"SubMission"
Teil 12
by Beryll & Vagabond
Pink lehnte mit dem Rücken an der eingefallenen Brüstung
der Balustrade und sah auf das unergründliche dunkle Wasser unter ihr
hinab. Es war still und glatt wie ein Spiegel. Reflektierte die mit Moosen
und Algen bewachsene Decke. Gelegentlich fiel ein Wassertropfen hinunter und
ließ das Spiegelbild in sich sanft ausdehnenden Ringen erzittern, ohne
es jemals ganz zu zerstören. Das Wasser, das so still dazuliegen schien,
erzeugte dennoch ein Geräusch in der Halle, ein feines Vibrieren, das
nur aufmerksame Elfenohren wahrzunehmen in der Lage waren. Was für ein
seltsam unwirklicher Ort.
Mitten aus dem Wasser ragte eine Statue. Sie mußte wenigstens acht Meter
hoch sein, aber nur die Hälfte von ihr war zu sehen, von den Hüften
abwärts stand sie im Wasser. Sie reckte beide Arme in die Höhe,
als wolle sie zum Himmel um Erlösung flehen. Wer wohl zu ihr gebetet
hatte, als dieser alte Tempel noch nicht in Vergessenheit geraten und unter
der Erde versunken war?
War sie das Abbild einer sanften Gottheit oder verbarg sich unter dem Wasser
ein dämonischer Unterleib? Hatte man ihr Blumen oder Menschen geopfert?
Die einzige Möglichkeit es herauszufinden, wäre ein Bad in den unergründlichen
Wassern gewesen, und dazu hatte Pink ganz und gar keine Lust.
Sie wandte den Blick von der plötzlich unheimlich wirkenden Gastgeberin
ab und sah sich nach den anderen lebendigen Eindringlingen in diesem stillen
Reich um. Ganz in der Nähe kauerte die Orkin - Shakira - besorgt neben
dem Schamanen, der sich in unruhigem Schlaf hin und her wälzte.
Die anderen Mitglieder der Gang, bei der sie Unterschlupf gefunden hatten,
kauerten um ein Lagerfeuer, das sie an der breitesten Stelle der Balustrade
entzündet hatten. Sie wirkten seltsam gefaßt, wenn man bedachte,
daß sie gerade ihr Zuhause aufgegeben und gegen dieses feuchte Loch
unter der Erde getauscht hatten.
Einen von ihnen - einen schlanken, halb-asiatischen jungen Mann, der Brandon
hieß - konnte sie am anderen Ende des Tempels ausmachen. Er stand im
Schatten der Kriegerstatuen, die den einzigen Eingang bewachten, und hielt
seinerseits Wache. Völlig regungslos und selbst nicht mehr als ein Schatten.
Pink war sich ziemlich sicher, daß es sich bei ihm um einen ‚Halfbreed’,
ein Kind von Mensch und Vampir, handelte, aber wenn die anderen ihm vertrauten,
wollte sie es auch tun.
In der letzten Zeit hatte sie so viele seltsame Dinge erlebt und gesehen,
daß sie immer noch nicht wirklich in der Lage war, darüber nachzudenken.
Sie sollte eigentlich versuchen zu schlafen. Viggo hatte ihr immer wieder
gesagt, daß es nichts besseres gab, um dem Verstand Gelegenheit zu geben,
sich auszusortieren. Aber sie konnte nicht. Zu wach waren ihre Sinne, zu sehr
horchte sie auf jedes noch so kleine Geräusch, um eine mögliche
Bedrohung früh genug auszumachen.
Mit einem tiefen Seufzer sah sie auf den Jungen hinunter, neben dem sie saß.
Er war immer noch nicht aufgewacht. Was er wohl davon halten würde, wenn
er erfuhr, daß er aus seinem vertrauten Leben gerissen worden war, in
dieses entsetzlich gefährliche Abenteuer, mit dem er eigentlich nichts
zu tun hatte. Würde er dankbar sein, daß sie ihn vor seinem vampirischen
Herrn gerettet hatten? Oder würde er sich wie jeder Ghul bedingungslos
seinem Meister unterwerfen und sich nach ihm sehnen? Viggo hatte gesagt, daß
es lange dauerte, bis sich ein Ghul von der Abhängigkeit des Vampirblutes
erholte. Wenn überhaupt jemals. Wenn er noch nicht zu alt war. Was hatten
sie diesem Jungen nur angetan? Und dennoch, ohne ihn wären sie nicht
entkommen.
Da war dieses Tropfen... Unter sich spürte er kaltes
glitschiges Gestein... Ihn fröstelte. Wo war das vertraute Gefühl
der Geborgenheit, der Sicherheit, mit dem er sonst stets erwachte? Ryan hatte
Angst. Er schlug schnell seine Augen auf, in der Hoffnung, daß diese
beunruhigenden Eindrücke dann verschwinden würden, zu Abbildern
eines bösen Traumes verblaßten. Vertrieben von der schützenden,
tröstenden Umarmung seines Geliebten.
Ryan schluchzte. Wo war er? Wo war sein Ardeth? Hilflos und verängstigt
sah er sich in der großen Halle um und versuchte sich zu erinnern, was
geschehen war. Sein Blick fiel auf das Mädchen mit den pinkfarbenen Haarsträhnen,
das ihn aufmerksam zu mustern schien, ein deutlicher Ausdruck von Mitleid
im Gesicht.
Ryan wich vor ihr zurück, bis eine große Steinsäule ihm unnachgiebig
weitere Flucht verwehrte. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie alle anderen
ihn sofort mißtrauisch und alarmiert beobachteten. Aber als er keine
Anstalten machte, jemanden anzugreifen, wandten sie sich wieder ihren eigenen
Aufgaben zu.
Ryan drückte sich fest gegen den kalten Stein in seinem Rücken,
zog die Knie an und schlang beide Arme darum. Er zitterte. "Wo bin ich?"
fragte er unsicher. Und dann anklagender "Was habt ihr mit meinem Ardeth
gemacht?"
Er errötete, als er seinen Fehler bemerkte. Natürlich war einer
der mächtigsten Vampire der Stadt nicht 'sein', Ryan gehörte ja
wohl eher Ardeth. Sicher, Ardeth mochte es nicht so sehen, aber es gehörte
sich trotzdem nicht vor fremden Leuten so von ihm zu reden. Ryan korrigierte
sich hastig. "Was habt ihr mit meinem Herrn gemacht?" verlangte
er nun schon beinahe trotzig und in kommandierendem Tonfall zu wissen.
Pink sah den Jungen mit einer Mischung aus Mitgefühl
und Neugierde an. Einerseits war seine Reaktion genauso, wie sie erwartet
hatte. Und andererseits doch wieder nicht. Er war gleichzeitig mutiger und
ängstlicher, als sie gedacht hätte. Sie hatte keine Ahnung wer Ardeth
war - wahrscheinlich sein Hund? - oder ein anderer Ghul des Vampirs, dem er
gehört hatte - aber zumindest konnte sie ihm sagen, daß es dem
Vampir gut ging. Auch wenn das ganz sicher nicht ihr Verdienst war. Wenn es
nach ihr gegangen wäre, hätte er ausführliche Bekanntschaft
mit der Sonne gemacht. So wie sie es auch allen anderen Vampiren auf diesem
Planeten wünschte.
"Wir haben gar nichts mit deinem Her... mit dem Vampir gemacht."
erklärte sie. "Wir haben ihn noch nicht einmal zu Gesicht bekommen."
"Aber der Elfenjunge hat ihn betäubt." klagte er und sah sie zornig an, und dann kleinlauter "Und dann mich... " Ryan sah sich überrascht um. "Wo ist er denn, der blonde Elf?... Warum hat er das getan, wenn nicht um meinen Herrn zu töten?" Ryan war schrecklich verwirrt. Wo war er hier nur? Wer waren diese entsetzlich dreckig und zerlumpt aussehenden Leute? Und noch wichtiger "Was wollt ihr von mir?"
Elfenjunge? Er mußte von dem Freund reden, den Shakira
und Bray in der Arcologie verloren hatten. Was mit dem passiert war, wußte
Pink natürlich auch nicht genau, aber sie und Shakira hatten Vermutungen
angestellt, während sie darauf warteten, daß Bray aufwachte.
"Wir wollen gar nichts von dir." sagte sie so beruhigend wie möglich,
und bewegte sich langsam auf den Jungen zu, um ihm nicht noch mehr Angst zu
machen. "Der Elf wollte nur an den Netzanschluß von deinem Vampir.
Aber der ist wohl zu früh wieder aufgewacht und hat ihn geschnappt. Als
wir kamen, um nach ihm zu suchen, haben wir nur dich gefunden. Wir... "
Wie sollte sie ihm bloß erklären, warum sie ihn mitgenommen hatten?
Daß sie ihn als Geisel verwendet hatten, würde ihn sicher nicht
gerade aufbauen. "Wir dachten, du wärst ein Opfer des Vampirs. Deswegen
haben wir dich mitgenommen. Nicht, weil wir dir etwas tun wollen." ‚Und
du bist auch ein Opfer’, führte sie den Gedankengang still weiter.
‚Auch wenn du es noch nicht verstehst.’ Mit Schrecken fragte sie
sich, wie lange er dem Vampir wohl schon gedient hatte.
Ryan's Augen wurden immer größer. Sie hatten Ardeth
also nichts getan, dachte er erleichtert, aber schon der nächste Satz
von dem Mädchen ließ sämtliche Alarmglocken in ihm schrillen.
Sie hatten ihn mitgenommen, weil sie dachten er wäre Ardeth's Opfer?
Aber das war ja lächerlich. Doch wenn er sich die jungen Leute hier so
ansah, verstand er, wie sie auf die Idee kamen.
"Ich bin kein Opfer." sagte er beinahe ein wenig empört und
lachte nervös. "Ich liebe Ard... meinen Herrn." Er stand auf
und baute sich vor dem blonden Mädchen auf. "Und ich will auf der
Stelle zu ihm zurück!"
Oh ha... nun kam der problematische Teil. Pink spürte
bereits wieder die besorgten Blicke der anderen im Rücken. Das letzte,
was der Junge jetzt brauchte, war eine Schlägerei mit den Gangern. Also
nahm sie sanft seine Hand und versuchte, ihn wieder zu sich herunter zu ziehen.
"Bitte reg dich nicht auf." sagte sie. "Das... das ist nicht
so einfach. Du kannst jetzt nicht zurück. Es ist sehr viel passiert und...
bitte... laß mich in Ruhe erklären."
'Sehr gut', kommentierte eine boshafte Stimme in ihrem Kopf. 'Auf die Erklärung
bin ich ja mal gespannt... du weißt doch noch nicht mal selber was hier
abgeht... aber mach du nur... im Reden warst du ja schon immer die Nummer
eins...' Pink hätte beinahe angewidert das Gesicht verzogen. Viggo hatte
ihr beigebracht wie man Vampire tötete, nicht wie man verängstigte
und verärgerte Ghule beruhigte. Sollte sie ihn jemals wiedersehen, würde
sie wohl um eine Erweiterung ihrer Ausbildung bitten müssen.
Auf die Worte 'reg dich nicht auf' hin, spürte Ryan,
wie die Panik in ihm beinahe überschlug. Er wollte zurück zu Ardeth!
Das hier war alles so verwirrend und beängstigend. Was wollten sie denn
von ihm? Warum konnte er nicht einfach zurück? "Wi... wieso kann
ich nicht zurück? Bin ich ein Gefangener von euch, ist es das? Glaub
mir, du läßt mich besser gehen! Mein Herr wird mich auf jeden Fall
finden und dann wird eure Bestrafung schrecklich sein!"
Er funkelte das Mädchen böse an. Doch innerlich begann seine Überzeugung
zu bröckeln. Ardeth würde ihn doch suchen, nicht wahr? Würde
ihn finden und wieder nach Hause bringen, in Sicherheit...
Pink spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken
lief. Der Junge klang so überzeugt von dem was er da sagte. Konnte es
wirklich sein, daß er dem Vampir wichtig genug war, daß er ihn
suchen kommen würde? Die Szene am Tor der Arc fiel ihr wieder ein. Wie
die Wachen plötzlich die Waffen gesenkt hatten, als Orli den Jungen bedrohte.
Aber hier würde der Vampir sie nicht finden, da war sie sich ziemlich
sicher. Darüber machte sie sich keine Sorgen, aber ein anderer Gedanke
kam ihr statt dessen. Was wenn sie versuchten, den Jungen gegen den Elfen
einzutauschen? Sie würde unbedingt mit Shakira darüber reden müssen.
Aber erst mußte sie den Jungen beruhigen.
"Er wird dich hier nicht finden." sagte sie leise und hätte
sich sofort ohrfeigen mögen. Was für ein netter, beruhigender Satz.
"Und nein, du bist nicht unser Gefangener. Wir können dich nur nicht
gehen lassen, weil wir nicht riskieren können, daß du ihnen verrätst
wer wir sind, und wie sie uns finden können." Sie sah in die trotzigen
Augen des Jungen und versuchte es mit einem freundschaftlichen Lächeln.
"Ich bin übrigens Pink. Und wie heißt du?"
Ryan starrte sie nur an. Was wußte dieses dumme Mädchen
schon! Ardeth würde ihn überall finden, er war schließlich
einer der ältesten Vampire der Stadt und hatte unglaubliche Kräfte!
Und außerdem waren sie sich doch so nahe...
Ryan spürte wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Er fühlte
sich so hilflos. Wie oft hatte er sich gewünscht einmal die Stadt zu
sehen, all das was außerhalb der Arcologie existierte. Er hatte sich
vieles vorgestellt, aber nichts stimmte mit dieser nassen kalten Steinhalle
überein, mit diesen dreckigen, rauh wirkenden Leuten, und er kam sich
einfach nur entsetzlich verloren vor. Er wollte wieder nach Hause. Er ließ
sich zurück auf den Boden gleiten und fühlte mit Unbehagen wie die
Feuchtigkeit der Algen und Moose durch seine sowieso schon klamme Kleidung
drang.
Die Elfin hieß also Pink. ‚Wie passend’, dachte er, und
als sie nach seinem Namen fragte, wandte er sich einfach von ihr ab und vergrub
den Kopf in den Armen. Leise weinte er in sich hinein und flüsterte wieder
und wieder den Namen seines Geliebten, so als könne dieser dem schwachen
verzweifelten Ruf bis hierher folgen. "Ardeth..."
Ardeth... immer wieder derselbe Name. Trotzdem dauerte es
eine ganze Weile, bis die Verbindung zwischen Name und Vampir in Pink's Gehirn
zustande kam. Oh... Vorsichtig legte sie die Arme um den Jungen, um ihn zu
trösten. Sie war sich alles andere als sicher, daß diese Berührung
willkommen war, aber er tat ihr so leid. Sie konnte so gut verstehen, wie
es sich anfühlte, aus dem vertrauten Leben gerissen zu werden, und plötzlich
vor einem Haufen Scherben zu stehen. Sie konnte nicht wirklich verstehen,
wie man einen Vampir vermissen konnte, aber wenn es so war, wollte sie ihn
gern trösten.
"Hey," murmelte sie in seinen schmutzigen, blonden Haarschopf, "mach
dir keine Sorgen, es wird alles wieder gut... es wird sich schon alles irgendwie
wieder einrenken... wir wollen dir doch nichts Böses."
Die Nähe der blonden Elfe tat seltsam gut. Und auch
ihre Worte, oder vielmehr der Tonfall in dem sie gesprochen wurden, übten
einen beruhigenden Effekt auf ihn aus. Ja, es würde schon alles wieder
in Ordnung kommen. Schließlich konnten sie ihn nicht ewig hier festhalten,
nicht wahr? Und vielleicht fand er ja sogar einen Weg heimlich von hier zu
fliehen? Vielleicht wenn sie schliefen...
So ziemlich jeder der Truppe hier sah zwar recht stark und kampferfahren aus,
aber Ryan wußte das Ardeth's Blut ihn im Laufe der Zeit ebenso gestärkt
hatte. Er würde sich wehren können, wenn es darauf ankam. Aber vielleicht
konnte er ja auch die blonde Elfe, Pink, für sich gewinnen? Vielleicht
half sie ihm ja, wenn er nur geschickt vorging? Er riß sich zusammen
und lächelte sie versuchsweise zaghaft an. "Danke... das ist sehr
nett von dir.. Pink.", flüsterte er. "Und mein Name ist Ryan."
Na wenigstens etwas, dachte Pink und lächelte erfreut
zurück. Vielleicht war sie ja doch nicht völlig unterbelichtet,
was den Umgang mit Sterblichen anging. Ryan schien sich tatsächlich wieder
zu fangen. Sie sah ihn nachdenklich an und zum ersten Mal fiel ihr auf, was
für ein hübscher Junge er war. Kein Wunder, daß der Vampir
ihn mochte. Er sah so unschuldig und sanft aus. Man mußte ihn einfach
mögen.
'Vorsicht' warnte Viggo's Stimme in ihrem Kopf, 'das trifft auch auf die meisten
Vampire zu. Und er ist ein Ghul, er würde alles tun, um zu seinem Herrn
zurückzukommen, trau ihm nicht'. Und natürlich hatte ihr Lehrmeister
wie immer recht. Sie sollte ihn besser im Auge behalten.
"Tja... Ryan..." sagte sie, "anscheinend werden wir ein Weilchen
miteinander auskommen müssen. Es tut mir wirklich leid, daß wir
dich in diesen ganzen Schlamassel mit hineingezogen haben." ‚Und
all die anderen, die nur wegen mir in diesen Schwierigkeiten stecken’,
fügte sie in Gedanken hinzu. Es gelang ihr nicht ganz, ihr fröhliches
Lächeln dabei aufrecht zu erhalten.
*****
Mißtrauisch schaute Shakira dem intensiven Hin und
Her zwischen dem Vampirschoßhündchen und der Erlöserin zu.
Wer weiß, was sie sich mit dem Bengel wieder auf den Hals geladen hatten!
Natürlich hatte sie ihn mitgenommen, als im Matrix die Action losging,
konnte schließlich für keinen von Vorteil sein, wenn der Kleine
sich am Ende noch 'ne Kugel fing. - Oder 'nen Feuerball, je nachdem...
Mann, was für 'ne Riesenscheiße das Ganze doch war! Kira vergrub
ihren Kopf in den Händen. Sie versuchte sich zu erinnern, ab welchem
Zeitpunkt alles schief zu laufen begann, wann genau die Dinge anfingen, ihnen
zu entgleisen. Sie ging in ihrer Erinnerung weiter und weiter zurück,
aber es gab einfach keinen Moment, an dem mal irgendwas einfach 'okay' war.
Doch früher hatten sie wenigstens noch einander gehabt... jetzt waren
nur noch Bray und sie da. Kira schielte zu dem noch bewußtlosen Schamanen
hinüber und seufzte leise. Ob Heath und Orli noch am Leben waren? Kira
schluchzte leise auf. Sicherlich nicht. Und wenn, dann mußten sie bestimmt
furchtbar leiden.
Hastig wischte sie die Tränen weg, die ungebeten über ihre Wangen
rollten. Das nützte ja auch nichts. Wichtig war jetzt erstmal die Sicherheit
von Pink. Von ihr hing alles ab. Denn was war am Ende schon die Trauer eines
schäbigen Orkmädchens gegen das Schicksal einer ganzen Welt?
Pink sah zu, wie der Junge - Ryan - wieder in unruhigen Schlaf
sank. Das Betäubungsmittel in seinem Kreislauf war immer noch nicht ganz
neutralisiert. Kein Wunder, schließlich war es für einen Vampir
gedacht gewesen.
Sie sah zu Shakira hinüber und stellte fest, daß das Orkmädchen
zwar immer noch neben dem Schamanen saß, aber jetzt erschöpft den
Kopf auf die Arme gelegt hatte, als wollte sie schlafen. Oder weinen. Pink
fühlte einen schmerzhaften Stich bei diesem Gedanken. Die Orkin war bisher
so stark gewesen. Es hatte Pink schon genügt, einfach zu ihr hinüber
zu sehen, wie sie da wie ein Fels in der Brandung saß und ihren Freund
bewachte, um sich besser zu fühlen. Sie wünschte sich so sehr, sich
an irgend jemandem festhalten zu können. Und gleichzeitig hatte sie ein
schlechtes Gewissen, weil sie es wagte, noch mehr zu erwarten.
Mit einer Mischung aus Seufzer und Stöhnen stand sie auf, ging zu Shakira
hinüber und ließ sich dicht neben ihr nieder.
Ruckartig sah Shakira auf, als Pink sich neben ihr fallen ließ, und schenkte ihr dann ein schiefes Lächeln. "Na? Wie verkraftet der Kleine seine plötzliche Befreiung?" fragte sie, und deutete mit dem Kopf in Richtung Ryan. "Scheint ja nicht besonders glücklich darüber zu sein." fügte sie hinzu und schüttelte den Kopf. Wie seltsam verdreht diese Stadt doch war! Sich halb wieder in ihren Gedanken verlierend, tätschelte sie Bray's Hand, als der Schamane anfing sich unruhig hin und her zu wälzen.
"Nicht so toll." antwortete Pink und sah ebenfalls auf den Schamanen hinunter. "Ist eben ein Ghul. Kann eine Weile dauern, bis er sich fängt." 'Wenn er sich fängt', fügte sie in Gedanken hinzu. Sie bewunderte es, wie sich Shakira so schnell wieder unter Kontrolle hatte. "Wie geht es ihm?" fragte sie dann und deutete auf den Schamanen - Bray. "Was hat er eigentlich? Ist es nur Erschöpfung?"
Kira runzelte besorgt die Stirn, als sie selbst über
die Frage nachdachte. "Ich denke schon... er braucht immer recht lange,
um sich von einem anstrengenden Zauber zu erholen, weißt du. Aber ehrlich
gesagt, hab' ich keine Ahnung, was da mit diesem Vampy gelaufen ist. Der hatte
ihn ganz schön in der Zange, hat ihn irgendwie versucht zu beeinflussen
oder so... muß ihm mehr zugesetzt haben, als ich dachte. Naja, und der
ordentliche Rums auf den Hinterkopf, den du ihm verpaßt hast, wird ihm
sicherlich auch Kopfschmerzen machen."
Sie zwinkerte Pink zu und kicherte leise. Doch ebenso schnell wurde sie wieder
ernst. "Der Junge dem er helfen wollte - ich glaub, das war sein Lover...
Bray wird mit Sicherheit verdammt wütend auf uns sein, weil wir verhindert
haben, daß er ihm hilft." Kira kratzte sich müde am Kopf.
"Aber wenn wir's nicht getan hätten, dann wär ich jetzt wahrscheinlich
die einzige, die noch von unserem Team übrig ist, richtig?" Sie
schaute Pink traurig an und zupfte ein paar verschwitzte Haarsträhnen
von Bray's Stirn, bevor sie sich wieder dem Wasser zuwandte und damit begann,
kleine bröckelige Steinchen hinein zu werfen.
"Ich..." Pink spürte, wie ihr langsam aber sicher die Tränen in die Augen stiegen, die sie unterdrückt hatte, seit die Vampire sie geholt hatten. "Das tut mir alles so schrecklich leid." murmelte sie, zog die Knie an und legte die Stirn darauf. Sie hatte solche Angst und sie hatte keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich so hilflos gefühlt. Verdammt. Sie war einfach keine große Denkerin. Dabei war sie doch dazu bestimmt zu ‚führen’! Das hatte Viggo ihr immer wieder gesagt, und versucht, es ihr beizubringen. Leider mit wenig Erfolg. "Ich wollte das alles doch auch nicht." flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu Shakira.
"Hey... Süße, nun wein doch nicht. Dir gibt
doch niemand die Schuld." Kira's Herz wurde butterweich. Sie legte beschützend
den Arm um das zitternde Mädchen, und suchte nach tröstenden Worten.
"Letzten Endes war ja jeder von uns bereit gewesen, sein Leben für
dich zu geben..."
‚Oh ja, Shakira, so muntert man Leute auf...’ Kira hätte
sich ohrfeigen können. Mitleidig schaute sie auf das niedliche Mädchen
neben sich und fragte sich zum wiederholten Male, wie es wohl war, eine Erlöserin
zu sein. "Wußtest du's schon immer?" fragte sie neugierig.
"Das du die Erlöserin bist, meine ich."
Pink hob den Kopf, sah Shakira an, und wischte sich mit dem
Handrücken über die Nase. "Viggo hat es mir von Anfang an gesagt.
Ich meine, er hat mich schon immer dafür ausgebildet... Aber ich... ich
weiß überhaupt nichts. Ich kann kämpfen, ich weiß, wie
man Vampire umbringt. Aber ich verstehe diesen ganzen Prophezeiungskram doch
auch nich’."
Sie schniefte und kam sich schrecklich lächerlich vor. "Ihr... ihr
habt so viel für mich getan, und ich weiß nich’, wie ich
das jemals wieder gut machen kann... und jetzt haben wir auch noch diesen
Jungen mit reingezogen... und diese Gang... und..." Ihr rannen neue Tränen
über's Gesicht. "Oh Gott, ich mache mir solche Sorgen um Viggo..."
schluchzte sie auf, schlang die Arme um Shakira und preßte ihr Gesicht
gegen die stabile Schulter der Orkin.
"Magst diesen Viggo wohl sehr gern, was?", erwiderte Shakira. "Versteh ich, wir hatten auch mal jemanden wie ihn, 'nen Ausbilder, weißt du. 'Morpheus'. Hab ihn sehr gemocht. Sogar geliebt, irgendwie. Er war wie ein Vater für uns. Und dann... dann haben ihn sich die Vampies geschnappt, genau wie deinen Viggo... haben ihn bestimmt gekillt, Morpheus mein ich. - Oh...oh... hey, tut mir leid... ich wollte dich nicht noch mehr aufregen... sorry, Kleine... ach ich bin so ein Trampel..." Kira stammelte und wurde rot. In ihrer Hilflosigkeit nahm sie Pink schließlich einfach in die Arme und drückte sie ganz fest an sich. Strich ihr sanft und beruhigend übers Haar.
Es war unprofessionell, unverantwortlich, unmöglich...
aber Pink nahm sich trotzdem die Freiheit, sich einfach in den starken Armen
der Orkin auszuheulen. Es hatte ja doch keinen Sinn die ganzen Emotionen weiter
in sich hinein zu fressen. Es würde sie nur zu einem völlig unbrauchbaren
Wrack machen.
Sie wußte nicht, wie lange sie sich an Shakira festklammerte, aber als
sie sich endlich von ihr löste, war das T-Shirt der Orkin ziemlich naß,
und Pink wischte sich verschämt die Tränen aus dem Gesicht. "Tut
mir leid." murmelte sie schon wieder. "Ich... es geht schon wieder...
war einfach alles... ach Scheiße... wie sind wir nur in diesen Mist
geraten..." Sie strich sich nasse Haare aus dem Gesicht. "Wie schaffst
du das bloß, so stark zu bleiben? Du bist so mutig..."
Shakira lachte gutmütig und winkte ab. "Ach was.
Ich mach eben einfach nur immer weiter, das is’ alles. Egal wie tief
man auch im Schlamassel steckt, bloß nicht anhalten, denn dann is’
man schon so gut wie tot. Einfach immer weiter, auch wenn's weh tut, aber
dann weiß man wenigstens, das man noch am Leben ist." schulmeisterte
sie und grinste. Beinahe hätte sie Pink in die Wange geknufft, konnte
sich aber gerade noch rechtzeitig abbremsen.
Seltsam was für Beschützerinstinkte das Mädchen in ihr weckte...
und gleichzeitig fühlte sie sich so wunderbar befreit in ihrer Nähe,
relaxt... Pink schien genau zu wissen, was abging. Und sie interessierte sich
zur Abwechslung mal für ihre Meinung. Nicht wie die Jungs, die immer
nur mit sich beschäftigt waren. Kira mochte 'ihre Jungs', ja sicher,
aber manchmal war es ganz schön schwer zwischen ihnen nicht unterzugehen.
Pink seufzte tief. Natürlich hatte Kira recht. Die Andeutung
eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. "Wahrscheinlich hast
du recht. " sagte sie. "Irgendwie muß es ja weitergehen. Und
jetzt wo die ganzen schlauen Jungs 'out of order' sind, müssen wir halt
sehen, daß wir allein zurecht kommen, was?"
Sie knuffte die Orkin freundschaftlich in die Seite und sah dann wieder zu
Ryan hinüber. "Er meint, daß der Vampir dem er gehört,
alles daran setzen wird, ihn wieder zu kriegen." fuhr sie nachdenklich
fort. "Mir dreht sich alles um bei dem Gedanken, aber vielleicht könnte
man ihn gegen euren Freund austauschen. Den Elfen, den ihr in der Arc verloren
habt." Sie sah Shakira fragend an, um zu sehen, was die von der Idee
hielt.
Hm, so dumm war die Idee gar nicht. Wenn Heath noch am Leben
war, wenn das Herrchen des Jungen bereit war ihn auszutauschen, wenn... -
zuviele ‚wenn's’. Aber trotzdem, es war eine Chance. "Ja,
is’ vielleicht 'ne Möglichkeit, Pink. Sollten wir mal mit Bray
besprechen, wenn er aufwacht. Der is 'n schlauer Bursche was sowas angeht..."
Sie ließ den Kopf traurig sinken.
"Aber Orli werden wir wohl damit nicht retten können. Ob sie ihn
und Viggo auch in die Arc bringen, was meinst du?" Sie strich sich nachdenklich
übers Haar. "Die Vampies sind so verdammt unberechenbar. Ständig
denken die sich was neues aus. Haben ja auch massig Zeit dazu. Mann, wie ich
die Viecher hasse... Haste schon viele von ihnen gekillt?" Sie sah Pink
neugierig an.
"Einige." beantwortete Pink Shakira's Frage, aber mit ihren Gedanken war sie woanders. "Sag mal, glaubst du, die Vampies aus der Arc haben Vig und deinen Freund? Das ergibt irgendwie keinen Sinn. Wieso hätten sie euch dann erst geschickt, um mich rauszuholen? Das müssen irgendwelche anderen gewesen sein. Für wen habt ihr eigentlich gearbeitet?"
Kira schaute Pink ratlos an und seufzte. "Noch gestern hätt’ ich darauf eine befriedigende Antwort gewußt, aber heute... Ganz ehrlich, ich hab nicht den blassesten Schimmer! Aber ich befürchte das Schlimmste..."
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