"Süßwaren Thailändisch"
by Osiris Brackhaus

 

"Kann ich ihnen noch irgendwie helfen?"

Jeder Versuch, irgend etwas Vernünftiges zu sagen, ging in hilflosem Gekichere unter.
Sean tat der niedliche Kellner irgendwie schon ein wenig leid. Aber selbst als der junge Mann, der höflich neben Ihnen auf dem Boden neben Ihrem niedrigen Tisch kniete, verunsichert bis unter die Haarwurzeln errötete, konnte Sean nur mit großer Mühe einen halbseidenen Kommentar unterdrücken. Das Kerlchen sah aber auch einfach zu niedlich aus.

"Nein danke," preßte Sean nach einem weiteren, vage peinlichen Moment heraus, "Ich glaube, wir hätten gerne die Rechnung."

Sean sah dem jungen Mann hinterher, wie er sich mit geübter Leichtigkeit vom Boden erhob, in seine Schuhe schlüpfte, die ein paar Stufen tiefer standen, sich noch einmal knapp in Richtung seiner Gäste verneigte und durch das enge Ganggewirr des Restaurants verschwand. Mit einem kleinen geistigen Seufzer frage sich Sean, ob der Kellner unter seinem goldbesticken asiatischen Hemd genauso appetitlich seidig-gebräunt aussah, wie sein exotisches Gesicht vermuten ließ. Und obwohl er gerade erst ein erstklassiges, mehrgängiges Abendessen hinter sich hatte, stellte Sean fest, daß ihm das Wasser im Mund zusammen lief.

"Emm - ", sagte Sean abrupt und wandte sich seinen Freunden am Tisch zu, um nicht noch weiter auf dumme Gedanken zu kommen. Zum Beispiel etwa, ob der flache Tisch vor ihm tatsächlich eine so praktische Höhe dafür hatte.... "Was starrt ihr mich alle so an?"

"Nichts", versicherte Osiris völlig unglaubhaft, versteckte sein Gesicht hinter einer Serviette und nuschelte: "Allef OK!"

"Na was?" Sean wußte ziemlich genau, was die anderen hatten, vor allem Vagabonds vage hysterisches Atmen neben ihm sprach Bände. "Hätte ich ihm ins Gesicht sagen sollen, daß er DABEI bestimmt nicht helfen will?"

"Och", sagte Beryll, die ihm gegenüber saß und ebenfalls gegen einen erneuten Lachkrampf kämpfte, "Man kann ja nie wissen...."

Laut prustend brach Osiris neben ihr vor Lachen zusammen, woraufhin auch die anderen nicht mehr anders konnten, als sich einmal mehr an diesem überaus fröhlichen Abend vor Lachen auszuschütten.

"Oh mein Gott," wimmerte Vagabond nach einer Weile, "ich glaub' mir wird schlecht. So viel Lachen und Essen zusammen is' gar nicht gut..."

"Ich hab' dir gleich gesagt, das etwas mit Alkohol, das aussieht wie Schlumpf-Sperma, nicht gesund sein kann!" Anklagend zeigte Osiris auf das große Cocktailglas vor Vagabond, das noch immer zu gut einem Drittel mit einer schaumigen, bedenklich hellblauen Flüssigkeit gefüllt war.

"Das ist das Gleiche wie deine Pina Colada", verteidigte sich Vagabond, "nur mit Blue Curacao!"

"Ich sag doch daß kann ich' gesund sein!"

"Hab' ich euch eigentlich mal erzählt, wie wir in Neuseeland -", fing Sean an, brach aber mitten im Satz ab, als besagter Kellner sich wieder dem Tisch näherte.

Schlagartig machte sich konzentriertes Schweigen am Tisch breit, und als der junge Mann sich wie immer neben den niedrigen Tisch kniete, lächelte er ein ganz kleines wenig bemüht.
Auch wenn Sean zugeben mußte, daß es dem hübschen Gesicht keinen Abbruch tat, ganz im Gegenteil. Der Kellner wirkte jetzt nicht mehr ganz so schüchtern, eher etwas genervt, und einmal mehr fragte sich Sean, wie das Gesicht des jungen Asiaten wohl aussehen würde, wenn er sich in seinen Armen voll blinder Wollust winden würde.

Wortlos nahm Sean das ihm angebotene, heiße Handtuch entgegen und versuchte, nicht zu offensichtlich den Körper seines Gegenübers zu taxieren. Zugegeben, es war schon spät, und er hatte wie die anderen auch, den einen oder anderen Cocktail intus - aber so einem harmlosen Kellner hinterher zu geifern war einfach nicht mehr fair. Auch wenn der Kerl wirklich alles hatte, was man sich so wünschen konnte.
Ob sein Hintern auch so glatt und leicht muskulös war, wie der Nacken, den Sean aus nächster Nähe studieren konnte, als der junge Mann sich vorbeugte, um Vagabonds Teller abzuräumen?

Leicht erschrocken ertappte sich Sean dabei, wie er sich tatsächlich zur Seite lehnte, um einen besseren Blick auf den Hintern des Kellners zu kriegen. Ich sollte echt nach Hause fahren, dachte sich Sean. Das endet sonst in einer Katastrophe.

"Ich glaube, ich sollte ihn nicht fragen, ob er auf Jungs oder auf Mädchen steht", sagte Osiris, nachdem der junge Thailänder wieder gegangen war.

"Nope," antwortete ihm Vagabond, um daraufhin lautstark die Reste ihres Cocktails durch den Strohhalm zu saugen.

"Ob ich ihn fragen kann, ob er statt eines Trinkgeldes auch mich nimmt?", fragte Sean mit einem fiesen Grinsen, nur um daraufhin wild von Beryll und Vagabond mit Servietten geschlagen zu werden.

"Du notgeiler Bock!" schimpfte Beryll lachend, "Untersteh' dich! Der arme Junge ist so schon ganz durcheinander. Wir benehmen uns ja fast noch peinlicher als die Russenmafia-Clique vom Nachbartisch..."

"Ist ja schon gut!", wehrte Sean ab. "Habt ihr was dagegen, wenn ich heute abend bezahle?"

Zustimmendes Schweigen antwortete ihm.

"Das hab' ich mir gedacht."

Ohne wirklich auf die Rechnung zu schauen, flippte er seine Kreditkarte auf das kleine Tablett, auf dem zusammen mit einer kunstvoll gefalteten Serviette und einer Orchideenblüte die Rechnung lag. Egal was dieser Laden hier für das Essen in Rechnung stellte, es war immer noch ein Schnäppchen. Versteckt und unscheinbar wie das Restaurant auch von außen aussehen mochte, von innen war es eine unglaubliche, geradezu überbordende Oase thailändischen Dekors, das Essen war besser, als er es manchmal in Thailand bekommen hatte, die Portionen großzügig und der Service.... Na ja - Er würde dem Jungen auf jedem Fall ein üppiges Trinkgeld da lassen. Osiris hatte mit seinem Versprechen recht behalten: Ein Essen wie Urlaub. Nur, das der Urlaubsflirt ein wenig knapp ausgefallen war...

Die nächsten Minuten vergingen wie auch schon die Stunden zuvor mit begeistertem Quatschen. Die vier hatten sich schon länger nicht mehr gesehen und dieses Abendessen war bereits ein wundervoller Auftakt zu einem großartigen verlängerten Wochenende geworden. Niemand von ihnen merkte wirklich, als eine der zahllosen jungen Kellnerinnen die Rechnung samt Seans Kreditkarte mitnahm, ebensowenig fiel es der Gruppe auf, das die Bearbeitung ungewöhnlich lange dauerte.

Erst als der junge Kellner sich einmal mehr lautlos neben den Tisch kniete, erstarb das wilde und vage unsittliche Gespräch. Alle sahen den jungen Mann erwartungsvoll an, aber die Art, wie er sich kaum merklich wand, schien nichts Gutes ahnen zu lassen.

"Es tut mir furchtbar leid," begann er leise, "aber unser Lesegerät ist gerade kaputt gegangen."

Sein zauberhafter, kaum hörbarer Akzent und sein sichtliches Unwohlsein machten seinen Auftritt derart charmant, daß für einen Augenblick niemand am Tisch wirklich hörte, was der junge Mann gesagt hatte.

"Ähh - ", begann Sean wenig eloquent nach einer kurzen Pause, "dann werde ich wohl bar zahlen müssen."

Der Schauspieler kramte nach seinem Portemonnaie, nur um nach einem kurzen Blick leicht verschämt in die Runde zu blicken.

"Also Bargeld habe ich eindeutig nicht genug dabei. Könnt ihr mir erstmal aushelfen?"

"Ich bin mir nicht sicher, ob ich genug dabei habe - ," eröffnete Osiris und begann ebenfalls, nach seiner Geldbörse zu suchen.

"Also ich hab' gar kein Geld dabei," stellte Beryll kategorisch fest.

"Ich hab' noch etwa fünfzehn Euros," erklärte Vagabond. "Hilft das?"

"Mal sehen, was Osiris dabei hat," meinte Sean mit einem kurzen Seitenblick auf den jungen Kellner, der sich in seiner momentanen Rolle über alle Maßen unwohl fühlte.
Gott, der Kerl war aber auch zum auffressen, dachte Sean ein weiteres mal. Oder der Junge überhaupt weiß, was er für eine Wirkung auf den Rest der Welt hat? Wahrscheinlich nicht. Und er RIECHT so gut...

"Also ich hab' noch genau vierundneunzig Cent." Osiris grinste schief. "Ich befürchte, damit kann ich nicht wirklich etwas ausrichten, oder?"

"Nicht wirklich." Sean lächelte den Kellner hoffnungsvoll an. "Wo ist denn hier der nächste Geldautomat?"

"Ich glaube," sagte der junge Mann ohne vom Tisch aufzublicken, "unten an der Fußgängerzone am Rathaus ist einer..."

"Was?" platzte Osiris heraus. "Das ist ja ewig von hier. Da bin ich ja schneller an der Sparkasse bei uns gegenüber und wieder zurück."

"Es tut mir furchtbar leid," begann der junge Kellner noch einmal. "Aber wir haben wirklich alles versucht, und - "

"Ist schon gut," beruhigte in Sean. "Wir gehen jetzt Geld holen, und dann bezahlen wir in bar."

Für einen Moment wand sich der Thailänder schweigend, bis Osiris bemerkte, was das Problem war, und höflich einsprang.

"Was hältst du davon, Sean - ich bringe unsere Ladies nach Hause, hole Bargeld, und komme dann hierher zurück."

Für einen Moment schwiegen sich die beiden Männer quer über den Tisch an, dann fügte Osiris verschmitzt lächelnd hinzu:

"Und du bleibst hier, als Faustpfand, sozusagen."

"Du kannst unsere Schulden ja abarbeiten, sollten wir nicht wiederkommen," meinte Vagabond bösartig, nur um sofort hinter ihren erhobenen Armen in Deckung zu gehen.

Sean grinste schief, meinte dann aber gutmütig:

"Klar, laßt mich hier nur mitten in der Nacht alleine. Ich komm' schon klar."

"Ich bin sicher," fügte Osiris hinzu, "wirklich alleine wirst du nicht sein..."

"Verschwindet bloß!" Sean grinste breit und hoffte, daß der Kellner jetzt nicht gerade tausend Tode starb. Aber ein kurzer Seitenblick sagte ihm, daß der junge Mann allem Anschein nach die Anzüglichkeiten nicht wirklich bemerkt hatte oder zumindest nicht direkt auf sich bezog.

"Wir sind sofort wieder da," giggelte Vagabond fröhlich, als sie sich neben Sean unter dem niedrigen Tisch herauskämpfte. "Genieß' einfach die Aussicht!"

"Verschwindet!" Sean warf lachend eine weitere Serviette nach dem verschwindenden Haufen und wandte sich dann wieder dem jungen Kellner zu. "'tschuldigung. Wir habe alle wohl ein wenig viel getrunken."

Der junge Mann hob zum ersten Mal an diesem Abend den Blick und Sean mußte sich hart zusammenreißen, um nicht beim Anblick der tiefschwarzen Knopfaugen seines Gegenübers tief nach Luft zu schnappen.

"Das ist schon in Ordnung," sagte der Kellner gutmütig und lächelte Sean entschuldigend an. "Kann ich Ihnen einen Drink bringen, während Sie auf Ihre Freunde warten?"

"Gerne, aber bitte ohne Alkohol. Ich glaube, davon hatten wir alle genug." Und ich kann nicht dafür garantieren, daß ich nicht plötzlich anfange, meinen Kellner zu befummeln, fügte Sean gedanklich hinzu.

"Tut mir wirklich furchtbar leid." Der Kellner schien für einen Moment unschlüssig zu sein, was er sagen sollte, entschied sich dann aber für eine stumme Verbeugung und entfernte sich einmal mehr lautlos vom Tisch.

Oh mein Gott, dachte sich Sean, ich hoffe nur, Osiris kommt bald mit dem Geld wieder, sonst mache ich mit Sicherheit irgend etwas Unanständiges.

----

Etwa eine gute Stunde später klingelte Seans Handy.

"Ja?"

"Ich bin's Osiris, ich wollte nur sagen, das mit dem Geld dauert wohl noch etwas."

"NOCH länger?" Sean konnte sich kaum vorstellen, daß es in einer derart großen Stadt keinen funktionierenden Geldautomaten geben sollte.

"mein Gott, was soll ich denn machen?", rief Osiris etwas atemlos aus. "Die größte Bankkette hier hat heute nacht Ihren jährlichen Überholtermin, die zweitgrößte hat einen kompletten Kontrollserverausfall und die vier anderen Automaten waren entweder alle leer oder defekt. Es ist wie verhext!"

"Ja, ist OK," sagte Sean hilflos mit einem leicht nervösen Blick auf die beiden letzten Menschen, die außer Ihm noch in dem Lokal waren. "Ich wird's den Leuten hier schon erklären. Irgendwie."

"Danke, Sean, ich versuch's wirklich. Ich fahre gerade in die Nachbarstadt und versuche, ob da irgendwo Geld zu holen ist."

"Ja, ja. Mach das." Wie um alles in der Welt sollte er erklären, daß es allem Anschein nach völlig unmöglich war, eine nicht wirklich exorbitant große Geldsumme aufzutreiben?

"Läuft eigentlich schon was mit dem Kellner?", fragte Osiris unvermittelt, und Sean beendete die Verbindung genauso spontan.

Nein, mit dem Kellner lief noch nichts. Leider. Viel schlimmer, der schicke Junge lehnte mittlerweile mit der einzigen anderen noch verbleibenden Kellnerin an der Bar des Lokals und beobachtete Sean, der seinerseits auch nichts anderes zu tun hatte, als abwechselnd seine Fingernägel, das Aquarium und den Kellner zu beobachten.

Mit einem tiefen Seufzen raffte Sean sich auf und machte sich auf den weg zu den beiden Asiaten an der Bar, nur um noch nicht einmal auf halben Wege von besagtem Kellner abgefangen zu werden.

"Ja bitte?", fragte dieser, als würde er allen Ernstes in Erwägung ziehen, Sean noch einen weiteren Drink zu servieren.

"Ich, ehm-" Sean brach unvermittelt ab als er den unverhohlen feindseligen Blick bemerkte, den ihm die junge Kellnerin an der Bar entgegenwarf. Offensichtlich hatte ich ihr ein Date versaut, dachte sich Sean schuldbewußt. Oder schlimmeres.

Der junge Kellner blinzelte etwas verunsichert ob Seans plötzlichem Schweigen, folgte dann aber seinem Blick. Kaum hatte die Kellnerin bemerkt, daß er sie beobachtete, versuchte sie zuerst, einen vage höflichen Gesichtsausdruck aufzusetzen, was ihr irgendwie ziemlich mißlang. Anscheinend konnten auch Thailänderinnen ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr auf Kommando lächeln, was sie in Seans Augen wesentlich menschlicher machte.
Der junge Mann schnappte eine kurze, überraschend scharfe Bemerkung in ihre Richtung, anscheinen auf Thai, da Sean kein Wort verstand. Die zierliche Dame erwiderte ebenso hitzig und allem Anschein nach sehr undamenhaft, da der Kellner errötete und sich beinahe reflexhaft entschuldigend in Seans Richtung verneigte, nur um sich zügig an die Seite seiner offensichtlich überaus übellaunigen Kollegin zu begeben.

Die beiden wechselten einige Sätze auf Ihrer Muttersprache, und abgesehen von einigen tödlichen Blicken der jungen Dame verstand Sean nicht im Entferntesten, worum es ging.

Dann schließlich, mit einer finalen, recht allgemein klingenden Bemerkung und einer deutenden Kopfbewegung in Seans Richtung, schnappte sich die Kellnerin einen Mantel, der neben Ihr auf einem Barhocker gelegen hatte, funkelte Sean noch einmal zornig an und rauschte dann hoheitsvoll aus dem Lokal.

"Sorry," sagte der junge Mann mit einem Schulterzucken. "Kommen Ihre Frenunde bald?"

"Nein, leider nicht. Das kann isch nur noch um Stunden handeln." Sean zeigte auf die Tür in seinem Rücken, durch die die Kellnerin verschwunden war. "Habe ich ihr ein Date versaut?", fragte er schuldbewusst.

"Sprechen Sie Thai?", erwiderte der Kellner mit so echter Überraschung, daß Sean lauthals lachen mußte.

"Nein, das nicht," erwiderte er immer noch lachend. "Aber ich war zweimal verheiratet."

"Oh-", sagte der junge Mann nur und wandte sich wieder der Bar zu, anscheinend, um nicht zu zeigen, wie seltsam er die ganze Situation fand.

"Es tut mir wirklich leid, daß Sie meinetwegen warten müssen," sagte der Schauspieler als er sich neben den Kellner an einen der Bambus-Barhocker lehnte. "Ich hoffe, ich habe ihnen nicht auch einen solchen Ärger gemacht."

"Nein, ist schon OK." Der junge Mann sah zu Sean auf und lächelte. "Abgesehen davon, daß ich heute alleine den ganzen Laden werde putzen können."

"Oh-" Diesmal war es an Sean, einen Moment lang betreten zu schweigen. Dann, als würde er einer plötzlichen Idee folgen, schlug er vor: "Kann ich Ihnen denn helfen? Ich meine - ich habe auch nichts besseres zu tun."

"Wirklich?" Der junge Mann schien ehrlich von Seans Vorschlag angetan zu sein. "Das wäre sehr ... nett."

"Klar doch. Schließlich ist es ja zum Teil meine Schuld, daß Sie hier warten müssen."

"Eigentlich dachte ich, es wäre die Schuld unseres Kartenlesers..."

"Ist ja auch egal," sagte Sean mit einem breiten Grinsen und streckte seine Hand aus. "Ich bin übrigens Sean."

"Freut mich!", sagte der junge Mann und schüttelte die ihm angebotene Hand. Dann legte er seine Hände flach vor der Stirn zusammen, verneigte sich knapp und sagte: "Kim Loy-Kee, mein Name."

"Emm - und was davon ist vor oder Nachmame? Wie soll ich dich nennen?"

Der Kellner lächelte breit und rollte mit seinen perfektem Knopfaugen. "Europäer sind auch alle gleich... Du kannst mich Loki nennen, das machen meine Kumpels an der Schule auch."

SCHULE? Ein heißkalter Schauer perlte Seans Rücken heruntern, und bevor er sich auf die zunge beißen konnte, hörte er sich überrascht fragen: "Schule? Wie alt bist du denn?"

Anstatt ob der Unhöflichkeit pikiert zu sein, grinste Loki schief und erwiderte rätselhaft: "Alt genug."

Als Sean daraufhin mit großen Augen verzweifelt versuchte, sein stehengebliebenes Herz wieder in Gang zu bekommen, lachte der junge Kellner hell auf. Er drückte dem Schauspieler ein großes Tablett in die Hand, ließ aber nicht sofort loß, als Sean danach griff. "Keine Panik," sagte er leise. "Berufsschule." Als Sean daraufhin erleichtert ausatmete, grinste Loki breit und fügte freundlich und sehr bestimmt hinzu: "Du kannst ja schon mal die Aschenbecher von den Tischen räumen. Sean."

Seinen eigenen Namen mit dem leichten Akzent ausgesprochen zu höre, jagte sean einen kleinen, wohligen Schauer über den Rücken. Vielleicht lief da ja doch noch was...

Für eine Weile arbeiteten die beiden schweigsam in dem Lokal, wischten Tische ab, leerten Aschenbecher aus und versorgten die Fische im Aquarium. Sean war sich sicher, daß 'Loki' mit Sicherheit nicht ganz so unschuldig war, wie sein blankäugiges Äußeres hatten vermuten lassen, denn hin und wieder hatte der junge Kellner ihm Blicke zugeworfen. Na ja, DIESE Blicke halt. Hatte hungrige Augen gemacht.
Obwohl das natürlich auch nur Halluzinationen aufgrund von Müdigkeit und Wunschdenken hätten sein können, wie eine sarkastische Stimme in Seans Hinterkopf bemerkte.

"Halt's Maul." Sean hatte nicht die geringste Lust, sich seinen 'Urlaubsflirt' von solchen lächerlichen Bedenken kaputtmachen zu lassen.

Gerade war der Schauspieler dabei, eine der Fußgruben unter den flachen Tischen auszusaugen, als sein Handy erneut klingelte.

"Ja?"

"Osiris hier!", tönte es auf der anderen Seite. "Ich bin in zehn Minuten bei dir und löse dich aus! Na, wie klingt das?"

Sean warf einen Blick über seine Schulter, um sicherzugehen daß Loki gerade nicht in Hörweite war, dann antwortete er leise: "Scheiße klingt das!"

"Was?" Osiris klang eindeutig verwirrt. "Bist du sauer weil du so lange warten mußtest? Ich schwöre dir, ich -"

"Kannst du nicht so in - sagen wir - zwei Stunden kommen?", flüsterte Sean in das Gerät. "Mir zuliebe?"

"Bitte? Wieso - oh." Osiris schwieg einen Moment, nur um dann mit einem deutlich hörbaren, dreckigen Grinsen fortzufahren. "Nur unter einer Bedingung."

"Und die wäre?"

"Du erzählst mir nachher jedes einzelne dreckige Detail."

"Perverser Drecksack."

"Ich wußte, wir verstehen uns...."

"Also zwei Stunden? Nein, mach lieber drei..."

Osiris lachte, nur um dann mit einem leisen Fluch abzubrechen. "Mist. Da stimmt was nicht mit der Lichtmaschine. Ich fahr am besten mal die nächste Tankstelle an, das kann mich die eine oder andere Stunde kosten."

"Danke, Kumpel," erwiderte Sean grinsend. "Ich schulde dir was."

"Nicht mehr als eine detailreche Beschreibung. Viel Spaß!"

"Sicher." Langsam, fast genußvoll, legte der Schauspieler auf.

"Ist alles in Ordnung?", fragte plötzlich jemand wenige Schritte neben ihm, und Sean fuhr vage schuldbewusst herum. Loki stand da, auf einen Besen gestützt, sein federfeines schwarzes Haar ein wenig durcheinander, die ersten Knöpfte seines bestickten Hemdes geöffnet und alles im allem ein Anblick als würde er für einen dieser ganz speziellen Kalender Modell stehen.

"Äh - ja. Nein. Eigentlich - " Sean brach ab als er bemerkte, was er da für einen Stuss zusammenquatschte. "Mein kumpel hat jetzt auch noch eine Panne. Ich weiß echt nicht, wie lange das noch dauern wird."

"Ach du liebes bißchen." Loki sah nicht wirklich enttäuscht oder verärgert aus. "Und was machen wir jetzt? Mit dem Putzen sind wir so gut wie fertig..."

"Ich weiß auch nicht so richtig... ", begann Sean vorsichtig, brach dann aber ab als der junge Mann die paar Stufen zu ihm heraufstieg und sich frontal vor ihm auf den niedrigen Tisch setzte.
Vor dem Tisch kniend blickte Sean jetzt genau auf den ersten geöffneten Knopf von Lokis Hemd, und der Schauspieler fühlte, wie ihm heiß wurde.

"Was hälst du davon, wenn wir uns die Zeit bis dahin mit etwas Angenehmeren als Putzen verbringen?", fragte der Kellner mit einem vielversprechenden Unterton und schlang dabei seine Beine um Seans Oberkörper. Mit sanftem Nachdruck zog er den älteren Mann an sich heran und strich ihm eine imaginäre Haarstäne aus dem Gesicht. Für einen Moment sah es so aus, als wollte er noch etwas sagen, dann beugte er sich vor und küßte Sean zärtlich auf den Mund.
"Küssem zum Beispiel?"

Sean holte tief Luft und begann ohne viel nachzudenken, Lokis Hemd weiter aufzuknöpfen. "Nur küssen?", fragte er spielerisch.

"Nicht notwendigerweise. Diese Tische sind... sehr einladend. Bei vielen Gelegenheiten."

Wieder küßten sich sie beiden Männer, diesmal länger, leidenschaftlicher. Es würde eindeutig nicht beim Küssen bleiben.

"Du bist wirklich alles andere als schüchtern", bemerkte Sean etwas platt, als sie sich für einen kurzen Moment voneinander trennten.

Loki lachte leise und zog Sean erneut zu sich heran- "Ist dir schon einmal aufgefallen, daß fast alle Gerichte der thailändischen Küche süß und scharf sind?"

"Bitte?" Sean fühlte sich etwas verwirrt, was aber auch daran liegen konnte, daß sein Blut gerade nicht wirklich in seinem Kopf arbeitete.

"Süß und scharf. Das scheint so etwas wie unser Nationalmotto zu sein." Loki mußte ob dieses dümmlichen vergleiches selber gigglen. "Und ich glaube, ich werde dich jetzt vernaschen..."

"Du wärst der erste Nachtisch, der mich vernascht..."

Beide Männer lachten erneut, nur um sich kurz darauf wieder eng umschlungen zu küssen.

Hoffentlich läßt sich Osiris mit dem Geld wirklich LANGE Zeit, dachte Sean, als er von Loki mit sanfter Gewalt vornüber auf den Tisch gezogen wurde. Und diese Tische sind wirklich... einladend....

 

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