"Klingensaenger"
von Osiris Brackhaus

 

Bewegungslos saß Klingensänger auf dem Küchentisch, sein Katana auf dem Schoß, und beobachtete seine Wohnung.

Sonnenlicht, das hell und klar durch die Fenster fiel und vereinzelt Staubflocken aufblinken ließ. Die alten Holzdielen, die sich durch die ganze Wohnung zogen, Raum an Raum. Und auf der anderen Seite des Flurs, das Schlafzimmer. Ein schlichtes, breites Messingbett mit schlichten weißen Laken.

Und Jeff, der friedlich zwischen diesen Laken schlief.

Sie hatten sich mal wieder vertragen und auf die übliche Weise ihre Versöhnung gefeiert. Aber aus irgendeinem Grund war Klingensänger heute Morgen nicht mit dem erwarteten friedfertigen Gefühl im Bauch aufgewacht. Ganz im Gegenteil.
Still hatte er sich aus dem Bett geschlichen und sich angezogen. Seine Uniform, sein 'Kostüm'. Das neue Outfit war noch bei weitem nicht so vertraut wie seine alten Jeans und das T-shirt, dass er vorher getragen hatte. Aber viel praktischer. Abwaschbar, und es sah viel mehr nach einem Superhelden aus.

Geräuschlos verzog Klingensänger sein Gesicht.

Irgendetwas war an diesem ganzen Helden-Hype falsch. Er hatte sich mit purer Sturheit mehr Kampftalente angeeignet als andere Leute - aber war er deswegen ein Held? Und wieso sollte ein Held nach Held aussehen? Und was war an Strumpfhosen und Capes heldenhaft?

Mit einem leisen Grunzen drehte sich Jeff auf die andere Seite und schaffte es, sich dabei fast vollständig von seiner Decke zu befreien.

Viel nackte Haut zwischen weißen Laken, gesunde Muskeln und kurze, schwarze Haare. Klingensänger hatte viel für den Kassierer des Image Inc. übrig. Und Jeff anscheinend auch für ihn. Aber ob sie ineinander verliebt waren war eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten war. Jeff, der aus Klingensängers Sicht etwa so schlicht veranlagt war wie die Laken, zwischen denen er seinen dekorativen Körper räkelte, würde diese Frage sicher mit einem eindeutigen Ja beantworten.

Heute zumindest.

Und morgen würde es dann vielleicht ein genauso eindeutiges Nein oder etwas ganz anderes sein.

Wie ein Mensch mit derart wechselnden Einstellungen leben konnte war Klingensänger schleierhaft. Aber Jeff konnte anscheinend, auch wenn es eine der Eigenschaften war, die den Kämpfer regelmäßig zu Weißglut trieben. Und davon hatte der Kassierer eine Menge.


Und dann wiederum waren es genau diese Eigenschaften, die Klinge regelmäßig dazu bewegten, sich doch wieder auf diesen chaotischen Mann einzulassen. Mit Jeff in seinem Leben fühlte er sich lebendig, emotional mit voller Lautstärke involviert und aktiv. Gott, Jeff schaffte es sogar, Klinge zu Disko-Besuchen zu überreden.

Je länger Klingensänger darüber nachdachte, umso mehr wurde ihm bewusst, dass er Jeffs Nähe immer dann suchte, wenn er Angst hatte, den Leichen in seinem eigenen Keller zu ähnlich zu werden. Nicht unbedingt die gesündeste Basis für eine Beziehung. Aber immer noch besser als sich tagelang in seiner Wohnung einzusperren und das Leid der Welt zu tragen, oder?

Mit einem weiteren leisen Grunzen setzte sich Jeff im Bett auf. Blinzelt fuhr er sich mit der Hand durch die Haare, als müsse er erst überlegen, wie er hier her gekommen war. Dann sah er Klinge quer durch den Flur auf dem Küchentisch sitzen, und lächelte.

"Hey", sagte er friedfertig, "guten Morgen."

Anstelle einer sinnvollen Antwort nickte Klingensänger nur. Es war wieder einmal einer dieser Morgen, an denen Worte nur für wichtige Dinge verwendet werden sollten.

Auf der anderen Seite der Wohnung blinzelte Jeff weiterhin leicht irritiert in die Sonne hinein. Dann plötzlich schnappte er sich seine Armbanduhr vom Nachttisch und starrte Klinge grimmig an.

"Wie lange wolltest du mich noch schlafen lassen?" schnappte er, wenn auch mit einem versöhnlichen Unterton. "Im Gegensatz zu dir habe ich einen richtigen Job."

Oh danke. Das war jetzt genau das, was ich heute hören wollte, dachte sich Klinge, ohne eine Antwort zu geben. Jeff würde sowieso nicht verstehen was er sagte, also konnte er sich die Anstrengung auch gleich sparen.

"Mann." Grummelnd sprang Jeff aus dem Bett und versuchte, sich gleichzeitig seine Jeans und sein Shirt anzuziehen. "Keine Ahnung was das sollte, aber ich muss jetzt los."

Hopsend angelte sich der Kassierer seinen Schuh von der Fensterbank, nur um verwirrt stehen zu beleiben und nach dem zweiten zu suchen. Höflich zeigte Klingensänger auf den einsam im Flur stehenden Turnschuh und zählte geistig die Sekunden, die Jeff benötigte, um den Hinweis zu verstehen. Sie hatten sich gestern Abend nicht lange mit Nebensächlichkeiten aufgehalten, nachdem die Tür hinter den beiden Männern ins Schloss gefallen war.

"Du hast immer noch kein Telefon, oder?", fragte der Kassierer als er in seine Schuhe schlüpfte. "Dachte ich mir."

Verwundert fragte sich Klinge, ob Jeff seine Antwort einfach vorweggenommen hatte oder in seinem einfachen Universum nun auch völlig ohne Gesprächspartner auskam.

"Hast du noch einen Apfel da? Oder wieder nur kalte Pizza?" Wie ein plötzlicher Sommersturm hastete Jeff durch die kleine Küche von Klingensängers Wohnung auf der Suche nach einem Notfallfrühstück. "Oh klasse; Schokoriegel!", rief er aus, als er in irgendeiner Ecke der einfachen Holzregale noch etwas fand, das seinem Appetit entgegenkam.

"War schön, gestern Abend," fügte er bereits kauend hinzu und machte sich auf dem Weg aus der Wohnung. Dann, schon fast an der Tür, machte Jeff kehrt und blieb in der Küchentür stehen. "Sehen wir uns heute Abend?", fragte er hoffnungsvoll.

Mit so einer direkten Frage hatte Klinge nicht gerechnet, und für einen Moment blinzelte er auf der Suche nach einer Meinung zu diesem Thema.

"Ach bestimmt," entschied Jeff die Angelegenheit, bevor der andere Mann sich überhaupt hatte äußern können. "Ich ruf dich dann an!"

Sprachs, warf Klingensänger einen eiligen Kuss zu und verschwand. In der Stille von Klinges Haus war das Geräusch der sportlich zugeschlagenen Tür fast ohrenbetäubend, und Jeffs Schritte im Treppenhaus klangen, als würde ein Safe die Stufen hinunterfallen. Mit einem letzten Krachen fiel die Haustür hinter dem Kassierer ins Schloss, und wieder kehrte die übliche Stille in Klingensängers Haus ein.

Eine ganze Weile lang blieb Klinge weiterhin unbeweglich sitzen. Hatte er Jeff nicht noch zwei Sätze vorher erklärt, dass er kein Telefon hatte? Dieser Mann war ein wandelnder Widerspruch. Ob Jeff überhaupt aufgefallen war, dass Klinge kein einziges Wort zu ihm gesagt hatte? Wahrscheinlich nicht. Wozu auch? Welchen Unterschied würde es machen?

Wenig Dinge machten einen Unterschied. Heute hier zwanzig Gangmitglieder verhaften, morgen ein halbes Dutzend Geiseln befreien. Hatte sich dadurch irgendetwas geändert?

Natürlich, beantwortete sich Klingensänger seiner Frage in Gedanken selber. Die Gefängnisse sind jetzt voller.

Es war eindeutig wieder einer dieser Morgen.

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Ein energisches Schnippen direkt vor seinem Gesicht riss Klingensänger aus seinen Gedanken.

"Hey. Klinge. Wachwerden!"

Zutiefst irritiert blickte er auf, folgte der schnippenden Hand einen langen, schlanken Arm hinauf bis in das klassische, wenn auch gerade etwas streng blickendes Gesicht einer Elfe.

"Treetop"; sagte er überrascht. "Wie bist du hier hereingekommen?"

"Ich bin auf dem Balkon gelandet, nachdem du auf mein Klingeln nicht reagiert hast."

"Ich öffne nie die Tür..."

"Das habe ich gemerkt." Kopfschüttelnd stellte Treetop einen großen Korb neben dem Nahkämpfer auf dem Küchentisch ab. "Aber da war dieser leicht modrig-kalte Geruch ums Haus, also wusste ich dass du hier bist und wieder Trübsal schiebst."

Trübsal schieben? Für einen Moment war Klinge völlig schleierhaft, was die baumgroße Elfe von ihm wollte. Aber ganz falsch war der Ausdruck nicht, das musste er zugeben. Vielleicht ein wenig zu blumig, aber sicherlich nicht falsch.


"Also könntest du bitte damit aufhören?", fragte Tree nachdrücklich. "Oder versuchst du, irgendwelches Ungeziefer auszurotten?"

Erst auf Ihren Fingerzeig hin bemerkte Klingensänger, dass er sich unbewusst in einen dunklen Nebel gehüllt hatte, der in trägen Schwaden an ihm herabfloss und sich auf dem Fußboden verbreitete. Eigentlich ein ild, das Klinge immer wieder gefiel, aber dass es jetzt schon von alleine anfing beunruhigte ihn doch. Es kostete erstaunlich viel Willenskraft, die Dunkelheit wieder an den Ort zu verbannen, wo sie hingehörte. Klinge fragte sich, ob irgendwann ein Tag kommen würde, an dem die Dunkelheit ihn nicht mehr verlassen wollte.

"Schon besser." Irgendwie redete Treetop auch ohne auf Klinges Antworten zu warten, aber bei Ihr fühlte es sich trotzdem anders an als bei Jeff. Fürsorglicher, auf eine Art.

"So, und bevor du fragst: Ich wollte ein Picknick machen.", erklärte Treetop mit einer Geste in Richtung des Korbes. "Aber alleine macht das keinen Spaß."

"Nicht?"

"Nein." Mit einem verschmitzten Lächeln fügte die Elfe hinzu: "Da ist dieser wundeschöne Teich in Perez Park, aber da lümmeln neuerdings diese Kultisten herum..."

So langsam machte ihr Auftritt hier Sinn.

"Und da dachtest du dir, ein Picknick mit mir hätte auch so seine Vorteile?", frage Klinge, etwas erstaunt über das kleine Lächeln, das sich bei der Frage in sein Gesicht schlich.

"Mmh." Tree nickte und schaffte es allen Ernstes, verlegen zu erröten. Zusammen mit ihren auf dem Rücken verschränkten Händen war es ein nettes Bild.

"Wie könnte ich so eine Einladung ablehnen?", fragte Klinge und rutschte vom Küchentisch. Das neue Outfit knarzte dabei noch verdächtig, aber das würde sich auch bald wieder geben. Immerhin war ein Ausflug zum Perez Park eine optimale Gelegenheit, das gute Stück noch weiter einzuweihen... "Gehen wir?"

 

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