"SubMission"
Teil 13
by Beryll & Vagabond
Auftauchen, aus der Schwärze eines unendlichen Meeres
den Weg an die Oberfläche finden. Jede Nacht auf's Neue. Ankämpfen
gegen die Kälte und Finsternis, die einen dort unten für immer gefangen
halten will.
Es heißt, es würde leichter werden, je älter der Vampir wird.
Die ältesten streifen die Umarmung des Todes mühelos ab. Doch Sean
spürte sie noch, längst nicht mehr so erstickend und kraftraubend
wie früher, aber immer noch präsent.
Langsam öffnete er die Augen und wandte den Kopf den mittlerweile wieder
geöffneten Fenstern zu, blickte in eine wolkenverhangene dunstige Nacht.
Ein leises Rascheln neben ihm zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht.
'Trinity...'
Sie sah wirklich bezaubernd aus. Offenbar noch ganz in einem Traum gefangen,
der ihre Wangen rötete und sie dazu veranlaßte, sich unruhig auf
den Laken hin und her zu wälzen. Sie stöhnte leise dabei, aber es
klang eher wie... Sean grinste. Ob sie von vergangener Nacht träumte?
Vorsichtig glitt er näher zu ihr heran, legte sanft seinen Arm um Trinity's
Taille und schmiegte sich an sie, drückte einen schnellen zärtlichen
Kuß auf ihren weißglänzenden Hals.
Sie lächelte im Schlaf und preßte sich gegen ihn, schwärmerisch
einen Namen flüsternd, "Viggo..."
...warme Hände, die über ihren heißen Körper
glitten, all die kleinen Stellen fanden, die keiner sonst kannte. Hände,
die ihr das gaben, wonach es sie so sehr verlangte, die genau die richtige
Mischung zwischen sanft und fordernd fanden, die Wellen der Erregung immer
höher schwappen ließen, bis sie sich besinnungslos vor Lust unter
ihm wand - festgehalten von seinen warmen, tief-blauen Augen...
Mit einem Ruck erwachte Trinity, als ihr Traum von dem Gefühl kalter
Haut, die sich gegen ihre preßte, gebrochen wurde. Einen langen entsetzlichen
Moment hatte sie keine Ahnung wo sie war, was mit ihr passiert war. Nur ein
Gefühl des Verlustes hielt sie gefangen. "Viggo..." flüsterte
sie in Erinnerung an ihren Traum und ihr fiel ein, daß er es war, den
sie verloren hatte. Zusammen mit so viel anderem.
Und dann wurde ihr bewußt, daß es Sean sein mußte, der sich
gegen sie drückte und die Röte stieg ihr ins Gesicht. Verdammt.
Hatte sie das laut gesagt...?
Also doch... Für einen Moment war wieder die alte Wut
und Enttäuschung da. Während er sich mit romantischen Gefühlen
an Trinity kuschelte, träumte sie offensichtlich ganz unverschämt
von Viggo! Wie demütigend...
'Blaue Augen, so tief wie das Meer...' Oh oh... hatte er nicht auch einen
etwas eigenartigen Traum gehabt? Wäre Sean kein Vampir gewesen, er wäre
jetzt bestimmt puterrot geworden, als er an seinen ganz eigenen 'Viggo-Traum'
dachte. Also schön, offensichtlich hatten sie beide eine Schwäche
für Viggo Mortensen. Wie verwirrend. Trotzdem war Sean verärgert,
daß Trinity nach ihrer wunderschönen gemeinsamen Nacht mit dem
Namen eines anderen Mannes auf den Lippen erwachte.
"Nein, es ist nur der Vampir, Liebes." sagte er eingeschnappt und
rückte ein wenig von ihr ab.
"Oh Sean!" Ehe sie nachdenken oder in ihre übliche
coole Routine verfallen konnte, drehte sie sich zu ihm um, zog ihn dicht zu
sich heran und drückte ihr Gesicht in seine Haare. Ihre Verlegenheit
verlangte danach überspielt zu werden, aber sie ließ es nicht zu.
Sie wollte den Sean, der sie gestern in seinen Armen gehalten hatte, nicht
verlieren. Und ganz sicher nicht wegen einem dummen Traum.
"Tut mir leid." murmelte sie verlegen neben seinem Ohr. "Er
hat sich einfach so eingeschlichen..." Ihre Lippen wanderten zärtlich
an seinem Ohr entlang bis zu dessen Spitze und hinterließen dann einen
sanften Kuß. "Nicht böse sein? Lieber Vampir?"
Sie kam sich ein wenig albern vor, so mit ihm zu reden, aber gleichzeitig
wurde ihr klar, daß sie sich nun doch tatsächlich in Sean verliebt
hatte. Und sie fühlte sich plötzlich so nervös wie ein Schulmädchen
mit ihrem ersten Freund. Und trotz all dem Schrecklichen genauso schmetterlingshaft
glücklich.
Sean lächelte versöhnt. Wie lieb Trinity sein konnte,
und so niedlich in dieser kindlichen Art. Sean hatte sie noch nie so gesehen,
verliebte sich aber sofort in diesen neuen Aspekt von ihr. Eigentlich war
er wirklich überrascht, daß sie beide nicht zu streiten begonnen
hatten. Anscheinend hatte sich wirklich etwas geändert zwischen ihnen.
Sean bleckte die Zähne und lächelte Trinity schelmisch an. "Oh
nein, so leicht bin ich nicht zu besänftigen. Ich fürchte, ich werde
Euch wohl in diesem düsteren Turm gefangenhalten müssen, bis mir
eine passende Bestrafung für Euch einfällt, Mylady." brummte
er in dem mühsamen Versuch drohend auszusehen und nicht in fröhliches
Lachen auszubrechen.
"Würde dir das gefallen?" fragte er dann schon ernster. "Hier
bei mir zu bleiben, meine ich?" Er sah sie unsicher an. "Naja, ins
Matrix kannst Du ja jetzt auf keinen Fall mehr."
Trinity seufzte leise. "Danke, daß du mich noch
mal dran erinnerst." grummelte sie und ließ den Kopf auf seine
Brust fallen, um müde dort liegen zu bleiben. "Mist!"
Ihre Gedanken wanderten zum vergangenen Abend zurück. Wieso hatte nur
alles so schief gehen müssen? Wieso hatten die Kids Pink nicht einfach
zu ihr gebracht? Dann hätten sie nie erfahren, für wen sie eigentlich
arbeiteten. Sie hätten das "Horny Pony" anzünden und dann
erstmal abhauen können. Wie sehr sie ihnen das gegönnt hätte.
Und nun saß Orli im Kerker und der Himmel mochte wissen, ob und wo die
anderen Unterschlupf gefunden hatten. Und Viggo... Der hatte nun wirklich
am wenigsten mit dieser ganzen Scheiße zu tun und würde nun trotzdem
im Kerker verrotten. Wenn ihm nichts schlimmeres zustieß.
"Mir wird wohl erstmal nichts anderes übrig bleiben, als dein Angebot
anzunehmen." beantwortete sie Sean's Frage.
Jetzt hatte sie wieder diesen grüblerischen resignierten
Ausdruck im Gesicht. "Hey, Kopf hoch." flüsterte er zärtlich
und strich sanft über ihr Haar "Du wirst etwas neues finden, das
dir Freude macht, ganz bestimmt. Und ich werde alles dafür tun, daß
du dich hier wohl fühlst. Sei nicht traurig..."
Es war Sean ernst damit. Er würde alles tun, damit Trinity bei ihm glücklich
wurde. Alles. Sogar... sogar sich gegen Mutter stellen, wenn es nötig
war. Kaum gedacht, zitterte er schon bei dem bloßen Gedanken daran.
Nein, unmöglich. Es war besser, sich nicht mit Mutter anzulegen.
Genaugenommen steckten Trinity und er schon in genug Schwierigkeiten was die
Vampirfürstin anbelangte. Sean hatte es wirklich selten erlebt, daß
seine Erzeugerin so dermaßen die Fassung verlor. Doch er kannte seine
Mutter. Sicher hatte sie ihre Wut schon längst wieder an irgendeinem
unglückseligen Geschöpf abreagiert.
'Hoffentlich nicht an Viggo', durchzuckte ihn der Gedanke ganz plötzlich
und hinterließ ein beklemmendes Gefühl in ihm. Gedankenverloren
spielten seine Finger mit Trinity's Haar, während er vorsichtig das Gespräch
auf dieses heikle Thema lenkte. "Uhm... kümmert es dich eigentlich,
was nun mit Viggo geschieht? Ich meine, was bedeutet er dir?"
Eine ausgezeichnete Frage. Auf die Trinity keine wirklich
Antwort wußte. Bisher war sie davon ausgegangen, daß sie ihn einfach
nur aus unerfindlichen Gründen symphatisch fand, aber nach diesem Traum...
Aber viel interessanter war doch eigentlich die Frage, was er Sean bedeutete.
Immerhin war es Sean gewesen, der ihn fast umgebracht hatte, um dann eine
leidenschaftliche Nacht mit ihm zu verbringen. In Sean hatte er diese Veränderung
zum besseren hervorgerufen. Oder in ihr auch? Trinity stellte ein wenig verwundert
fest, daß auch sie sich sowohl gefühlvoller als auch vernünftiger
benahm als sonst. Das beantwortete aber nicht wirklich Sean's Frage. Sie seufzte
nachdenklich.
"Ich weiß auch nicht recht." sagte sie unsicher. "Ich
würde sagen, ich hätte ihn gern näher kennengelernt."
Sie stieß ihn mit dem Finger zwischen die Rippen. "Vor allem nachdem
du so von ihm geschwärmt hast..."
Sean wand sich ein wenig. "Äh, weißt du,
was ich da gesagt habe... uhm... " Dann grinste er ein wenig schief.
"Zugegeben, er war eine interessante Erfahrung." Sean hielt inne
und seufzte. "Nein - er war vielmehr als das. Ohne ihn würde ich
heute nicht mit dir in diesem Bett liegen und Zärtlichkeiten austauschen,
während wir unsere Zukunft planen. Er... Viggo ist ein ganz besonderer
Mensch für mich. Wäre er gestorben, dann..."
Sean hielt entsetzt inne, als ihm bewußt wurde, daß diese Bedrohung
immer noch bestand, ja, sich sogar entschieden verschärft hatte. "Ich
darf nicht zulassen das sie ihn tötet, Trin. Er.. er ist... *wichtig*
für mich. Er bedeutet mir etwas, ich kann das nicht erklären..."
Sean fuhr sich unruhig durch die Haare und blickte Trinity hilfesuchend an.
Ob sie auch nur ein Wort von dem verstand, was er ihr da zu erklären
versuchte?
"Er macht dich lebendig?" fragte Trinity leise.
Egal wie wirr Sean sich für ihn selbst anhören mochte, sie verstand
sehr gut was er zu sagen versuchte. Sie hatte beobachtet, wie dieser Mensch
ihn - wahrscheinlich ganz unabsichtlich - verändert hatte.
Sie dachte an Sean's Mutter und schauderte. Entweder, sie würde ihn töten
oder sie würde ihm etwas schlimmeres antun. Und sie war alles andere
als bester Laune. "Du kannst noch dankbar sein, wenn sie ihn schnell
tötet." fuhr sie fort. "Sean, wenn sie auch nur ahnt, daß
er für dich wichtig ist, wirst du dir auch den Tod wünschen. Sei
bitte, bitte vorsichtig."
Seine Augen bohrten sich entsetzt in Trinity's. "Sie
darf es nicht erfahren, Trin!!! Und sie darf ihn nicht töten, ich...
ich lasse das nicht zu. Ich kann nicht. Ich schulde ihm das. Für all
die Grausamkeit ihm gegenüber, ich habe ihm so weh getan... " Verzweifelt
stand er auf, eine der leichten Decken schützend um sich herumgeschlungen,
und trat ans Fenster.
Traurig blickte er zu dem tosenden Meer hinaus, und dachte zurück an
jene Nacht, die alles geändert hatte. "Irgendetwas muß ich
tun. Ich muß es nur klug genug anstellen, damit Mutter keinen Verdacht
schöpft. Vielleicht..." Er sah Trinity zweifelnd an. Sean war sich
ziemlich sicher, daß ihr sein Plan nicht gefallen würde.
"Es gibt eventuell eine Möglichkeit Viggo zu retten. Es ist nur...
" Sean gab sich einen Ruck und fuhr zögerlich fort, die Augen auf
ein Gemälde an der Wand geheftet. "Ich müßte Mutter davon
überzeugen, daß ich ihn... naja, zum 'spielen' haben will. Du weißt
schon - quälen bis er um Gnade winselt und dann noch ein wenig weitermachen.
So wie es auch Mutter's Art ist. Wenn ich sie davon überzeugen kann,
daß ich ihn nur haben will, um meine Grausamkeit an ihm auszutesten,
dann könnte es schon sein, daß sie ihn mir überläßt.
Aber es ist gefährlich, da hast du recht. Für Viggo ebenso wie für
mich. Wenn Mutter herausbekommt, daß ich sie anlüge... Sie darf
nicht erfahren, daß er mir etwas bedeutet. Genauso wenig, wie sie erfahren
darf, daß du mehr als nur ein gelegentlicher Fick für mich bist."
Tiefe Besorgnis stand in Sean's Augen geschrieben, als er sich ihr zuwandte
und langsam zurück in Richtung Bett ging. "Gefühle zu haben,
ist schrecklich." seufzte er und streckte im selben Moment die Hand nach
Trinity's Wange aus, um sie liebevoll zu streicheln.
Trinity konnte ihm da nur recht geben. Aber auch sie konnte
sich ihrer Gefühle nicht erwehren. Sie hatte Angst. Was Sean da vorschlug,
war ein Spiel mit verdammt hohen Karten gegen miserable Chancen. Wenn es etwas
gab, das man wirklich nie tun sollte, dann einen Vampirfürsten betrügen.
Aber sie sah Sean an, daß er fest dazu entschlossen war.
Sollte sie ihm helfen? Ihren Kopf noch tiefer in die Schlinge stecken? Jetzt
zu seiner Mutter zu gehen und ihr von der Schwäche ihres Zöglings
zu erzählen, wäre eine gute Möglichkeit wieder Punkte bei ihr
zu sammeln. Aber wie er so vor ihr stand, die grünen Augen samtweich
und gar nicht eisig, konnte sie nur seine Hand nehmen und erneut seine Fingerspitzen
küssen. "Wir werden wahrscheinlich beide dabei draufgehen. Das ist
dir doch klar, oder?" fragte sie mit einem schiefen Lächeln.
*****
Trinity starrte die Tür an, die sich vor ihr erhob wie
ein drohendes Monument, und wünschte sich, sie wäre irgendwo anders.
Ganz egal wo, nur nicht hier und nicht jetzt. Da drinnen wartete eine Vampir-Fürstin,
die wahrscheinlich immer noch übelster Laune war. Und mit großer
Wahrscheinlichkeit war Sue schon eine ganze Weile dort drinnen und flüsterte
ihr giftige Anschuldigungen ins Ohr.
Zu sagen, daß sie die Magierin nicht leiden konnte, wäre die Untertreibung
des Jahrhunderts gewesen. Die Vampirfürstin war von Natur aus böse.
Das konnte man ihr nicht wirklich vorwerfen. Aber Sue hatte es sich anscheinend
zum Ziel gesetzt, sie in Boshaftigkeit und Grausamkeit noch zu übertreffen,
obwohl sie nur ein Mensch war. Und sie machte keinen Hehl aus ihrer Verachtung
für alle, die sie als unterlegen betrachtete. Trinity gehörte zu
dieser Gruppe und auch Sean.
Der Vampir ahnte nicht, daß sie davon wußte, aber Sue hatte ihr
einmal voller boshafter Freude erzählt, daß die Fürstin ihr
ihren Sprößling gelegentlich 'auslieh', wenn sie sich besonders
verdient gemacht hatte. Und daß er ein wirklich nettes kleines Spielzeug
war, wenn er den Mund hielt und sich auf's Ficken konzentrierte. Trinity hatte
dazu gar nichts gesagt, aber ihr hatte sich allein bei dem Gedanken daran
der Magen umgedreht.
Und nun würden sie der Fürstin und ihrer Magierin gegenübertreten,
um sie zu belügen und ihr irgendwie Viggo abzuluchsen. Nicht daß
Trinity davon ausging, daß sie irgendeine Chance hatten. Aber Sean zuliebe
würde sie es versuchen. Er stand neben ihr. Ganz ruhig, ganz gelassen
und Trinity wurde klar, daß er sich wesentlich besser beherrschen konnte
als sie. Hoffentlich würde sie ihm nicht die Show vermasseln. Am besten
würde sie einfach die Klappe halten und ihn machen lassen.
Nach außen hin wirkte Sean gelassen und so unterkühlt
wie ein Eisblock, aber in seinem Inneren sah es ganz anders aus. Eigentlich
war da immer dieses unruhige Gefühl wenn er auf seine Erzeugerin traf,
aber jetzt fühlte es sich an, als würde ein Orkan in ihm toben.
Ein Sturm aus Anspannung, Furcht und wilder Entschlossenheit.
Mit aller Kraft zwang er sich zur Ruhe, versuchte die Emotionen in sich abzuschalten,
die ihn nur verraten und unsicher machen würden. Und gerade jetzt durfte
er sich keinen Fehler erlauben. Mutter kannte ihn besser als er sich selbst.
Er mußte sich selbst belügen, um sie zu täuschen. Mußte
vor Mutter selbst an das glauben, was er ihr weismachen wollte. Daß
Viggo ihm nichts bedeutete, nicht mehr war, als ein menschliches Spielzeug.
Ebenso wie Trinity eines war. Er durfte keine Emotionen zulassen außer
Boshaftigkeit, Langeweile und Grausamkeit.
Kälte... Sean konnte sie in sich fühlen, sehr vertraut, jedoch schmerzhaft
jetzt und nicht mehr so wohltuend und schützend wie früher. Der
Vampir in ihm fauchte, wollte freigelassen werden, jetzt, da er spürte,
wie Sean ihm notwendigerweise mehr Freiraum ließ, witterte er seine
Chance, erneut die Kontrolle an sich zu reißen. Sean wußte, daß
es eine Gratwanderung werden würde, sich nicht erneut an ihn zu verlieren.
Nicht die Finsternis willkommen zu heißen, die so viel einfacher und
sicherer war, als all diese verwirrenden Emotionen.
Es war ein alter Reflex tief einzuatmen, um sich zu beruhigen, auch wenn Sean
die Luft nicht wirklich brauchte. Der Elf warf Trinity noch einen kurzen Blick
zu, in dem all seine Hoffnung, aber auch all seine Furcht lag.
Dann wandte er sich den beiden grobschlächtigen Orks in dunkler Livree
zu, die nur darauf warteten, daß er ihnen ein Zeichen gab, die großen
wuchtigen Türen für ihn zu öffnen. Sean's Gesicht erstrahlte
in all der elfischen Arroganz die er aufbringen konnte, als er ohne zu Zögern
in den Thronsaal schritt, die Augen funkelnd und so kalt, das Trinity neben
ihm unmerklich fröstelte.
Als Sean's Blick auf Sue fiel, die neben dem Thron stand, stockte er für
den Bruchteil einer Sekunde. Er war sich sicher, daß sie es bemerkt
hatte, denn sie lächelte vielsagend. Wie er sie verabscheute, diese verdammte
Magierschlampe. Ständig versuchte sie ihn bei der Vampirfürstin
anzuschwärzen und Mutter von seiner Unfähigkeit zu überzeugen.
Natürlich nur, weil sie hoffte, daß Mutter ihr dann gestattete,
an der Ausbildung seiner 'Fähigkeiten' zu arbeiten. Oh, wie er es haßte
sie zu ficken... und noch mehr haßte er es, daß sie es jedesmal
schaffte, ihn dabei zu unglaublicher Ekstase zu bringen...
Eine winzige Bewegung zu seiner Rechten riß ihn aus seinen Gedanken.
Dort, im Schatten der hohen Säulen, stand jemand verborgen, perfekt verschmolzen
mit der tiefen Dunkelheit. Jemand, dessen Präsenz nichts anderes zuließ
als tiefste Anbetung, gepaart mit Entsetzen. Mutter...
Trinity blieb stehen als Sean stehen blieb und sah schweigend
zu Sue hinüber, die neben dem Thron stand. Ruhig dastehen und cool aussehen
war etwas, daß sie über Jahre hinweg perfektioniert hatte. Solange
man sie nicht ansprach, konnte sie vollkommen überlegen wirken.
Einen langen Moment starrten sie und Sue sich an, beide die Augen hinter Sonnenbrillen
verborgen, die in der Düsternis der Halle eigentlich lächerlich
hätten wirken müssen. Es war Sue, die sich zuerst bewegte. Nur ein
Zucken des Kopfes, aber es genügte Trinity, um das Gefühl zu haben,
daß sie diese Runde gewonnen hatte.
Erst als sie sich wieder Sean zuwandte, bemerkte sie, daß er Sue völlig
ignoriert hatte und seine Aufmerksamkeit auf die Schatten zwischen den Säulen
konzentrierte. Sie konnte nichts erkennen, aber dann schienen sich die Schatten
zu teilen und die Fürstin trat daraus hervor. Schön und schrecklich
glitt sie auf Sean zu, blieb direkt vor ihm stehen, den Kopf leicht schräg
gelegt, wie eine Katze, die einen kleinen Vogel betrachtet, der ihr unversehens
vor die Pfoten geflattert ist.
Nicht zum ersten Mal fragte sich Trinity, wie Sean wohl gewesen war, bevor
er seine 'Mutter' kennengelernt hatte. Und wie er sie wohl kennengelernt hatte.
Die Fürstin hob langsam eine schlanke Hand und ihre langen Fingernägel
fuhren beinahe zärtlich über Sean's Wange, ohne ihn zu verletzen.
In ihren eisigen Augen lag irgendeine fremdartige Emotion, die so wenig menschlich
war, daß Trinity sie nicht kannte.
Sie war so... wunderschön. Ihr Nähe war gefährlich,
denn stets verfiel er ihr auf's Neue, weckte sie in ihm den Wunsch, ihr alles
zu geben, was sie nur von ihm begehren konnte, ihr zu gehören, vollständig.
Es war keine Liebe, es war völlige Ergebenheit. Gegen dieses Gefühl
anzukämpfen, war beinahe unmöglich, denn jede Faser seines Körpers
verlangte nach ihr, nach ihrer Berührung und vor allem dem Blut, das
sie ihm manchmal gab.
Das Blut, das er so begehrte und das so entsetzlich in seinen Adern brannte,
ihn mit Stärke erfüllte und mit Haß. Das Blut, von dem er
nicht mehr trinken durfte, wenn er die vampirische Seite in sich bezwingen
wollte. Sean kämpfte verzweifelt gegen die Macht an, die sie über
ihn besaß. Viggo's Leben hing davon ab.
Der Hauch eines Lächeln huschte über das Gesicht der Fürstin
und entblößte ihre schimmernden weißen Fänge. "Du
bist stärker geworden." wisperte sie in Sean's Ohr. "Endlich."
Sean erschauerte innerlich, als ihr Lob verräterische Zufriedenheit in
ihm weckte. Ja, er war stärker geworden... - Doch Mutter würde diese
Ansicht sicher schnell revidieren, wenn sie erfuhr... Nein! Nicht daran denken.
'Konzentrier dich!' beschwor Sean sich selbst. Er erwiderte das Lächeln
der Vampirfürstin mit einem wohlkalkulierten Lächeln seinerseits
und senkte leicht den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung. "Die Schwäche
von anderen trägt viel zu dieser Stärkung bei." Er lachte kurz
und boshaft auf.
"Apropos schwach... Habt Ihr schon entschieden was mit den Gefangenen
geschehen soll? Können sie uns nützen?" Er zwang sich in ihre
rätselhaften Augen zu blicken, als er in einem der Situation angemessenen,
reuevollem Ton fortfuhr. "Seid Ihr noch böse auf mich wegen des
Zwischenfalls im Matrix gestern? Ich bedaure Euch enttäuscht zu haben,
Mutter. Bitte sagt mir, was ich tun kann, um diesen Fehler zu korrigieren."
Trinity sah zu, wie Sean und seine Mutter einander ansahen
und ihr wurde wieder einmal bewußt, wie sehr sie in diesem Spiel fehl
am Platze war. Die Einsätze waren einfach zu hoch, die Spieler zu mächtig.
Sie spürte mehr als das sie sah, daß Sue ebenfalls näher glitt.
Auch sie wollte auf keinen Fall etwas wichtiges verpassen.
"Die Gefangenen..." Die Stimme der Fürstin schwebte wie eine
eisige Wolke durch den Raum und setzte sich in jedem fest, der sie hörte.
"Sue wird sie verhören. Ich bezweifle, daß sie etwas nützliches
wissen, aber es kann nicht schaden." Die Fürstin wandte sich der
Magierin zu und Trinity war ausnahmsweise einmal froh nicht an Sue's Stelle
zu sein.
"Du wirst sie doch finden, diese Erlöserin, nicht wahr?" Es
war eine kaum verhohlene Drohung und sie alle wußten es. Aber die Magierin
schaffte es trotzdem ein zuversichtliches Lächeln aufzusetzen. "Natürlich.
Sie kann sich nicht ewig verstecken. Und Fürstin Liviana..." Sue
gab ein leises verachtungsvolles Schnauben von sich. "Sie sollte erst
einmal Ordnung in ihren eigenen Reihen schaffen..."
Die Magierin brach abrupt ab, als sie bemerkte, wie die Fürstin amüsiert
eine Augenbraue hob. "Ein interessanter Gedanke." murmelte sie und
ihre Fingernägel, die immer noch an Sean's Wange ruhten, wanderten tiefer
zu seiner Kehle. "Was denkst du, Sean, sollte ich das auch tun? Ein bißchen
Ordnung schaffen?"
Wäre Sean sterblich, hätte sein Herz wohl für einen winzigen Moment ausgesetzt, doch so verriet nur ein schneller Wimpernschlag, daß ihn die versteckte Drohung der Fürstin etwas unvorbereitet getroffen hatte. Er erstarrte für einen Moment, preßte sich aber dann entschlossen gegen die Krallen an seiner Kehle. "Wie es Euch gefällt, Mutter." Er lächelte, als er spürte wie sich feine hauchdünne Tropfen Blut an den Stellen bildeten, wo die scharfen Nägel die Haut aufgeritzt hatten. "Und ich würde Euch liebend gerne dabei helfen."
Ein erneutes leichtes Schräglegen des Kopfes, ein träges
Blinzeln, dann wandte die Fürstin ihre Aufmerksamkeit erneut ihrer Magierin
zu, und Trinity hätte beinahe laut aufgeatmet. "Wir alle werden
das aufräumen wohl noch einmal verschieben, nicht wahr, Sue?" Die
Magierin nickte eilig und Trinity stellte fest, daß sie die Show wahrscheinlich
genossen hätte, wenn Sean nicht einen so wahnwitzigen Plan gefaßt
hätte. Dabei wußte sie nicht einmal genau, was sein Plan eigentlich
war.
Ehe sie weiter darüber nachdenken konnte, wie gern sie einfach davongerannt
wäre, schmiegte sich die Fürstin dicht an ihren Zögling. "Ich
bin dir nicht böse, mein Schatz." erklärte sie ihm sanft. "Sonst
wärst du schon längst Vergangenheit."
Sean war zu angespannt und konzentriert um wirklich Erleichterung
zu empfinden, aber das nervöse Kribbeln in seinem Nacken ließ ein
wenig nach. Er wußte, daß Mutter die Wahrheit sagte. Und wieder
einmal hatte er dieses Gefühl von Enttäuschung und Wut, darüber,
daß er anscheinend so austauschbar für sie war wie alle anderen.
Was wenn sie eines Tages genug von ihm hatte? Wenn er sie nicht mehr 'unterhalten'
konnte und er 'perfekt' war in ihren Augen?
Aber darüber nachzudenken war Unsinn, denn wie die Dinge jetzt standen,
war er so weit entfernt von Mutter's Definition von Perfektion, daß
dies wohl eher einen Grund darstellte, warum sie ihn vernichten würde.
Andächtig strich Sean über einen der langen tiefblauen Flügel,
die die Vampirfürstin umschmeichelten, preßte sanft die Fingerspitzen
dagegen.
"Laßt mich einen der Gefangenen für Euch verhören, Mutter.
Ich bin sicher, ich kann noch etwas nützliches aus einem von ihnen herausbekommen."
Sean's Lippen berührten die weichen Federn in einem sanften Kuß,
bevor er mit einem heimtückischen Lächeln fortfuhr: "Und wenn
nicht, dann wäre es einfach mal wieder ein netter Zeitvertreib mit einem
von ihnen zu spielen... "
Mit angehaltenem Atem wartete Trinity auf die Antwort. Konnte
es wirklich so einfach sein?
"Spielen, hm?" die Fürstin ließ es zu, daß Sean
sie berührte, ließ sich aber auch nicht davon beeinflussen. "Und
du meinst, daß du dir ein Spielzeug verdient hast?" Trinity wußte,
daß die Frage eine Falle war, aber sie hätte nicht gewußt,
wie sie darauf hätte antworten sollen.
Angriff war noch immer die beste Verteidigung. "Vielleicht
habe ich es *noch* nicht verdient - aber mir fallen da ein paar interessante
Möglichkeiten ein, wie ich das sehr schnell könnte." grinste
Sean, und schmiegte sich ebenfalls enger an die Fürstin heran. Die betrachtete
ihn mit einer Mischung aus Mißtrauen und Spott. "Wieso habe ich
den Eindruck, daß du etwas von mir willst, mein Liebling?" fragte
sie und ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten.
"Weil es stimmt?" lachte Sean, und versuchte sich den Anschein von
Sorglosigkeit zu geben. "Schenkt mir doch einen der Gefangenen, liebste
Mutter, mir ist so schrecklich langweilig." bettelte er in gespielt melodramatischem
Ton. "Trinity ist im Moment nicht besonders reizvoll, so verdrießlich
wie sie ist. Und außerdem habt Ihr mir oft genug gesagt, daß sie
nützlich für uns ist und nicht 'kaputt gehen’ darf. Also brauche
ich etwas anderes auf das ich nicht soviel Rücksicht nehmen muß."
Sean wußte, daß dies alles sehr hart für Trinity sein mußte,
daß seine Worte sie verletzen würden, auch wenn sie nicht wahr
waren, aber er mußte dieses Spiel jetzt zu Ende spielen. Ein Zurück
gab es nicht.
Seine Worte hätten in ihren Ohren verletzend geklungen - allein schon
weil Sean von ihr sprach, als wäre sie gar nicht da - aber da sie wußte,
daß er es für Viggo tat, war es ihr egal. Sie hatte nur Angst,
daß er den Bogen überspannen würde. Sie zu sehr reizen. Die
Fürstin schüttelte ihren Sohn ab, wie ein lästiges Insekt,
und schlenderte langsam zu ihrem Thron hinüber.
"Du sollst dein Spielzeug haben." erklärte sie über die
Schulter, nachdem sie den halben Weg zurückgelegt hatte. "Sue, geh
hinunter, such ihm eins aus, und schick es herauf. Ich will es mir ansehen.
Bei der Gelegenheit kannst du sie auch gleich befragen."
Fuck. Das lief gerade in eine entsetzlich falsche Richtung.
Sue damit zu beauftragen ihm jemanden auszusuchen! Was, wenn es nicht Viggo
war? Mutter würde sich auf keinen Handel mehr einlassen, das wußte
Sean genau. Dazu kannte er sie zu gut. Jeder weitere Versuch an Viggo zu kommen,
würde bloß ihr Mißtrauen wecken. Verdammt, was sollte er
nur tun?
Und Sue grinste ihn natürlich schon herausfordernd an. Der vermeintliche
Triumph war ihr klar ins Gesicht geschrieben. Verzweifelt beschloß Sean
alles auf eine Karte zu setzen und hoffte, daß Sue den Köder schluckte.
"Bitte, Mutter" nörgelte er, "warum darf ich denn nicht
selber wählen? Sue sucht mir wahrscheinlich diesen eh schon völlig
fertigen, durchgefickten Viggo aus, da kann ich mir auch jemanden von der
Straße auflesen... "
Er machte einen ärgerlichen Schritt auf den Thron zu, um sich der Fürstin
wieder zu nähern, innerlich schon darauf gefasst, daß sie gleich
die Geduld verlieren und wütend werden würde.
"Viggo, hm?" Die Fürstin ließ sich auf dem Thron nieder.
"Das klingt doch nett, der ist schon an Vampire gewöhnt." Sie
stützte den Arm auf die Lehne und den Kopf in die Hand. "Sehen wir
uns Klein-Viggo doch mal an. Wenn er dich nicht ausreichend unterhält,
können wir ihn ja immer noch essen."
*****
Viggo war sich ziemlich sicher, daß er in der letzten
Zeit zu oft zu große Angst gehabt hatte. Die Vampire in seiner Wohnung,
die 'Begegnung' mit Sean, die 'Audienz' im Thronsaal der Vampirfürstin...
Und nun fühlte er schon wieder Panik in sich aufsteigen.
Die Zeit, die sie im Kerker verbracht hatten, war schon alles andere als erfreulich
gewesen. Irgendwann war auch endlich der blonde Junge aufgewacht und sie hatten
ihm erklärt, was eigentlich passiert war. Zu sagen, daß er überrascht
gewesen war, wäre eine ungeheuerliche Untertreibung. Es hatte sich herausgestellt,
daß er in einen der Freunde des anderen Jungen verliebt war, und deswegen
in diesen ganzen Mist geraten war. - Und von Vampiren, Erlösern und Intrigen
nicht die geringste Ahnung hatte. Er hatte Viggo richtig leid getan. Von ihnen
allen hatte er hier am wenigsten verloren.
Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als erneut diese 'Sue' auftauchte.
Sie hatte ausgesprochen übellaunig ausgesehen und den Ork-Wachen, von
denen sie begleitet wurde, befohlen, den blonden Jungen in einen Verhörraum
und ihn selbst in den Thronsaal zu bringen. Viggo konnte es kaum glauben,
aber er stellte fest, daß er gern mit dem Jungen getauscht hätte.
Besser von dieser Hexe verhört werden, als erneut der Vampirfürstin
vorgeführt zu werden.
Aber niemand hatte ihn nach seiner Meinung gefragt, und so öffneten sich
nun vor ihm erneut die hohen schwarzen Flügeltüren, und die beiden
Orks, die ihn flankierten, schoben und zerrten ihn in den Saal. Diesmal konnte
er sich etwas genauer umsehen, aber die Dunkelheit die zwischen den Säulen
lauerte, enthüllte keine weiteren Geheimnisse. Er stellte fest, daß
wiederum Sean und Trinity anwesend waren.
Trinity verströmte den Charme einer Eissäule, erstarrt und völlig
unberührt. Und Sean... Er stand da und musterte Viggo mit einer Mischung
aus Ekel und Amüsement. Seine Augen hatten wieder dieses kalte Glitzern
wie von Juwelen. In ihnen lag keine Wärme, keine Emotion außer
der Bosheit. Offenbar hatte er seine 'Schwäche' überwunden, und
plötzlich fragte sich Viggo, ob ihm wirklich von der Fürstin die
größte Gefahr drohte. Sicherlich würde der Vampir sich für
das rächen wollen, was zwischen ihnen vorgefallen war.
Aber seine Aufmerksamkeit wurde von Sean abgelenkt, als man ihn an dem Vampir
vorbei und zum Thron führte. Die Fürstin sah ihm mit beinahe kindlich
wirkendem Interesse entgegen, und Viggo spürte, wie sich alles in ihm
anspannte.
Ihr Augen schienen seine magisch anzuziehen und gefangen zu nehmen. So kalt,
so schön. Er merkte kaum noch, wie man ihn vor dem Thron auf die Knie
warf. Es war, als würde er in diese Augen hineinfallen, sich verlieren
in einem zauberhaften eisigen Labyrinth, das seine Seele stahl, sie gefror
und für immer zu einer hübschen Dekoration werden ließ.
Mutter schien ihm tatsächlich zu glauben, unfaßbar...
Sean mußte sich zusammenreißen, daß nichts von seiner innerlichen
Aufregung nach außen drang. Wenn sein Plan aufging, dann würde
er Viggo retten können. Ihn bei sich behalten können, so lange er
wollte.
Er beobachtete, wie man den Menschen in den Thronsaal schleifte und erneut
vor der Fürstin ablud. Sean warf ihm einen verächtlichen Blick zu,
der deutlich die Geringschätzung wiederspiegelte, die ein Vampir für
einen Menschen normalerweise empfand. Sie waren nichts weiter als Gefäße,
Nahrung, Unterhaltung - Spielzeuge eben. Das war es, was die Fürstin
von ihnen dachte, und dieses Denken erwartete sie auch von ihrem Sohn.
Und es war Sean nie besonders schwer gefallen, dieser Philosophie zu folgen.
Mutter hätte ihn schon vor langer Zeit getötet, wenn er nicht genau
das gewesen wäre, was sie sich von ihrem Sprößling erhofft
hatte. - Ein eiskaltes bösartiges Wesen, das jede Schwäche gnadenlos
ausnutzte und sich seiner Überlegenheit voll bewußt war. Und dieses
überlegene Wesen hatte sich nun von einem schwächlichen Menschen
ficken lassen...
Sean wurde übel. Sie würden niemals damit durchkommen, niemals.
Mutter würde es mit Sicherheit erfahren, würde es spüren, riechen...
'Hör auf damit.' ermahnte er sich selbst. Noch hatten sie eine Chance.
Der Plan war gut, und Mutter schon halb überzeugt. Sean warf einen Blick
auf Viggo, der wie hypnotisiert vor dem Thron kniete und seufzte innerlich.
- Leider hatte niemand Viggo von dem Plan erzählt...
So abrupt wie er sich in den Augen verloren hatte, fiel er
auch wieder heraus, als die Fürstin plötzlich zu ihrem Zögling
hinübersah. Der Übergang war so plötzlich, daß Viggo
schwindelte und diesmal war er dankbar dafür, daß er bereits auf
den Knien lag.
"Du hast recht," schnitt die eisige Stimme der Fürstin durch
den Nebel, der seine Sinne umhüllte, "er ist wirklich schon ziemlich
angegriffen."
Es dauerte eine Weile, bis Viggo klar wurde, daß sie von ihm sprach.
Er wußte, er hätte jetzt so etwas wie Wut empfinden sollen, aber
alles was er in sich spürte, war der Wunsch, sich in irgendeinem Loch
zu verkriechen und nie wieder hervorzukommen. Er hielt den Blick fest auf
den Boden gerichtet und hoffte, daß sie ihn übersehen würden,
daß sie ihn genauso einfach wieder wegschleppten wie das letzte Mal.
Die nächsten Worte der Fürstin zerstörten diese Hoffnung gründlich.
"Essen wir ihn."
'NEIN!' Mit aller Macht unterdrückte Sean die Emotionen,
die in ihm aufwallen wollten. Er spürte Viggo's Furcht so deutlich, sie
war beinahe greifbar. Zusammen mit Trinity's Entsetzen war es eine fast unerträgliche
Mischung aus Angst und Grauen. Und er wußte, daß ihm genau das
eigentlich gefallen müßte, Erregung und Belustigung zugleich wachrufend.
Mutter's Augen blickten hungrig auf den dunkelhaarigen Mann, der so hilflos
und verloren vor ihr kauerte, sein Schicksal offenbar einfach akzeptierend.
'Wehr dich, verdammt.' dachte Sean, und spürte wie er langsam verzweifelt
wurde. Was konnte er nur tun, damit Mutter Viggo für ein 'lohnendes Spielzeug'
erachtete? Der Mensch mußte genügend Widerstandskraft besitzen,
um für ihren Sprößling reizvoll zu sein, jedoch nicht soviel,
das sie am Ende noch selbst Interesse an ihm fand.
Das beklemmende Gefühl, daß Mutter sie schon längst durchschaut
hatte und nur mit ihnen spielte, preßte Sean die Kehle zusammen. Wahrscheinlich
lachte sie innerlich schon aus vollem Halse... Sean sah zu, wie Viggo verzweifelt
versuchte sich noch kleiner und unscheinbarer zu machen, und es war ein Wunder,
daß der Mensch nicht anfing vor ihren Augen zu verblassen.
Eine schnelle Entscheidung treffend, war Sean bei ihm, und zog ihn an den
Haaren vom Boden hoch. "Ich habe doch gesagt, daß er keine Herausforderung
ist. Ich will ein Spielzeug, jemanden der sich wehrt. *Das* hier ist einfach
nur jämmerlich." Sean schaute Viggo fest in die Augen, suchte verzweifelt
nach einem Weg, damit dieser verstand.
Doch Viggo's verschreckter, haßerfüllter Blick zeigte ihm, das
der andere offensichtlich überzeugt davon war, daß Sean längst
wieder zu seinem Vampirselbst zurückgefunden hatte. Sean dachte an ihr
erstes Zusammentreffen zurück, versuchte sich zu erinnern mit welchen
Worten er Viggo damals aus seiner Apathie herausgeschüttelt hatte.
Mit einem gemeinen Grinsen zog er den Menschen näher zu sich heran und
schnurrte mit honigsüßer Stimme "Ich glaube, ich werde dich
jetzt einfach töten. Wenn du ein lieber Junge bist und dich nicht wehrst,
verspreche ich auch ganz sanft zu sein. Du hast wirklich Glück, daß
du nicht mehr leiden mußt, wie deine Freunde. Oh, glaub mir, die werden
sich noch nach solch einer Gnade sehnen, wie sie dir gleich zuteil wird. Du
solltest mir wirklich danken, Menschlein."
Einen langen Moment starrte Viggo nur sprachlos in die glitzernden,
grünen Augen direkt vor ihm. Er hätte wirklich nicht gedacht, daß
er zu irgendeiner anderen Regung als Angst fähig war, aber wieder einmal
überraschte er sich selbst. Zu nahe waren die Worte des Vampirs an denen,
die er gebraucht hatte, als...
Mit einem wütenden Knurren rammte er seine Faust mit aller Macht in Sean's
Magen. Diesmal stand er nicht unter Drogen und die Wachen hatten auch nicht
daran gedacht ihn zu fesseln. Tiefe Befriedigung erfüllte ihn, als der
Vampir mit einem überraschten "Uff!" zusammenklappte. Ohne
weiter über die Konsequenzen seiner Handlungen nachzudenken, schlug erneut
zu, diesmal beide Fäuste auf Sean's Rücken niederfallen lassend.
Er hörte es knirschen und fragte sich hoffnungsvoll, ob er vielleicht
das Rückrat des Vampir's beschädigt hatte.
Ja, das war definitiv eine Reaktion! Wundervoll. Sean ächzte,
schüttelte aber die Wirkung der Schläge in Sekundenschnelle ab.
Seine Hand schnellte reflexartig nach vorn, packte Viggo, und warf ihn zu
Boden. In einer einzigen fließenden Bewegung ließ er sich auf
ihm nieder und legte seine Hand um Viggo's Kehle. Er drückte nicht besonders
fest zu, aber es machte deutlich, wer von beiden hier der Unterlegene war.
"Sieh mal einer an. Du bist ja ein ganz böser, böser Junge."
lachte er zufrieden. Seine Fangzähne schoben sich leicht heraus, zeigten
deutlich wie sehr ihm diese Art 'Sport' gefiel. Der Vampir in ihm wollte mehr,
spornte Sean an, doch ein Blick aus blauen wütenden Augen genügte,
um Sean nicht die Kontrolle verlieren zu lassen.
'Fuck!' war alles was Viggo durch den Kopf ging. Seine Vernunft
versuchte verzweifelt die Oberhand zu gewinnen, aber er stellte fest, daß
sie auf verlorenem Posten stand. Statt sich zu unterwerfen, wie es sicherlich
vernünftiger gewesen wäre, nutze er seine immer noch freien Hände
und versuchte, dem Vampir die glänzenden, gierigen Augen auszukratzen.
Natürlich was das Monster schneller und schlug seinen Angriff einfach
zur Seite, aber das schürte seinen Zorn nur noch mehr.
"Das verdammtes Mistvieh!!" brüllte er den Vampir an, und versuchte
mit aller Kraft ihn abzuschütteln. Er sah Überraschung in den Augen
des Vampir's, als es ihm tatsächlich gelang, sich unter ihm herauszuwinden.
Er wollte erneut nach Sean schlagen, aber seine Hand blieb wirkungslos in
der Luft hängen und er spürte voller Entsetzen, wie er den Boden
unter den Füßen verlor, und kurz darauf hilflos vor dem Thron schwebte.
"Na, na, na." driftete die spöttische Stimme der Fürstin
zu ihm. "Wer wird denn gleich so ausfallend werden." Offenbar war
sie es, die ihn gefangen hielt.
'Gewonnen.' dachte sich Sean und lächelte seine Mutter
an. "Offensichtlich habe ich das Menschlein unterschätzt. Er kann
ja richtig wild werden." lachte er und ging langsam zu seiner Mutter
hinüber, die Viggo interessiert betrachtete, während sie ihn immer
noch in ihrem magischen Griff gefangenhielt. Als wäre er ein zappelndes
Insekt. "Ich denke, ich werde schon meinen Spaß mit ihm haben.
Ihr schenkt ihn mir also, Mutter?"
Er wußte, daß jetzt etwas lauerndes in seinem Blick lag, eine
gewisse Angespanntheit, die er nicht unterdrücken konnte, aber das konnte
man auch als Verschlagenheit interpretieren. Er stand jetzt neben dem Thron
und blickte abwartend auf seine Herrin, deren Zustimmung oder Ablehnung über
Viggo's Leben entscheiden würde.
*****
Trinity sah mit stummem Mitgefühl zu, wie Sean Viggo
durch die hohen Gänge des Turms seiner Mutter zerrte. Die Ork-Wachen
hatten Viggo sorgfältig die Hände auf den Rücken gefesselt,
bevor die Fürstin ihn endgültig an ihren Sohn übergeben hatte.
"Damit er dir keinen Ärger macht." hatte sie mit einem beinahe
fürsorglichen Lächeln gesagt, und Sean zum Abschied noch einmal
auf die Wange geküßt.
Trinity lief es bei dem Gedanken daran erneut kalt den Rücken herunter.
Als sie die beiden so zusammen gesehen hatte, war sie plötzlich gar nicht
mehr so sicher gewesen, wieviel von Sean's Gebaren gespielt war.
Und wenn sie ihn sich jetzt ansah, kamen ihr noch mehr Zweifel. Seine rechte
Hand hatte er in Viggo's zerzausten Haaren vergraben und zerrte ihn an diesem
praktischen Griff in Richtung seiner Gemächer. Vielleicht war der Vampir
ihn ihm ja doch wieder an die Oberfläche gekommen. Vielleicht würde
sie nun Zeuge werden, wie er sich an Viggo gütlich tat. Wie er mit dem
hilflosen Mann spielte, um ihn am Schluß zu töten.
Die livrierten Diener vor Sean's Gemächern öffneten die Türen
weit und Sean ging an ihnen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Er zog den stolpernden Viggo weiter bis in sein Schlafzimmer und schleuderte
ihn dort zu Boden, vor dem Bett, auf dem er mit Trinity die letzte Nacht verbracht
hatte. Trinity blieb im Türrahmen stehen, voller Angst vor dem, was sie
nun vielleicht sehen würde.
Sean atmete einmal tief durch und fuhr sich mit den Fingern
durch's Haar. Soweit so gut. Er hatte bekommen, was er wollte. Viggo. Aber
die Gefahr war noch lange nicht gebannt. Er konnte Mutter's lauernden mentalen
Blick in seinem Nacken fühlen.
Wie ein eiskalter Windhauch, der über ihn hinweg strich, jede seine Bewegungen
verfolgte. Grausames Interesse, das danach verlangte das 'Spiel' zu sehen,
nach dem es ihm angeblich gelüstete. Was für ein Wahnsinn. Wie weit
würde er gehen müssen, um Mutter zu überzeugen? Wie weit konnte,
durfte er gehen? Er konnte Viggo doch unmöglich erneut so verletzen.
Zumal der Mann ja noch nicht einmal wußte, daß Sean alles nur
vortäuschte!
Das konnte nicht gut gehen... aber jetzt war es zu spät einen Rückzieher
zu machen. Er konnte nur darauf hoffen, daß Mutter's Mißtrauen
bald beseitigt war und sie das Interesse an der ganzen Sache verlor. Wenn
ihr prüfender Blick sich zurückzog, würde er frei sprechen
können, dann würde er alles erklären können - und sich
entschuldigen müssen... aber für's erste blieb ihm keine andere
Wahl, als seinen Part zu spielen.
"Dann wollen wir doch mal sehen, wieviel Feuer noch in dir steckt."
höhnte er, und griff erneut in Viggo's Haare, um ihn näher zu sich
heran zu ziehen. Den Kopf leicht zu Trinity gewandt, fügte er abschätzig
hinzu: "Komm doch rein, Schätzchen. Vielleicht kannst Du heute Nacht
noch was dazulernen." Und seine Hände packten Viggo's Shirt und
rissen es brutal auseinander. Mit grotesk liebevollen Bewegungen pflückte
er anschließend die verbliebenen kümmerlichen Fetzen Stoff von
Viggo's Körper.
Prüfend fuhren seine Hände über Viggo's Haut, und er lächelte.
Es war nicht mal gespielt. Wie angenehm es war, diese warme glatte Haut zu
berühren... Wie erregend, den Duft dieser wunderbaren Haut einzuatmen.
Die Sinne verführend, so vieles versprechend...
Mit schnellen Schritten ging Sean zu einer kleinen Kommode aus dunklem Holz,
in dem er einige interessante 'Spielsachen' aufbewahrte. Mit einem seltsamen
Glitzern in den Augen zog er ein paar schwere eiserne Ketten hervor, die sich
perfekt mit den wuchtigen Ringen verbinden ließen, die an seinem Bett
angebracht waren. Langsam und genießerisch ging er zu Viggo hinüber.
Löste dessen Fesseln, um den sich heftig wehrenden Mann sogleich fest
zu packen und ihn auf's Bett zu zerren, wo er ihn sorgfältig und 'gebrauchsfertig'
ankettete.
Das war es doch was Mutter sehen wollte, oder nicht? Es beunruhigte Sean,
daß er immer weniger an die bedrohliche Präsenz seiner Mutter dachte,
als vielmehr an all die verführerischen Dinge, die er jetzt mit Viggo
tun konnte. Die er ihm 'antun' konnte. Aber nicht wollte. Nein, nicht wollte...
oder? Es war nicht gut, wieder in sein altes Selbst zu verfallen, gar nicht
gut. Die Macht, die er besaß, wie er so über Viggo kniete... Kalt
lächelnd angesichts der Beschimpfungen, die der andere ihm entgegenschleuderte.
Gewaltsam riß sich Sean von diesen gefährlichen Gedanken los. Am
liebsten hätte er Viggo jetzt einfach in den Arm genommen, ihm gesagt,
daß alles gut werden würde, daß er ihm nicht wehtun würde...
doch statt dessen holte er aus und schlug ihm mit der flachen Hand einmal
hart übers Gesicht. Viggo war im wahrsten Sinne auf einen Schlag ruhig.
‚Oh bitte, nein... hab ich ihn zu sehr verletzt? Bitte nicht...’
Sean fühlte sich elend. Hinter ihm gab Trinity ein entsetztes Keuchen
von sich, und Sean wußte, daß er zu weit gegangen war. Er konnte
nur hoffen, daß es das war, was Mutter von ihm sehen wollte.
Es war dieser letzte Schlag, der die zornig heulenden Stimmen
in Viggo zum schweigen brachte und ihm allzu deutlich zeigte, daß er
verloren war. Je mehr er sich gegen den Vampir wehrte, um so erregter wurde
das Monster, genoß die Show. Es war ein seltsames Gefühl. Diese
hoffnungslose Stille, die sich in ihm ausbreitete und all sein Denken und
Fühlen zum Schweigen brachte. Es war nicht die entsetzliche panikerfüllte
Angst, wie er sie das letzte Mal empfunden hatte. Nur eine ruhige Resignation.
Verbunden mit dem festen Entschluß, sich nicht mehr zu wehren. Für
den Vampir ein so langweiliges Opfer wie irgend möglich zu sein. Dann
würde die Sache wahrscheinlich schnell vorüber sein. Maximal ein,
zwei Nächte voller Schmerzen und Erniedrigung. Aber das konnte er ertragen.
Jetzt, wo er wußte, daß Pink in Sicherheit war. Er sah in die
funkelnden grünen Augen des Vampirs der über ihm kniete, und spürte
seltsamerweise nichts außer einem Hauch von Mitgefühl für
diese verlorene Seele.
Später konnte sie selbst nicht mehr sagen, was in dem
Moment in sie fuhr, aber Trinity reagierte ohne zu überlegen. Als Sean
Viggo ein letztes Mal hart schlug, riß ihr einfach der Geduldsfaden.
Show hin oder her. Sean hatte einfach zu viel Freude an der Sache. Mit einer
schnellen Bewegung war sie neben dem Bett, vergrub ihre Finger in seiner blonden
Mähne und riß ihn mit einem Ruck von Viggo herunter und herunter
auf den Boden.
Mit einem instinktiven Fauchen kam Sean auf die Füße und wirbelte
zu ihr herum, eine Hand schon zum Schlag erhoben. Aber als sich ihre Augen
begegneten, eisiges grün und kühles grau, sank seine Hand langsam
herab und Trinity konnte regelrecht sehen, wie der Vampir in ihm die Kontrolle
verlor und der Elf zum Vorschein kam, wie seine Augen wärmer und sanfter
wurden. Zärtlich berührten seine Fingerspitzen ihre Lippen und ein
Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Sie war seine Sonne, vertrieb die Dunkelheit und Kälte
in ihm... Sean fuhr sacht über Trinity's weiche Lippen, beinahe andächtig.
Langsam beruhigte er sich. Befreit von den fürchterlich dunklen Begierden
- und von Mutter's prüfendem Blick. Zumindest für den Moment.
Kurz bevor Trinity ihn unsanft von Viggo wegriß, hatte er gespürt,
wie das Bewußtsein der Vampirfürstin seine Gemächer verließ.
Wie sich Mutter zufrieden zurückzog, der mentale Abdruck eines Lachens
noch immer schwach in seinen Gedanken. Erleichtert beugte sich Sean vor, um
einen zärtlichen Kuß auf Trinity's Lippen zu pressen. "Es
hat funktioniert." flüsterte er, "Sie ist weg."
Er strich noch einmal liebevoll über Trinity's Haar, suchte in ihren
Augen nach dem Hinweis, daß sie verstand, was er hatte tun müssen.
Er zog sie in eine feste Umarmung. "Es tut mir leid, Trin. Du weißt,
das ich nicht gemeint habe, was ich sagte."
Zögerlich und ein wenig unsicher drehte er sich dann zu Viggo um, und
ging langsam zurück zu der reglosen Gestalt, die ihn nur mit einem seltsamen
Ausdruck im Gesicht anstarrte. "Viggo..."
Er wollte nach ihm fassen, ihn berühren, überlegte es sich dann
aber doch anders und setzte sich nur vorsichtig auf die Bettkante neben ihm.
"Was ich gesagt und getan habe... Es tut mir so leid, ich wollte dich
nicht verletzen, nicht schon wieder... Aber, versteh bitte, es war der einzige
Weg wie ich meine Mutter davon überzeugen konnte, dich mir zu überlassen.
Der einzige Weg dich zu retten..."
Es war wirklich kaum zu fassen, aber Viggo stellte fest,
daß er tatsächlich dumm genug war, Sean diese verrückte Story
abzukaufen. Doch wenn er in die Augen des Vampir's sah, die nun wieder warm
schimmerten und voller Angst waren, wie konnte er da ernsthaft an ihm zweifeln?
Sein Herz und seine Vernunft stritten in ihm, aber am Ende war es Trinity,
die den Ausschlag gab. Wie sie so neben Sean stand, eine Hand sanft auf seiner
Schulter, als wolle sie ihm Kraft geben, ihn trösten.
"Mach mich los." verlangte er, und wie er gehofft hatte, beeilte
sich Sean seiner Aufforderung nachzukommen. Viggo setzte sich langsam auf
dem Bett auf, rieb seine Handgelenke und starrte Sean an. Sollte er ihm vertrauen?
Eine Sache mußte er noch tun, ehe er das entscheiden konnte. Er holte
aus und versetzte Sean eine schallende Ohrfeige. Der Vampir taumelte einen
Schritt zurück, aber er in seinen Augen regte sich kein Zorn, nur tiefe
Trauer. Viggo stand ruhig vom Bett auf und ging auf ihn zu. "Das war
dafür, daß du mir Angst gemacht hast." sagte er leise. "Und
das ist dafür, daß du mich vor ihr gerettet hast." fügte
er hinzu, packte Sean's Kopf und küßte ihn fest auf den Mund.
Mit einem Seufzer schloß Sean seine Augen und zog Viggo näher zu sich heran. Er hielt ihn ganz fest, streichelte sanft über Viggo's dunklen Haarschopf, den er zuvor so malträtiert hatte, während er den Kuß voller Verlangen erwiderte. Er hatte es tatsächlich geschafft. Wenigstens für den Moment würden Viggo und Trinity in Sicherheit sein. Erleichterung durchflutete Sean und während seine rechte Hand zärtlich in Viggo's Nacken ruhte, griff er mit der linken nach Trinity, um sie ebenfalls zu sich heran zu ziehen. Wie sehr er sie liebte... wie sehr er *sie beide* brauchte...
Lächelnd sah Trinity zu, wie die beiden ungleichen Männer sich küßten, sich aneinander festhielten wie Ertrinkende. Sie war fast ein wenig überrascht, daß sie so gar keine Eifersucht empfand. Und als Sean sie ebenfalls heranzog, ließ sie es widerstandslos geschehen und legte ihre Arme um beide. Sie sah für einen Moment Verwirrung in Viggo's Augen, aber dann schien er zu entscheiden, daß es ihm völlig egal war. Und für eine lange Zeit standen sie einfach nur so da, drei vollkommen verschiedene Wesen, die das Schicksal zusammengeführt hatte und nun einer ungewissen Zukunft entgegen trieb.
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