"Heartbreak Hotel"
by Beryll

 

Orlando saß auf der obersten Stufe der Treppe, die zum Dachgeschoß hinaufführte und sah zu, wie Mr. Douglas und sein Sohn die zwei Neuankömmlinge besuchte. Die Wahrscheinlichkeit, daß er einen Blick in Richtung der Treppe warf, war, wie Orlando aus langer Erfahrung wußte, gleich Null. Kirk Douglas war ein Mann, der immer nur das bemerkte, was sich direkt vor seiner Nase abspielte, Orlando hofte sehr, daß ihn das eines schönen Tages das Leben kosten würde.

Das galt auch für seinen Sohn Michael.

Er verspürte eine gewisse Erleichterung, als Michae bei dem einen Neuen hängen blieb. Andererseits tat er ihm leid, als er den Jungen dort drinnen schmerzhaft aufschreiben hörte - Elijah hieß er, wenn Orlando sich richtig erinnerte. Der Kleine bekam wirklich eine echte Feuertaufe. Mehrere Kunden in seiner ersten Nacht und heute Mr. Michael

Und nie das Mr. vergessen, wenn du deine Zähne behalten willst!

Orlando wartete, bis Mr. Douglas und Murray - der Manager des Bordells - nach unten gegangen waren. Dann stand er auf und ging langsam die Treppe hinunter. Während der Arbeitszeit, war es verboten die Zimmer zu verlassen, aber Orlando mußte einfach nachsehen, was mit Colin war. Er hatte nur lautes Geschrei gehört. Das hatte ihn zur Treppe gelockt. Leider hatte er nicht verstehen können, was Colin diesmal wieder angestellt hatte.

Orlando warf einen Blick in Richtung von Nicolas Zimmer. Verzerrte Opernklänge drangen durch die Tür. Orlando lächelte zufrieden. Der würde seine geheiligten Hallen in den nächsten Stunden nur verlassen, wenn das Haus abbrannte.

Vor Colins Tür blieb er stehen und klopfte leise. Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er hinein.

Colin lag auf seinem Bett. Die Arme hatte er weit ausgestreckt und die Hände hingen an beiden Seiten herunter. Orlando erkannte sofort, daß Nicolas ihm die Finger gebrochen hatte. Das war eine seiner Lieblingsstrafen. Colin hatte noch Glück gehabt, daß Mr. Douglas aufgetaucht war. Sonst hätte Nicolas ihn wahrscheinlich weitaus schlimmer zugerichtet.

Colin hob den Kopf, als Orlando eintrat, ließ ihn aber gleich wieder zurückfallen, als er sah, wer es war.

"Hey, Orli." sagte er mit einer Stimme, die heiser war vor Schmerz.

Orlando setzte sich zu ihm aufs Bett und betrachtete seinen Freund kopfschüttelnd.

"Was hast du jetzt wieder gemacht?" fragte er.

Colin stöhnte. "Immer das selbe, Mann."

Orlando seufzte. Er konnte Colin gut verstehen. Es war wahrhaftig kein Vergnügen, Murrays "Besondere Wünsche" zu befriedigen, aber da der gute Billy jedesmal einen anderen wollte, blieb es zumindest eine einmalige Sache. Colin war jetzt seit gut einem Jahr im "Heartbreak Hotel" und weigerte sich standhaft, Murray zu Willen zu sein. Und das brachte den Verwalter unglaublich auf die Palme.

Colin richtete sich auf und zuckte zusammen, als er dabei die Hand bewegte. "Orlando hast du noch Stoff?" fragte er.

Der zuckte die Schultern. "Ein bißchen. Warum? Du brauchst doch nur zu fragen." Er nickte in Richtung Tür.

Colin schnaubte verächtlich. "Murray wird mir jetzt nichts geben. Es soll schließlich weh tun."

Orlando nickte. Spätestens am Morgen würde Murray Colin für seine Hände einen billigen Heilzauber geben. Ernsthafte Verletzungen konnte er sich nicht leisten. Aber bis dahin würde er ihn für seine Frechheit leiden lassen.

"Ich schätze, ich hab noch ´n paar Joints." sagte Orlando. "´Ne Spritze willst du ja bestimmt nicht, oder?"

Colin schüttelte den Kopf. "Wenn ich das wollte, könnte ich Murray fragen. Um mich an die Nadel zu kriegen, würde er mir selbst jetzt was geben." Colin schauderte. "Er hat gesagt, wenn ich das nächste Mal Zicken mache, wird er mir selbst ´n Schuß setzten. Und das will er so lange machen, bis ich darum bettle. Glaubst du, das meinst er ernst?"

Einen Augenblick war Orlando versucht zu lügen, aber dann nickte er. "Ich fürchte, ja."

Colin starrte eine Weile vor sich hin. "Scheiß Leben." murmelte er schließlich.

Orlando seufzte erneut. "Ich hol dir was zu rauchen, dann sieht alles gleich wieder besser aus." sagte er und ging. Auf dem Flur wäre er fast Mr. Steward in die Arme gerannt. Orlando fluchte innerlich. Wenn er sich jetzt um den kümmern mußte, würde er ein paar Stunden beschäftigt sein. Von schnellen Nummern hielt der Steward nichts.

"Hallo Orlando." sagte der in seinem typischen scheuen Flüsterton.

"Guten Abend, Mr. Steward." antwortete Orlando mit erzwungerner Freundlichkeit. "Wie nett, daß Sie uns mal wieder besuchen kommen."

"Oh, danke." Der Mann strahlte über das ganze Gesicht. "Aber heute komme ich nicht zu dir." erklärte Steward etwas traurig.

"Wie schade." sagte Orlando. Er konnte seine Erleichterung kaum verbergen. Er hatte zwar normalerweise nichts gegen den Mann, der war einer der wenigen Kunden die einfach nur guten normalen Sex wollten und dananch ein wenig kuscheln. Aber gerade jetzt konnte er ihn wirklich nicht gebrauchen. Er mußte sich um Colin kümmern. "Dann amüsieren Sie sich gut." sagte er noch. Dann ging er in sein Zimmer hinauf, das einer der beiden Dachgeschoßräume war. Den anderen bewohnte Orlando bester Freund Jared.

Als er an Jareds Tür vorbeikam, konnte er lustvolles Stöhnen vermischt mit unterdrückten Schmerzenslauten hören. Jared hatte wirklich ein hartes Leben. Er hatte das Pech, sowohl mit einem schönen Körper, als auch mit einem ausgeprägten schauspielerischen Talent gesegnet zu sein, was er bedeutete, daß Murray ihm immer die vollkommen perversen Typen schickte.

Orlando ging in sein Zimmer und holte die Joints. Dann kehrte er zu Colin zurück, der ihn schon sehnsüchtig erwartete. Er setzte sich wieder zu ihm, zündete einen Joint an und nahm einen tiefen Zug. Seufzend genoß er das leicht schwindelige Gefühl. Dann hielt er Colin den Joint hin, da der ihn mit seinen gebrochenen Fingern nicht selbst halten konnte.

Nachdem er sich drei Stück reingezogen hatte, nahmen seine Augen einen glasigen Ausdruck an und sein Gesicht war nicht mehr angespannt vor Schmerz. "Danke, Mann." murmelte er verschwommen. Dann legte er sich zurück und schloß die Augen.

"Schlaf gut, Kumpel." wünschte Orlando ihm. Dann verließ er leise das Zimmer. Als er die Treppe zum Dachgeschoß hinaufging, kam ihm Murray entgegen. Er sah ziemlich wütend aus.

"Wo bist du gewesen?" fauchte er und packte Orlando am Arm.

Der suchte verzweifelt nach einer Ausrede. "Es tut mir leid, Mr. Murray, ich..."

"Ach halt die Klappe." Murray gab ihm eine Ohrfeige. "Komm mit!" Er brachte ihn nach unten zu seinem Büro. Dort wartete ein älterer Mann im dreiteiligen Anzug mit Hut und Spazierstock. Orlando hatte sofort ein schlechtes Gefühl bei ihm.

"Das ist er." verkündete Murray mit kriecherischer Höflichkeit und stieß Orlando ins Büro.

Der Alte erhob sich, ging mehrmals um Orlando herum und begutachtete ihn ausgiebig. Dann schlug er ihn mit aller Kraft mit dem Spazierstock auf den Hintern. Orlando schrie auf vor Schmerz. Der Mann lachte meckernd. "Zufriedenstellend, Mr. Murray, sehr gut."

Der Manager rieb sich zufrieden die Hände. "Ich sagte Ihnen doch, ich hab genau das richtige für Sie. Bring Mr. Lee auf dein Zimmer!" befahl er Orlando dann.

"Na los, Junge." Lee stieß ihn mit dem spitzen Spazierstock in den Rücken. Ergeben ging Orlando nach oben. Ihm blieb ja doch keine andere Wahl.

Als Mr. Lee ihn sehr viel später endlich verließ, blieb Orlando einfach auf dem Boden liegen. Es gab keine Stelle an seinem Körper, die nicht weh tat. Kapel hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Schließlich raffte er sich dann doch auf. Jeder Muskel protestierte gegen die Bewegung, aber es hatte keinen Sinn herumzuliegen. Die Nacht war noch nicht vorbei. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Kurz nach drei. Das bedeutete, daß der alte Widerling ihn geschlagene dreieinhalb Stunden gequält hatte.

Das "Heartbreak Hotel war von vier Uhr Nachmittags bis vier Uhr morgens geöffnet. Wenn er Glück hatte, würde er in dieser Nacht vielleicht doch von einem weiteren Kunden verschont bleiben.

Orlando klaubte seine Klamotten zusammen, die über das ganze Zimmer verteilt waren, und zog sich wieder an. Dann ging er ins Badezimmer und wusch sich das Blut aus dem Gesicht. Für mehr hatte er keine Zeit. Wenn Murray ihn noch mal außerhalb seines Zimmers erwischte, würde er wirklich Ärger bekommen.

Er war gerade ein paar Minuten zurück in seinem Zimmer, als sein nächster Kunde kam. Orlando sagte: "Herein.", obwohl sich alles in ihm dagegen sträubte.

Er kannte den häßlichen kleinen Kerl, der eintrat, gut. Er war harmlos. Wollte nur einen geblasen haben. Was sich diesmal allerdings ziemlich schwierig gestaltete. Ob es an dem Typ lag, oder an ihm selbst, wußte Orlando nicht. Jedenfalls dauerte es fast eine viertel Stunde, bis er ihn hoch bekam. Als er endlich fertig war, bedankte der Mann sich heiser und ging.

Mit einem müden Seufzen raffte sich Orlando vom Boden auf und ging wieder ins Bad. Das war´s für dieses Mal.

Im Dachgeschoß zu wohnen hatte zwei Vorteile: ein eigenes Bad, das er nur mit Jared teilen mußte und ein ganz klein wenig mehr Privatspähre, als die anderen.

Dabei war es reiner Zufall, daß er dieses Zimmer bekommen hatte. Der Junge, der vor ihm hier gewohnt hatte, hatte sich die Pulsadern aufgeschnitten. Manchmal fragte Orlando sich, warum er nicht das selbe tat.

Er spülte sich ausgiebig den Mund aus. Dann betrachtete er sein Gesicht im Spiegel. Dunkle Ringe unter den Augen, Schramme über dem rechten, sich langsam blau verfärbender Fleck darunter und Bißspuren am Hals. Er hatte schon schlimmer ausgesehen.

Er zog sich aus und ging unter die Dusche. Als das eisige Wasser auf die Prellungen und wunden Stellen an seinem ganzen Körper traf, stöhnte er auf vor Schmerz, aber die Kälte betäubte ihn schnell. Er blieb so lange unter dem Wasser stehen, bis seine Haut eine bläuliche Färbung annahm, er vor Kälte zitterte und sich wenigstens nicht mehr ganz so schmutzig fühlte. Er schlang sich ein Handtuch um die Hüften, sammelte seine Kleider auf und ging in sein Zimmer zurück.

Vor der Kommode blieb er nachdenklich stehen. Er öffnete eine Schublade. Schweigend starrte er auf die Spritze und den Stoff, der darin lag. Er wollte einen Schuß. Verdammt, er brauchte ihn. Sein Körper schrie geradezu danach. Mit äußerster Willenskraft schloß er die Schublade, ging zu seinem Bett und legte sich darauf.

Du bist süchtig, dachte er. Genauso wie Justin.

Justin war ungefähr zur selben Zeit ins "Heartbreak Hotel" gekommen wie er. Damals war er ein hübscher Juge gewesen. Davon war jetzt nicht mehr viel übrig. Das Heroin hatte ihn regelrecht aufgefressen. Noch ein, vielleicht zwei Monate, dann würde Mr. Douglas ihn "aussortieren", wie er das nannte. Was das bedeutete, wußte jeder hier. Man würde ih einem der Kunden anbieten, die auf's Töten standen. Ein paar Tage später würde Justin tot sein.

Orlando drehte sich stöhnend herum und starrte die Kommode an. Seit zwei Tagen hatte er sich keinen Schuß mehr gesetzt. Am ersten Tag hatte er es kaum gemerkt. Der zweite war ziemlich hart gewesen. Heute fühlte er sich, als müßte er sterben, wenn er nicht sofort etwas nahm. Er verwünschte sich dafür, daß er die beiden restlichen Joints bei Colin liegengelassen hatte, denn runtergehen und Murray um neue bitten wollte er jetzt erst recht nicht.

Warum versuchst du es überhaupt? fragte er boshafte Stimme in seinem Kopf. Selbst wenn du von dem Zeug wieder los kommst, was hast du davon? Wenn Murray es merkt, bringt er dich wieder drauf. Junkies sind ihm viel lieber.

Orlando schüttelte den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten. Er mußte sich einfach beweisen, daß er noch aufhören konnte. Sonst könnte er sich wirklich die Adern aufschneiden.

Ein leises Klopfen an seiner Tür rieß ihn aus seinen düsteren Gedanken. Dann wurde die Tür geöffnet und Jared kam herein. Von allen Jungen, die das zweifelhafte Vergnügen hatten im "Heartbreak Hotel" zu arbeiten, sah er sicherlich am besten aus. Schlank, mit goldenem Haar, einem hübschen Gesicht und unglaublichen blauen Augen - das ideale Opfer.

Im Moment sah er allerdings nicht so gut aus. Er war nur in eine zerschlissene Decke gehüllt und hatte überall Abschürfungen und blaue Flecken.

"Morgen, Orlando." murmelte er und ließ sich neben ihm aufs Bett fallen.

"Morgen, Jared, hast du gut geschlafen?" antwortete Orlando.

Es war ein alter Scherz zwischen ihnen. An diesem Morgen ging Jared nicht darauf ein. Er zog schaudernd die Decke enger um sich. "Nein." sagte er.

Orlando fragte nicht nach. Sie sprachen fast nie über ihre "Arbeit". Es tun zu müssen war schon schlimm genug.

"Gehst du frühstücken?" fragte Jared.

Orlando zuckte die Schultern. Darüber hatte er noch nicht nachgedacht. Und als er es tat, bereute er es sofort. Wenn er nur ans Essen dachte, drehte sich ihm der Magen um. Entzugserscheinungen, dachte er. "Nein." beantwortete er Jareds Frage.

"Orli..." Jared zögerte einen Augenblick. "Kann ich bei dir pennen?" fragte er dann.

Orlando sah ihn überrascht und besorgt an. "Was ist denn los?"

Jared schauderte. "Ich kann jetzt einfach nicht in dieses Zimmer gehen. Seit einer Woche kommt dieser Typ jede Nacht. Er nennt sich "der Schulmeister". Hat mir ausführlich erklärt, wie wichtig eine gute Ausbildung sei. Er sagt, was mir fehlt, sei Erziehung. Daß mich mal einer richtig hart rannimmt. Und das tut er dann auch..." Jared brach ab. "Tut mir leid." murmelte er.

"Hey, schon okay." Orlando legte ihm einen Arm um die Schultern. "Klar kannst du hier schlafen. Wozu hat man denn Freunde."

Jared lächelte dankbar. Dann rollten sie sich zusammen unter ihren Decken ein ein fielen in unruhigen Schlaf.

 

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