfer lässt keinen Vampir kalt..."

„Ich... ich kann das nicht... bitte, zwing mich nicht dazu." Flehend blickte Sean zu seiner Herrin, die mit der Kälte und gnadenlosen Schönheit einer Eisskulptur, regungslos inmitten des Raumes stand, und ihn jetzt seltsam amüsiert ansah.
Ein leises Wimmern lenkte die Aufmerksamkeit des Elfen wieder zurück auf die zitternde weinende Gestalt in seinen Armen, die verzweifelt um ihr Leben kämpfte.
„Keine Angst, sie werden ganz willenlos, wenn man sie erst einmal gebissen hat.", hatte ‚Mutter’ ihm erklärt. Und so war es auch gewesen... Doch dann hatte Sean von seinem Opfer abgelassen. Hatte sich mit aller Gewalt von dem wunderbaren Gefühl losgerissen, das ihn überwältigte, dem köstlichen Saft, der über seine Lippen floß, und hatte in seiner Naivität geglaubt, daß er das Mädchen in seiner Umarmung so vor dem Tod retten könnte.
Mary hatte gelacht. Sie lachte mit der Belustigung einer Mutter, die zusieht, wie ihr kleiner Sohn mit noch wackeligen Beinen seine ersten Schritte versucht.
„Sie stirbt, mein Stern. Du kannst es nicht verhindern. Du hättest sie besser gleich töten sollen, dann hätte sie es gar nicht bemerkt. Ihr Tod wäre zugleich die größte Ekstase ihres Lebens geworden. Töte sie, Sean. Es ändert doch nichts. Früher oder später sterben sie alle – was für eine Sinnlosigkeit und Verschwendung. Ist es da nicht besser, wenn ihr Tod zu etwas nütze ist? Wenn er *dir* Leben schenkt? Das ist nun mal die Art wie wir existieren. Jäger und Beute, mein Kind."
Unbewusst begann Sean den weichen erkaltenden Körper in seinen Armen zu wiegen, strich ein paar rotbraune Haare aus dem Gesicht seines Opfers, das ihn mit großen Augen anflehte, sie zu verschonen, sie gehen zu lassen. „Ich will doch leben. Ich bin doch noch so jung." flüsterten die bereits bläulichen Lippen, und Sean’s noch nicht erstorbene Schuld bäumte sich gequält auf. „Wenn ich nur nicht soviel von ihr getrunken hätte..." schluchzte er, „Das nächste Mal..."
„Das nächste Mal wirst du dein Opfer gleich töten!" durchschnitt Mary’s Stimme den Raum. „Es sei denn, du willst damit spielen... - Ich habe dich jedenfalls nicht geschaffen, damit du gnädig bist! Töten ist jetzt deine Natur, dich dagegen zu wehren sinnlos und lächerlich. Fressen, oder gefressen werden, Sean." Ihre Stimme wurde sehr sanft, als sie zu ihm hinüberging und ihm sacht übers Haar strich, bevor sie fortfuhr „Ich setze sehr große Hoffnungen in dich, mein Stern. Enttäusche mich besser nicht."
Dann war sie weg, ließ ihn einfach allein mit dem sterbenden Mädchen, und Sean konnte fühlen, wie der letzte Teil seiner Seele mit seinem ersten Opfer zu sterben schien, als er schließlich aufgab und seine Fänge erneut in dem bereits blutverschmierten Hals vergrub...

Mit einer schnellen Bewegung war Sean bei dem Elfenjungen, der sich gerade benommen aufrappelte und verwirrt davon stolpern wollte. Ein einziger mentaler Befehl genügte und die Augen des Jungen wurden glasig und verträumt, während er in Sean's Arme sackte. Sean ließ ihn achtlos zu Boden gleiten und wandte sich dann seinem 'Brüderchen' zu.
"Was sollte das denn gerade, hm?" zischte er leise. "Du wolltest ihn doch nicht etwa tatsächlich laufen lassen? So funktioniert das nicht, Orlando. Du bist jetzt ein Vampir! Ein Jäger, ein Raubtier. Du tötest, um zu leben. Ohne Gnade, ohne Bedauern. Das ist es, was 'sie' von dir erwartet. - Und du solltest Mutter nicht enttäuschen, wenn du überleben willst." Sean lächelte gemein. "Was ist denn nur los, Brüderchen? Du hast doch nicht etwa auf einmal Gewissensbisse?"

Gewissensbisse? Dieser Schwachkopf hatte wirklich keine Ahnung. Es waren nicht Gewissensbisse, die Orlando dazu zwangen, sich am Boden festzuklammern, wie ein Ertrinkender. Ganz im Gegenteil. Es war Hunger. Er hatte es genossen, von dem Jungen zu trinken. Hatte es genossen, als er spürte, wie ganz langsam das Leben aus ihm wich, wie die Angst immer größer in ihm wurde. Nicht weil sein Gewissen sich gemeldet hatte, hatte er sich zurückgerissen von dem Abgrund aus bösartigem Vergnügen, der sich vor ihm aufgetan hatte, sondern nur wegen Heath. Er hatte seinen Geliebten nicht retten können, nun mußte er wenigstens für ihn stark sein. Durfte die Erinnerung, die er an ihn in seinem Herzen trug, nicht dadurch beschmutzen, daß er sich seinen neuen Gefühlen von Macht hingab. Aber das würde dieser dumme Elf nie verstehen. Und das brauchte er auch gar nicht zu wissen.
Orlando klammerte sich an seinen Haßgefühlen dem anderen Vampir gegenüber fest und sah langsam auf. "Weißt du wie egal es mir ist, ob ich lebe oder sterbe?" zischte er, kaum hörbar über dem ganzen Lärm. Er wollte auch noch ein paar unfreundliche Worte über 'Mutter' hinzufügen, aber etwas in ihm sträubte sich dagegen, schlecht von ihr zu sprechen. Schließlich hatte sie ihm, mit der Unsterblichkeit, große Macht anvertraut. Er sollte ihr dankbar sein, er sollte versuchen, so zu sein, wie sie ihn haben wollte, er sollte...
Gewaltsam riß er sich zusammen. Was sie getan hatte, war sicher nicht aus Herzensgüte geschehen. Er sollte ihr mißtrauen. Auch wenn es ihm schwerfiel. Sie war ein mächtiger alter Vampir... Langsam wurde Orlando klar, warum ihm so warm ums Herz wurde, wenn er an sie dachte. Sie hatte Macht über ihn. Aber diese Erkenntnis half ihm auch nicht wirklich dabei, ihrem Einfluß zu entkommen. Aber vielleicht konnte er das gegen diesen 'Sean' verwenden...


„Wie pathetisch, Brüderchen." Sean verzog den Mund zu einem abschätzigen doch amüsierten Lächeln. „Doch wenn es dir egal ist, dann bist du schon so gut wie tot, Orlando."
Er seufzte auf. „Ich verstehe sowieso nicht, warum sie ausgerechnet dich zu einem Vampir gemacht hat. Du nützt uns rein gar nichts. Machst uns nur verwundbar... Ich sollte dich wirklich gleich hier töten, dann bleibt Mutter wahrscheinlich einiges an Enttäuschung erspart. Aber sie wird ihre Gründe haben, dein hübsches Gesichtchen in die Ewigkeit zu bannen, also werde auch ich das akzeptieren. – Für’s erste." Sean rückte bedrohlich einige Zentimeter näher. „Aber glaub nicht, das ich zulassen werde, das du Mist baust."
Der Elf richtete sich wieder auf und strich sorgsam sein Hemd glatt, bevor er sich wieder an Orli wandte. „Und jetzt sieh zu, das du den Kleinen hier erledigst. Ich will nämlich auch noch zu meiner Abendmahlzeit kommen..."


"Fick dich, Arschloch!" Die Antwort war simpel und leicht zu verstehen. Aber Orlando fügte trotzdem noch ein -"Mach es doch selber!"- hinzu. Was glaubte dieser Elf eigentlich wen er vor sich hatte? Irgendeinen kleinen Idioten? Orlando war sehr wohl klar, daß 'Mutter' ihn nicht zum Vampir gemacht hatte, nur damit er von Sean umgebracht wurde. Der Elf würde sich hüten, sein 'Brüderchen' zu beschädigen. Schließlich wollte er Mutter sicher nicht verärgern. "Kümmer’ dich um deinen eigenen Mist!" empfahl er Sean. "Was ich mit meinem Abendessen mache, geht dich gar nichts an. Und wenn ich es laufen lassen will, dann ist das mein Problem."


„Nein, ist es nicht." zischte Sean, als er Orli mit einer schnellen Bewegung packte und gegen die Wand drückte. „Weil Mutter nämlich *mich* für dich kleinen Stinker verantwortlich gemacht hat. Ich habe keine Lust mir ihren Unwillen zuzuziehen, nur weil du gerade deine Trotzphase durchmachst. - Laß es nicht auf einen Machtkampf mit mir ankommen, Orlando, den verlierst du. Und jetzt iss brav dein Abendessen, Orlibaby. Oder ich helfe nach!"

Einen ganz kurzen Moment war Orli tatsächlich eingeschüchtert, aber dann lächelte er Sean einfach nur an. "Nein." sagte er ganz ruhig.
<Mal sehen, was du jetzt tust, 'Bruder'> dachte er. <Je mehr ich über dich lerne, desto besser.>


Sean starrte Orli haßerfüllt an, doch dann lächelte er ganz sanft und freundlich. „Wie du willst." Er ging zu dem Elfenjungen hinüber, der immer noch reglos auf dem Boden lag, und hob ihn sachte auf. Eine Hand um die Taille des Jungen gelegt, und die andere in dessen blondem strubbeligen Haar vergraben, zog Sean den biegsamen willigen Körper fest zu sich heran.
„Dann werde ich mal für dich aufräumen, Orlando, wie das wohl von einem großen Bruder so erwartet wird. Nebenbei gesagt, dein Geschmack ist ja gar nicht mal schlecht – der Junge ist wirklich exquisit. Er wird meinen Hunger hervorragend stillen. Du hingegen, Brüderchen, wirst solange keinen einzigen Schluck Blut mehr bekommen, bist du deine Lektion gelernt hast. Dafür sorge ich." Und damit presste Sean seine Lippen in einem zärtlichen Kuß auf den Hals seines benommenen Opfers, um dann mit einem spöttischem Funkeln in den Augen seine Fänge zu entblößen, und sie in den Hals des Jungen zu schlagen.


Mit einer Mischung aus Ekel und Amüsement sah Orli zu, wie Sean den Jungen austrank. Ekel, weil er immer noch Heath vor sich sah, wenn er das in Ekstase verzogene Gesicht des Jungen betrachtete. Und Amüsement, weil Sean tatsächlich dachte, ihm damit etwas beibringen zu können. Eins zumindest war Orli klar, er würde sich keine blonden Elfen mehr aussuchen. Zu viele Erinnerungen. Aber vielleicht könnte er...
Erneut riß er sich von dem Pfad los, der ihn nur zu dem brennenden Durst geführt hätte, den er tief in sich spürte. Und zu dem Biest, das danach verlangte, daß er seinen großen Bruder in Stücke riß. Stattdessen stand er vom Boden auf und ließ sich wieder an ihrem kleinen Tisch nieder. Er ließ den Blick über die Menge zuckender Leiber schweifen. Wie war er nur hier her geraten? Hatte er nicht vor kurzem noch in einer Kerkerzelle gesessen? Hatte er nicht mit einem schrecklichen Ende gerechnet?
Selbstironisch verzog er den Mund. Das hatte er ja nun auch gefunden, oder? Und erneut kehrten seine Gedanken zu Mutter zurück. Was wollte sie von ihm? Hatte sie ihn nur zum Vergnügen erschaffen? Sicher nicht. Es mußte um die Erlöserin gehen. Er seufzte leise. War die jetzt eigentlich sein Freund oder sein Feind? Und was war mit Bray und Shakira? Plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher, auf welchen Seiten sie standen. Wie würden sie reagieren, wenn sie feststellten, daß Orli nicht mehr Orli war? Sein Gedanken wurden unhöflich unterbrochen, als Sean den inzwischen toten Jungen auf einem Stuhl neben ihm drapierte.


„Oh ja, das war genau das richtige." seufzte Sean und lächelte zufrieden. Dann legte er seine Hände auf Orli’s Schultern und beugte sich zu ihm hinab, um ihm ins Ohr zu flüstern „Was meinst du? Soll ich mir noch einen aussuchen? Damit der Kleine hier ein wenig Gesellschaft hat?" Sean strich dem toten Elfen sorgsam ein paar Haare aus dem Gesicht, bevor er seinen Blick erneut über die tanzende Menge gleiten ließ. „Wieder was hübsches blondes? Einen Elf?" fragte er neckend, als er auch schon ein passendes Opfer erspäht hatte. „Keine Ahnung warum" spöttelte er weiter „aber irgendwie habe ich heute einen unglaublichen Appetit."


Orli verdrehte die Augen. "Tu dir keinen Zwang an." antwortete er gelangweilt. "Aber mich würde echt mal interessieren, wie du es mit dir selbst aushältst ohne zu kotzen."


Sean’s Finger krallten sich für einen Moment in Orli’s Schultern, ließen aber sofort wieder los. „*Ich* bin ein Vampir. Und das hier" -Sean deutete auf sein letztes Opfer- „ist nun mal die Art wie wir existieren. Du wirst es schon noch lernen. Glaub mir, Orlando, es wird gar nicht lange dauern, und du wirst genauso sein. Du hast ja gar keine andere Wahl..."
Für einen Moment schwang mehr in seiner Stimme mit, als Sean beabsichtigt hatte, aber er unterdrückte es sofort. Er durfte es sich vor Orli nicht erlauben sentimental zu werden.
Er war sowieso schon viel zu nachsichtig mit ihm gewesen. Warum hatte er sich den anderen Vampir nicht einfach geschnappt und ihn solange zusammen mit dem Elfenjungen in einen Raum gesperrt, bis der Hunger Orlando dazu getrieben hätte, sein Opfer zu töten? Das hätte Mutter getan. Sean wusste, das es Orlando geholfen hätte, die letzten Reste seiner Menschlichkeit auszulöschen. Das erste Opfer war immer das wichtigste. Es half einem Vampir, das Biest in sich zu entfalten, Reue und Qual abzutöten.
Sean versuchte sich einzureden, das er es getan hatte, um den anderen Vampir vor Mutter schwach und unfähig erscheinen zu lassen, um es ihm so schwer wie nur möglich zu machen, aber er fühlte, daß es nicht stimmte. Sosehr er diesen Orli auch verabscheute, diese ganze Prozedur hatte ihn doch zu sehr an seine eigene Erschaffung erinnert, an die seelische Qual die er durchlitten hatte... Hatte er das Orli wirklich ersparen wollen? Warum? Sean wußte darauf keine Antwort.
Ohne wirkliche Begeisterung nahm sich Sean ein anderes Opfer, dann das nächste. Sein Hunger war schon längst gestillt, doch das Biest in ihm tobte und war nicht zu befriedigen, so als wüsste es von seiner heimlichen Schwäche.
In Sean’s Armen lag jetzt hilflos ein dunkelhaariger Mann, der sich lange und verzweifelt gewehrt hatte... Ein Schauder durchlief den Elfen, als er in die Augen des Menschen sah - sie waren blau... Plötzlich schien sein Magen zu rebellieren, und für einen Moment glaubte Sean wirklich, sich übergeben zu müssen. Doch das Gefühl verschwand so schnell wie es gekommen war und mit einer hastigen Handbewegung schloß der Vampir die Augen des nun toten Mannes. Sorgsam platzierte der Elf dann den leblosen Körper auf einen Stuhl neben seinen anderen Opfern, reihte ihn ein in die stumme Parade des Grauens.
„Ich hab’ genug. Gehen wir." sagte er zu Orli, dessen Blick die Abscheu zeigte, die er plötzlich für sich selbst empfand.
Und auf einmal wollte Sean nur noch nach Hause. Wollte all das hier vergessen. Wollte einfach nur in Viggo’s Armen liegen und sich geborgen fühlen. Wollte in blauen Augen Vergebung finden.

 

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TEIL 15

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