"Mutter"
von Osiris Brackhaus
- Sommer 2043, in den Trümmern einer namenlosen Kleinstadt, südöstlich von NoviPazar -
In einem toten Farbton zwischen sandfarben und staubgrau ragten die Gerippe
der ausgebrannten Wohnhäuser in den erbarmungslosen, blaßblauen
Augusthimmel. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet, und der ständige
Wind wehte den Staub wie ein Leichentuch über alles, was die Menschen
auf ihrer Flucht hier zurückgelassen haben.
Vor Jahren hatte hier ein Krieg getobt. Soldaten und Söldner verschiedenster
Regierungen, Religionen und Rebellengruppen hatten versucht, sich gegenseitig
auszurotten. Heute weiß keiner mehr, wer gekämpft hatte, wer gestorben
ist und wer letztendlich gewonnen hat.
Dies war verlorenes Land, tot, verlassen von seiner Bevölkerung
und vergessen von denen, die es möglicherweise ihr Eigen nennen. Hin
und wieder rankten sich kränkliche Pflanzen um Autowracks oder Gebäudereste
– dort, wo die Natur versuchte, wieder Fuß zu fassen.
Während der Kriege waren viele Arten von Waffen zum Einsatz gekommen...
und über die meisten davon schweigen heute alle Seiten aus politischen
Gründen.
Die wenigen Menschen, die damals nicht fliehen konnten, wissen nur, daß Krankheiten in den ersten Jahren an der Tagesordnung waren; Krankheiten, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte und die auch niemand heilen konnte. Kaum ein Mensch lebte hier noch, und diejenigen, die es bis jetzt weder geschafft hatten zu sterben noch zu fliehen mußten feststellen, daß ihr Getreide nicht mehr tragen wollte, daß die Pflanzen krankten und selbst die Wälder keine Nahrung und noch weniger Schutz boten.
Denn zusätzlich zum allgegenwärtigen Hunger, der
Einsamkeit und der Hoffnungslosigkeit, kamen die Monster.
Die Monster, so nannten die Zurückgebliebenen die Wesen, die in den Wälder
lauerten und versuchten, die wenigen Überlebenden zu überfallen,
auszurauben oder einfach nur zu fressen – und nicht alle von ihnen waren
menschlich.
Einige von ihnen waren einfach marodierende Söldner, mit Keulen und Säbeln
bewaffnet und nach dem Krieg nicht mehr in der Lage, daß Niemandsland
zu verlassen. Andere wiederum waren möglicherweise mal menschlich gewesen,
jetzt aber waren ihre Körper entstellt, manche waren fähiger als
je ein einfacher Mensch gewesen war, wieder andere nur noch groteske Krüppel.
Keiner konnte erklären, was ihre Veränderungen ausgelöst hatte,
aber sie alle waren unterwegs, um zu töten.
*
Heute war es eine junge Frau, ein kleines Kind auf dem Arm,
ein anderes an der Hand hinter sich her reißend, die die Aufmerksamkeit
einer solchen Räuberbande auf sich gezogen hatte. Verzweifelt versuchte
sie, sich zwischen den Schuttbergen und Gebäuderesten vor ihren Verfolgern
zu verstecken, Angst, Hilflosigkeit und Erschöpfung deutlich in ihr ausgezehrtes
Gesicht geschrieben.
Ihre Verfolger waren eine Horde verkommener Soldaten, die Uniformen zerrissen
und mit gefundenen Kleidungsstücken ersetzt, ausgehungert, verzweifelt
und gierig – Gierig nach der Nahrung, die die Kinder versprachen, gierig
und fast besinnungslos vor Verlangen nach dem Vergnügen, daß die
Frau versprach.
Hinter einem Mauervorsprung versteckt, nutzte die junge Mutter den Moment,
um Luft zu holen. Als das dreijährige Kind auf ihrem Arm leise anfing
zu weinen, wies sie es mit einem scharfen Flüstern zurecht. Sie durfte
nicht in die Hände dieser Soldaten fallen, um keinen Preis in der Welt.
Ihre beiden Söhne wären nicht die ersten Kinder, die hier im Kochtopf
gelandet wären.
Die Menschen hier waren zu Tieren geworden – entweder,
sie jagten, um zu überleben, oder sie wurden gejagt. Die junge Frau gehörte
zur letzteren Art, und Jurij und Dragan, ihre Kinder, hatten seit ihrer Geburt
nichts anderes als die Flucht gekannt.
Noch vor wenigen Wochen war es anders gewesen. Damals war ihr Mann Stanis
noch bei ihnen gewesen, hatte mit ihnen um Nahrung gekämpft und versucht,
in den harten Wintermonaten einen Unterschlupf zu finden. Aber Stanis war
vor einem guten Monat einem Heckenschützen zum Opfer gefallen. Einem
Irren, der Stanis nur getötet hatte, weil er 'seine' Straße betreten
hatte. Der Frau kam alles nur noch wie ein unwirklicher, unnötig grausamer
Alptraum vor.
*
Ein plötzliches Geräusch ließ die junge Mutter
herumfahren – hinter ihr, die faulen Zähne in einem tierhaften
Grinsen entblößt, stand einer der Soldaten, der sich von hinten
angeschlichen hatte.
Ohne zu zögern nahm die Frau ihr jüngstes Kind und drückte
es ihrem Erstgeborenen in den Arm. Der Soldat gab ein meckerndes, leises Lachen
von sich, das Gesicht zu einer blöden Fratze verzerrt.
"Hab' ich dich, du kleine Wildkatze", zischte er und ging geduckt
auf die Frau zu. "Wenn du leise bleibst, während ich meinen Spaß
mit die habe, laß' ich dich nachher wieder gehen..."
Die junge Frau stand auf und stellte ihre beiden Kinder beschützend
hinter sich.
"Wag' es.."
Jahre des Überlebenskampfes hatten ihre Spuren hinterlassen, und die
Frau wartete in geduckter Haltung auf einen Angriff – der Soldat mochte
stärker und besser ausgebildet sein, aber er würde sie nicht ohne
Kampf bekommen.
"Dragan, geh' und versteck' dich. Ich hole euch nachher ab, wenn wir in Sicherheit sind."
Zögernd ging der Junge, seinen dreijährigen Bruder an der Hand, ein paar Schritte zurück an die Wand, weg vom Soldaten und seiner Mutter.
"Glaub' ja nicht, daß wir die Kleinen gehen lassen.
Endlich Fleisch genug für uns alle –", brachte der Soldat
noch hervor, bis ihm ein wohlgezielter Tritt der jungen Frau den Satz abschnitt.
Und dann brach die Hölle los.
Plötzlich waren Soldaten überall, von der Straße, von oben,
auf den leeren Fensterhöhlen der ausgebrannten Gebäude, überall
stinkende, gierige, kaum noch menschliche Gestalten.
"Dragan", rief die Mutter, mittlerweile von drei
der zerlumpten Gestalten in eine Ecke gedrängt. "Dragan, nimm Jurij
und versteckt Euch."
Lautes Gelächter der Soldaten antwortete ihr darauf, aber keiner achtete
in diesem Moment wirklich auf die beiden Kinder. Der Blick auf ihre Mutter
war jetzt völlig von einer Traube vage uniformierter Gestalten verstellt.
"Lauf, Dragan! LAUF!"
Dragan zerrte seinen kleinen Bruder mit sich, und es gelang den beiden, sich in einem fast völlig verschütteten Kellerloch zu verstecken, in das ihnen keiner der Soldaten folgen konnte.
*
Tage später trieb der Hunger die beiden Jungen wieder aus ihrem Versteck, und sie machten sich auf die Suche nach ihrer Mutter. In der Gasse, in der sie sie das letzte Mal gesehen hatten, fanden sie nur noch das goldene Granatkreuz ihrer Mutter, das sie bei dem Kampf verloren hatte. Nachdem sie einige Zeit hilflos in der Gasse gewartet hatten, nahm Dragan das Kreuz an sich und die beiden machten sich alleine auf die Suche nach etwas zu Essen.
- Januar 2050, eine andere namenlose Kleinstadt, südlich von NoviPazar
-
Jurij wachte auf, als ein schneidender Schmerz durch sein
linkes Bein fuhr.
Er hatte sich zusammen mit den anderen im Keller eines zerstörten Gebäudes
ein Winterquartier eingerichtet, weil es hier noch eine vollständige
Decke gab. Die anderen, das waren sein Bruder Dragan und dessen Freundin;
die Zwillinge Masha und Mila, insgesamt fast ein Dutzend Kinder, die versuchten,
sich alleine im Niemandsland durchzuschlagen. Viele hatten, wie er und Dragan,
ihre Eltern verloren, andere waren ausgesetzt worden, und wieder andere sprachen
einfach nicht darüber.
Dragan war der älteste von ihnen und so etwas wie der Häuptling ihres kleinen Stammes. Er war schon vierzehn und hatte sogar schon eine Freundin. Sie hatten nicht viel, und es kam immer wieder vor, daß einer von ihnen auf der Strecke blieb – sei es wegen Hunger oder Kälte oder den Monstern oder auch einfach nur wegen einer bescheuerten Tretmine. Aber alles in allem hielten sie sich ganz gut, und mit etwas Glück würden sie es auch über diesen Winter schaffen.
Jurij lag auf dem Bauch und versuchte, durch den Nebel des Schmerzes hindurch zu verstehen, warum er sich nicht bewegen konnte und warum er nichts sah. Das Feuer hätte die ganze Nacht über brennen sollen, aber jetzt war es kalt und dunkel. Jurij versuchte, sich umzudrehen, aber die Schmerzen in seinem Bein hinderten ihn daran. Er versuchte, tief Luft zu holen und sich zu konzentrieren, aber etwas Warmes, Schleimiges bedeckte sein Gesicht, seinen Kopf, floß seinen Nacken entlang und bedeckte fingerhoch sein Kopfkissen und hinderte ihn am atmen.
Verkrampft hustend versuchte er, das schleimige Zeug aus seinen Atemwegen zu kriegen – aber dabei wallten wieder die Schmerzen in seinem Bein auf. Fast bewußtlos und völlig entkräftet brach er zusammen.
*
In den letzten Nächten hatte er öfter von seiner
Mutter geträumt. Von seiner Mutter und den Müttern der anderen Kinder,
die zu seiner neuen Familie gehörten. Seine Mutter hatte ihm gesagt,
wie sehr sie ihn vermißte, und wie sehr sie es bedauerte, sich nicht
mehr um ihn kümmern zu können.
Jurij mochte diese Träume. Mutter war darin immer freundlich und entspannt.
Und sie hatte niemals Angst und sie war nie erschöpft oder müde
oder hungrig. Mutter wußte immer, wie sie ihn wieder aufbauen konnte.
Aber sie hatte ihm auch gesagt, daß die anderen Kinder
auch Mütter brauchten. Jeder brauchte eine Mutter. Und die anderen Kinder
hatten keine mehr. Und selbst Dragan bräuchte jemanden, der sich um ihn
kümmerte, hatten sie gesagt.
Jurij müsse sich jetzt um die Kinder kümmern, und seine Mutter und
die der anderen Kinder würden ihm dabei helfen. Die Kinder brauchten
ihn.
Er mußte stark genug sein, damit die andern Kinder sich an ihn anlehnen
konnten. Er war verantwortlich. Sie waren alleine, niemand würde ihnen
helfen. Es sei denn, er raffte sich auf und half den Kinder aus eigener Kraft.
Und sie brauchten ihn.
JETZT.
*
Hustend schlug Jurij wieder die Augen auf. Sein linkes Knie
pochte wie wahnsinnig, aber irgendwie drang der Schmerz nicht mehr ganz bis
zu ihm vor. Die andern brauchten ihn, er durfte jetzt nicht einfach aufgeben,
hämmerte es in seinem Kopf.
Vage erkannte er jetzt Schemen in der Dunkelheit vor sich. Die Decken, unter
denen sich die Kinder für die Nacht vergraben hatten, lagen in einem
chaotischen Haufen auf dem Fußboden, dazwischen Schnee und Geröll.
Das Feuer, vom Schnee fast verschüttet, brannte nur noch mit einer kleinen,
sterbenden Flamme.
Noch während Jurij sich fragte, wie dieser ganze Schnee
in den Keller gekommen war, drangen verschiedene Geräusche in sein Bewußtsein.
Zum einen das Schreien eines Babys, zum anderen das leise rutschende Geräusch
von Schneemassen, die langsam ineinander sackten und darunter, fast versteckt,
das Ächzen überbeanspruchtem Materials.
Sein nächster Atemzug brachte ihm wieder hustend dieses schleimige Zeug
in Erinnerung, das seinen Kopf und sein Kissen so großzügig bedeckte.
Jetzt, wo er wieder klarer Denken konnte, erkannte er schnell, daß es
sich dabei um Blut handelte, Blut, das mit Erbrochenem und etwas anderem,
undefinierbaren vermischt war.
Angewidert versuchte er, sich von seinem Lager fortzuziehen,
und tatsächlich gelang es ihm, sein linkes Bein aus seiner Lage zu befreien.
Sekunden später brandete eine neue Welle von Schmerzen durch seinen Körper,
als ihm bewußt wurde, wie schwer er verletzt sein mußte.
Es gelang, ihm sich aufzusetzen, und zum ersten Mal konnte er erkennen, was
eigentlich geschehen war.
Ein großer Teil der Kellerdecke war unter den darauf liegenden Schneemassen
zusammengebrochen und hatte den gesamte linken Teil des Raumes unter sich
begraben, den Teil, in dem nur noch Dragan und seine Freundin gelegen hatten
–
Bei dem Gedanken an seinen großen Bruder machte sich
Panik in Jurij breit und er drehte sich langsam in die Richtung, in der sein
Bruder gelegen hatte.
Direkt neben Jurijs Lager war eine schwere Betonplatte zu Boden gefallen,
und unter ihr quoll dieser Brei heraus, der auch Jurijs Gesicht bedeckte.
Etwa auf Höhe des Kopfendes von Jurijs Lager konnte er noch vage den
Kopf seines Bruders erkennen, von Schnee bedeckt und anscheinen ohne erkennbaren
Körper dahinter.
Nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, beobachtete Jurij, wie
der immer dichter werdende Schnee auf Dragans Gesicht sich immer mehr mit
der roten Flüssigkeit vollsog, die den Boden um die Unglücksstelle
herum bedeckte.
Erst ein erneutes Schreien des Babys, das er vorher schon wahrgenommen hatte,
riß ihn aus seiner morbiden Betrachtung. Jurij hätte nie gedacht,
daß ein Mensch so ... so viel Flüssigkeit enthalten konnte.
Der Junge versuchte verzweifelt mit der Tatsache klarzukommen, daß sein
Bruder tot war. Dragan hatte immer gewußt, was zu tun war, er hatte
ihm immer gesagt, was er jetzt machen sollte. Jetzt war er tot, und der Schleim,
der einmal seine Innerereien gewesen war, gefror bereit an einigen Stellen
in der eiskalten Nachtluft.
Wieder schrie das Baby, und diesmal gelang es Jurij, sich von der Leiche seines Bruders loszureißen. Dragan war nicht mehr da, also mußte er sich um die Kinder kümmern.
Selbst Mutter hatte es ihm gesagt.
Jurij schloß die Augen und umklammerte mit seiner rechten Hand das Granatkreuz seiner Mutter, das Dragan ihm noch vor wenigen Tagen geschenkt hatte. 'Damit du dich nicht so einsam fühlst', hatte er damals gesagt. Ha! Er hätte das Kreuz behalten sollen und dafür jetzt nicht zermatscht unter dieser Betonplatte liegen sollen.
Mit schier unmenschlicher Anstrengung biß Jurij die Zähne zusammen und zwang sich auf sein gesundes Bein. Eine Ewigkeit und vier schmerzhafte Schritte später stand er in einer Ecke des Raumes, über ein Bündel in verwaschenen rosa Decken gebeugt, und schnappte erschöpft nach Luft. Jurij blinzelte nur träge, als wenige Meter neben ihm ein weiteres Stück der Decke nachgab und neue Schneemassen des Raum füllten.
Die Kinder brauchten ihn. Dragan war tot, und ihre Mütter konnten ihnen nicht helfen. Er hatte jetzt kein Recht, einfach aufzugeben.
Mit verbissenem Gesicht nahm er den kleinen Säugling
auf und humpelte langsam in Richtung Ausgang.
Sie hatten das Kind vor ein paar Tagen bei seinen Eltern in einer alten Scheune
gefunden. Die Frau war schwer verletzt gewesen, und er war offensichtlich
über Nacht erfroren. Die Mutter hatte die nächsten Tage nicht überlebt,
und Dragan und die anderen hatten den Säugling als einen der ihren aufgenommen.
Sie hatten sie Esperanza getauft. 'Hoffnung', wie Dragan gesagt hatte.
Jurij hatte mit dem schreienden, kleinen Bündel auf seinem Arm kaum den Keller verlassen, als hinter ihm der Rest der Decke nachgab und auch das letzte Feuer unter Schneemassen erstickte.
- März 2051, in den Ruinen von NoviPazar -
Endlich war der Frühling gekommen. Langsam taute der allgegenwärtige Schnee und hin und wieder gab es Nächte ohne Frost. Alle wußten, daß sie das Schlimmste des Winters überstanden hatten, und dementsprechend besserte sich die Laune in der kleinen Gemeinschaft zusehends.
Jurij stand unter dem Vordach von Danyas kleiner Hütte
und sah Mila und Masha nach, die zusammen mit einigen von den Jungs loszogen,
um in den Kellern der Stadt nach Vorräten von vor dem Krieg zu suchen.
Der Job war nicht ungefährlich, aber die Kinder hatten Übung.
Seit letzen Frühjahr war Jurijs kleine Familie stetig gewachsen, und
jetzt waren sie fast ein Dutzend Kinder, die sich mehr schlecht als recht
durchs Leben schlugen.
Das Essen war immer noch knapp, der Winter hart und erbarmungslos, aber wenigstens
waren sie nicht mehr so alleine.
Während die Gruppe auf Nahrungssuche zwischen den Ruinen
der Stadt verschwand, dachte Jurij unruhig an die Ereignisse, die sich vor
nicht ganz zwei Wochen auf einem ganz ähnlichen Streifzug ereignet hatten.
Er war mit Waclav, Rabo und den Zwillingen unterwegs gewesen, und sie hatten
tatsächlich in einer zerbombten Ruine einen ganzen Stapel unbeschädigte
Konservendosen gefunden. Die waren zwar verbeult und steinhart gefroren gewesen,
aber alle waren sie unbeschädigt und hatten anscheinen kein einziges
Mal im Feuer gelegen. Überglücklich über den unerwarteten Reichtum
hatten sie die Dosen in ihre Mäntel gewickelt und hatten sich im Laufschritt
auf den Weg zurück zu Danyas Hütte gemacht.
Wahrscheinlich waren sie einfach nicht vorsichtig genug gewesen, denn schon
nach wenigen hundert Metern verstellte ihnen in einer Gasse eine große,
klobige Gestalt mit einem übel aussehenden Säbel den Weg. Der Kerl
grunzte etwas in einer unidentifizierbaren Sprache, aber Jurij brauchte auch
keine Übersetzung, um zu wissen, was der Mann wollte.
Nahrung.
Der Winter war hart, und zerstört und geschunden, wie die Natur hier
war, waren Nahrungsmittel eine seltene Kostbarkeit.
Bevor der Typ seine Absichten mit seiner Waffe erläutern konnte, schlug Jurij mit seinem Geist nach ihm. Er war zwar nur ein kleiner Junge mit viel zu wenig Fleisch auf den Knochen, spitzen Ohren und viel zu großen unteren Eckzähnen, aber ganz wehrlos war er auch nicht.
*
MUTTER hatte ihm ein paar Tricks gezeigt, damit er besser
für die anderen sorgen konnte, auch wenn er kaum älter war als die
anderen.
Zuerst hatte er nur gelernt, wie er Wunden nur mit der Kraft seines Geistes
heilen konnte, aber auch das war schon ein unglaubliches Geschenk. Jetzt bedeutete
ein versteckter Heckenschütze nicht mehr zwangsläufig den Tod für
ein Kind, und auch Opfer der verfluchten Tretminen waren jetzt nicht mehr
ganz hoffnungslose Fälle. MUTTER hatte ihm den Weg gezeigt, und seitdem
hatte er mehr und mehr Menschen retten können.
Aber Angriff war immer noch die beste Verteidigung. MUTTER hatte es ihm erklärt. Schlag die Schweine, bevor sie dich schlagen.
*
Wie bereits einige Male zuvor versuchte Jurij, dem Angreifer einzureden, vor lauter Gestank nicht mehr atmen zu können. Das brachte zwar nicht viel, aber es hatte ihnen bis jetzt immer eine Chance zur Flucht gegeben. Es war für Jurij immer eine grimmige Freude, wenn er sah, wie sich diese großen gefährlichen Typen würgend im Schnee wanden. MUTTER wußte schon, wie man sich am besten half.
Aber aus einem unerfindlichen Grund gelang es Jurij diesmal
nicht, den Geist des Angreifers zu erreichen. Irgend etwas schien ihn einfach
unempfindlich gegen diesen Trick zu machen.
Als die in Lumpen gehüllte Gestalt bedrohlich grunzend auf seine Gruppe
zukam, machte sich in Jurijs Bauch beginnende Panik breit. MUTTER hatte ihm
nur diesen einen Trick gezeigt, um sich zu wehren. Was sollte jetzt werden?
Sein linkes Knie war seit der Nacht, in der Dragan gestorben
war, steif geblieben, und er war alles andere als ein geschickter Läufer.
Und Kämpfen? Sie waren nur fünf Kinder, davon zwei achtjährige
Mädchen. Gegen einen erwachsenen Mann hatten sie kaum Chancen, und er
konnte es nicht riskieren, daß eins der Kinder verletzt wurde.
Pagos kaum unterdrückter Schrei ließ Jurij herumfahren.
Hinter Pago, der das Schlußlicht der Gruppe gebildet hatte, hatte sich
eine weitere, in Lumpen gehüllte Gestalt aufgebaut. Zwar war diese zweite
Person schmaler als die erste und nur mit einem Knüppel bewaffnet, aber
Jurij fühlte, wie ihn die Hoffnung verließ.
Vielleicht würden sie es überleben, wenn sie den beiden die Konserven
überließen. Sie müßten zwar in den nächsten Wochen
die Gürtel noch enger schnallen als sonst, aber wenigstens würde
es ohne Blutvergießen abgehen...
Noch während er darüber nachdachte, einfach die Waffen zu strecken, erkannte Jurij, wie sinnlos dieser Gedanke war. Niemand hier würde sich die Gelegenheit entgehen lassen, eine derartige Menge frischer Nahrung einfach laufen zu lassen. Zumindest nicht, wenn man sie so einfach in die Enge treiben konnte.
Der Kerl mit dem Säbel hatte sich mittlerweile bis auf
wenige Schritte an Masha herangemacht und begann, an ihrem improvisierten
Beutel mit den gefrorenen Konservendosen zu zerren. Masha versuchte zwar,
ihren Mantel festzuhalten, aber das Mädchen hatte keine Chance gegen
die brutale Kraft des Kerl vor ihr.
Mit wenigen Handgriffen hatte er ihr das Bündel abgerungen und als dann
eine ganze Hand voll glänzender Konservendosen aus dem Mantel in den
Schnee purzelten, lachte er grunzend.
Masha, mit tränenüberströmten Gesicht, drehte sich mit großen
Augen zu Jurij um und sah ihn hilfesuchend an.
Einen Moment starrte Jurij noch ratlos in die hungergroßen, traurigen Kinderaugen, als ihn wie eine Ohrfeige die Stimme von MUTTER in seine Unentschlossenheit fuhr.
Und sie hatte Recht. Wie immer.
Es war völlig egal, ob sie jetzt und hier kämpfend starben oder
später im Kochtopf dieser stinkenden Vagabunden.
Aber er war für diese Kinder verantwortlich. Ohne Ausrede, ohne Wenn
und Aber.
Und selbst wenn er nicht den Hauch einer Chance hatte, mußte er versuchen,
sie hier heraus zu hauen. Er mußte sie beschützen. Und wenn nötig,
auch mit seinem Leben.
Die Kinder waren jetzt wichtig. Angst haben konnte er später; alleine.
Wenn er sich aufgab, würde er die Kinder aufgeben. Und das durfte nie
geschehen.
NIEMALS.
Mit einem fast hysterisch zornigem Schrei, der selbst die anderen Kinder erschreckte,
warf sich Jurij in Richtung der Typen mit dem Säbel. Ohne tatsächlich
darüber nachzudenken, holte er mit den in eine Decke gewickelten, gefrorenen
Konservendosen aus und schlug mit aller Wucht nach dem Angreifer.
Der hatte seine Aufmerksamkeit anscheinend noch auf die Nahrung auf dem Boden
gerichtet, den Jurijs Schlag traf ihn ohne jede Warnung. Aufkeuchend machte
der Kerl benommen einen Schritt nach hinten, blinzelnd, als könne er
nicht begreifen, was da geschehen war.
Ein zweiter Schlag von Jurij traf nur noch seine Beine, aber der Marodeur
konnte sein Gleichgewicht wahren und ergriff die Gelegenheit, das kleine Wiesel
vor ihn anzugreifen.
Es gelang ihm, Jurij im Gesicht zu treffen, aber im Gegenzug traf der seinen
Waffenarm so glücklich, das der Säbel mit einem scheppernden Geräusch
zu Boden fiel.
Langsam begriffen auch die anderen, was geschah. Und währen
Jurij noch einen weiteren Schlag in die Magengrube seines Angreifers anbringen
konnte, entschlossen sich die anderen, auch in den Kampf einzugreifen.
Die Gestalt mit dem Knüppel stand wie versteinert auf ihrer Seite des
Geschehens, als wäre die Wendung des Geschehens einfach zu viel für
sie.
Jurij hatte bei seinem letzten Schlag ein Ende seiner Decke
aus der Hand verloren, und bei seinem erneuten Schlag warf er lediglich die
Konservendosen in einem glitzernden Bogen durch die Luft. Sein Angreifer nutze
die Gelegenheit sofort, und sein Schlag streckte Jurij benommen auf den Boden.
Doch bevor der Kerl einen weiteren Schlag anbringen konnte, traf ihn eine
geworfene, steinhart gefrorene Konservendose von Pago mittig zwischen die
Augen. Mit einem überraschten Grunzen ging der Kerl auf die Knie, aber
noch immer zu starrsinnig, als das er das Bewußtsein hätte verlieren
können.
Doch diese Verzögerung reichte für Jurij, um wieder auf die Beine
zu kommen. Mit nichts anderem als mit seinem brennenden Zorn und einer Konservendose
bewaffnet, warf er sich auf den Kerl, der vor ihm im Schnee kniete. Nur Momente
später waren auch Masha und Waclav bei ihm, und zu dritt schlugen sie
mit allem, was sie hatten, auf den unkontrolliert um sich schlagenden Kerl
am Boden ein.
Zügig erkannte die Gestalt am anderen Ende der Gasse, daß sich die Szene ganz anders als erwartet entwickelte, und machte sich, ohne auch nur einen Moment länger zu warten, auf die Flucht.
*
Nachdenklich und innerlich immer noch unruhig betastete Jurij die pochende Narbe an seiner Wange.
Menschen sterben entsetzlich langsam, wenn man sie mit Kinderfäusten und Konservendosen töten will.
Die Narbe würde für ihn immer eine Erinnerung daran bleiben. Er hätte sie wahrscheinlich einfach selber heilen können, so, wie MUTTER es ihm beigebracht hatte. Aber das wäre Verschwendung gewesen. Die Wunde war nicht tief und würde gut von alleine heilen. Und andere brauchten seine Kräfte notwendiger.
Jurij starrte noch immer in die Ruinen der Stadt, in denen
die Kinder verschwunden waren, als sich eine Hand sanft auf seine Schulter
legte.
Als er sich umdrehte, sah er in die dunklen und ruhigen Augen von Danya, die
so gar nicht zu ihrem alten, hakennasigem Gesicht passen wollten.
"Komm, Junge", sagte sie, heiser wie immer. "Zeit zum Üben."
Sie hatten Danya vor ein paar Monate getroffen. Sie hatten
ihr bisheriges Winterquartier verlassen müssen, als sich ein Rudel Wölfe
in der Gegend niedergelassen hatte, und waren tagelang in der Gegend herumgeirrt.
Und dann, eines Abends, hatten sie von weitem die Lichter ihn ihrer Hütte
gesehen. Erst hatten sie an eine Falle oder ein Lager der Monster gedacht,
aber als sich die ersten an ihre Hütte herangeschlichen hatten, wurden
sie von einer steinalten Frau begeistert erwartet und wie verlorene Kinder
aufgenommen.
Danya wohnte abseits von der Stadt, und so war das Schlimmste
des Krieges an ihr vorbeigezogen. Sie war nur anfangs ein paar mal ausgeraubt
worden. Sie hatte wirklich Glück gehabt.
Und sie war eine Hexe. Eine echte.
Sie war die erste gewesen, die Jurij erklärt hatte,
daß es noch andere wie ihn gab. Sie hatte noch nie etwas von MUTTER
gehört, aber sie verstand Jurij und konnte ihm zeigen, wie man in die
Geisterwelt gehen konnte und mit Geistern redete. Die Geister hatten ihr geholfen,
ihre Hütte und den Garten instand zu halten, und Jurij freundete sich
schnell mit ihnen an. MUTTER mochte Geister.
Danya wußte auch, wie man Krankheiten heilte, einige jedenfalls. Und
sie konnte gut mit kleinen Kindern umgehen. Esperanza mochte sie sehr.
Jurij war sich sicher, daß MUTTER ihn zu ihr geführt hatte. Danya war klug und konnte ihm gut zeigen, wie er sich um seine Kinder kümmern mußte. Und seit der Szene in der Stadt, als er diesen Mann mit seinen bloßen Händen getötet hatte, versuchte sie jeden Tag, ihm einen Spruch beizubringen, mit dem er sich besser würde helfen können.
Nur konnte sie ihm den Spruch nicht zeigen.
Er wäre zu stark, sagte sie immer. Sie wäre zu alt, und dieser Zauber
würde sie mit Sicherheit töten.
Wenigstens hatten sie mittlerweile einen Weg gefunden, sich
über Magie zu unterhalte. Danya hatte immer mit Kräutern, Blut und
Edelsteinen gearbeitet – Jurij, wenn überhaupt, mit Gebeten.
Aber irgendwie hatten sie es dann letztendlich doch geschafft.
Auf einmal verstand Jurij, was Danya ihm die ganze Zeit über
hatte erklären wollen. Ohne einen weiteren Kommentar wandte er sich dem
einzeln am Waldesrand stehenden Baum zu, der ihnen als Übungsziel diente.
Er konnte seine Aura klar spüren, und diesmal versuchte Jurij nicht wie
sonst, sich einzufühlen.
Statt dessen erinnerte er sich an seinen Zorn, an die Hilflosigkeit und die
Angst in Mashas Augen – Niemand hatte das Recht, sich an seinen Kindern
zu vergreifen, solange er noch in der Lage war, sich zu wehren.
Und vor seinen Augen explodierte der Baum in einer einzigen
riesigen Flammenwolke, die den gesamten Waldrand über viele Meter einhüllte.
Knisternd und brennend fielen die Reste des Baumes zu Boden, und nur noch
das leise Knistern des brennenden Unterholzes war zu hören.
Ein atemloses "Wow!" war alles, was Jurij noch sagen konnte –
dann wickelte sich die Nacht wie eine schwarze Decke um ihn und er kippte
bewußtlos vornüber in den Schnee.
- Januar 2052, am Stadtrand von NoviPazar -
Zum ersten Mal in seinem Leben war Jurij sich sicher, daß
er von dem Eintopf, der in dem großen Kessel vor ihm blubberte, keinen
einzigen Bissen würde essen können.
Er war so hungrig wie selten zuvor, aber so hungrig konnte er gar nicht werden.
Egal, wie verführerisch die reichhaltige Suppe auch duften mochte. Jurij
hätte sich beim besten Willen nicht zwingen können.
*
Milas verweinte Augen weckten ihn aus seinen Gedanken.
"Wird sie wiederkommen?" fragte das Mädchen. Jurij schüttelte
stumm den Kopf. Was hätte er auch antworten sollen?
"Warum ist sie weggelaufen, Stinker? Weißt du das?"
Die Kinder hatten angefangen, ihn 'Stinker' zu nennen –
weil er so ihre Feinde verjagte. Es war so etwas wie ein Ehrentitel, deshalb
hatte Jurij es stillschweigend angenommen.
"Das war so gemein von Masha. Sie hätte mich mitnehmen können."
Beleidigt schob die neunjährige Mila ihre Lippen vor und klammerte sich
an die kleine Lumpenpuppe, die Danya ihr im Sommer genährt hatte.
"Ssh, so etwas sollst du nicht sagen." Hoffentlich ging es Masha
dort besser, wo sie jetzt war. "Hier, Kleine, nimm einen Teller Suppe.
Wir sollten glücklich sein, daß wir so viel zu essen gefunden haben."
Der Gedanke an Essen schien Mila davon abzulenken, daß ihre Zwillingsschwester
verwunden war. Mit großen Augen nahm sie den Teller entgegen und musterte
ehrfürchtig das Fleisch, daß großzügig zwischen den
mageren Gemüseresten schwamm. Begeistert zog sie sich in eine Ecke zurück,
um sich ungestört ihrer kostbaren Mahlzeit zu widmen.
Jurij war sich sicher, das es Masha jetzt besser ging. Sie war jetzt bei MUTTER, und würde endlich wieder in Sicherheit sein. Für Masha war die Flucht endgültig zu Ende.
Stumm seufzend erinnerte sich Jurij an das vergangene Jahr.
Alles hatte so hoffnungsvoll begonnen, und jetzt sah es schlimmer aus als
je zuvor. Danya hatte ihm noch viel beibringen können, aber sie war sehr
alt gewesen. Gegen Ende des Sommers war sie einfach gestorben und hatten ihn
wieder mit seiner Horde halbwüchsiger Kinder alleine gelassen.
MUTTER war ihm immer wieder eine große Hilfe, aber er konnte nicht alles
machen. Im Herbst war Waclav auf eine Mine getreten und auch alle Magie der
Welt hatten seinen zerfetzten Körper nicht wieder heilen können.
Wenigstens hatte er Esperanza helfen können, als sie diesen schlimmen
Husten gehabt hatte.
Aber dann war der Winter gekommen, und mittlerweile hielt
Jurij nur noch mit Mühe seine Fassade aufrecht, um die anderen nicht
zu beunruhigen. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so einen schlimmen
Winter erlebt zu haben, und schon seit November war ihnen kein einziges Tier
mehr in die Fallen gelaufen.
Ihre Vorräte, die sie noch zusammen mit Danya im viel zu kurzen Sommer
angelegt hatten, waren fast aufgebraucht, und noch immer war kein Ende des
eisigen Wetters in Sicht.
Wenigstens hatten die Monster in den Wäldern mit den gleichen Problemen
zu kämpfen, und so waren sie wenigstens zur Zeit relativ sicher. Zwar
waren diejenigen, die es in die Stadt getrieben hatte, verzweifelter als sonst,
aber Jurijs Leute waren deutlich besser in Form. Noch.
Denn der Hunger machte sich bei allen bemerkbar. Zwar versuchte Jurij, die Nahrungsmittel zu strecken, wo immer es ging, aber auch das funktionierte nur eine bestimmte Zeit lang. Und diese Zeit war bald abgelaufen.
Und dann Masha. Sie hatte schon in den letzten Tagen immer
weniger gegessen, aber Jurij war einfach zu müde und zu hungrig gewesen,
als das er es bemerkt hätte.
Erst heute morgen, noch vor Sonnenaufgang, hatte er Schritte im Haus gehört.
Leise, um die anderen nicht zu wecken, hatte er sich aus dem gemeinsamen Schlafzimmer
geschlichen.
Sie teilten sich Danyas winzigen Wohnraum mit allen zehn Kindern, damit sie
nachts wenigstens ihre Körperwärme hatten.
Draußen, unter dem kleinen Vordach, hatte er sie dann gefunden. Blaß
und kalt, wie ein frisch geschlüpfter Vogel, der aus dem Nest gefallen
war, stand Masha da, barfuß und nur mit einem dünnen, fadenscheinigen
Nachthemdchen bekleidet. Sie zitterte am ganzen Körper, und als Jurij
neben sie eilte und sie in den Arm nahm, hatte sie nicht einmal mehr die Kraft,
sich auf den Beinen zu halten.
Entsetzt erkannte Jurij, wie schwach ihre Aura war, viel zu schwach, und daß
er keine Ahnung hatte, was er hätte dagegen tun sollen.
Masha rollte sich zitternd in seinen Armen zusammen, fest wie ein kleines
Baby, und hilflos kniete er daneben und versuchte, ihr wenigstens mit seinem
Körper Wärme zu spenden. Aber er wußte, daß es zu spät
war.
Als Masha dann endlich langsam aufhörte zu zittern und sich ruhig an
Jurijs Seite schmiegte, hätte er vor Schmerz und Hilflosigkeit schreien
können. So lange hatte er für sie gekämpft, und jetzt war sie
trotz allem in seinen Armen gestorben. Wie er diese Hilflosigkeit haßte,
wie er diese Kälte und einfach alles hier verabscheute.
Er wollte nur schreien, seinen Schmerz und seinen Zorn erleichtern, die anderen
wecken und mit ihnen diesen Verlust beklagen.
Aber er wußte, was MUTTER dazu sagen würde. Und er wußte, daß sie recht hatte.
'Wir trauern mit dir', hätte sie gesagt; eine mitfühlende,
fürsorgliche, unnachgiebige und gnadenlose Sammelgestalt aller Mütter.
'Wir fühlen wie du diesen Verlust, und auch wir klagen mit dir.'
Jurij schüttelte den Kopf, stand auf, lehnte Mashas leblosen kleinen
Körper an die Hauswand und schlich sich hinein, um seine Kleidung zu
holen.
'Sie war eins unserer Kinder, und wir liebten sie, genau wie du. Aber sie war nur EINS unserer Kinder.'
Jurij zog sich draußen an, packte seinen Rucksack, schulterte die Kinderleiche und machte sich auf den Weg zum Wald.
'Sie war nur eins unserer Kinder. Du hast neun weitere unter deiner Obhut, dich eingeschlossen. Ihr Leben ist mehr wert als alles andere. Es ist schwer, aber die Lebenden sind wichtiger als die Toten. Sie brauchen es jetzt nicht zu wissen, und wenn sie erwachsen sind, werden sie es verstehen.'
*
"Ist noch 'was zu essen da?"
Mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen stellte Mila
diese ewige Frage, die sonst mit einem ebenso ewigen 'Nein' beantwortet wurde.
Aber heute gab es genug für alle.
"Sicher, Kleine." Mühsam zwang Jurij ein Lächeln auf sein
Gesicht. "Hier. Iß' nur."
Und während er dem kleinen Mädchen nachsah, das glücklich hopsend
mit seinem Teller im Nebenraum verschwand, versuchte sich in ihm sein Magen
zu entscheiden, ob ihm vom Zorn, vom Hunger oder vom Ekel so entsetzlich übel
war.
- Oktober 2053, NoviPazar -
Irritiert stützte Stinker sich auf seinen Spaten, als
er daß Geräusch zum ersten Mal wahrnahm. Wie ein dumpfes Brummen,
mal lauter, mal leiser, lag das Geräusch in der Stille dieses sonnigen
Spätherbsttages.
Stinker hatte seinen Titel, den er von den anderen bekommen hatte, mittlerweile
auch für sich selber angenommen. Nach und nach hörten auch die anderen
Kinder auf zu graben und lauschten angestrengt.
Die Ernte war dieses Jahr viel besser ausgefallen, und Stinker war sich sicher,
daß sie diesen Winter ohne Verluste überstehen würden. Ganz
besonders nicht, da er jetzt in der Lage war, andere einfach nur mit seiner
Magie und der Hilfe von MUTTER zu ernähren. Wie immer mußte er
dabei an Masha denken, die zwei lächerliche Wochen zu früh gestorben
war. Danach hätte er ihr mit Sicherheit helfen können.
Aber daran war nun einmal nichts zu ändern. Diesen Winter
hatten sie genug Brennholz und genug zu essen. Sie waren gerade dabei, ein
Erdsilo für die Kartoffeln zu graben die sie ein paar Tage zuvor geerntet
hatten.
Das Geräusch wurde immer lauter, und schon bald waren sich die Kinder
auf dem kleinen Feld sicher, daß es sich 'ihrer' Stadt näherte.
Stinker fragte einen kleinen Feldgeist, od er für ihn kurz vom anderen
Ende der großen Wiese, an der sie standen, spionieren könnte, was
sich denn da ihrer Heimat näherte. Der Geist, den nur Stinker im Astralraum
sehen konnte, war schnell überzeugt und machte sich auf den Weg.
Pago, der mittlerweile neben Stinker das Kommando über die Kinder übernommen hatte, mußte wohl dasselbe gedacht haben. Mit einer knappen Geste schickte er zwei von den Jungs, die im Laufe des Sommers zu ihnen gestoßen waren, zum auskundschaften in die Stadt.
*
Die letzten sechs Monate gehörten zu den besten, die
Stinker je erlebt hatte. Nachdem er gelernt hatte, wie er Menschen ohne Nahrung
zu essen geben konnte, war es mit seiner kleinen Gemeinschaft stetig bergauf
gegangen.
Zuerst hatten sie sich einfach auf einen friedlichen Sommer eingerichtet,
aber dann waren Kolja und Marek zu ihnen gestoßen. Beide waren etwas
jünger als Pago und damit fast ein Jahr älter als Stinker, und sie
hatten ihrer Eltern bei einem Erdrutsch in der Umgebung verloren.
Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Kindern hatten sie ihre Eltern noch
richtig kennengelernt, und beide konnten lesen und schreiben und hatten unwahrscheinlich
viel Ahnung von Technik.
Zumindest empfand Stinker ihr Wissen ungeheuerlich, besonders, als sie ihm
erklärten, wozu ein Fahrraddynamo zu gebrauchen war.
Und trotz ihres überragenden Wissens hatten sie sich nahtlos in die Gruppe eingefügt. Stinker wußte, daß er das zu einem guten Teil MUTTERs Ratschlägen zu verdanken hatte, und daß er ohne sie wahrscheinlich keine Chance gehabt hätte, die Kinder zusammenzuhalten.
Im Laufe des Sommers hatten immer mehr Menschen zu ihnen gefunden, so daß ihre Gemeinschaft jetzt über vierzig Köpfe zählte. Letzten Monat waren sogar einige Erwachsene dabeigewesen, und auch sie hatten sich, wenn auch nicht ganz problemlos, eingefügt. Jeder der Neuankömmlinge hatte neues Wissen mitgebracht, und jedes bißchen hatte ihr Leben einfacher gemacht. Sie wußten jetzt, wie man Lebensmittel zumindest notdürftig für den Winter haltbar machen konnte, sie hatten gelernt, wie man Bäume besser fällt, damit sie genug Brennholz für den Winter hatten, und letztendlich war es einigen von ihnen vor einer guten Woche gelungen, eine alte Mühle mit viel Arbeit und etwas Glück in ein kleines Wasserkraftwerk zu verwandeln.
Stinker hatte erst die Stirn darüber gerunzelt, soviel wertvolle Arbeitskraft in ein so unsinniges Projekt zu stecken, aber die Wunder der Elektrizität, von denen ihm Kolja vorschwärmte, hatten ihn dann schließlich doch neugierig gemacht. Und es kam ihm wirklich wie ein Wunder vor, als dann eines Tages nicht nur Licht aus kleinen Apparaten kam, sondern auch Wärme, die aus surrenden, rostigen Kisten herauskam und in Minuten einen ganzen Raum aufheizte. Und wenn es ihnen gelang, die Mühle den Winter über eisfrei zu halten, würden sie diesen Winter keine einzige Nacht lang frieren müssen.
*
Stinkers Geist kehrte zurück, und der junge Hexer erkannte sofort, das etwas nicht in Ordnung war. Feldgeister waren immer etwas unruhiger als ihre urbanen Verwandten, aber dieser Geist hier war eindeutig aufgebracht.
Stumm den Kopf schüttelnd versuchte Stinker, aus den hektischen Bemerkungen des Wesens schlau zu werden. Erst nach einer ganzen Weile gelang es ihm, die wichtigsten Informationen zu sortieren.
"Pago?", fragte er ruhig. "Pago, ich muß mit dir reden."
Pago erkannte bereits an der Tonlage, daß Widerspruch zwecklos war. Er mochte zwar für alle anderen der Anführer sein, aber wenn Stinker so ernst wurde, dann hatte er keine Chance.
Die beiden gingen ein Stück von den anderen Kindern fort, die noch immer auf die Rückkehr ihres Spähtrupps warteten und als sie den Feldrand erreicht hatten, sah Pago seinen kleinen Freund fragend an.
"Du erinnerst dich daran, was uns Danya und die anderen
Erwachsenen erzählt haben?" begann Stinker. "Über andere
Städte und so?"
Pago nickte zögernd.
"Ein Auto ist angekommen. Ein funktionierendes Auto. Mit drei Erwachsenen."
Pagos Augen verengten sich unruhig. "Neuankömmlinge?", fragte er. "Oder meinst du, es gibt Ärger?"
"Ich bin mir nicht sicher. Ich möchte eben nachsehen gehen. Paßt du auf mich auf?"
Pago nickte schweigend und setzte sich neben Stinker auf den Boden, der sich hinlegte und die Augen schloß.
Stinker konzentrierte sich kurz und schickte seine Seele
in den Astralraum. Er hatte es damals noch mit Danya gelernt, aber wohl fühlte
er sich in der Geisterwelt noch immer nicht sonderlich wohl.
Als er sich umblickte, erkannte er vage seinen Körper, der bewegungslos
im Gras lag, und daneben Pago, dessen Besorgnis und Unruhe von hier deutlich
zu sehen waren.
Stinker wandte sich ab und machte sich auf den Weg in die
Stadt. Sein substanzloser Geisterkörper brauchte für die Strecke
nur Sekunden, und nur wenige Augenblicke mehr, um die Eindringlinge zu finden.
Der Geist hatte Recht gehabt. Drei Menschen waren aus dem offenen Wagen gestiegen,
zwei Männer und eine Frau.
Aber es war nicht der Wagen, der Stinker in maßloses Erstaunen versetzte,
sondern die Leute selber. Nicht nur, daß ihre Auren völlig gesund
und erstaunlich gut genährt aussahen, sie waren völlig unverständlicherweise
gut gelaunt.
Und es war nicht die erschöpfte Erleichterung, die Stinker von so vielen
anderen Flüchtlingen her kannte – diese Leute waren ausgeruht und
neugierig. Stinker konnte sich nicht vorstellen, was diese Leute hier wollten.
In Gedankenschnelle befand er sich in der Nähe des Suchtrupps, der sich mittlerweile bis auf ein paar hundert Meter den Neuankömmlingen genähert hatte. Er zwang sich dazu, in der realen Welt sichtbar zu werden, und gestikulierte den beiden Jungen zu warten. Diese nickten und begannen, sich ein Versteck in einer nahegelegenen Ruine zu suchen. Sie kannten diese Routine bereits, denn bei allen Neuankömmlingen entschied Stinker, ob sie als Freund oder Feind betrachtet wurden.
Als sich Stinker wieder völlig in den Astralraum zurückzog,
blieb ihm fast das Herz stehen. Direkt neben ihm stand die körperlose
Aura der Frau, die mit dem Automobil angekommen war. Sie war groß und
schlank und strahlte vor Energie, so ganz anders als er selbst oder Danya.
Und was noch viel verwunderlicher war: Sie hatte beide Hände in einer
beschwichtigenden Geste erhoben und strahlte eine fast alberne Friedfertigkeit
und Freundschaft aus, trotz der Kraft, die man dahinter spürte.
'Ich bin Emilia DeLupo', hörte er ihre seltsame körperlose
Stimme.
'Wir kommen mit friedlichen Absichten. Wir sind von der Regierung und erforschen
das Hinterland. Wir wollen sehen, was der Krieg hier angerichtet hat.'
Ungläubig sah Stinker in ihre leuchtenden Augen.
'Wir wollen Euch helfen. Der Krieg ist für euch jetzt endgültig zu Ende.'
Es wurde noch eine sehr, sehr lange Nacht.
- Juli 2055, NoviPazar -
Zornig blickte Stinker ein letztes Mal aus dem Wohnraum von Danyas alter Hütte
über den Garten auf die Stadt hinab.
Die Magierin der Regierung hatte damals gelogen. Der Krieg war vorbei, geschossen wurde hier nicht mehr, soviel war wahr. Aber besser war ihr Leben dadurch nicht geworden.
Denn nach dem Vermessungstrupp der Regierung war erst einmal
lange Zeit niemand gekommen, und sie hatten schon fast alle aufgehört,
an eine Welt außerhalb ihres Ortes zu glauben.
Aber dann, im Frühjahr letzten Jahres, waren andere Leute gekommen. Leute,
die ihnen helfen wollten. Angeblich.
Aber sie hatten nicht eingesehen, wie es ihnen helfen sollte, wenn man sie aus ihrer Stadt hier wegbrachte. Man wollte die jüngeren von Ihnen in Heime bringen, den älteren versprachen sie in den anderen Städten Arbeit und viel Geld.
Aber die meisten hatten bleiben wollen. Kaum einer wollte die Sicherheit aufgeben, die ihnen dieser Ort versprach, schon gar nicht, wo die Welt außerhalb so viel größer und gefährlicher schien als hier.
Man hatte sogar versucht, ihn und Pago zu entführen,
damit die anderen niemanden mehr hatten, der ihnen Befehle gab. Aber damit
hatten sie sich gewaltig ins eigene Fleisch geschnitten. MUTTER hatte gut
vorgesorgt. Die Kinder hatten sich so lange geweigert, auch nur irgend etwas
im Dorf zu verändern, daß sich eigentlich nichts geändert
hatte, als es Stinker und Pago dann schließlich gelang, sich zu befreien.
Stinker fand die Stadt sehr irritierend, aber Pago war schon ein paar Mal
zuvor zum Einkaufen hier gewesen. Es dauerte nicht lange, da hatten sie herausgefunden,
wie die Menschen in einer solch riesigen Stadt zu motivieren waren.
Zusammen mit ein paar Journalisten hatten sie sich auf den Weg zurück
in ihr Dorf gemacht, und tatsächlich hatten sie den Versuch, die Kinder
einfach zu Deportieren, damit zerschlagen können.
Eine Zeit lang waren sie eine ziemliche Sensation in der Tagespresse, und
es kamen eine ganze Reihe von Menschen, die tatsächlich helfen wollten.
Und Hilfe konnten sie immer gebrauchen.
Aber diese ganzen Fremden brachten auch fremde Gedanken mit.
Eigentum, Privatsphäre, Ehrgeiz, Prestige.... lauter fremde Konzepte,
mit denen ihre kleine Gemeinschaft nicht klarkam. Erst waren es nur kleine
Querelen, als jeder versuchte, aus 'unser' 'meins' zu machen, aber Stinker
hatte das mit MUTTERs Hilfe schnell aussortiert.
Schwieriger wurde es, als es die ersten Schlägereien
wegen einem Mädchen gab. Langsam kamen nämlich die ersten ihrer
Gruppe, in denen das andere Geschlecht interessant wurde. Nicht, daß
es zu Katastophen kam, aber Menschen werden entsetzlich irrational und unglaublich
nachtragend, wenn es um Partner geht.
Und als dann Prestige und Besitz mit Chancen beim anderen Geschlecht gleichgesetzt
wurden, hatte Stinker jegliche Kontrolle über die Geschehnisse im Ort
verloren.
'Sie werden erwachsen.', hatte MUTTER gesagt. 'Sie müssen ihre Wege jetzt
selber gehen, aber du kannst ihnen immer noch helfen.'
Die Kinder von NoviPazar, wie die Zeitungen sie genannt hatten, hielten zwar immer noch zusammen, aber es war nicht mehr das selbe. Die Arbeit wurde erledigt, und alle achteten darauf, niemandem aus ihrer Gruppe zu schaden, aber jetzt verfolgte auch jeder seine eigenen Ziele. Und die hatten nur selten damit zu tun, wie es allen besser gehen würde.
Stinker hatte sich seitdem darauf beschränkt, zwischen
Danyas alter Hütte und der Kapelle, die er in einem Seitenflügel
der ehemaligen Kirche eingerichtet hatte, hin und her zu pendeln. Er heilte
die Kranken, die es im Dorf immer wieder gab, und spendete denjenigen Rat
und Trost, die zu ihm kamen.
Pago lebte jetzt mit seiner Freundin in einer Wohnung in einem kleinen Haus
in der Stadt, und er hatte sich den Titel 'Bürgermeister' zugelegt. Mit
Recht, denn er versuchte redlich, die Geschäfte des Dorfes zu regeln
und die alte Gemeinschaft zu beschützen. Aber Pago konnte sich nicht
um jeden einzelnen kümmern, denn das Dorf wuchs immer schneller. Schon
vor letztem Winter waren sie weit über hundert Leute gewesen.
Es hätte alles so bleiben können, aber mit den Leuten und Geschichten aus anderen Städten kamen auch Dinge wie Lügen, Neid, Habgier und Eifersucht in das Dorf.
Und ehe sie sich es versahen, war ein neuer Krieg ausgebrochen.
Ohne Waffen, still und leise, aber nicht weniger grausam. Für eine Zeitlang
sah es so aus, als würden sie ihre Gemeinschaft an die Anarchie verlieren,
aber dann hatten Pago, Stinker und die andern es doch unter Kontrolle gebracht.
Gesetze, Richter und so etwas wie eine Polizei gab es jetzt hier.
Schaudernd sehnte sich Stinker nach den alten Zeiten zurück, in denen
all diese Dinge über Moral und Anstand geregelt worden waren. Wenigstens
hatten seine Kinder jetzt alle genug zu Essen.
Jedenfalls fast alle.
Denn mit dem Konzept des Überflusses und des Reichtums aus den Städten
kam auch die Armut.
Irgendwie lief immer alles aufs Geld hinaus. Geld erinnerte Stinker immer
wieder an Magische Energie: an sich nichts wert und substanzlos, durch das,
was man daraus macht und seine beliebige Verwendbarkeit unglaublich wertvoll.
Geld kaufte Nahrung, Gesundheit, Respekt und manchmal sogar Liebe.
Gruselig, daß so etwas simples wie Geld so eine Macht
erlangen konnte. Aber Stinker konnte nicht allen erklären, worum es ging.
Und sein größtes Problem waren noch nicht einmal diejenigen, die
ihn ignorierten. In den letzten Monaten hatte er beunruhigt festgestellt,
daß immer mehr Kinder der Stadt ihm gegenüber fast eine unnatürliche
Verehrung gegenüber an den Tag legten. Er versuchte zwar, ihnen zu erklären,
daß er nur seinen Job machte, aber das schien nicht zu helfen. Eher
im Gegenteil.
Immer öfter wurde er mit ins heldenhafte verzerrten Geschichten seiner
Taten aus den vergangenen Jahren konfrontiert – manchmal hatte er sich
so grotesk verändert, daß er sich selbst nicht wiedererkannte.
Und im Frühjahr war dann ein Trend dazugekommen, der ihm die Entscheidung,
die er jetzt treffen mußte, sehr erleichtert hatte. Nicht nur, daß
einige Leute im Dorf behaupteten er hätte Wunder gewirkt – nein,
sie erwarteten allen Ernstes von ihm, daß er dies auch weiterhin tat,
und vorzugsweise für sie persönlich.
Als Stinker diesen Leuten mit klaren Worten deutlich machte, wohin sie sich
ihre Ansprüche stecken konnten, hatten sie sich verraten und im Stich
gelassen gefühlt.
Und auf einmal war Stinker auch an allem Schlechten schuld,
was ihnen widerfahren war. Er hatte ihnen mit seiner Magie Unglück gebracht,
hatte die Ziegen erkranken, die Felder verhageln und die Nachbarin einen anderen
Mann nehmen lassen.
Stinker hätte schreien können vor Lachen, wäre es nicht alles
so entsetzlich gewesen.
*
Stinker hatte lange darüber nachgedacht, was er jetzt tun sollte. Und wieder einmal war es MUTTER, die den Ausschlag gegeben hatte.
'Kinder müssen erwachsen werden', hatte sie gesagt. 'Und manchmal stehen wir dabei im Weg. Sie müssen irgendwann alleine ihre ersten Schritte ohne uns machen, sonst werden sie nie laufen lernen.'
Nur zögerlich hatte Stinker eingesehen, daß es
das Beste wäre, wenn er dem Dorf für einige Zeit den Rücken
kehren würde. Zwar fühlte er sich, als würde er seine Familie
verraten, aber er würde ihnen aus der Ferne helfen.
In Europa gab es viel Geld, viel mehr als hier, und für jemanden mit
seinen Talenten würde es dort immer Arbeit geben.
Mit einen Seufzer schulterte Stinker seinen Rucksack, ließ noch einen letzten Blick durch das Zimmer schweifen, daß für die letzten Jahre sein Zuhause gewesen war, dann drehte er sich um und machte sich schweren Herzens auf den Weg.
Er hatte niemanden über seine Abreise informiert, er hatte nur einen Brief an Pago geschrieben, in dem er ihn alles erklärte. Pago würde diesen Brief morgen auf seinem Schreibtisch haben, aber bis dahin würde Stinker bereits weit weg sein. Er wünschte sich aus tiefstem Herzen, er hätte eine andere Lösung gewusst.
'Sie müssen lernen, ihrer eigenen Wege zu gehen. Sicher, sie werden sich dabei ständig die Knie aufschlagen, aber das haben sie dann davon. Sie wollten es ja alleine schaffen.'
Stinker mußte wider Willen lächeln, als ihn auf der Ausfallstraße in Richtung der alten Autobahn dieser Kommentar von MUTTER erreichte. Sie mochte ja endlos weise und gerecht sein – aber ihre Kinder loslassen konnte sie noch schlechter als er.
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