"SubMission"
Teil 11
by Beryll & Vagabond

 

Es wäre untertrieben gewesen, zu behaupten, daß ihre Lage hoffnungslos miserabel war. Diesmal war es wirklich vorbei. Orli war überzeugt davon. Und er hatte schon genug Shit erlebt, um das mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können.
Es war alles so verdammt schnell gegangen. In einem Moment hatte er noch auf den Vampir gefeuert und im nächsten Moment waren schon sämtliche Lichter bei ihm ausgegangen. Er hatte gehofft, es würde für immer sein. Aber er war doch wieder aufgewacht. Sein Kopf dröhnte und schmerzte von dem Schlag des Vampirs und als er nichts sehen konnte, fühlte er Panik in sich aufsteigen, doch dann realisierte er, daß seine Augen nur verbunden waren.
Ihm war kalt, entsetzlich kalt. Seine Hände waren hinter dem Rücken gefesselt und grobe Hände hielten ihn an den Armen gepackt, schleiften ihn erbarmungslos endlose Korridore entlang. Zumindest dachte er sich das anhand des hallenden Geräuschs, das ihre Füße auf glattem Steinboden verursachten.
Leises schmerzerfülltes Stöhnen und noch leiseres Atmen neben sich gab ihm die Gewißheit, das er nicht allein war. Wen hatten sie wohl noch geschnappt? Die Personen klangen nicht vertraut. Was war mit den anderen seines Teams? Mit Bray und Shakira? Mit Pink? Der Erlöserin für die sie so viel riskiert hatten? Waren sie alle tot? War alles umsonst gewesen? Oder hatten sie entkommen und sich in Sicherheit bringen können? Orli hoffte, daß es so war.
Er wagte kaum an das zu denken, was nun kommen würde. Wohin brachte man sie? War das die Arcologie? Und noch quälender ein immer wiederkehrender Gedanke - Was war mit Heath geschehen? Oh Gott, es tat ihm doch alles so entsetzlich leid! Heath nur noch einmal in seinen Armen halten, ihm sagen, wie sehr er ihren Streit bereute, ihm sagen, wie sehr er ihn brauchte, daß er sein Leben war, seine einzige Liebe - alles, alles würde er dafür geben. Aber es war zu spät. Er wußte es. Und alles was jetzt kam, war seine gerechte Strafe.
Das Geräusch von sich öffnenden großen schweren Türen... Orli riß sich zusammen. Vielleicht würde er ja wenigstens am Ende noch ein wenig Licht in die große Lüge seines Lebens bringen können.

Viggo spürte den Luftzug von schweren, sich öffnenden Türen, und ein Schwall weihrauchschwerer Luft schwappte ihm entgegen. Der alte Geruch von Stein, gesättigt mit brennenden Kräutern und... ja... und dem metallischen Geruch von Blut. Da er nicht sehen konnte, reagierten seine anderen Sinne um so sensibler.
Er versuchte gar nicht mehr sich zu befreien, als er weitergeschoben wurde. Statt dessen zählte er seine Schritte. Als er bei achtzig angekommen war, hielten die Hände ihn fest und zwangen ihn niederzuknien. Und dann wurde die Augenbinde entfernt, die er die ganze Zeit getragen hatte und er blinzelte verwirrt ins Licht. Das wenige Licht, das es hier gab.
Er befand sich in einer riesigen langen Halle. Säulen auf beiden Seiten ragten in unabschätzbare Höhe. Vor jeder Säule stand eine lodernde Feuerschale, das war die einzige Lichtquelle. Der schwarze Steinfußboden war matt und schien das Licht zu schlucken, von den Säulen hingen lange blutrote Flaggen, teilweise zerfetzt oder schon vermodert. Die Halle hinter den Säulen lag in Dunkelheit. Und vor ihm...
Seine Augen blieben an den Stufen hängen, vor denen er zu Boden geworfen worden war. Langsam wanderten sie nach oben, bis sie bei einem schlanken, schneeweißen Fuß anlangten, der ungeduldig vor sich hin tippte. Und weiter nach oben über ein wohlgeformtes nacktes Bein, über einen flachen Bauch, gerundete Brüste, einen geraden Hals, bis sie schließlich in das entsetzlich schöne Gesicht blickten aus dem eisige, beinahe farblose Augen den Thronsaal beobachteten. Eine Wolke aus eisblauem Haar umgab den Kopf und fiel über die Lehne des Throns zu Boden, und über die Schultern ragten säuberlich gefaltete, tiefblaue Flügel.
Eisige Angst umfaßte Viggo's Herz. Dies war ein Wesen, wie er es nie zu sehen gehofft hatte. Eine Vampir-Fürstin. Kind zweier reinblütiger Vampire, geboren unter dem besonderen Segen eines Dämonen-Lords, ausgestattet mit entsetzlicher Macht und unglaublicher Boshaftigkeit. Und er kniete vor ihrem Thron. Und sie war offensichtlich alles andere als amüsiert.
Nur mit äußerster Mühe gelang es ihm seine Augen von ihrer perfekten Kälte loszureißen. Neben ihm knieten noch zwei andere, aber er kannte keinen von ihnen. Und er wußte nicht womit er, oder diese anderen, die Aufmerksamkeit dieses Geschöpfs auf sich gezogen hatten, aber er vermutete, daß es um Pink gehen mußte. Wenigstens war sie nicht hier.
Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Hinter dem Thron schob sich langsam ein über einen Meter durchmessender Schlangenkopf hervor. Einen langen Moment starrte das riesige Ungeheuer Viggo interessiert an, dann senkte sich der Kopf und kam zu Füßen der Vampir-Fürstin zu liegen. Viggo schloß die Augen und betete stumm. Etwas besseres fiel ihm im Moment nicht ein.

Orli verfolgte das ganze Geschehen mit ungläubiger Fassungslosigkeit. Sein Blick blieb an dem großen geschuppten Schlangenkopf hängen, dem ein schier endloser schneeweißer Leib folgte, der sich nun dick und schwer immer weiter nach vorne schob und sich um den riesigen Thron wand. Orli versuchte krampfhaft tief und gleichmäßig zu atmen, die Panik zu unterdrücken die in ihm aufstieg, und nach einigen hektischen Atemzügen schaffte er es sich soweit zu beruhigen, daß er seine Umgebung klarer wahrnehmen konnte. Sofort richtete sich sein Blick auf die beiden Personen neben ihm - offensichtlich auch Gefangene. Der eine schien ihm flüchtig bekannt und nach einem Moment des Nachdenkens erkannte er ihn als den Mann den sie vor den Vampiren gerettet hatten, als sie Pink, die Erlöserin, das erste Mal holen wollten. <Viggo Mortensen.>
Der andere - ein blonder Junge, etwas älter als Orli - schien noch bewußtlos zu sein. Er lag gut verschnürt neben ihm. Auch er kam Orli irgendwie bekannt vor, aber er konnte sich nicht erinnern woher. Etwas weiter hinten standen zwei weitere Gestalten - eine davon Trinity, wie Orli mit Bitterkeit im Herzen bemerkte. Sie sah sehr bleich aus, fast als hätte sie Angst. Neben ihr stand der Vampir mit dem sie im Matrix aneinandergeraten waren. Auch er sah seltsamerweise nicht sehr zufrieden aus.
Vielleicht lag es daran, daß 'Sue' - die Magierin, die sich dem Team erst vor kurzem als neue Auftraggeberin vorgestellt hatte - jetzt unterwürfig, doch mit einer deutlichen Spur von Bosheit, mit diesem Wesen auf dem Thron sprach. - Was auch immer dieses schrecklich-schöne geflügelte 'Etwas' auch sein mochte!
Trinity und der grünäugige Vampir wurden noch bleicher und tauschten unbehagliche Blicke, als Sue von 'ihrem Versagen' berichtete. Orli hingegen spürte brennenden Haß und Zorn in sich aufsteigen, als er anfing das ganze Ausmaß der Lüge und des Verrats zu erkennen, dem er und das Team zum Opfer gefallen waren. Wie man sie betrogen hatte! Orli wurde richtig schlecht und er begann vor Wut zu zittern.

Viggo stellte fest, daß es ihm nicht gelang, mit seiner Aufmerksamkeit bei seinem Gebet zu bleiben. Statt dessen hörte er neugierig zu, was sich zwischen der Vampir-Fürstin auf dem Thron und der anderen Frau abspielte, die jetzt nahe dem Thron, aber immer noch in respektvollem Abstand zu der Schlange, stand.
"Und deswegen konnte die Erlöserin entkommen." beendete die Frau gerade ihren Bericht und Viggo's Herz machte einen schmerzhaften aber glücklichen Sprung. Pink war frei! Er hörte wie scharfe, harte Nägel über den Stein des Throns kratzten und er war sich ziemlich sicher, daß sie Spuren hinterließen.
"Ihr hattet sie direkt vor eurer Nase und habt sie entkommen lassen?" Die Stimme schnitt wie Eis durch die Luft des Raumes und bohrte sich in jeden, der sie hörte. Kaum unterdrückte Wut sprach daraus. Lodernder Zorn, der so gar nicht zu der Kälte eines Vampirs passen wollte.
"Ich... wir..." Diese Stimme kannte Viggo und er sah sich instinktiv nach ihrer Quelle um. Sean stand dort neben Trinity und sah ebenso verängstigt aus, wie Viggo sich fühlte. Er suchte den Blick des Vampirs, aber der war fest auf die Fürstin geheftet. Dies war also seine Herrin. Wie unerfreulich. "Ein einfaches ja oder nein würde mir genügen." Bosheit troff jetzt aus den Worten der Vampirin und Viggo sah zu, wie Sean den Blick senkte und ausführlich seine Füße betrachtete. "Ja." antwortete er dann kleinlaut, und tat Viggo plötzlich trotz allem leid.

Obwohl er immer noch verdammte Angst hatte, konnte Orli ein höhnisches Grinsen nicht unterdrücken. Die Vampire hatten es also verpatzt! Die Erlöserin war frei - und die anderen des Teams wahrscheinlich auch! Eine Welle der Erleichterung schwappte über Orli hinweg. Und er sah mit Genugtuung zu, wie Trinity und der Vampir unter den harschen Worten ihrer Herrin immer kleinlauter wurden.
Trinity zitterte sogar ein wenig. Orli konnte sich nicht erinnern sie jemals so gesehen zu haben. Vielleicht war sie ja auch nur ein Opfer? Es war zumindest möglich, daß man sie dazu gezwungen hatte, das Team zu verraten. Daß man sie irgendwie gefügig gemacht hatte. Orli mochte Trinity eigentlich sehr gern. Er wollte nicht glauben, daß sie das Team absichtlich betrogen hatte. Und doch sah es ganz danach aus. <Wieder ein Freund weniger...>, dachte Orli.
Mit Erstaunen verfolgte er, wie der Vampir Trinity in Schutz nahm, sie verteidigte, während er anscheinend gleichzeitig versuchte den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. "Sie hatten einen Schamanen bei sich, und dann kam noch ein weiterer Magier dazu." Der Vampir zeigte anklagend auf den bewußtlosen Jungen. Ein sarkastisches Lachen von Sue unterbrach ihn und er schaute verärgert in ihre Richtung. "Als wenn man das Bürschchen einen Magier nennen könnte." lachte sie.
Der Vampir schluckte und sah wieder auf seine Füße. "Es reichte um den anderen einen Vorsprung zu verschaffen." erwiderte er beinahe trotzig. "Trinity hat getan was sie konnte. Ihr Team hat die Erlöserin schließlich aus der Arcologie befreit. Etwas, daß an sich schon eine beachtliche Leistung ist! - Das zuletzt war eben ein unglücklicher Zwischenfall. Und nichts das man nicht wieder in Ordnung bringen könnte."
Er schaute unsicher zu dem kalt blickenden Gesicht seiner Herrin auf. "Ich werde alles tun was ich kann, um Euch die Erlöserin wieder zu bringen. Ihr wißt Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Mutter... meine Herrin." Einen Moment schien er mit sich zu ringen, dann ließ er sich langsam auf die Knie sinken und hielt den Kopf unterwürfig gesenkt.

Viggo sah dem Hin und Her zwischen der Fürstin und Sean interessiert zu, und es dauerte nicht lange bis ihm klar wurde, daß sie nicht nur Sean's Herrin, sondern auch die Vampirin war, die ihn erschaffen hatte. Das erklärte seine Macht, obwohl er noch recht jung zu sein schien.
Als Sean vor ihr niederkniete, zuckte Trinity neben ihm zusammen, und ihre Augen bohrten sich für einen Moment haßerfüllt in die andere Frau. Dann wandte sie sich an die Fürstin. "Sue hätte natürlich auch eingreifen können, anstatt einfach nur zuzusehen und sich jetzt zu beschweren." sagte sie mit mehr als nur ein bißchen Bosheit in der Stimme. Und Viggo stellte fest, daß er es dieser Sue gönnte.
Die Fürstin holte tief Luft und schloß für einen Moment die Augen. "Ich kann nicht fassen das ihr hier herumsteht und euch gegenseitig beschuldigt, während die Erlöserin wieder frei herumläuft." zischte sie dann. "Ich sollte..." Ihre Hände umkrampften für einen Moment die Thronlehnen und Viggo spürte, wie sich drohende Energie im Saal ballte, um dann wieder nachzulassen. "Geht mir aus den Augen." murmelte sie dann. "Alle. Ich muß nachdenken."

Orli wehrte sich nicht als die Wachen ihn wieder an den Armen packten und nach oben zerrten. Die bedrohliche Anspannung in der Luft reichte, damit er sich ruhig verhielt. Offensichtlich war 'der Feind' ganz und gar damit beschäftigt sich gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Umso besser. Dann würden sie sich weniger auf ihre Gefangenen konzentrieren. Zumindest hoffte Orli das.
Zusammen mit Viggo und dem immer noch ausgeknockten Magier wurden sie endlose Gänge und Stockwerke nach unten geschleift, bis sie sich in einem Kerker wiederfanden, der seinem Namen wirklich alle Ehre machte. Er war uralt und modrig und die Zellen waren aus kantigem Gestein herausgehauen, das kalt und glitschig war. Ein scheußlicher Ort. Und keiner an dem man für lange verweilen wollte.
Eine Kerkerzelle reihte sich an die andere. Die meisten schienen leer zu sein. Es herrschte eine unheimliche Stille hier unten. Nur das leise Tropfen und Rinnen von Wasser auf Gestein war zu hören, gemischt mit dem leisen Kratzen und Scharren der Ratten und Mäuse, die hier und da hervorlugten. Doch selbst die sahen ängstlich aus und schienen sich versteckt zu halten. Orli mußte wieder an die große weiße Schlange denken, und ein Schauder lief ihm über den Rücken als er daran dachte, ob das wohl der Grund für die Angst der Ratten - und das Fehlen der Gefangenen - war.
Vor ihnen ging Sue langsam die Reihe von Zellen entlang, als wäre sie auf der Suche nach einer ganz bestimmten Tür. Mit einem erwartungsfrohen Grinsen hielt sie schließlich an einer inne und bedeutete den Wachen zu öffnen. Orli und Viggo wurden unsanft in das modrige Gefängnis hineingeschoben, nachdem man ihnen ihre Fesseln abgenommen hatte, und der Magier einfach nur grob an Ort und Stelle fallengelassen.
Seine Augen nach und nach an das Dämmerlicht gewöhnend, sah Orli sich zögerlich um. Aus der Dunkelheit kam plötzlich ein überraschtes Krächzen. Augenblicklich war Orli in Alarmbereitschaft und auch Viggo zuckte zusammen. Doch Sue lachte nur. "Keine Angst. Das ist nur euer Zellengenosse. Er ist schon lange nicht mehr in den Genuß von Gesellschaft gekommen und scheint sich zu freuen wieder mal ein paar Stimmen zu hören. Oh - und ich bin mir sicher, ihr habt euch viel zu erzählen..." Sie lachte noch lauter.
"Nun dann meine Herren, ich fürchte ihr werdet hier einige Zeit zubringen, gestaltet sie so angenehm wie nur möglich." Sue grinste anzüglich und zwinkerte ihnen zu. Dann befahl sie den Wachen die schwere eiserne Tür zu schließen. Orli und Viggo sahen sich in Panik an. Als sie hörten wie die Tür hinter ihnen zugeworfen wurde und der Schlüssel sich mehrere Male quietschend in dem rostigen Schloß drehte, sank ihnen das Herz. Die Endgültigkeit dieses Akts war grauenhaft.

Viggo schloß für einen Moment die Augen und rang um seine Fassung, um nicht einfach laut loszuschreien. Und er hatte schon gedacht bei Trinity gefangen zu sitzen, wäre unerfreulich. Gegen das hier war es der reinste Luxusurlaub gewesen.
Dann zog ein Geräusch aus einer besonders finsteren Ecke ihrer doch eher geräumigen Zelle seine Aufmerksamkeit auf sich. An den Wänden wuchs leicht fluoreszierendes Moos, und das beleuchtete jetzt eine Gestalt die sich ihnen langsam näherte.
Zunächst konnte Viggo sie nicht genau erkennen, aber als sie ins Licht trat, erkannte er, daß es sich um einen großen Schwarzen handelte, der wohl vor seiner Gefangenschaft hier unten einmal ziemlich gut in Form gewesen sein mußte. Nun war seine Haut eingefallen und er hatte Untergewicht. Er mußte schon seit Ewigkeiten hier vor sich hinvegetieren, wenn seine langsam vermodernde Kleidung ein Hinweis war.
Der Schwarze ließ den Blick über seine neuen Mitgefangenen gleiten und blieb zunächst an dem Bewußtlosen und dann an dem jungen Mann hängen. "Orli?" fragte er dann mit einer Stimme, die kratzig und ungeübt wirkte, als hätte er sie lange nicht benutzt. "Bist du das wirklich?"

Orli zuckte zusammen und seine Augen wurden groß und weit. Taumelnd und nach Fassung ringend, stolperte er erst ein, zwei Schritte zurück, doch dann stürzte er nach vorn und fing den Mann auf, der aussah als würde er jeden Moment zu Boden stürzen.
"Morpheus" rief er, und seine Stimme zitterte unter den Tränen die sich in seine Augen drängten. "Morpheus... Wir dachten du wärst tot! Wenn wir es gewußt hätten... all die Monate... aber wir dachten doch du wärst tot..." Orli weinte wie ein Kind, und die Züge seines Gesichts schienen sehr jung und verletzlich, als er seine Arme noch fester um den großen Mann schlang und ihn verzweifelt an sich preßte.

Konnte es wahr sein? Konnte es wirklich Orli sein, nach all der Zeit? Oder war es wieder nur ein böser Scherz von Sue, die sich immer wieder die Zeit nahm, ihn dafür zu quälen, daß er ihr für kurze Zeit die Aufmerksamkeit ihrer beider Herrin gestohlen hatte.
Morpheus hielt den zitternden, warmen Körper fest im Arm und versuchte verzweifelt daran zu glauben, daß es diesmal Wirklichkeit war. Daß sich Orli nicht einfach in Nebel auflösen und nur ein spöttisches Lachen von Sue zurücklassen würde. Obwohl - er hielt den Jungen auf Armeslänge von sich - wäre es nicht schlimmer, wenn Orli wirklich hier war?
Der Junge war erwachsen geworden, erkannte er plötzlich. Aus einem ungelenken Teenager war ein junger Mann geworden und Morpheus spürte plötzlich beinahe so etwas wie Vaterstolz in seiner Brust. Was wohl aus den anderen geworden war? Ob es ihnen gut ging? Und am wichtigsten... "Was machst du hier, Orli?"

Orli schniefte. "Sie haben uns gelinkt. Ich glaube Kira und Bray sind entkommen, aber Heath..." Er schluchzte. "Die von der Arcologie haben ihn geschnappt. Aber die Erlöserin - wir haben die Erlöserin befreit, Morpheus. All das wofür wir gekämpft haben, wofür du uns ausgebildet hast, ist jetzt in greifbare Nähe gerückt..."
Sein Gesicht erhellte sich einen Moment, bis bittere Erkenntnis darüber wusch und es wieder in Verzweiflung tauchte. "Aber für mich ist es jetzt wohl vorbei. Wer hätte denn ahnen können, daß ausgerechnet Trinity uns verraten würde, die einzige Person der wir vertraut haben, der wir vertrauen mußten! Aber zusammen mit dieser 'Sue' hat sie uns an die Vampire verraten." Orli wischte sich mit dem Handrücken müde über die Augen.
Beinahe zärtlich betrachtete Orli den Mann vor sich den sie alle geliebt hatten wie einen Vater. Morpheus, der Mann der sie alle halb-verhungert aus der erbärmlichen Existenz auf der Straße herausgeholt und zu einem Team ausgebildet hatte.
Sicher - ihr Auftrag im Horny Pony war nicht gerade das gewesen, was sie sich von einer 'besseren' Zukunft erhofft hatten. War nichts anderes als das, mit dem sie sich schon seit ihrer Kindheit über Wasser gehalten hatten. Aber ab da hatte es doch wenigstens einen sinnvollen Grund dafür gegeben täglich den Arsch hinzuhalten!
Morpheus war der erste gewesen der ihnen von der Prophezeiung erzählt hatte. Davon, das eines Tages jemand kommen würde, um die Herrschaft der Vampire zu brechen. Der die Welt von der Dunkelheit befreien würde.
War es wirklich erst zwei Jahre her, daß sie sich von Trinity ans Horny Pony verkaufen ließen? Orli erinnerte sich, daß Morpheus sehr aufgebracht war deswegen. Er wollte nicht, daß 'seine Kids' wieder durch die gleiche Hölle gehen mußten, die sie mit seiner Hilfe hinter sich gelassen hatten.
Aber es half nichts. Der Auftrag kam 'von ganz oben'. Wer auch immer die Bosse waren, Orli und das Team hatten es nie erfahren. Es war wichtig, die Identität der Obersten geheim zu halten, hatte ihnen Morpheus erklärt. Schließlich waren sie die am Gefährdetsten. Die Vampire würden alles tun, um sie in ihre Klauen zu kriegen, deshalb durften nur wenige wissen wer an der Spitze der Organisation stand. Orli war das immer plausibel erschienen. Und er hatte Morpheus vertraut, so wie er Trinity vertraut hatte.
Trinity... Morpheus... Orli wurde plötzlich schwarz vor Augen. Wie Trinity hatte Morpheus es gewußt! Er mußte es gewußt haben, daß sie eigentlich für die Vampire arbeiteten - wenn auch nur für eine andere Gruppe als die in der Arcologie! Er hatte es gewußt! Er hatte sie absichtlich in diese Hölle geschickt! Orli keuchte. <Aber warum ist er dann hier?>, wirbelten die Gedanken in seinem Kopf.
Er erinnerte sich an jenen so entsetzlich schiefgelaufenen Auftrag vor einem Jahr... "Du hast es gewußt, nicht wahr?" flüsterte er, und rückte ein wenig von dem entkräfteten Mann ab. "Du hast gewußt für wen wir arbeiten!" Orli schüttelte fassungslos den Kopf und fragte dann zitternd "Warum?" Erneut schossen ihm Tränen in die Augen. "Wir haben dich geliebt, Morpheus, dir vertraut - warum hast du das getan?"

Kein böser Scherz von Sue. Ganz sicher nicht. Nicht mal sie könnte so grausam sein. Morpheus versuchte der Gefühle Herr zu werden, die in ihm um die Vorherrschaft kämpften, und schaffte es nicht. Wie sehr hatte er sich immer vor dieser Frage gefürchtet und doch gewußt, daß sie irgendwann auftauchen würde. Nie hatte er eine Lösung gefunden, nie gewußt, was er darauf antworten würde.
Er hatte den Kindern Mut gemacht, ihnen eine Aufgabe gegeben, ihnen Hoffnung gegeben - und dennoch immer gewußt, daß es umsonst war. Daß am Ende doch die Dunkelheit triumphieren würde. Sein ganzes Leben lang hatte er gewußt, daß man nichts ändern konnte, daß es besser warf, sich dem System zu unterwerfen, mit dem Strom zu schwimmen, als zu ertrinken. Das hatte er sich eingeredet, bis er es glaubte.
Und dann hatte er sich an seine eigene Lüge verloren. Die Kinder mit ihrer Hoffnung, ihrem Willen für etwas zu kämpfen, das sie noch nicht einmal wirklich verstanden, hatten ihn gezwungen, über sich selbst nachzudenken und darüber, was er ihnen antat. Er hatte eine Entscheidung getroffen, vor einem Jahr. Hatte entschieden zu kämpfen, sich zu wehren, ihnen die Wahrheit zu sagen, mit ihnen zusammen gegen diejenige vorzugehen, die bis dahin seine Herrin gewesen war.
Aber natürlich hatte *sie* es gewußt. Bevor er eine Chance gehabt hatte mit den Kids zu reden, hatte sie ihn in auf diese Mission geschickt die gar keine gewesen war. Eine hübsche kleine Falle, in der ihr Liebling Sean nur darauf wartete ihn abzufangen und zu ihr zurückzubringen. Er erinnerte sich nur zu gut, wie er damals vor ihr gestanden hatte, ihr gesagt hatte, daß er nie wieder vor ihr knien würde, daß er nur noch sich selbst gehörte.
Bitteres Lachen stieg ihm in die Kehle. Wie dumm von ihm, zu glauben, daß man sich gegen die Fürstin der Vampire wehren konnte. Sie hatte seinen Willen zerbrochen wie ein Kind ein Spielzeug zerbricht. Und ihn dann in diese Zelle geworfen und vergessen.
Aber Sue hatte sich an ihn erinnert. Oh ja, die Magierin der Fürstin hatte ihn dafür gehaßt, daß er für einige Zeit das Lieblingsspielzeug ihrer Herrin gewesen war. Und sie hatte sich dafür gerächt. Er wußte nicht, wie lange er schon in diesem Kerker saß, aber es war eine Ewigkeit gemessen in Qualen.
Jetzt streckte er eine Hand aus und strich Orli sanft die Tränen aus dem Gesicht. "Ich wollte es euch sagen." antwortete er leise. "Deswegen bin ich hier. Es tut mir leid, daß ihr all das ertragen mußtet. Es tut mir unendlich leid."

Orli nickte. Natürlich war da dieses Gefühl in ihm, das von Verrat und Vertrauensbruch schrie, das danach verlangte sich von Morpheus abzuwenden und ihm die Schuld an allem zu geben, aber er konnte es nicht. Auch Morpheus war nur ein Opfer. Der Mann hatte offensichtlich dafür bezahlt das er dem falschen Herren – oder besser gesagt ‚Herrin’ - gedient hatte. Und Orli wußte ja selbst zur Genüge wie schnell man Fehler machen konnte. Wie schnell man die verletzte, die man liebte.
Der Junge schlang erneut die Arme um den schwarzen Mann vor ihm und vergrub sein Gesicht an dessen Schulter. "Werden sie uns töten?" fragte er leise und verkrampfte seine Hände in dem modrigen zerrissenen Shirt seines Mentors.

Morpheus hielt Orli einfach nur für eine Weile fest und rang um eine Antwort auf diese entsetzliche Frage. Wie oft hatte er sich in den vergangenen Monaten gewünscht sie würden ihn einfach töten und war immer wieder enttäuscht worden. Aber das konnte er, durfte er, Orli nicht sagen. Er mußte irgendwie das tun, was er immer getan hatte. Ihm Hoffnung machen, wo keine war.
Er holte tief Luft und griff nach dem einzigen Strohhalm, der ihm einfiel. "Noch ist nicht alles vorbei, Orli." sagte er leise. "Wenn ihr die Erlöserin wirklich gefunden habt, kann alles passieren. Und die anderen werden bestimmt alles versuchen, um dich zu finden. Auch wenn es an Selbstmord grenzt. Du mußt nur durchhalten."

*****

Die Türen des Thronsaals hinter ihnen wurden geschlossen und die Stille des Ganges senkte sich über sie. Trinity's Gesicht war unbewegt, aber noch immer zitterte ihr Körper leicht, zeugte von der Anspannung und Angst die in ihrem Inneren tobte. Langsam schloß sich Sean's Hand um ihre und drückte sie beruhigend. "Komm", sagte er leise und zog sie einfach mit sich.
Es war das erste Mal, daß er Trinity mit zu sich 'nach Hause' nahm. Das erste Mal, daß er überhaupt jemanden mit zu sich nahm. Bisher hatte er es niemandem erlaubt, seine Gemächer zu betreten. Ausgenommen Mutter natürlich. Sie kam und ging wann es ihr paßte. Wie es ihr Recht war, selbstverständlich. Es war seltsam jemand anderem seine Räume zu zeigen. So privat.
Er ließ Trinity Zeit sich alles in Ruhe anzusehen. Beobachtete, wie sie offensichtlich voller Staunen all die vielen Details bewunderte, mit denen seine Räume ausgestattet waren. Die weichen kostbaren Teppiche mit den feingewebten Mustern, die steinernen Säulen, die auf Mutters Wunsch mit grünem Malachit verkleidet worden waren (weil es die Farbe seiner Augen unterstrich), die alten kunstvollen Gemälde, die in abwechselnder Reihenfolge immer wieder das eine zeigten - Schönheit und Schrecklichkeit...
Still wanderte Trinity von Raum zu Raum, nur ab und an kam ein Laut des Erstaunens über ihre Lippen. Schließlich sah sie ihn mit großen Augen an, die deutlich zeigten wie fremd das alles für sie sein mußte. Wie fern seine Welt von ihrer war.
Und er liebte Trinity noch mehr. Verliebte sich ganz neu in sie. Denn obwohl 'ihre' Welt so entsetzlich technisiert war, so kalt, metallisch und glatt, war Trinity mit ihrer glänzenden Datenbuchse, ihrer schwarzen Sonnenbrille und dem neonfarbenen Lippenstift doch das erste, was diese Räume jemals mit Lebendigkeit erfüllt hatte. Er seufzte. Sie war so wunderschön...

Langsam und vorsichtig ließ sich Trinity auf einem der zierlichen Sofas nieder, das unter einem großen offenen Fenster stand. Vom Fenster aus hatte man Ausblick auf die gewaltige stürmische See dort draußen, über der der Turm der Fürstin drohend und geheimnisvoll aufragte.
Trinity sah nachdenklich zu Sean auf und fragte sich, wie er hier leben konnte. Ob er sich hier wohl fühlte? Ob er diese Dinge ausgewählt hatte? Er sah irgendwie so klein aus zwischen all diesen Kostbarkeiten. Als wäre er die wertloseste von ihnen.
Sie dachte daran, wie er sie vor der Fürstin verteidigt hatte, und plötzlich streckte sie die Hand nach seiner aus, zog sie zu ihrem Mund und küßte sie sanft. Er hatte seinen Stolz für sie geopfert. Das hätte sie nicht von ihm erwartet. Aber in der letzten Zeit hatte er einige ungewöhnliche Dinge getan. Fast, als würden sich andere Gefühle als Lust und Gier in ihm regen. Als würde er so etwas wie Freundschaft oder gar Liebe für sie empfinden? Konnte das sein? Konnte sie das hoffen? Sie suchte in seinen grünen Augen nach einem Hinweis und fand sie sanft und voller Träume.

Als ihre Lippen seine Finger berührten, schloß er für einen Moment die Augen. Die Geste war so sanft, so voller Gefühl. Und als er kurz darauf in ihre Augen blickte, sah er darin dasselbe gespiegelt. Sean lächelte zaghaft. Sie waren nie besonders gefühlvoll miteinander umgegangen, dafür waren sie beide stets zu distanziert, zu kalt gewesen. Auch zu egoistisch - zumindest er.
Wie hatte Viggo ihn nur so verändern können? Es war ungewohnt so zu empfinden, es machte ihm immer noch Angst und verunsicherte ihn, doch er versuchte nicht mehr, es zu unterdrücken. Es war so wunderbar befreiend, es war Leben... In der Einsamkeit des Raumes rauschte das Meer draußen wie Donner und die kühle Abendluft brachte die Kerzen im Raum zum flackern.
Langsam kniete Sean vor Trinity nieder, so wie er es noch eben zuvor bei seiner Herrin getan hatte, doch diesmal sprach aus seine Augen wirkliche Anbetung, echte Hingabe. Er wollte für Trinity da sein, sie beschützen, ihr ein wenig Glück schenken in dieser tristen Welt, in der jeder Tag der letzte sein konnte. Besonders jetzt, da Trinity so verzweifelt war, sich um ihr junges Team sorgte, das durch ihre Schuld jetzt in so großer Gefahr war. Sean ahnte das Trin dies niemals gewollt hatte. Das sie immer gehofft hatte, daß es nie zu einem Zwischenfall wie diesem kommen würde.
Als er sie kennengelernt hatte, war sie ein einfaches Mädchen mit großen Träumen gewesen. Aber verrückt genug, das sie es sich in den Kopf gesetzt hatte, die Besitzerin des angesagtesten Clubs in der Stadt zu werden. Natürlich hätte sie niemals das Geld dafür zusammenbekommen. Nicht mit den kleinen Datendiebstählen mit denen sie für ihren Lebensunterhalt sorgte.
Doch dann hatte Mutter sich ihrer angenommen. Im Nu hatte die Vampirfürstin erkannt, welch großes Talent in der jungen Hackerin steckte, welch ein Hunger sich zu beweisen. Junge hoffnungsvolle Träumer hatten Mutter schon immer angezogen wie die Motte das Licht, dachte Sean mit Bitterkeit. Und mit Mutter's Hilfe hatte Trinity sich den ersehnten Club aufbauen können, ihren ganzen Stolz.
Sean fragte sich, ob sie jemals über den Preis nachgedacht hatte, den Mutter im Gegenzug forderte. Die jungen Menschen, die ab und an bei ihren Besuchen im Matrix spurlos verschwanden... Und natürlich das Team, das die 'Spezialaufträge' für sie erledigte und zu dem Trinity mit der Zeit dummerweise eine beinahe freundschaftliche Beziehung aufgebaut hatte.
Sean strich zärtlich über Trinity's Haar. Er lächelte, als er sich daran erinnerte, wie er sie das erste Mal gesehen hatte. Bei der Eröffnung des Matrix hatte sie ganz oben am Geländer gestanden, wie sie es heute noch manchmal tat, aber damals hatten ihre Augen gefunkelt, voller Stolz und Feuer. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Feuer wieder in ihr zu entzünden. Seine Augen suchten in ihren nach Zustimmung, als er sich streckte, um vorsichtig seine Lippen auf ihre zu legen.

Wie die sanfte Wärme von Frühlingssonne nach viel zu langem Winter stahl sich Sean's Lächeln in ihr Herz. Schmolz den Schmerz, den sie spürte. Sie hatte alles verloren. Sie wußte genau, daß kein Weg zurück führte, in die Stadt, ins "Matrix". Die Vampire der Arc hatten Heath, und es war nur eine Frage der Zeit bis der sie zum "Matrix" führte. Alles wofür sie gearbeitet hatte, hatte sie verloren.
Und die Kids... Sie mochte sie. Hatte sie immer viel zu sehr gemocht. Ihren wilden Mut, mit dem sie sich gegen unmögliche Feinde stellten... Aber auch sie waren nun verloren. Sie zweifelte nicht daran, daß die Fürstin sie finden würde. Sie bekam immer, was sie wollte. Und ihre Werkzeuge warf sie danach weg. Man konnte sich noch glücklich schätzen, wenn man nicht zertreten wurde. So war es damals Morpheus ergangen, so würde es jetzt ihr ergehen.
Nur eins war ihr noch geblieben. Etwas, mit dem sie nie gerechnet hätte. Dieser Vampir... nein... dieser Elf, der vor ihr kniete und nichts von ihr wünschte als ein wenig Wärme. Sie beugte sich zu ihm herunter und küßte ihn sanft, öffnete ihre Lippen für ihn, ließ es zu, daß er von ihrer Wärme kostete und spürte, wie er sich unter ihrer Berührung entspannte. Wie die Angst, die ihn im Griff gehabt hatte, seit sie den Turm seiner Mutter betreten hatten, sich langsam löste.

Ihre Zunge war so weich und warm, so ungewohnt nachgiebig. Trinity war immer viel zu kontrolliert, so als müßte sie sich ständig gegen unerwartete Angriffe absichern. Wahrscheinlich war es angebracht, wenn man ein Leben führte wie sie. Aber ihn sollte sie nicht fürchten müssen, nicht vor ihm auf der Hut sein - doch Sean wußte genau, daß es besser so war. Er war ein Vampir. Ob sie ihn jemals lieben würde?
Sanft strichen seine Hände an dem enganliegenden glatten Material ihrer lackschwarzen Hose empor, bis sie auf ihren Schenkeln ruhten. Seine Vampirsinne schwelgten in dem Geruch des glänzenden Lackmaterials, das sich mit dem wunderbaren Duft ihrer Haut mischte. Seine Zunge drängte sich stürmischer in ihren Mund, als er ihre Hüften packte und sie fester zu sich heran zog.
Seine Hände glitten über ihre vollen Brüste und dann über die Schultern ihren Rücken entlang, suchten vergeblich nach dem Zipper des Reißverschlusses. Ein leises Lachen ließ Trinity's Kehle vibrieren und er lächelte gegen ihren Mund.
Er stand auf und zog sie stürmisch mit sich. Hob sie hoch und trug sie auf seinen Armen in sein Schlafzimmer, zu dem großen hölzernen Bett, dessen Pfosten kunstvoll gedrechselt waren. Es war mit vielen weichen Kissen und einer wundervoll bestickten Decke versehen. Alles so weiß, so rein... Mutter liebte es sein Blut darauf zu sehen, wenn sie von ihm trank...
Sean schüttelte den Gedanken ab und ließ Trinity vorsichtig auf die Daunendecke gleiten. Obwohl sie kein langes wallendes Haar besaß und kein kostbares Kleid trug, sah sie in diesem Moment aus wie eine Prinzessin.
"Mylady" flüsterte er, und fragte sich plötzlich voller Angst, wann ihr Prinz kommen würde, um sie vor dem Monster zu retten.

Trinity sah zu Sean auf und lächelte plötzlich. Hatte er wirklich 'Mylady' zu ihr gesagt? So hatte sie in ihrem ganzen Leben noch niemand genannt. Fürwahr ein weiter Weg, der sie aus der Gosse hierher geführt hatte, in die Gemächer eines Prinzen. Er sah sie an, als wäre sie das Kostbarste hier, und beinahe glaubte sie es ihm. Beinahe? Nein, zumindest für diese Nacht wollte sie es glauben.
"Mein Prinz." murmelte sie als Antwort, nahm seine Hand und führte sie sanft über den verborgenen Magnetverschluß, der ihr Catsuit zusammenhielt. Mit einem leisen Lachen, quittierte sie sein beinahe scheues Luftholen, als glatte weiße Haut unter dem schwarzen Lackleder zum Vorschein kam. Als würden sie sich das erste Mal lieben. Aber das taten sie ja eigentlich auch, oder? ‚Geliebt’ hatten sie sich noch nie. Bis heute Nacht.

Vorsichtig strich seine Hand über die glatte weiße Haut, die unter dem schwarzen Leder hervorblitzte. Wie immer zuckte Trinity beim ersten Kontakt mit seiner kühlen Haut zusammen, um dann den Kontrast auf ihrer warmen Haut zu genießen. Behutsam löste er sie aus der Ummantelung dieser enganliegenden Lackhaut und schaute sehnsüchtig auf ihren schönen Körper, den er so sehr begehrte. Diese Nacht wollte er perfekt für sie machen. Er wollte ihr alles geben was sie sich wünschte. Denn wer wußte schon, ob es ein Morgen für sie beide gab?
Scheu preßte er einen ersten Kuß auf den festen straffen Bauch, und zog dann mit seinem Mund eine Bahn von wispernden Küssen um ihren Bauchnabel, bis hinauf zu den schönen weißen ebenmäßigen Kuppeln, die er mit besonderer Sorgfalt bedachte.
Als er seinen Mund leicht öffnete, um sie mit seiner Zungenspitze zu liebkosen, wurde er mit einem leisen Stöhnen belohnt. Zärtlich ließ er seine Hände auf Wanderschaft gehen, während seine Lippen an dunkelroten Nippeln saugten, und dann weiter glitten zu Trinity's Kehle. Dort glitten sie spielerisch über die ihm entgegengereckte Wölbung und sein Mund verteilte kleine liebevolle Bisse, um sich dann erneut auf Trinity's Lippen zu pressen. Stürmisch und fordernd jetzt, voller Erregung und Begehren.

Erregung sammelte sich heiß in ihrer Körpermitte, breitete sich als warmes Kribbeln in ihren ganzen Körper aus. Sie zog Sean näher an sich heran, um ihre Wärme mit ihm zu teilen. Ihr Kuß wurde immer stürmischer und nun begannen auch ihre Hände, seine Kleidung zu lösen, um an nackte Haut zu kommen. Sie wollte ihn spüren, wollte, daß es ihn nach ihr verlangte, daß er vergaß zu denken und sich ihr ganz hingab.
Mit einem geschickten Manöver rollte sie ihn herum, so daß sie über ihm zu liegen kam. Und während sie sich immer noch küßten, machten sich ihre Finger an seiner Hose zu schaffen. Strichen über die harte Ausbeulung, die sie darin spürte. Sie wurde mit einem erstickten Stöhnen belohnt. Ohne seine Hose zu öffnen, glitt sie mit den Fingern hinein, und als sie seine Erektion das erste Mal berührte, bäumte er sich unter ihr auf. Wie schnell er diesmal die Kontrolle über sich verlor. So ganz anderes als sonst, wenn er sich einen Spaß daraus machte, mit ihr zu spielen, ohne seiner eigenen Leidenschaft nachzugeben. Was für eine wundervolle Überraschung.
Seine Hände wanderten über ihren Körper, um sich schließlich über ihre Brüste zu legen. Sanft strichen seine Daumen über ihre beinahe schmerzhaft aufgerichteten Brustwarzen, und sie ließ den Kopf mit einem leisen Wimmern gegen seinen Hals fallen, den Kuß unterbrechend.

Es war beinahe beängstigend wie sehr er Trinity begehrte. Wie sehr er die Kontrolle über sich verlor, es zuließ, auch noch Spaß daran hatte. Sean keuchte - seltsam wie der Vampirkörper immer noch 'richtig' auf Sex reagierte... aber die Gefühle der Lust waren ja noch immer da, durch den Jagdtrieb sogar um ein Vielfaches verstärkt...
Sean's Glied zuckte und pochte mit Verlangen, und beinahe gleichzeitig spürte er, wie sich seine Fänge aus dem Fleisch schoben, wie die scharfen Spitzen seine Lippen berührten. Er wimmerte. Das Gefühl war stets übermächtig. Er kämpfte um Beherrschung. Er durfte Trinity nicht verletzen.
Er mußte an die Nacht mit Viggo denken und schwor sich, diesmal vorsichtiger zu sein. Die Gedanke an den Menschen brachte jedoch noch andere Erinnerungen mit sich, verstörende... doch die verdrängte Sean sofort. Das gehörte nicht in diese Nacht, und nicht zu Trinity.
Er konzentrierte sich wieder ganz auf die Frau, die so warm auf ihm lag und sich begehrlich an seinem Körper rieb. Seine Hand glitt nach unten, strich sanft und zirkelnd über den schmalen Streifen dunklen Kraushaares, und tastete dann nach der Öffnung zwischen ihren Schenkeln, um zu sehen, ob sie bereit für ihn war.

Trintiy drängte sich Sean entgegen. Keine Zeit mehr für Vorspiel oder Zärtlichkeit, sie wollte ihn in sich spüren. Sie kannte ihn zu gut, wußte, daß er das Tier in sich nicht ewig kontrollieren konnte. Sie befreite seinen Schwanz aus seinem Gefängnis und er preßte sich gegen sie, nun schon nicht mehr ganz so kalt.
Aber plötzlich hielt sie in ihrer Bewegung inne und sah auf ihn herab, suchte seinen Blick. "Liebst du mich, Sean?" fragte sie leise, als er verwirrt zu ihr aufsah. Und dann ließ sie sich auf ihn herabgleiten. Nahm seine Kälte in sich auf und erstickte sie mit der Hitze ihres Verlangens.

Sean stöhnte wild auf, als er in sie hineinglitt. Wie sehr er das brauchte, sie brauchte! Aber Liebe? Er glaubte sie zu lieben, ja. Glaubte es auch zu fühlen. Aber konnte er sich sicher sein? Konnte ein Vampir denn überhaupt lieben? Zu lieben hatte etwas bedingungsloses an sich, hieß zu geben - doch ein Wesen wie er war nun mal gezwungen zu nehmen, ob er es nun wollte oder nicht.
Und trotzdem, als er in ihre glänzenden Augen sah, die Frage wie eine Anklage darin, als er ihre ganze Hoffnungslosigkeit spürte, den Verlust den sie heute erlitten hatte, da gab es nur eine Antwort auf diese Frage. "Ja... ja, ich liebe dich, Trinity." Und er schmiegte sich an sie, hielt ihren Körper fest mit beiden Armen umschlungen, als er beinahe verzweifelt begann seine Hüften zu bewegen, sich ganz dem Gefühl hingebend mit ihr verbunden zu sein.

Was für ein seltsames Gefühl diese Worte aus seinem Mund zu hören. Eine Lüge, ganz sicher, um sie glücklich zu machen. Aber es war ihr egal, jetzt wollte sie es einfach nur glauben.
Sie gab sich ganz dem Gefühl hin, seinen Körper an ihrem zu spüren. Zu fühlen, wie er in ihr war. Ihre Wahrnehmung zog sich immer weiter zusammen, bis nur noch er existierte, bis sie das Gefühl hatte, ihn ganz einzuhüllen.
Ganz langsam entglitt ihr die Kontrolle über ihren Körper, rann durch ihre Finger davon wie Wasser, und sie sah genußvoll dabei zu, wie er sie immer weiter trieb. Mit einem Wimmern biß sie in seine Schulter um ihre Schreie zu ersticken, als sich alles in ihr zusammenzog. Sie wollte noch nicht kommen. Noch nicht... wollte dieses Gefühl noch länger haben. Aber er bewegte sich weiter in ihr, stieß sie erbarmungslos über die Klippe, und sie glaubte in einem Meer von heißer Lust zu ertrinken. Ganz und gar ließ sie sich darin aufgehen, ließ ihren Orgasmus über sich hinwegrollen, in Wellen puren Glücks.

Als er fühlte, wie sie sich um ihn herum zusammenzog, schrie er auf. Hinter seinen geschlossenen Augen explodierten Sterne. Unerbittlich bohrten sich die Spitzen seiner Zähne in seine Unterlippe, als er hart darauf biß, um den Schrei zu unterdrücken. Er schmeckte das Blut auf seiner Zunge, während er sich in einem schier endlosen Strom in Trinity ergoß.
Er nahm kaum wahr, daß er ihren Namen stöhnte, teils wie ein Gebet, teils wie ein Fluch, und das er ihr wieder und wieder versicherte, daß er sie liebte. Er zog sie mit sich, als er endlich ermattet zurück auf die weiche Matratze sank, und hielt sie fest an sich gedrückt, während seine Finger mit ihrem Haar spielten.

"Ich liebe dich auch." flüsterte Trinity, und küßte ihn zärtlich. Leckte dabei das Blut von seiner zerbissenen Lippe und dann - ganz sanft - von seinen Fängen, die sich plötzlich, als wären sie von dieser Behandlung schockiert, zurückzogen. Nur langsam beruhigte sich ihr Herzschlag.
Sie schmiegte sich an ihn, um ihn ihr Herz spüren zu lassen. Ihr Gefühl am Leben zu sein, mit ihm zu teilen. Sie liebte ihn wirklich, auf ihre eigene verschrobene Art. Und irgendwie war sie sich gar nicht mehr so sicher, daß er sie belogen hatte. Vielleicht war ein Vampir - dieser Vampir - doch in der Lage zu lieben. Sie zu lieben.

Er fühlte wie heftig ihr Herz schlug, und war ganz benommen von den Worten, die sie ihm zuflüsterte. Hatte sie wirklich gerade gesagt, daß sie ihn liebte? Sean konnte es kaum glauben. Noch nie zuvor hatte sie etwas derartiges zu ihm gesagt, hatte sie ihm das Gefühl gegeben, daß sie so für ihn empfand. Und das nach allem was in den letzten Tagen geschehen war!
Glücklich küßte er ihre vollen Lippen und leckte sanft sein Blut von ihnen. Vor Trinity mußte er sich nicht verstellen. Sie wußte was er war, und akzeptierte es. Konnte ihn anscheinend trotzdem lieben. Wenn sie doch nur eine gemeinsame Zukunft hätten, Sean würde alles dafür geben! Sanft hüllte er sie beide in die wärmende Decke und schloß müde die Augen, um mit einem Lächeln auf dem Gesicht in tiefen Schlaf zu fallen.
Das mechanische Geräusch von sich herabsenkenden schweren Rolläden drang noch eine Zeitlang dumpf in sein dahinschwindendes Bewußtsein, bis er schließlich in vollkommener Schwärze versank.
An diesem Tag träumte Sean von Trinity und von tiefen glänzenden Augen, doch seltsamerweise waren sie so blau und stürmisch wie das Meer...

 

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TEIL 12

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